Heino im Sumpf

von Richard von Volkmann-Leander

~15 Min

Unser Sohn ist ein großer Jäger“, sagte der alte König. Er reit­et alle Tage mit der Arm­brust in den Wald. Aber er bringt nie ein Wild zurück, soviel er auch erlegt; denn er schenkt alles, was er schießt, den armen Leuten. Es ist ein sehr guter Men­sch!“ So sagte der alte König zur Köni­gin. Doch die Rehe im Walde dacht­en etwas ganz anderes. Sie hat­ten gar keine Furcht vor Heino; denn sie kan­nten ihn schon lange und wußten, daß er ihnen nichts zulei­de tat. Er ritt ja immer nur durch den Wald hin­durch bis an das Waldende; und am Waldende stand ein kleines Häuschen, fasz ganz zugedeckt von Bäu­men und Gesträuch, und Fen­ster und Haustüre fast ganz zugewach­sen von Efeu und Geißblatt. Vor der Tür aber stand Blauäu­glein, und wenn sie den Königssohn kom­men sah, leuchteten ihre großen blauen Augen vor Freude wie zwei Sterne und beschienen ihr ganzes Gesicht. – Doch Heino brachte immer und immer kein Wild nach Hause und wollte stets allein reit­en; und wenn sein Vater mit ihm ritt, traf er nichts. Da merk­te der alte König wohl, daß es etwas Beson­deres mit dem Jagen sein müsse. Er ließ einen Diener heim­lich Heino nach­schle­ichen, und der erzählte ihm alles. Da fuhr es ihm in die Kro­ne, und er ward sehr zornig; denn Heino war sein einziger Sohn, und er gedachte ihn mit der Tochter eines mächti­gen Königs zu ver­mählen. Er rief daher zwei Jägerknechte, zeigte ihnen einen Klumpen Goldes, so groß wie ein Kopf, und ver­sprach, ihnen densel­ben zu schenken, wenn sie Blauäu­glein umbrin­gen würde. Aber Blauäu­glein hat­te eine schneeweiße Taube, die saß jeden Tag auf dem höch­sten Baume im Walde und sah nach dem Schloß. Wenn Heino zu Pferde stieg, um zu Blauäu­glein zu reit­en, flog sie schnell voran, schlug mit den Flügeln gegen das Fen­ster und rief: 

Es rascheln die Zwei­glein,
Es kommt was geschrit­ten,
Her­zlieb­stes Blauäu­glein,
Es kommt was geritten!“ 

Dann stellte sich Blauäu­glein vor die Haustüre und wartete, bis Heino kam. Als nun die weiße Taube die bei­den Jägerknechte gegen Abend nach dem Walde schle­ichen sah, ahnte ihr nichts Gutes. Sie flog eilends zum Schloß an Heinos Fen­ster, schlug gegen die Scheiben, bis er kam und ihr auf­machte, und sagte ihm alles, was sie gese­hen hat­te. Da stürzte er atem­los in den Wald, und als er bei dem kleinen Häuschen ankam, hat­ten schon die Jägerknechte Blauäu­glein gebun­den und ratschlagten, wie sie es töten soll­ten. Da schlug er ihnen die bei­den Häupter ab, trug sie nach Haus und set­zte sie seinem Vater vor die Kam­mer auf die Schwelle. Der alte König aber kon­nte die ganze Nacht nicht schlafen, son­dern hörte fortwährend ein leis­es Wim­mern und Stöh­nen vor sein­er Tür. Als der Mor­gen graute, stand er auf und sah nach, was es wäre. Da standen die bei­den Köpfe der Jägerknechte auf der Schwelle, und zwis­chen bei­den lag ein Brief von Heino, in dem stand geschrieben, daß er nichts mehr wed­er von Vater noch Mut­ter wis­sen wolle, und daß er sich jed­wede Nacht vor Blauäu­gleins Haus auf die Schwelle leg­en würde mit dem nack­ten Schw­ert auf dem Schoß. Wer da käme, ihr ein Leid zu tun, dem schlüge er das Haupt ab, wie er es den bei­den Jägerknecht­en getan, und wenn‘s der König selb­st wäre. Als der alte König dies gele­sen, ward er sehr betreten. Er ging zur Köni­gin und erzählte ihr alles. Diese aber schalt ihn aus, daß er Blauäu­glein habe wollen umbrin­gen lassen, und sagte: Du hast alles ver­dor­ben! Wer wid nur immer gle­ich alles tot­machen wollen! Ihr Män­ner seid doch gar zu schlimm, ein­er wie der andere! Stets heißt es: biegen oder brechen. Da sind von dir heute sechs Hem­den aus der Wäsche gekom­men, da fehlen wieder an allen sech­sne die Hemd­kra­gen­bän­der. Wo sind sie hin? Abgeris­sen hast du sie wieder, weil du sie ver­knotet hast, anstatt sie mit Geduld aufzuknüpfen. Und Heino ist ger­adeso wie du. Nun soll ich‘s wieder gut­machen!