Goldhaar

von Josef Haltrich

~11 Min


Es war ein­mal ein armer, armer Mann, der hat­te einen Knaben und wußte nicht, wie er ihn länger erhal­ten sollte; er führte ihn eines Tages in einen dicht­en Wald, und als er mit dem Jun­gen das let­zte Stückchen Brot gegessen hat­te, schlief dieser ein. Da stand der Vater auf und ging nach Hause, denn er dachte, wenn der Kleine erwacht, wird er sich verir­ren und nicht nach Hause find­en; und so geschah es auch. Als der Knabe die Augen auf­schlug und sah, daß sein Vater fort war, machte er sich auf und wollte nach Hause, aber er geri­et nur immer tiefer in den Wald, und es wurde schon Abend; er ging und lief voll Angst hin und her; endlich sah er ein kleines Häuschen; hier wollte er Nachther­berge nehmen. Als er ein­trat, saß an dem Tisch ein alter blind­er Mann und aß Hüh­n­er­suppe. Der Knabe war so hun­grig, daß er zum Tisch ging, einen Löf­fel nahm und mit aß. Der blinde Mann aber merk­te es und fragte: Wer ißt von mein­er Hüh­n­er­suppe?“ – Ich bin’s, lieber Groß­vater“, rief der Knabe, denn ich habe gar großen Hunger!“ Da freute sich der Alte und sprach: Ich habe lange auf dich gewartet, du sollst es gut haben bei mir!“ 

Nach dem Essen machte er ihm ein weich­es Bettchen, und der Knabe schlief so gut, als wäre er im Him­mel. Am fol­gen­den Mor­gen, als er aufge­s­tanden war, sagte der Alte: Nun sollst du meine Geiß [en] hüten!“ Dazu war der Knabe willig und bere­it, und als er abends nach Hause kam, aß er mit dem blind­en Groß­vater wieder Hüh­n­er­suppe, und die schmeck­te sehr gut. Nun hütete er zwölf Jahre lang, einen Tag wie den andern, die Geiß[en], und der Alte war mit dem Jun­gen wohl zufrieden. Da gab er ihm eines Tages ein Schw­ert und sprach: Damit kannst du alles erhauen!“

Als er die Geiß[en] wieder auf die Wei­de trieb und sehr weit ziehen mußte, denn sie hat­ten ring­sherum alles abge­fressen, kam er in einen Wald, wo die Bäume und Blät­ter von blink­en­dem Kupfer waren. Indem er darüber staunte, fuhr der Kupfer­drachen her­bei und rief: Heda, du Men­schenkind, willst du mit deinen Geiß[en] meinen Wald verätzen?“ und wollte ihn gle­ich ver­schlin­gen; aber der Knabe nahm sein Schw­ert und hieb dem Drachen alle Häupter herunter. Darauf ging er in das Schloß, und da war alles von Kupfer, aber nichts Leben­des zu sehen und zu hören; an der Wand hing ein kupfern­er Zaum, den nahm er mit sich. Abends trieb er die Geiß[en] heim, und sie gaben viel mehr Milch als vorher. Er erzählte darauf dem Alten, wie er den Drachen erschla­gen und sich einen kupfer­nen Zaum aus dessen Schlosse gebracht habe. Und das ist das Beste aus dem Schlosse“, sprach der Alte, denn wenn du den Zaum schüt­telst, so erscheint gle­ich ein Heer Sol­dat­en in kupfern­er Rüs­tung, so groß, als du es wün­schest!“ Am andern Tag trieb er seine Geiß[en] noch weit­er, und er kam in einen Wald, da waren die Bäume und Blät­ter aus blankem Sil­ber, und das glänzte und glitzerte sehr. Indem er das­tand und sich ver­wun­derte, kam der Sil­ber­drache her­bei und rief:

