Gevatterin Kröte

von Ludwig Bechstein

~5 Min

Ein feines Bauern­mäd­chen ging einst an einem Wei­her vorüber, da sah es am Rande eine große dicke Kröte sitzen, die guck­te so recht starr und häßlich. »Na – bei dir möcht‘ ich auch Gevat­ter ste­hen!« rief voll Abscheu das Mäd­chen. Da hob die Kröte den recht­en Vorder­fuß in die Höhe, als wenn sie einen Hand­schlag geben wollte. Dem Mägdlein gruselte und es eilte weiter.

Als abends die Jungfer in ihre Kam­mer trat, saß die Kröte kröten­bre­it mit­ten auf der Diele. Das Mäd­chen schrie. »Schreie nicht!« sprach die Kröte. »Hast du mir nicht ver­sprochen, bei mir Gevat­ter zu ste­hen? Ich nehme dich beim Worte! Folge mir, oder du erleb­st nicht den mor­gen­den Tag!«

In Tode­sangst fol­gte der voran­hüpfend­en Kröte das junge Mäd­chen, durchs Dorf, durch die Nacht, an den Wei­her; dort war im Schiff eine Öff­nung, eine Treppe führte hin­unter. Die Kröte hüpfte voran, das Mäd­chen fol­gte. Drun­ten ver­wan­delte sich die Kröte in eine schöne Frau und zeigte dem erstaunten Mäd­chen sein Patchen, ein nettes niedlich­es Nixenkind.

»Der Dienst soll dich nicht reuen!« sprach sie.

Und dann begann ein großes her­rlich­es Fest in den Räu­men der unterirdis­chen Wasser­welt, und das junge Mäd­chen wurde hoch geehrt und bedi­ent von den schön­sten Nix­en und herumge­führt in allen Grot­ten, die wie eit­el Eis und Sil­ber glänzten, und empf­ing endlich von ihrer Gevat­terin Kröte noch drei wun­der­bare Gaben, deren Besitz sie lebenslänglich glück­lich machte, denn sie wurde wohlbe­hal­ten wieder zurück­ge­führt, und hätte sie nicht mor­gens beim Erwachen die Gaben vorge­fun­den, so hätte sie geglaubt, es sei ihr alles nur im Traume begegnet.

In ihre Erin­nerung aber mis­chte sich dem Entzück­en doch auch ein geheimes Grauen, und nie in ihrem Leben ver­mochte sie es über sich brin­gen, wieder an jen­em Wei­her vorüberzugehen.