Fitchers Vogel

von Brüder Grimm

~6 Min

Es war ein­mal ein Hex­en­meis­ter, der nahm die Gestalt eines armen Mannes an, ging vor die Häuser und bet­telte und fing die schö­nen Mäd­chen. Kein Men­sch wusste, wo er sie hin­brachte, denn sie kamen nie wieder zum Vorschein. Nun trat er auch ein­mal vor die Thüre eines Mannes, der drei schöne Töchter hat­te, sah aus wie ein armer schwach­er Bet­tler und trug eine Kötze auf dem Rück­en, als wollte er milde Gaben darin sam­meln. Er bat um ein bis­chen Essen, und als die älteste her­auskam und ihm ein Stück Brot reichen wollte, rührte er sie nur an, und sie musste in seine Kötze sprin­gen. Darauf eilte er mit starken Schrit­ten fort und trug sie in einen fin­stern Wald zu seinem Haus, das mit­ten darin stand. In dem Haus war alles prächtig: er gab ihr, was sie nur wün­schte und sprach: Mein Schatz, es wird dir wohl gefall­en bei mir, denn du hast alles, was dein Herz begehrt.“ Das dauerte ein paar Tage, da sagte er: Ich muss fortreisen und dich eine kurze Zeit allein lassen, da sind die Hauss­chlüs­sel: du kannst über­all hinge­hen und alles betra­cht­en, nur nicht in eine Stube, die dieser kleine Schlüs­sel da auf­schliesst, das ver­bi­et ich dir bei Lebensstrafe.“ Auch gab er ihr ein Ei und sprach: Das Ei ver­wahre mir sorgfältig und trag es lieber beständig bei dir, denn gien­ge es ver­loren, so würde ein gross­es Unglück daraus entste­hen.“ Sie nahm die Schlüs­sel und das Ei, und ver­sprach alles wohl auszuricht­en. Als er fort war, gieng sie in dem Haus herum von unten bis oben und besah alles: die Stuben glänzten von Sil­ber und Gold und sie meinte, sie hätte nie so grosse Pracht gese­hen. Endlich kam sie auch zu der ver­bote­nen Thür, sie wollte vorüber gehen, aber die Neugierde liess ihr keine Ruhe. Sie besah den Schlüs­sel, er sah aus wie ein ander­er, sie steck­te ihn ein und drehte ein wenig, da sprang die Thür auf. Aber was erblick­te sie, als sie hinein trat: ein gross­es blutiges Beck­en stand in der Mitte, und darin lagen todte zer­hauene Men­schen: daneben stand ein Holzblock und ein blink­endes Beil lag darauf. Sie erschrak so sehr, dass das Ei, das sie in der Hand hielt, hinein­plumpte. Sie holte es wieder her­aus und wis­chte das Blut ab, aber verge­blich, es kam den Augen­blick wieder zum Vorschein, sie wis­chte und sch­abte, aber sie kon­nte es nicht herunterkriegen.

Nicht lange, so kam der Mann von der Reise zurück, und das erste, was er forderte, war der Schlüs­sel und das Ei. Sie reichte es ihm hin, aber sie zit­terte dabei, und er sah gle­ich an den rothen Fleck­en, dass sie in der Blutkam­mer gewe­sen war. Bist du gegen meinen Willen in die Kam­mer gegan­gen,“ sprach er, so sollst du jet­zt gegen deinen Willen wieder hinein. Dein Leben ist zu Ende.“ Er warf sie nieder, schleifte sie an den Haaren hin, schlug ihr das Haupt auf dem Block ab und zer­hack­te sie, dass ihr rothes Blut auf dem Boden dahin floss. Dann warf er sie zu den übri­gen ins Becken.

