Hans mein Igel

von Brüder Grimm

~10 Min

Es war ein­mal ein Bauer, der hat­te viel Geld und Gut, aber so reich er auch war, so fehlte doch etwas an seinem Glück: er hat­te mit sein­er Frau keine Kinder, öfters, wenn er mit den anderen Bauern in die Stadt ging, spot­teten sie über ihn und fragten, warum er keine Kinder hätte. Da ward er zornig, und als er nach Hause kam, sprach er: Ich will ein Kind haben, und sollt’s ein Igel sein!“ Da kriegte seine Frau ein Kind, das war oben ein Igel und unten ein Junge, und als sie das Kind sah, erschrak sie und sprach: Siehst du, du hast uns ver­wün­scht!“ Da sprach der Mann: Was kann das alles helfen, getauft muss der Junge wer­den, aber wir kön­nen keinen Gevat­ter dazu nehmen.“ Die Frau sprach: Wir kön­nen ihn auch nicht anders taufen als Hans mein Igel.“ Als er getauft war, sagte der Pfar­rer: Der kann wegen sein­er Stacheln in kein ordentlich­es Bett kom­men.“ Da wurde hin­ter dem Ofen ein wenig Stroh zurecht­gemacht und Hans mein Igel daraufgelegt. Er kon­nte auch an der Mut­ter nicht trinken, denn er hätte sie mit seinen Stacheln gestochen. So lag er da hin­ter dem Ofen acht Jahre, und sein Vater war ihn müde und dachte, wenn er nur stürbe; aber er starb nicht, son­dern blieb da liegen. Nun trug es sich zu, dass in der Stadt ein Markt war, und der Bauer wollte hinge­hen, da fragte er seine Frau, was er ihr sollte mit­brin­gen. Ein wenig Fleisch und ein paar Wecke, was zum Haushalt gehört,“ sprach sie. Darauf fragte er die Magd, die wollte ein Paar Tof­feln und Zwick­el­strümpfe. Endlich sagte er auch: Hans mein Igel, was willst du denn haben?“ – Väterchen,“ sprach er, bring mir doch einen Dudel­sack mit!“ Wie nun der Bauer wieder nach Hause kam, gab er der Frau, was er ihr gekauft hat­te, Fleisch und Wecke, dann gab er der Magd die Tof­feln und die Zwick­el­strümpfe, endlich ging er hin­ter den Ofen und gab dem Hans mein Igel den Dudel­sack. Und als Hans mein Igel den Dudel­sack hat­te, sprach er: Väterchen, geht doch vor die Schmiede und lasst mir meinen Gock­el­hahn beschla­gen, dann will ich fortre­it­en und will nim­mer­mehr wiederkom­men.“ Da war der Vater froh, dass er ihn loswer­den sollte, und liess ihm den Hahn beschla­gen, und als er fer­tig war, set­zte sich Hans mein Igel darauf, ritt fort, nahm auch Schweine und Esel mit, die wollte er draussen im Walde hüten. Im Wald aber musste der Hahn mit ihm auf einen hohen Baum fliegen, da sass er und hütete die Esel und Schweine und sass lange Jahre, bis die Herde ganz gross war, und wusste sein Vater nichts von ihm. Wenn er aber auf dem Baum sass, blies er seinen Dudel­sack und machte Musik, die war sehr schön. Ein­mal kam ein König vor­beige­fahren, der hat­te sich verir­rt, und hörte die Musik. Da ver­wun­derte er sich darüber und schick­te seinen Diener hin, er sollte sich ein­mal umguck­en, wo die Musik herkäme. Er guck­te sich um, sah aber nichts als ein kleines Tier auf dem Baum oben sitzen, das war wie ein Gock­el­hahn, auf dem ein Igel sass, und der machte die Musik. Da sprach der König zum Bedi­en­ten, er sollte fra­gen, warum er dasässe und ob er nicht wüsste, wo der Weg in sein Kön­i­gre­ich gin­ge. Da stieg Hans mein Igel vom Baum und sprach, er wollte den Weg zeigen, wenn der König ihm wollte ver­schreiben und ver­sprechen, was ihm zuerst begeg­nete am königlichen Hofe, sobald er nach Haus käme. Da dachte der König: Das kann ich leicht tun, Hans mein Igel versteht’s doch nicht, und ich kann schreiben, was ich will. Da nahm der König Fed­er und Tinte und schrieb etwas auf, und als es geschehen war, zeigte ihm Hans mein Igel den Weg, und er kam glück­lich nach Haus. Seine Tochter aber, wie sie ihn von weit­em sah, war so voll Freuden, dass sie ihm ent­ge­gen­lief und ihn küsste. Da gedachte er an Hans mein Igel und erzählte ihr, wie es ihm ergan­gen wäre und dass er einem wun­der­lichen Tiere hätte ver­schreiben sollen, was ihm daheim zuerst begeg­nen würde, und das Tier hätte auf einem Hahn wie auf einem Pferd gesessen und schöne Musik gemacht; er hätte aber geschrieben, es sollt’s nicht haben, denn Hans mein Igel kön­nt es doch nicht lesen. Darüber war die Prinzessin froh und sagte, das wäre gut, denn sie wäre doch nim­mer­mehr hingegangen.