Heda, du Men­schenkind, willst du mit deinen Geiß[en] meinen Wald verätzen?“ und wollte ihn sogle­ich ver­schlin­gen; aber der Knabe schwang sein Schw­ert und hieb ihm alle Häupter ab. Nun ging er in das Schloß, und darin war alles von blankem Sil­ber; aber keine lebendi­ge Seele war drin­nen; an der Wand hing ein sil­bern­er Zaum, den nahm er mit. Als er am Abend die Geiß[en] heim trieb, gaben sie dreimal so viel Milch als am vorigen Abend, und er erzählte dem Alten wieder, wie er den Sil­ber­drachen erschla­gen und sich den sil­ber­nen Zaum mit­ge­bracht habe. Und das ist das Beste aus dem Schlosse“, sprach der Alte, denn wenn du den Zaum schüt­telst, so erscheint gle­ich ein Heer Sol­dat­en in sil­bern­er Rüs­tung, so groß als du es wün­schest.“ Am drit­ten Tage trieb er die Geiß[en] noch weit­er und gelangte in einen Wald, wo die Bäume und Blät­ter von purem Gold waren. Das war eine Her­rlichkeit! Wie das glitzerte und glänzte! Indem er das alles so ansah, kam nur ein­mal der Gold­drache und rief: Heda, du Men­schenkind, willst du mit deinen Geiß[en] meinen Wald verätzen?“ und wollte ihn ver­schlin­gen; aber der Knabe schwang sein Schw­ert und schlug dem Drachen auf ein­mal alle Häupter ab. Dann ging er in das Schloß, und da war alles von purem Gold und ach so schön, so schön! aber nichts Lebendi­ges sah und hörte man; an der Wand hing ein gold­ner Zaum, den nahm er mit. Als er die Geiß[en] am Abend heimtrieb und melk­te, so gaben sie neun­mal so viel Milch als am vorigen Abend. Nun erzählte er dem Alten, wie er den Gold­drachen getötet und den gold­nen Zaum aus dem Schlosse sich mit­ge­bracht habe. Und das ist das Beste!“ sprach der Alte, denn wenn du den Zaum schüt­telst, so erscheint gle­ich ein ganzes Heer Sol­dat­en in gold­ner Rüstung.“ 

Am fol­gen­den Tage sprach der Alte: Gib mir zurück das Schw­ert; es hat jet­zt seinen Dienst getan und seine Kraft bewährt; mit den drei Zäu­men kannst du jet­zt ausziehen und die jüng­ste und schön­ste von den Königstöchtern dir erwer­ben!“ Das war dem Knaben ganz recht, und er schick­te sich zur Reise. Bevor er aber abzog, führte ihn der Alte in einen dun­klen Felsen; darin sprang ein Brun­nen hoch auf: Noch muß ich dein Haupt waschen!“ und benet­zte seine Haare mit der sprin­gen­den Flut, und als der Junge hin­aus in die Sonne trat, so waren sie lauter Gold und glänzten, daß es eine Freude war. Jet­zt kannst du ziehen; aber halte dein Haupt immer­fort bedeckt, daß nie­mand deine Haare sieht!“

Der Junge gelangte bald in die Königsstadt, ver­steck­te seine drei Zäume unter einem Baum und fragte am Hof, ob der König keinen Diener brauche. Nun fehlte ger­ade ein Küchen­junge, und so wurde er als solch­er in den Dienst genom­men; doch machte er die Bedin­gung, er solle seine Mütze nie abnehmen dür­fen, denn er habe einen bösen Grind. Er zeigte sich aber so geschickt, daß der Koch ihn sehr lieb gewann und zu aller­lei anstellte.

