Hans im Glück

von Brüder Grimm

~10 Min

Hans hat­te sieben Jahre bei seinem Her­rn gedi­ent, da sprach er zu ihm Herr, meine Zeit ist herum, nun wollte ich gerne wieder heim zu mein­er Mut­ter, gebt mir meinen Lohn.‘ Der Herr antwortete du hast mir treu und ehrlich gedi­ent, wie der Dienst war, so soll der Lohn sein,‘ und gab ihm ein Stück Gold, das so gross als Hansens Kopf war. Hans zog ein Tüch­lein aus der Tasche, wick­elte den Klumpen hinein, set­zte ihn auf die Schul­ter und machte sich auf den Weg nach Haus. Wie er so dahing­ing und immer ein Bein vor das andere set­zte, kam ihm ein Reit­er in die Augen, der frisch und fröh­lich auf einem muntern Pferd vor­beitra­bte. Ach,‘ sprach Hans ganz laut, was ist das Reit­en ein schönes Ding! da sitzt ein­er wie auf einem Stuhl, stösst sich an keinen Stein, spart die Schuh, und kommt fort, er weiss nicht wie.‘ Der Reit­er, der das gehört hat­te, hielt an und rief ei, Hans, warum lauf­st du auch zu Fuss?‘ Ich muss ja wohl,‘ antwortete er, da habe ich einen Klumpen heim zu tra­gen: es ist zwar Gold, aber ich kann den Kopf dabei nicht ger­ad hal­ten, auch drückt mirs auf die Schul­ter.‘ Weisst du was,‘ sagte der Reit­er, wir wollen tauschen: ich gebe dir mein Pferd, und du gib­st mir deinen Klumpen.‘ Von Herzen gern,‘ sprach Hans, aber ich sage Euch, Ihr müsst Euch damit schlep­pen.‘ Der Reit­er stieg ab, nahm das Gold und half dem Hans hin­auf, gab ihm die Zügel fest in die Hände und sprach wenns nun recht geschwind soll gehen, so musst du mit der Zunge schnalzen und hopp hopp rufen.‘

Hans war see­len­froh, als er auf dem Pferde sass und so frank und frei dahin­ritt. Über ein Weilchen fiels ihm ein, es sollte noch schneller gehen, und fing an mit der Zunge zu schnalzen und hopp hopp zu rufen. Das Pferd set­zte sich in starken Trab, und ehe sichs Hans ver­sah‘ war er abge­wor­fen und lag in einem Graben, der die Äck­er von der Land­strasse tren­nte. Das Pferd wäre auch durchge­gan­gen, wenn es nicht ein Bauer auf gehal­ten hätte, der des Weges kam und eine Kuh vor sich her­trieb. Hans suchte seine Glieder zusam­men und machte sich wieder auf die Beine. Er war aber ver­driesslich und sprach zu dem Bauer es ist ein schlechter Spass, das Reit­en, zumal, wenn man auf so eine Mähre gerät, wie diese, die stösst und einen her­ab­wirft, dass man den Hals brechen kann; ich set­ze mich nun und nim­mer­mehr wieder auf. Da lob ich mir Eure Kuh, da kann ein­er mit Gemäch­lichkeit hin­ter­herge­hen, und hat oben­drein seine Milch, But­ter und Käse jeden Tag gewiss. Was gäb ich darum, wenn ich so eine Kuh hätte!‘ Nun,‘ sprach der Bauer, geschieht Euch so ein gross­er Gefall­en, so will ich Euch wohl die Kuh für das Pferd ver­tauschen.‘ Hans willigte mit tausend Freuden ein: der Bauer schwang sich aufs Pferd und ritt eilig davon.

Hans trieb seine Kuh ruhig vor sich her und bedachte den glück­lichen Han­del. Hab ich nur ein Stück Brot, und daran wird mirs noch nicht fehlen, so kann ich, sooft mirs beliebe, But­ter und Käse dazu essen; hab ich Durst, so melk ich meine Kuh und trinke Milch. Herz, was ver­langst du mehr?‘ Als er zu einem Wirtshaus kam, machte er halt, ass in der grossen Freude alles, was er bei sich hat­te, sein Mit­tags- und Abend­brot, rein auf, und liess sich für seine let­zten paar Heller ein halbes Glas Bier ein­schenken. Dann trieb er seine Kuh weit­er, immer nach dem Dorfe sein­er Mut­ter zu. Die Hitze ward drück­ender, je näher der Mit­tag kam, und Hans befand sich in ein­er Hei­de, die wohl noch eine Stunde dauerte. Da ward es ihm ganz heiss, so dass ihm vor Durst die Zunge am Gau­men klebte. Dem Ding ist zu helfen“ dachte Hans, jet­zt will ich meine Kuh melken und mich an der Milch laben.‘ Er band sie an einen dür­ren Baum, und da er keinen Eimer hat­te, so stellte er seine Led­er­mütze unter, aber wie er sich auch bemühte, es kam kein Tropfen Milch zum Vorschein. Und weil er sich ungeschickt dabei anstellte, so gab ihm das ungeduldige Tier endlich mit einem der Hin­ter­füsse einen solchen Schlag vor den Kopf, dass er zu Boden taumelte und eine Zeit­lang sich gar nicht besin­nen kon­nte, wo er war. Glück­licher­weise kam ger­ade ein Met­zger des Weges, der auf einem Schuhkar­ren ein junges Schwein liegen hat­te. Was sind das für Stre­iche!‘ rief er und half dem guten Hans auf. Hans erzählte, was vorge­fall­en war. Der Met­zger reichte ihm seine Flasche und sprach da trinkt ein­mal und erholt Euch. Die Kuh will wohl keine Milch geben, das ist ein altes Tier, das höch­stens noch zum Ziehen taugt oder zum Schlacht­en.‘ Ei, ei,‘ sprach Hans und strich sich die Haare über den Kopf, wer hätte das gedacht! es ist freilich gut, wenn man so ein Tier ins Haus abschlacht­en kann, was gibts für Fleisch! aber ich mache mir aus dem Kuh­fleisch nicht viel, es ist mir nicht saftig genug. Ja, wer so ein junges Schwein hätte! das schmeckt anders, dabei noch die Würste.‘ Hört, Hans,‘ sprach da der Met­zger, Euch zuliebe will ich tauschen und will Euch das Schwein für die Kuh lassen.‘ Gott lohn Euch Eure Fre­und­schaft,‘ sprach Hans, über­gab ihm die Kuh, liess sich das Schweinchen vom Kar­ren los­machen und den Strick, woran es gebun­den war, in die Hand geben.

Hans zog weit­er und über­dachte, wie ihm doch alles nach Wun­sch gin­ge, begeg­nete ihm ja eine Ver­driesslichkeit, so würde sie doch gle­ich wieder gut­gemacht. Es gesellte sich danach ein Bursch zu ihm, der trug eine schöne weisse Gans unter dem Arm. Sie boten einan­der die Zeit, und Hans fing an, von seinem Glück zu erzählen, und wie er immer so vorteil­haft getauscht hätte. Der Bursch erzählte ihm, dass er die Gans zu einem Kind­tauf­schmaus brächte. Hebt ein­mal,‘ fuhr er fort und pack­te sie bei den Flügeln, wie schw­er sie ist, die ist aber auch acht Wochen lang genudelt wor­den. Wer in den Brat­en beisst, muss sich das Fett von bei­den Seit­en abwis­chen.‘ Ja,‘ sprach Hans, und wog sie mit der einen Hand, die hat ihr Gewicht, aber mein Schwein ist auch keine Sau.‘ Indessen sah sich der Bursch nach allen Seit­en ganz beden­klich um, schüt­telte auch wohl mit dem Kopf. Hört,‘ fing er darauf an, mit Eurem Schweine mags nicht ganz richtig sein. In dem Dorfe, durch das ich gekom­men bin, ist eben dem Schulzen eins aus dem Stall gestohlen wor­den. Ich fürchte, ich fürchte, Ihr habts da in der Hand. Sie haben Leute aus­geschickt, und es wäre ein schlim­mer Han­del, wenn sie Euch mit dem Schwein erwis­cht­en: das Ger­ing­ste ist, dass Ihr ins fin­stere Loch gesteckt werdet.‘ Dem guten Hans ward bang, ach Gott,‘ sprach er, helft mir aus der Not, Ihr wisst hier herum bessern Bescheid, nehmt mein Schwein da und lasst mir Eure Gans.‘ Ich muss schon etwas aufs Spiel set­zen,‘ antwortete der Bursche, aber ich will doch nicht schuld sein, dass Ihr ins Unglück ger­atet.‘ Er nahm also das Seil in die Hand und trieb das Schwein schnell auf einen Seit­en­weg fort: der gute Hans aber ging, sein­er Sor­gen entledigt, mit der Gans unter dem Arme der Heimat zu. Wenn ichs recht über­lege,‘ sprach er mit sich selb­st, habe ich noch Vorteil bei dem Tausch: erstlich den guten Brat­en, her­nach die Menge von Fett, die her­aus­träu feln wird, das gibt Gänse­fet­tbrot auf ein Viertel­jahr, und endlich die schö­nen weis­sen Fed­ern, die lass ich mir in mein Kopfkissen stopfen, und darauf will ich wohl ungewiegt ein­schlafen. Was wird meine Mut­ter eine Freude haben!‘