Hans mein Igel aber hütete die Esel und Schweine, war immer lustig, sass auf dem Baum und blies auf seinem Dudel­sack. Nun geschah es, dass ein ander­er König gefahren kam mit seinen Bedi­en­ten und Läufern, und hat­te sich verir­rt und wusste nicht, wieder nach Haus zu kom­men, weil der Wald so gross war. Da hörte er gle­ich­falls die schöne Musik von weit­em und sprach zu seinem Läufer, was das wohl wäre, er sollte ein­mal zuse­hen. Da ging der Läufer hin unter den Baum und sah den Gock­el­hahn sitzen und Hans mein Igel oben drauf. Der Läufer fragte ihn, was er da oben vorhätte. Ich hüte meine Esel und Schweine; aber was ist Euer Begehren?“ Der Läufer sagte, sie hät­ten sich verir­rt und kön­nten nicht wieder ins Kön­i­gre­ich, ob er ihnen den Weg nicht zeigen wollte. Da stieg Hans mein Igel vom Baum herunter und sagte zu dem alten König, er wolle ihm den Weg zeigen, wenn er ihm zu eigen geben wollte, was ihm zu Haus vor seinem königlichen Schlosse als erstes begeg­nen würde. Der König sagte ja – und unter­schrieb dem Hans mein Igel, er sollte es haben. Als das geschehen war, ritt er auf dem Gock­el­hahn voraus und zeigte ihm den Weg, und gelangte der König glück­lich wieder in sein Reich. Wie er auf den Hof kam, war grosse Freude darüber. Nun hat­te er eine einzige Tochter, die war sehr schön, lief ihm ent­ge­gen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn und freute sich, dass ihr alter Vater wiederkam. Sie fragte ihn auch, wo er so lange in der Welt gewe­sen wäre; da erzählte er ihr, er hätte sich verir­rt und wäre beina­he gar nicht wiedergekom­men, aber als er durch einen grossen Wald gefahren wäre, hätte ein­er, halb wie ein Igel, halb wie ein Men­sch, rit­tlings auf einem Hahn in einem hohen Baum gesessen und schöne Musik gemacht, der hätte ihm fort­ge­holfen und den Weg gezeigt, er aber hätte ihm dafür ver­sprochen, was ihm am königlichen Hofe zuerst begeg­nete, und das wäre sie, und das täte ihm nun so leid. Da ver­sprach sie ihm aber, sie wollte gerne mit ihm gehen, wann er käme, ihrem alten Vater zuliebe.

Hans mein Igel aber hütete seine Schweine, und die Schweine beka­men wieder Schweine und wur­den so viel, dass der ganze Wald voll war. Da wollte Hans mein Igel nicht länger im Walde leben und liess seinem Vater sagen, sie soll­ten alle Ställe im Dorf räu­men, denn er käme mit ein­er so grossen Herde, dass jed­er schlacht­en kön­nte, der nur schlacht­en wollte. Da war sein Vater betrübt, als er das hörte, denn er dachte, Hans mein Igel wäre schon längst gestor­ben. Hans mein Igel aber set­zte sich auf seinen Gock­el­hahn, trieb die Schweine vor sich hin ins Dorf und liess schlacht­en. Hu! da war ein Gemet­zel und ein Hack­en, dass man’s zwei Stun­den weit hören kon­nte. Danach sagte Hans mein Igel: Väterchen, lasst mir meinen Gock­el­hahn noch ein­mal vor der Schmiede beschla­gen, dann reit ich fort und komme mein Leb­tag nicht wieder.“ Da liess der Vater den Gock­el­hahn beschla­gen und war froh, dass Hans mein Igel nicht wiederkom­men wollte.