Der König hat­te drei wun­der­schöne Töchter; von diesen war aber die jüng­ste am aller­schön­sten. Da trug es sich zu, daß diese ein­mal erkrank­te und im Bette lag. Während der König und seine ältern Töchter in der Kirche waren, schick­te der Koch den Jun­gen mit Suppe zur kranken Königstochter. Da sah ihn diese genau an, sprach mit ihm, und es wurde ihr auf ein­mal so wohl, als sei sie gesund. Da nahte die Zeit, wo viele junge Grafen und Fürsten an den Hof kamen und um die Königstöchter war­ben; um die jüng­ste aber dreht­en sich die meis­ten, sie aber sah keinen mit geneigtem Blicke an. Ihre Schwest­ern reicht­en ihre Hand bald zwei Fürsten, und da drängte und beschwor sie ihr Vater, sie solle nun auch einen Fürsten nehmen, und als sie nicht mehr auswe­ichen kon­nte, sagte sie;

Den Küchen­jun­gen will ich nehmen, aber nie und nim­mer einen andern!“

Als das der König hörte, erschrak er so sehr, daß ihm eine Zeit­lang die Sprache verg­ing; dann aber fing er in seinem Zorne so heftig an zu wüten, daß er seine Tochter in Ban­den schla­gen und in einen Turm sper­ren ließ. Nicht lange darauf ward der König in einen Krieg ver­wick­elt; die bei­den Fürsten, seine Eidame, mußten ihm auch helfen und mit in den Kampf ziehen. Der Küchen­junge bat den Koch, er möge ihm erlauben, in die Nähe zu gehen, daß er sehe, wie es im Kriege sei. 

Der Koch gewährte ihm’s, denn er hat­te ihn sehr lieb. Nun ging der Knabe hin zu der Stelle, wo die Zäume waren, nahm den kupfer­nen her­vor und schüt­telte ihn. Da kamen eine Menge Krieger her­vor, so viele als Blät­ter sind im Wald, und alle glänzten in kupfern­er Rüs­tung, und vor dem Jun­gen stand gle­ich ein gesat­teltes Roß mit der Rüs­tung für ihn; die legte er schnell an, und im Hui ging es zur Schlacht. Der König und seine Schwiegersöhne waren aber geschla­gen wor­den und wandten sich schon zur Flucht; da stellte der Junge den Kampf wieder her, und bald war der Feind gän­zlich besiegt. Nun aber eilte der Junge, noch ehe der König ihm danken kon­nte, mit sein­er Schar von dan­nen, kam zum Baum gerit­ten, legte den Zaum in seine Stelle, und das ganze Heer war sogle­ich verschwunden.

Als der König und seine Leute heimkehrten, so erzählten sie Wun­der von dem Heere, das ihnen in der höch­sten Not zu Hil­fe geeilt, und von dessen Führer, und es war ihnen nur leid, daß er dann sogle­ich ver­schwun­den wäre. Der König mußte bald wieder in einen Krieg. Da zog der Küchen­junge aber­mals hin, nach­dem er dem Koch gesagt hat­te, er wolle aus der Ferne zuse­hen. Er ging aber zu der Stelle, wo die Zäume lagen und holte jet­zt den sil­ber­nen her­vor und schüt­telte ihn. Da kamen Sol­dat­en her­vor, unzäh­lige, der Erden schw­er, und alle glänzten in sil­bern­er Rüs­tung, und vor dem Jun­gen stand ein gesat­teltes Pferd mit der Rüs­tung für ihn; die legte er schnell an, und im Hui ging es zur Schlacht; der König war jet­zt schon geschla­gen und floh; da kehrte der Junge ihn und die Fliehen­den um, fing den Kampf von neuem an, und der Feind wurde niedergeschmettert. Der König wollte schnell zum jun­gen Helde­nan­führer hinan­re­it­en, um ihm zu danken; allein der war nach voll­brachter Tat mit seinen Scharen gle­ich fort; er ritt zu der Stelle, wo die Zäume waren, legte den sil­ber­nen hin, und sogle­ich war das Heer ver­schwun­den. Als der König und seine Leute heimkehrten, erzählten sie aber­mals Wun­der von dem stat­tlichen Helden und seinen Scharen in sil­bern­er Rüs­tung, und es war ihnen nur leid, daß sie ihm nicht nachgeeilt, um ihm zu danken und ihn kennenzulernen.

