Frau Holle

von Brüder Grimm

~6 Min

Eine Witwe hat­te zwei Töchter, davon war die eine schön und fleis­sig, die andere hässlich und faul. Sie hat­te aber die hässliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere musste alle Arbeit tun und der Aschen­put­tel im Hause sein. Das arme Mäd­chen musste sich täglich auf die grosse Strasse bei einem Brun­nen set­zen und musste so viel spin­nen, dass ihm das Blut aus den Fin­gern sprang. 

Nun trug es sich zu, dass die Spule ein­mal ganz blutig war, da bück­te es sich damit in den Brun­nen und wollte sie abwaschen; sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stief­mut­ter und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, dass sie sprach: Hast du die Spule hin­un­ter­fall­en lassen, so hol sie auch wieder herauf.“ 

Da ging das Mäd­chen zu dem Brun­nen zurück und wusste nicht, was es anfan­gen sollte; und in sein­er Herzen­sangst sprang es in den Brun­nen hinein, um die Spule zu holen. Es ver­lor die Besin­nung, und als es erwachte und wieder zu sich sel­ber kam, war es auf ein­er schö­nen Wiese, wo die Sonne schien und vieltausend Blu­men standen. Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Back­ofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, son­st ver­brenn ich: ich bin schon längst aus­ge­back­en.“ Da trat es herzu und holte mit dem Brotsch­ieber alles nacheinan­der her­aus. Danach ging es weit­er und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel, und rief ihm zu: Ach, schüt­tel mich, schüt­tel mich, wir Äpfel sind alle miteinan­der reif.“ Da schüt­telte es den Baum, dass die Äpfel fie­len, als reg­neten sie, und schüt­telte, bis kein­er mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusam­men­gelegt hat­te, ging es wieder weiter. 

Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guck­te eine alte Frau, weil sie aber so grosse Zähne hat­te, ward ihm angst, und es wollte fort­laufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: Was fürcht­est du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir’s gut gehn. Du musst nur acht­geben, dass du mein Bett gut machst und es fleis­sig auf­schüt­telst, dass die Fed­ern fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.“ Weil die Alte ihm so gut zus­prach, so fasste sich das Mäd­chen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufrieden­heit und schüt­telte ihr das Bett immer gewaltig, auf dass die Fed­ern wie Schneeflock­en umher­flo­gen; dafür hat­te es auch ein gut Leben bei ihr, kein bös­es Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. 

Nun war es eine Zeit­lang bei der Frau Holle, da ward es trau­rig und wusste anfangs selb­st nicht, was ihm fehlte, endlich merk­te es, dass es Heimweh war; ob es ihm hier gle­ich vieltausend­mal bess­er ging als zu Haus, so hat­te es doch ein Ver­lan­gen dahin. Endlich sagte es zu ihr: Ich habe den Jam­mer nach Haus gekriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muss wieder hin­auf zu den Meini­gen.“ Die Frau Holle sagte: Es gefällt mir, dass du wieder nach Haus ver­langst, und weil du mir so treu gedi­ent hast, so will ich dich selb­st wieder hin­auf­brin­gen.“ Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein gross­es Tor. Das Tor ward aufge­tan, und wie das Mäd­chen ger­ade darunter stand, fiel ein gewaltiger Gol­dregen, und alles Gold blieb an ihm hän­gen, so dass es über und über davon bedeckt war. Das sollst du haben, weil du so fleis­sig gewe­sen bist,“ sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brun­nen gefall­en war. Darauf ward das Tor ver­schlossen, und das Mäd­chen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von sein­er Mut­ter Haus; und als es in den Hof kam, sass der Hahn auf dem Brun­nen und rief: 

Kik­eri­ki,
Unsere gold­ene Jungfrau ist wieder hie.“

Da ging es hinein zu sein­er Mut­ter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es von ihr und der Schwest­er gut aufgenommen.

Das Mäd­chen erzählte alles, was ihm begeg­net war, und als die Mut­ter hörte, wie es zu dem grossen Reich­tum gekom­men war, wollte sie der andern, hässlichen und faulen Tochter gerne das­selbe Glück ver­schaf­fen. Sie musste sich an den Brun­nen set­zen und spin­nen; und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Fin­ger und stiess sich die Hand in die Dorn­hecke. Dann warf sie die Spule in den Brun­nen und sprang sel­ber hinein. Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und ging auf dem­sel­ben Pfade weiter. 

Als sie zu dem Back­ofen gelangte, schrie das Brot wieder: Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, son­st ver­brenn ich, ich bin schon längst aus­ge­back­en.“ Die Faule aber antwortete: Da hätt ich Lust, mich schmutzig zu machen,“ und ging fort. Bald kam sie zu dem Apfel­baum, der rief: Ach, schüt­tel mich, schüt­tel mich, wir Äpfel sind alle miteinan­der reif.“ Sie antwortete aber: Du kommst mir recht, es kön­nte mir ein­er auf den Kopf fall­en,“ und ging damit weit­er. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren grossen Zäh­nen schon gehört hat­te, und verd­ingte sich gle­ich zu ihr. 

Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an, war fleis­sig und fol­gte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde; am zweit­en Tag aber fing sie schon an zu faulen­zen, am drit­ten noch mehr, da wollte sie mor­gens gar nicht auf­ste­hen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie sich’s gebührte, und schüt­telte es nicht, dass die Fed­ern auf­flo­gen. Das ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war das wohl zufrieden und meinte, nun würde der Gol­dregen kom­men; die Frau Holle führte sie auch zu dem Tor, als sie aber darun­ter­stand, ward statt des Goldes ein gross­er Kessel voll Pech aus­geschüt­tet. Das ist zur Beloh­nung dein­er Dien­ste,“ sagte die Frau Holle und schloss das Tor zu. Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brun­nen, als er sie sah, rief: 

Kik­eri­ki,
Unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.“

Das Pech aber blieb fest an ihr hän­gen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen.