Goldtöchterchen

von Richard von Volkmann-Leander

~5 Min

Vor dem Tor, gle­ich an der Wiese, stand ein Haus, darin wohn­ten zwei Leute, die hat­ten nur ein einziges Kind, ein ganz kleines Mäd­chen. Das nan­nten sie Goldtöchterchen. Es war ein liebes, kre­gles kleines Ding, flink wie ein Wiesel. Eines Mor­gens geht die Mut­ter früh in die Küche, Milch zu holen; da steigt das Ding aus dem Bett und stellt sich im Hemd­chen in die Haustüre. Nun war ein wun­der­her­rlich­er Som­mer­mor­gen, und wie es so in der Haustüre ste­ht, denkt es: Vielle­icht regnet’s mor­gen; da ist’s bess­er, du gehst heute spazieren. Wie’s so denkt, geht’s auch schon; läuft hin­ters Haus auf die Wiese bis an den Busch. Wie’s an den Busch kommt, wack­eln die Hasel­büsche ganz ern­sthaft mit den Zweigen und rufen:

Nack­t­frosch im Hemde,
Was willst du in der Fremde?
Hat kein‘ Schuh und hast kein‘ Hos,
Hast ein einzig Strümpfel bloß;
Wirst du noch den Strumpf verlier’n,
Mußt du dir ein Bein erfrier’n.
Geh nur wieder heime;
Mach dich auf die Beine!“

Aber es hört nicht, son­dern läuft in den Busch, und wie es durch den Busch ist, kommt es an den Teich. Da ste­ht die Ente am Ufer mit ein­er vollen Man­del Junger, alle goldgelb wie die Eidot­ter, und fängt entset­zlich an zu schnat­tern; dann läuft sie Goldtöchterchen ent­ge­gen, sper­rt den Schn­abel auf und tut, als wenn sie es fressen wollte. Aber Goldtöcherchen fürchtet sich nicht, geht ger­ade darauf los und sagt:

Ente du Schnat­ter­li­eschen,
Halt doch den Schn­abel und schweig ein bißchen!“
Ach“, sagt die Ente, du bist’s, Goldtöchterchen! Ich hat­te dich gar nicht erkan­nt; nimm’s nur nicht übel! Nein, du tust uns nichts. Wie geht es dir denn?Wie geht es denn deinem Her­rn Vater und dein­er Frau Mut­ter? Das ist ja recht schön, daß du uns ein­mal besuchst. Das ist ja eine große Ehre für uns. Da bist du wohl recht früh aufge­s­tanden? Also, du willst dir wohl auch ein­mal unsern Teich bese­hen? Eine recht schöne Gegend! Nicht wahr?“

Wie sie aus­geschnat­tert hat, fragt Goldtöchterchen: Sag ein­mal, Ente, wo hast du denn die vie­len kleinen Kanarien­vögel her?“

Kanarien­vögel?“ wieder­holt die Ente, ich bitte dich, es sind ja bloß meine Jungen.“

Aber sie sin­gen ja so fein und haben keine Fed­ern, son­dern bloß Haare! Was bekom­men denn deine kleinen Kanarien­vögel zu essen?“

Die trinken klares Wass­er und essen feinen Sand.“

Davon kön­nen sie ja aber unmöglich wachsen.“

Doch, doch“, sagt die Ente; der liebe Gott segnet’s ihnen; und dann ist auch zuweilen im Sand ein Würzelchen und im Wass­er ein Wurm oder eine Schnecke.“

Habt ihr denn keine Brücke?“ fragt dann weit­er Goldtöchterchen.

Nein“, sagt die Ente, eine Brücke haben wir nun allerd­ings lei­der nicht. Wenn du aber über den Teich willst, will ich dich gern hinüberfahren.“

Darauf geht die Ente ins Wass­er, bricht ein großes Wasser­rosen­blatt ab, set­zt Goldtöchterchen darauf, nimmt den lan­gen Sten­gel in den Schn­abel und fährt Goldtöchterchen hinüber. Und die kleinen Entchen schwim­men munter nebenher.

Schö­nen Dank, Ente!“ sagte Goldtöchterchen, als es drüben angekom­men ist.

Keine Ursache“, sagt die Ente. Wenn du mich mal wieder brauchst, steh ich gern zu Dien­sten. Emp­fiehl mich deinen Eltern. Schön adje!“

Auf der anderen Seite des Teich­es ist wieder eine große grüne Wiese, auf der geht Gold-töchterchen weit­er spazieren. Nicht lange, so sieht es einen Storch, auf den läuft’s ger­ade zu: Guten Mor­gen, Storch“, sagt’s; was ißt du denn, was so grün­scheck­ig aussieht und dabei quakt?“

Zap­pel­salat“, antwortet der Storch, Zap­pel­salat, Goldtöchterchen!“

Gib mir auch was, ich bin hungrig!“

Zap­pel­salat ist nichts für dich“, sagt der Storch; geht an den Bach, taucht mit seinem lan­gen Schn­abel tief unter und holt erst einen gold­e­nen Bech­er mit Milch und dann eine Wecke her­aus. Darauf hebt er den recht­en Flügel und läßt eine Zuck­ertüte herun­ter­fall­en. Goldtöchterchen läßt sich’s nicht zweimal sagen, son­dern set­zt sich hin und ißt und trinkt. Wie’s satt ist, sagt’s:

Ein’n schö­nen Dank,
Und gute Gesund­heit dein Leben lang!“

Darauf läuft’s weiter.