“ Schon gut, schon gut“, erwiderte der König, der wohl fühlte, daß die Köni­gin recht hat­te, sei nur ruhig und höre auf zu schel­ten; davon wird‘s auch nicht bess­er.“ Und die Köni­gin warf sich die Nacht über unaufhör­lich im Bette hin und her und über­legte sich, was sie tun wolle. Soblad es hell ward, ging sie auf den Anger und grub ein Kraut her­aus, das war giftig und hat­te schwarze Beeren. Darauf ging sie in den Wald und pflanzte es ger­ade an den Weg. Als sie zurück­kam, fragte sie der König, was sie gemacht habe. Da antwortete sie: Ich habe ihm ein Kraut in den Weg gepflanzt, darauf wächst eine rote Blume; wer sie bricht, muß sein Lieb­stes vergessen.“ Am näch­sten Mor­gen, als Heino durch den Wald ging, stand das Kraut am Wege und hat­te eine schöne rote Blume getrieben, die funkelte in der Sonne und duftete so stark, daß ihm fast die Sinne vergin­gen. Aber obschon es über Nacht stark getaut hat­te, so waren doch das Kraut sowohl als die Blume ganz trock­en. Da sagte er: Was ist das für ein Kraut,
Ein Kraut, worauf‘s nicht taut?“ Da antwortete die Blume: Ein Kraut, das nie­mand find‘t,
Als nur ein Königskind!“ Darauf fragte er wieder: Und wenn ich dich nun bräch‘,
Du Blum‘ an meinem Weg?“ und die Blume erwiderte: So blüht‘ ich noch viel schön­er,
Du stolz­er Königssohn!“ Da kon­nte er sich nicht hal­ten und pflück­te die Blume; und als er das getan, hat­te er sein Lieb­stes vergessen und ging zu seinen Eltern ins Schloß. Als ihn seine Mut­ter kom­men sah, hat­te er die rote Blume am Wams steck­en. Da wußte sie, daß alles gelun­gen sei, und rief den König. Der ging seinem Sohne ent­ge­gen, brachte ihm einen gold­e­nen Helm und eine gold­ene Rüs­tung und sprach: Ich bin alt und schwach; geh in die Welt und sieh zu, wie‘s draußen aussieht. Wenn du nach zwei Jahren zurück­kehrst, will ich dir das Kön­i­gre­ich geben.“ Darauf wählte sich Heino dreißig Knap­pen aus, zog mit ihnen von einem Kön­i­gre­ich in das andere und besah sich die Her­rlichkeit der Welt. – Als aber Heino nicht wiederkam, merk­te Blauäu­glein wohl, daß er sie ver­lassen habe. Jeden Mor­gen schick­te sie die weiße Taube aus, die mußte so lange in der Welt herum­fliegen, bis sie Heino gefun­den. Und jeden Abend kam die weiße Taube wieder und sagte Blauäu­glein, wo Heino wäre und wie es ihm ging: Was macht mein lieber Held,
Mein junges Königs­blut?“ und die Taube antwortete: Er fährt in alle Welt
Und hat gar stolzen Mut!“ Hat er noch mein vergessen
Und denkt er nim­mer mein?“ Er hat dein noch vergessen,
Beim Trinken und beim Essen,
Bei Regen und Son­nen­schein!“ Zwei Jahre waren schon ver­gan­gen, da kam die weiße Taube eines Abends auch wieder zurück und hat­te einen Blut­fleck am Flügel. Da fragte Blauäu­glein: Was macht mein lieber Held,
Mein junges Königs­blut?“ Da sah sie den Blut­fleck am Flügel und wurde sehr trau­rig. Ist er tot?“ fragte sie. Wollte Gott, wollte Gott,
Daß er wäre tot!“ gur­rte die Taube. Im Irrwis­chsumpf, da ist er ertrunk­en,
Im Irrwis­chsumpf, da ist er ver­sunken.