Hans mein Igel ritt fort in das erste Kön­i­gre­ich. Da hat­te der König befohlen, wenn ein­er käme auf einem Hahn gerit­ten, und hätte einen Dudel­sack bei sich, dann soll­ten alle auf ihn schiessen, hauen und stechen, damit er nicht ins Schloss käme. Als nun Hans mein Igel dahergerit­ten kam, drangen sie mit Bajonet­ten auf ihn ein, aber er gab dem Hahn die Sporen, flog auf, über das Tor hin vor des Königs Fen­ster, liess sich da nieder und rief ihm zu, er sollt ihm geben, was er ver­sprochen hätte, son­st so wollt er ihm und sein­er Tochter das Leben nehmen. Da gab der König sein­er Tochter gute Worte, sie möchte zu ihm hin­aus­ge­hen, damit sie ihm und sich das Leben ret­tete. Da zog sie sich weiss an, und ihr Vater gab ihr einen Wagen mit sechs Pfer­den und her­rliche Bedi­ente, Geld und Gut. Sie set­zte sich ein, und Hans mein Igel mit seinem Hahn und Dudel­sack neben sie, dann nah­men sie Abschied und zogen fort, und der König dachte, er kriegte sie nicht wieder zu sehen. Es ging aber anders, als er dachte, denn als sie ein Stück Weges von der Stadt waren, da zog Hans mein Igel der Königstochter die schö­nen Klei­der aus und stach sie mit sein­er Igel­haut, bis sie ganz blutig war, und sagte: Das ist der Lohn für eure Falschheit, geh hin, ich will dich nicht,“ und jagte sie damit nach Haus, und war sie beschimpft ihr Lebtag.

Hans mein Igel aber ritt weit­er auf seinem Gock­el­hahn und mit seinem Dudel­sack nach dem zweit­en Kön­i­gre­ich, wo er dem König auch den Weg gezeigt hat­te. Der aber hat­te bestellt, wenn ein­er käme, wie Hans mein Igel, soll­ten sie das Gewehr präsen­tieren, ihn frei here­in­führen, Vivat! rufen und ihn ins königliche Schloss brin­gen. Wie ihn nun die Königstochter sah, war sie erschrock­en, weil er doch gar zu wun­der­lich aus­sah; sie dachte aber, es wäre nicht anders, sie hätte es ihrem Vater ver­sprochen. Da ward Hans mein Igel von ihr willkom­men geheis­sen und mit ihr ver­mählt, und er musste mit an die königliche Tafel gehen und sie set­zte sich zu sein­er Seite, und sie assen und tranken. Wie’s nun Abend war, und sie schlafen gehen woll­ten, da fürchtete sie sich sehr vor seinen Stacheln. Er aber sprach, sie sollte sich nicht fürcht­en, es geschähe ihr kein Leid, und sagte zu dem alten König, er sollte vier Mann bestellen, die soll­ten vor der Kam­mertür wachen und ein gross­es Feuer anmachen, und wann er in die Kam­mer gin­ge und sich ins Bett leg­en wollte, würde er aus sein­er Igel­haut her­auskriechen und sie vor dem Bett liegen lassen. Dann soll­ten die Män­ner hur­tig her­beis­prin­gen und sie ins Feuer wer­fen, auch dabeibleiben, bis sie vom Feuer verzehrt wäre. Wie die Glocke nun elfe schlug, da ging er in die Kam­mer, streifte die Igel­haut ab und liess sie vor dem Bette liegen. Da kamen die Män­ner, holten sie geschwind und war­fen sie ins Feuer, und als sie das Feuer verzehrt hat­te, da war er erlöst und lag im Bett als ein nor­maler Men­sch, aber er war kohlschwarz wie gebran­nt. Der König schick­te nach seinem Arzt, der wusch ihn mit guten Sal­ben und bal­samierte ihn, da ward er weiss und war ein schön­er, junger Herr. Als das die Königstochter sah, war sie froh, und am anderen Mor­gen standen sie mit Freuden auf, assen und tranken, und nun wurde die Ver­mäh­lung erst recht gefeiert, und Hans mein Igel bekam das Kön­i­gre­ich vom alten König.

Wie etliche Jahre herum waren, fuhr er mit sein­er Gemahlin zu seinem Vater und sagte, er wäre sein Sohn; der Vater aber sprach, er hätte keinen, er hätte nur einen gehabt, der wäre aber wie ein Igel mit Stacheln geboren wor­den und wäre in die Welt gegan­gen. Da gab er sich aber zu erken­nen und der alte Vater freute sich sehr und ging sodann mit ihm in sein Königreich.