Nach einiger Zeit erhob sich aber­mals ein Feind, und das war der gewaltig­ste von allen; der König zog mit allen seinen Scharen ihm ent­ge­gen. Der Küchen­junge bat sich vom Koch wieder aus, hinzuge­hen, damit er sehe, wie es im Kriege sei; er kam aber zu der Stelle, wo die Zäume lagen, nahm jet­zt den gold­nen her­vor, schüt­telte ihn, und als­bald drängten sich unzäh­lige Sol­dat­en her­vor und wim­melten wie Scharen von Heuschreck­en, da wo sie sich nieder­lassen, und alle erglänzten in der gold­nen Rüs­tung, und vor dem Jun­gen stand ein gesat­teltes Roß mit der Rüs­tung für ihn; die legte er an und ließ jet­zt auch sein goldnes Haar unter dem Hut her­ab­wallen, und im Hui ging es zur Schlacht. Schon war der König aufs Haupt geschla­gen und sein Heer zer­sprengt in alle Winde; da rück­ten die Hil­f­ss­charen ein, grif­f­en den Feind an und ver­nichteten ihn ganz und gar. Der König wollte seinem Ret­ter danken, aber bis er sich recht umsah, war der auch schon wieder mit all seinen Scharen fort. Daheim nun ließ er ein großes Sieges­fest ver­anstal­ten, weil nun alle seine Feinde besiegt lagen. Es waren aber so viele Gäste, daß die Diener nicht hin­re­icht­en, ihnen aufzuwarten; da mußte der Koch den Küchen­jun­gen auch anstellen. Der König dachte eben an seine lieb­ste Tochter im Turm, und sein Herz war in der Freude ver­söhn­lich ges­timmt; er ließ ihr sagen, wenn sie sich jet­zt entschließe, einen Fürsten oder Grafen zum Gemahl zu nehmen, so wolle er sie wieder als sein liebes Kind aufnehmen; allein wie sehr auch die Arme im Turm Not litt, schon ein Jahr hat­te sie so ein­sam gelebt und nur Wass­er und Brot genossen, sie blieb dem treu, den sie in ihrem Herzen trug, und sprach: Nie und nim­mer einen andern als den Küchenjungen!“ 

Da fuhr der König in großem Zorn auf, und ger­ade jet­zt trat der Küchen­junge mit ein­er Schüs­sel Wild­bret zum König und hat­te die Mütze auf. Du Unver­schämter wagst es und dazu mit unent­blößtem Haupte vor meinem Angesicht zu erscheinen!“ Damit erhob er seine Hand und schlug ihm die Mütze vom Haupte, daß sie wei­thin in eine Ecke flog. Der Junge aber stand auf ein­mal da in aller Her­rlichkeit, und die Gold­flock­en fie­len ihm um das Haupt, und er glänzte wie die Sonne. Da erkan­nte der König gle­ich seinen Ret­ter, fiel vor ihm nieder und sprach: Verzei­hung!“ Der Junge hob ihn auf, und nun wurde die jüng­ste Königstochter mit Jubel aus dem dunkeln Turme in den Fest­saal gebracht, und das Sieges­fest wurde auch zum Hochzeits­fest, und es war große Freude.

Nach der Hochzeit zog der Junge mit der schö­nen Königstochter in den gold­nen Wald und nahm Besitz vom gold­nen Schloß; den kupfer­nen und sil­ber­nen Wald mit dem kupfer­nen und sil­ber­nen Schlosse schenk­te er seinen Schwägern. Den alten blind­en Mann aber suchte er vergebens, der war samt dem Häuschen ver­schwun­den, und er kon­nte sein Leb­tag nichts mehr von ihm erfahren.