Fundevogel

von Brüder Grimm

~4 Min

Es war ein­mal ein Förster, der ging in den Wald auf die Jagd, und wie er in den Wald kam, hörte er schreien, als obs ein kleines Kind wäre. Er ging dem Schreien nach und kam endlich zu einem hohen Baum, und oben darauf sass ein kleines Kind. Es war aber die Mut­ter mit dem Kinde unter dem Baum eingeschlafen, und ein Raub­vo­gel hat­te das Kind in ihrem Schosse gese­hen: da war er hinzuge­flo­gen, hat­te es mit seinem Schn­abel weggenom­men und auf den hohen Baum gesetzt.

Der Förster stieg hin­auf, holte das Kind herunter und dachte du willst das Kind mit nach Haus nehmen und mit deinem Lenchen zusam­men aufziehn.‘ Er brachte es also heim, und die zwei Kinder wuch­sen miteinan­der auf. Das aber, das auf dem Baum gefun­den wor­den war, und weil es ein Vogel wegge­tra­gen hat­te, wurde Fun­de­vo­gel geheis­sen. Fun­de­vo­gel und Lenchen hat­ten sich so lieb, nein so lieb, dass, wenn eins das andere nicht sah, ward es traurig.

Der Förster hat­te aber eine alte Köchin, die nahm eines Abends zwei Eimer und fing an Wass­er zu schlep­pen, und ging nicht ein­mal, son­dern viele­mal hin­aus an den Brun­nen. Lenchen sah es und sprach hör ein­mal, alte Sanne‘ was trägst du denn so viel Wass­er zu?‘ Wenn dus keinem Men­schen wieder­sagen willst, so will ich dirs wohl sagen.‘ Da sagte Lenchen nein, sie wollte es keinem Men­schen wieder­sagen, so sprach die Köchin mor­gen früh, wenn der Förster auf die Jagd ist‘ da koche ich das Wass­er, und wenns im Kessel siedet, werfe ich den Fun­de­vo­gel nein, und will ihn darin kochen.‘

Des andern Mor­gens in aller Frühe stieg der Förster auf und ging auf die Jagd, und als er weg war, lagen die Kinder noch im Bett. Da sprach Lenchen zum Fun­de­vo­gel ver­lässt du mich nicht, so ver­lass ich dich auch nicht;‘ so sprach der Fun­de­vo­gel nun und nim­mer­mehr.‘ Da sprach Lenchen ich will es dir nur sagen, die alte Sanne schleppte gestern abend so viel Eimer Wass­er ins Haus, da fragte ich sie, warum sie das täte, so sagte sie, wenn ich es keinem Men­schen sagen wollte, so wollte sie es mir wohl sagen: sprach ich, ich wollte es gewiss keinem Men­schen sagen: da sagte sie, mor­gen früh, wenn der Vater auf die Jagd wäre, wollte sie den Kessel voll Wass­er sieden, dich hinein­wer­fen und kochen. Wir wollen aber geschwind auf­ste­hen, uns anziehen und zusam­men fortgehen.‘

Also standen die bei­den Kinder auf, zogen sich geschwind an und gin­gen fort. Wie nun das Wass­er im Kessel kochte, ging die Köchin in die Schlafkam­mer, wollte den Fun­de­vo­gel holen und ihn hinein­wer­fen. Aber als sie hineinkam und zu den Bet­ten trat, waren die Kinder alle bei­de fort: da wurde ihr grausam angst, und sie sprach vor sich was will ich nun sagen, wenn der Förster heim kommt und sieht, dass die Kinder weg sind? Geschwind hin­ten­nach, dass wir sie wiederkriegen.‘

Da schick­te die Köchin drei Knechte nach, die soll­ten laufen und die Kinder ein­fan­gen. Die Kinder aber sassen vor dem Wald, und als sie die drei Knechte von weit­em laufen sahen, sprach Lenchen zum Fun­de­vo­gel ver­lässt du mich nicht, so ver­lass ich dich auch nicht.‘ So sprach Fun­de­vo­gel nun und nim­mer­mehr.‘ Da sagte Lenchen werde du zum Rosen­stöckchen, und ich zum Röschen darauf.‘ Wie nun die drei Knechte vor den Wald kamen, so war nichts da als ein Rosen­strauch und ein Röschen oben drauf, die Kinder aber nir­gend. Da sprachen sie hier ist nichts zu machen,‘ und gin­gen heim und sagten der Köchin, sie hät­ten nichts in der Welt gese­hen als nur ein Rosen­stöckchen und ein Röschen oben darauf. Da schalt die alte Köchin ihr Ein­falt­spin­sel, ihr hät­tet das Rosen­stöckchen sollen entzweis­chnei­den und das Röschen abbrechen und mit nach Haus brin­gen, geschwind und tuts.‘ Sie mussten also zum zweit­en­mal hin­aus und suchen. Die Kinder sahen sie aber von weit­em kom­men, da sprach Lenchen Fun­de­vo­gel, ver­lässt du mich nicht, so ver­lass ich dich auch nicht.‘ Fun­de­vo­gel sagte nun und nim­mer­mehr.‘ Sprach Lenchen so werde du eine Kirche und ich die Kro­ne darin.‘ Wie nun die drei Knechte dahinkainen, war nichts da als eine Kirche und eine Kro­ne darin. Sie sprachen also zueinan­der was sollen wir hier machen, lasst uns nach Hause gehen.‘ Wie sie nach Haus kamen, fragte die Köchin, ob sie nichts gefun­den hät­ten: so sagten sie nein, sie hät­ten nichts gefun­den als eine Kirche, da wäre eine Kro­ne darin gewe­sen. Ihr Nar­ren,‘ schalt die Köchin, warum habt ihr nicht die Kirche zer­brochen und die Kro­ne mit heim gebracht?‘ Nun machte sich die alte Köchin selb­st auf die Beine und ging mit den drei Knecht­en den Kindern nach. Die Kinder sahen aber die drei Knechte von weit­em kom­men, und die Köchin wack­elte hin­ten­nach. Da sprach Lenchen Fun­de­vo­gel, ver­lässt du mich nicht, so ver­lass ich dich auch nicht.‘ Da sprach der Fun­de­vo­gel nun und nim­mer­mehr.‘ Sprach Lenchen werde zum Teich und ich die Ente drauf.‘ Die Köchin aber kam herzu, und als sie den Teich sah, legte sie sich drüber­hin und wollte ihn aus­saufen. Aber die Ente kam schnell geschwom­men, fasste sie mit ihrem Schn­abel beim Kopf und zog sie ins Wass­er hinein: da musste die alte Hexe ertrinken. Da gin­gen die Kinder zusam­men nach Haus und waren her­zlich froh; und wenn sie nicht gestor­ben sind, leben sie noch.