Wo das Schil­f­gras wächst,
Da liegt er ver­hext,
Daß Gott erbarm‘, In der Irrwis­chköni­gin weißem Arm!“ Da hieß Blauäu­glein die weiße Taube sich auf ihre Schul­ter set­zen, damit sie ihr den Weg wiese, und machte sich auf, Heino zu suchen. Nach­dem sie drei Tage gewan­dert war, kam sie an den Irrwis­chsumpf, wo Heino verza­ubert lag. Sie set­zte sich still an den Weg und wartete, bis es Abend wurde. Als es dunkel ward, bezog sich der Him­mel, und die Wolken jagten. Pras­sel­nd schlug der Regen in das Erlen-gebüsch; und nicht lange, so sah sie fern im Sumpf die ersten blauen Flämm­chen auf­steigen. Da schürzte sie sich ihre Röcke, stieg beherzt hinab in das Schil­f­gras und wan­derte vor­wärts, unver­rückt nach den Irrlichtern schauend. Es war ein beschw­er­lich­er Weg; denn sie sank bald bis über die Knöchel ein, der Wind peitschte ihr das Haar um die Schul­tern, daß sie ste­hen­bleiben mußte, um es in einen großen Knoten im Nack­en zusam­men­zuschürzen, und der Regen lief ihr über die Wan­gen. Aber der Sumpf wurde immer tiefer, und die blauen Flämm­chen, welche in immer größer­er Zahl an allen Orten her­vorstiegen, schienen sie äffen zu wollen. Denn wenn es eine Zeit­lang den Anschein gehabt, als wenn sie still­stän­den oder gar ihr ent­ge­genkä­men, so daß sie schon hoffte, sie bald zu erre­ichen, so schwebten sie doch bald wieder bis zur Mitte des Sumpfes zurück oder ver­löscht­en plöt­zlich, um an ein­er ent­fer­n­teren Stelle wieder aufzusteigen. Sie sank jet­zt schon bis fast an die Knie ein und kon­nte nicht mehr wie zwei oder drei Schritte hin­tere­inan­der tun, ohne sich auszu­ruhen. Da hörte das Unwet­ter auf, die schmale Mond­sichel trat zwis­chen den Wolken her­aus, und vor ihr, inmit­ten ein­er großen dun­klen Lache, erhob sich das verza­uberte Schloß der Irrwisch-köni­gin. Weiße Stufen führten aus dem tot­stillen Wass­er in eine große, offen­ste­hende Halle, welche von vie­len Säulen von blauem und grü­nen Kristall mit gold­e­nen Knäufen getra­gen wurde, und in bun­tem Gewirr tanzten in dieser Halle eine unzählbare Menge von Irrlichtern um ein beson­ders hell flack­ern­des, hoch aus ihrer Mitte her­vorschweben­des Flämm­chen herum. Da lösten sich plöt­zlich aus dem Gewühl eine Anzahl Irrlichter ab und bilde­ten zwei Kreise, die wirbel­nd aus der Halle her­vorstürzten. Und während der eine von ihnen dicht vor den Stufen des Schloss­es ste­hen­blieb, näherte sich der andere rasch, und bald erkan­nte Blauäu­glein zwölf blasse, aber wun­der­schöne Jungfrauen, welche auf der Stirn gold­ene Diademe tru­gen, an denen sich vorn kleine gold­ene Schalen erhoben, worin die blauen Flämm­chen bran­nten. In wil­dem Tanze schwebten sie an Blauäu­glein her­an und umringten sie; und während aus dem Schlosse eine zauberische Musik erk­lang, san­gen sie: 

In den Rei­hn,
In den Rei­hn,
Holde Schwest­er, Blauäu­glein, here­in!
In dem Schloß,
In dem Schloß,
Da winkt dir ein süßer Genoß! Sieh, wie‘s blinkt!
Wie er winkt,
Wie er grüßt, wie er grüßend dir winkt!