Als er durch das let­zte Dorf gekom­men war, stand da ein Scheren­schleifer mit seinem Kar­ren, sein Rad schnur­rte, und er sang dazu.

ich schleife die Schere und drehe geschwind, und hänge mein Män­telchen nach dem Wind.‘

Hans blieb ste­hen und sah ihm zu; endlich redete er ihn an und sprach Euch gehts wohl, weil Ihr so lustig bei Eurem Schleifen seid.‘ Ja,‘ antwortete der Scheren­schleifer, das Handw­erk hat einen gülde­nen Boden. Ein rechter Schleifer ist ein Mann, der, sooft er in die Tasche greift, auch Geld darin find­et. Aber wo habt Ihr die schöne Gans gekauft?‘ Die hab ich nicht gekauft, son­dern für mein Schwein einge­tauscht.‘ Und das Schwein?‘ Das hab ich für eine Kuh gekriegt.‘ Und die Kuh?‘ Die hab ich für ein Pferd bekom­men.‘ Und das Pferd?‘ Dafür hab ich einen Klumpen Gold, so gross als mein Kopf, gegeben.‘ Und das Gold?‘ Ei, das war mein Lohn für sieben Jahre Dienst.‘ Ihr habt Euch jed­erzeit zu helfen gewusst,‘ sprach der Schleifer, kön­nt Ihrs nun dahin brin­gen, dass Ihr das Geld in der Tasche sprin­gen hört, wenn Ihr auf­ste­ht, so habt Ihr Euer Glück gemacht.‘ Wie soll ich das anfan­gen?‘ sprach Hans. Ihr müsst ein Schleifer wer­den wie ich; dazu gehört eigentlich nichts als ein Wet­zstein, das andere find­et sich schon von selb­st. Da hab ich einen, der ist zwar ein wenig schad­haft, dafür sollt Ihr mir aber auch weit­er nichts als Eure Gans geben; wollt Ihr das?‘ Wie kön­nt Ihr noch fra­gen,‘ antwortete Hans, ich werde ja zum glück­lich­sten Men­schen auf Erden; habe ich Geld, sooft ich in die Tasche greife, was brauche ich da länger zu sor­gen?‘ reichte ihm die Gans hin, und nahm den Wet­zstein in Emp­fang. Nun,‘ sprach der Schleifer und hob einen gewöhn­lichen schw­eren Feld­stein, der neben ihm lag, auf, da habt Ihr noch einen tüchti­gen Stein dazu, auf dem sichs gut schla­gen lässt und Ihr Eure alten Nägel ger­ade klopfen kön­nt. Nehmt ihn und hebt ihn orden­dich auf.‘

Hans lud den Stein auf und ging mit vergnügtem Herzen weit­er; seine Augen leuchteten vor Freude, ich muss in ein­er Glück­shaut geboren sein,‘ rief er aus alles, was ich wün­sche, trifft mir ein, wie einem Son­ntagskind.‘ Indessen, weil er seit Tage­san­bruch auf den Beinen gewe­sen war, begann er müde zu wer­den; auch plagte ihn der Hunger, da er allen Vor­rat auf ein­mal in der Freude über die erhan­delte Kuh aufgezehrt hat­te. Er kon­nte endlich nur mit Mühe weit­erge­hen und musste jeden Augen­blick halt machen; dabei drück­ten ihn die Steine ganz erbärm­lich. Da kon­nte er sich des Gedankens nicht erwehren, wie gut es wäre, wenn er sie ger­ade jet­zt nicht zu tra­gen brauchte. Wie eine Sch­necke kam er zu einem Feld­brun­nen geschlichen, wollte da ruhen und sich mit einem frischen Trunk laben: damit er aber die Steine im Nieder­sitzen nicht beschädigte, legte er sie bedächtig neben sich auf den Rand des Brun­nens. Darauf set­zte er sich nieder und wollte sich zum Trinken bück­en, da ver­sah ers, stiess ein klein wenig an, und bei­de Steine plumpten hinab. Hans, als er sie mit seinen Augen in die Tiefe hat­te versinken sehen, sprang vor Freuden auf, kni­ete dann nieder und dank­te Gott mit Trä­nen in den Augen, dass er ihm auch diese Gnade noch erwiesen und ihn auf eine so gute Art, und ohne dass er sich einen Vor­wurf zu machen brauchte, von den schw­eren Steinen befre­it hätte, die ihm allein noch hin­der­lich gewe­sen wären. So glück­lich wie ich,‘ rief er aus, gibt es keinen Men­schen unter der Sonne.‘ Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei sein­er Mut­ter war.