Vergiß, was du liebtest auf Erden,
Der Unseren eine zu werden!“ 

Aber Blauäu­glein sah die Geis­ter mit ihren großen klaren Augen ruhig und unver­wandt an und sagte: Ihr habt keine Macht über mich! Ob ich wieder lebendig aus dem Sumpfe komme, weiß Gott im Him­mel allein; wen ich aber auch ster­ben muß, so werdet ihr mich doch nicht in euere Gewalt bekom­men!“ Da flo­hen die Jungfrauen nach allen Rich­tun­gen tief in den Sumpf zurück. Statt ihrer aber schwebte der zweite Kreis Irrlichter her­an, der bis dahin vor den Stufen des Schloss­es hin und her getanzt hat­te. Das waren zwölf wun­der­schöne, aber toten­blasse Knaben, eben­falls mit blauen Flämm­chen über den Stir­nen. Sie bilde­ten einen Kreis um Blauäu­glein und tanzten langsam um sie her, indem sie abwech­sel­nd ihre weißen Arme hoch über ihre Häupter erhoben und rück­wärts nach dem Schlosse zeigten. Und beson­ders ein­er von ihnen näherte sich immer wieder Blauäu­glein, als wenn er sie umfassen wollte; und wie sie ihn genauer ansah, so war es Heino. Da zuck­te es ihr durchs Herz, als wenn sie ein eiskaltes Schw­ert durch­führe, und sie schrie laut: Heino, Gott steh dir bei in dein­er großen Not!“ Kaum hat­te sie dies aus­gerufen, so fuhr ein heftiger Wind­stoß über den Sumpf, und die Lichter der Irrwis­che ver­loschen. Die stille Fläche der Lache kräuselte sich, und schwarze Wellen schlu­gen an den weißen Stufen des Schloss­es empor. Dann sank das Schloss laut­los in die Tiefe, und an sein­er Stelle stsanden vier Pfäh­le von faulem Holz, die Über­reste ein­er alten hei­d­nis­chen Fis­cher­hütte. Vor Blauäu­glein aber, im tiefen Sumpf bis an den Gür­tel einge-sunken, stand Heino, leib­haftig, wie er gewe­sen war, aber blaß und trau­rig. Die Haare hin­gen ihm wirr auf die Stirn, und Helm und Har­nisch waren ver­rostet. Bist du es, Blauäu­glein?“ fragte er wehmütig. Ja, Heino, ich bin‘s.“ Laß mich“, erwiderte er, ich bin ein ver­loren­er Mann!“ Doch sie gab ihm die Hand und sprach ihm Mut ein; und er ver­suchte einige Schritte vor­wärts zu kom­men. Dann blieb er ste­hen und sagte: Blauäu­glein, ich versinke;
Blauäu­glein, ich ertrinke!“ Doch sie hielt ihn nur fes­ter und ent­geg­nete: Nein, Heino, du versinkst nicht!
Nein, Heino, du ertrinkst nicht!
Halt dich an mir nur fest,
So wirst du doch erlöst!“ So half sie ihm Schritt für Schritt vor­wärts und immer wieder blieb er ste­hen und sprach: Blauäu­glein, ich versinke;
Blauäu­glein, ich ertrinke!“ Umd immer wieder tröstete sie ihn und sagte: Nein, Heino, du versinkst nicht!
Nein, Heino, du ertrinkst nicht!
Halt dich an mir nur fest,
So wirst du doch erlöst!“ Mit unsäglich­er Mühe waren sie endlich so weit gekom­men, daß sie von fern schon das Ende des Sumpfes und die Straße sahen. Da blieb Heino ganz ste­hen und rief: Ich kann nicht weit­er, Blauäu­glein! Geh du allein zurück und grüß mein Müt­terchen. Du kommst wohl her­aus, denn du sinkst ja nicht tief ein; aber mir geht‘s fast bis ans Herz.“ Dabei wandte er sich um und blick­te nach der Stätte zurück, wo das Schloß ver­sunken war. Sieh dich nicht um!“ rief Blauäu­glein ängstlich. Aber sie hat­te kaum Zeit gehabt, dies auszu­rufen, als auch schon von der Mitte des Sumpfes ein einzelnes blaues Flämm­chen auf bei­de zugeschwebt kam. Es näherte sich rasch, und die Köni­gin der Irrwis­che stand vor ihnen. Sie hat­te einen Kranz von weißen Wasser­rosen auf dem Haupte, und ihr Dia­dem war eine gold­ene Schlange, welche sich leise durch ihr Haar und um ihre Stirn bewegte. Mit ihren glühen­den Augen schaute sie Heino an, als wollte sie ihm bis ins Herz sehen. Dann legte sie ihm die Hand auf die Schul­ter und bat fle­hend: Komm zurück, Heino!“ Und er stand und sah sie an und schwank­te unstet. Da riß Blauäu­glein ihm das Schw­ert von der Seite und schwang es gegen die Irrwis­chköni­gin. Doch die Irrwis­chköni­gin lächelte und sprach: Töricht­es Kind, was willst du mir tun? Ich bin nicht von Fleisch und Blut.“ Und sie faßte Heino und zog ihn mit Gewalt an sich, daß ihre schwarzen Lock­en über sein Gesicht fie­len. Da rief Blauäu­glein in ihrer Herzen­sangst: Und bist du nicht von Fleisch und Blut, du entset­zlich­es Weib, so ist es doch dieser hier, den ich aus deinen Hän­den erret­ten will!“ Und sie zück­te das Schw­ert noch ein­mal mit aller Kraft, und wie die Irrwis­chköni­gin noch einen Ver­such machte, Heino, dessen rechte Hand sie erfaßt hat­te, mit sich fortzureißen, rief sie: Heino, es tut nicht weh!“ und schlug ihm mit einem Schlage den Arm dicht am Handge­lenk ab. Da ver­losch auch die Flamme auf dem Haupte der Köni­gin, und sie sel­ber zer­rann wie ein Nebel­bild; die weiße Taube aber, die bish­er auf der Schul­ter von Blauäu­glein gesessen, flog auf die Schul­ter Heinos. Nun bist du erlöst, Heino!“ rief Blauäu­glein, als sie dies sah. Komm, es ist nicht mehr weit zur Straße; nimm deine let­zten Kräfte zusam­men. Sieh, du sinkst gar nicht mehr tief ein.“ Und sie gin­gen weit­er, aber immer noch blieb Heino oft ste­hen und sprach: Blauäu­glein, mein Arm bren­nt sehr!“ Doch sie erwiderte: Heino, mich schmerzt‘s noch mehr!“ Aber das let­zte Stück mußte sie ihn fast tra­gen, und als er den let­zten Schritt aus dem Sumpfe getan, sank er tod­müde auf die Straße nieder und schlief ein. Da nahm sie ihren Schleier und ver­band ihm den Arm, so daß er aufhörte zu bluten. – Als sie sah, daß er still und ruhig schlief, zog sie sich den Ring, den er ihr geschenkt, vom Fin­ger, steck­te ihm densel­ben an die Hand und machte sich auf den Heimweg. Sobald sie angekom­men war, ging sie zum alten König und sagte zu ihm, indem sie ihn freudig mit ihren großen blauen Augen anblick­te: Ich habe Euren Sohn erlöst; er wird bald zu Euch zurück­kehren. Behüt Euch Gott, mich seht Ihr nim­mer wieder.“ Da zog sie der alte König an sein Herz und sprach: Blauäu­glein, meine Tochter, du kannst eine Kro­ne tra­gen so stolz wie ein Königskind! Wenn du ihm verzei­hen willst und einen Ein­armi­gen zum Manne nehmen, so sollst du seine Köni­gin sein dein Leben lang.“ Als er dies gesagt, öffnete er die Türe, und here­in trat Heino und schloß Blauäu­glein in seine Arme. Da war große Freude im ganzen Land, und alle Leute wollte das schöne fromme Mäd­chen sehen, welch­es den Königssohn erret­tet hat­te. Als sie jedoch vor dem Altare standen und die Ringe wech­seln soll­ten, ver­gaß Heino, daß ihm die rechte Hand fehlte, und er dtreck­te dem Priester den Stumpf hin. Da geschah ein Wun­der; denn als der Priester den Stumpf berührte, wuchs aus ihm eine neue Hand her­vor, wie eine weiße Blume aus einem braunen Ast. Aber um das Handge­lenk lief ein fein­er rot­er Streif, schmal wie ein Faden, herum. Den behielt er sein ganzes Leben.