Jet­zt will ich mir die zweite holen,“ sprach der Hex­en­meis­ter, gieng wieder in Gestalt eines armen Mannes vor das Haus und bet­telte. Da brachte ihm die zweite ein Stück Brot, und er fieng sie wie die erste durch ein bloss­es Anrühren und trug sie fort. Es ergieng ihr nicht bess­er als ihrer Schwest­er, sie liess sich von ihrer Neugierde ver­leit­en, öffnete die Blutkam­mer und musste es bei sein­er Rück­kehr mit dem Leben büssen. Er gieng nun und holte die dritte. Die aber war klug und listig. Als er ihr Schlüs­sel und Ei gegeben hat­te und fort­gereist war, ver­wahrte sie das Ei erst sorgfältig, dann besah sie das Haus und gieng zulet­zt in die ver­botene Kam­mer. Ach, was erblick­te sie! ihre bei­den lieben Schwest­ern lagen, jäm­mer­lich ermordet, in dem Beck­en. Aber sie hub an und suchte die Glieder zusam­men und legte sie zurecht, Kopf, Leib, Arm und Beine. Und als nichts mehr fehlte, da fien­gen die Glieder an sich zu regen und schlossen sich aneinan­der: und bei­de Mäd­chen öffneten die Augen und waren wieder lebendig. Wie freueten sie sich, küssten und herzten einan­der! Dann führte sie die bei­den her­aus und ver­steck­te sie. Der Mann forderte bei sein­er Ankun­ft Schlüs­sel und Ei und als er keine Spur von Blut daran ent­deck­en kon­nte, sprach er: Du hast die Probe bestanden, du sollst meine Braut sein.“ Er hat­te aber jet­zt keine Macht mehr über sie und musste thun, was sie ver­langte. Wohlan,“ antwortete sie, du sollst vorher einen Korb voll Gold meinem Vater und mein­er Mut­ter brin­gen und selb­st auf deinem Rück­en hin­tra­gen, dieweil will ich die Hochzeit hier bestellen.“ Darauf gieng sie in ihr Käm­mer­lein, wo sie ihre Schwest­ern ver­steckt hat­te. Jet­zt,“ sprach sie, ist der Augen­blick gekom­men, wo ich euch ret­ten kann, der Bösewicht soll euch selb­st wieder heim­tra­gen: aber sobald ihr zu Hause seid, lasst mir Hil­fe zukom­men.“ Dann set­zte sie bei­de in einen Korb und deck­te sie mit Gold ganz zu, dass nichts von ihnen zu sehen war, und rief den Hex­en­meis­ter here­in und sprach: Nun trag den Korb fort, aber dass du mir unter­wegs nicht ste­hen bleib­st und ruh­est, ich schaue durch mein Fen­ster­lein und habe acht.“

Der Hex­en­meis­ter hob den Korb auf seinen Rück­en und gieng damit fort, er ward ihm aber so schw­er, dass ihm der Schweiss über das Angesicht lief und er fürchtete todtge­drückt zu wer­den. Da set­zte er sich nieder und wollte ein wenig ruhen, aber gle­ich rief eine im Korbe: Ich schaue durch mein Fen­ster­lein und sehe, dass du ruhst, willst du weit­er.“ Er meinte, die Braut rief ihm das zu und machte sich wieder auf. Nochmals wollte er sich set­zen, da rief es aber­mals ich schaue durch mein Fen­ster­lein und sehe, dass du ruhst, willst du gle­ich weit­er.“ Und so oft er still­stand, rief es, und da musste er fort, bis er endlich ganz auss­er Ath­em den Korb mit dem Gold und den bei­den Mäd­chen in ihrer Eltern Haus brachte.

Daheim aber ord­nete die Braut das Hochzeits­fest an. Sie nahm einen Todtenkopf mit grin­senden Zäh­nen und set­zte ihm einen Schmuck auf und trug ihn oben vors Boden­loch und liess ihn da her­auss­chauen. Dann ladete sie die Fre­unde des Hex­en­meis­ters zum Fest ein, und wie das geschehen war, steck­te sie sich in ein Fass mit Honig, schnitt das Bett auf und wälzte sich darin, dass sie aus­sah wie ein wun­der­lich­er Vogel und kein Men­sch sie erken­nen kon­nte. Da gieng sie zum Haus hin­aus, und unter­wegs begeg­nete ihr ein Theil der Hochzeits­gäste, die fragten: 

Du Fitch­ers Vogel, wo kommst du her?“
Ich komme von Fitze Fitch­ers Hause her.“
Was macht denn da die junge Braut?“
Hat gekehrt von unten bis oben das Haus
und guckt zum Boden­loch heraus.“

Endlich begeg­nete ihr der Bräutigam, der langsam zurück­wan­derte. Er fragte wie die andern: 

Du Fitch­ers Vogel, wo kommst du her?“
Ich komme von Fitze Fitch­ers Hause her.“
Was macht denn da meine junge Braut?“
Hat gekehrt von unten bis oben das Haus 
und guckt zum Boden­loch heraus.“

Der Bräutigam schaute hin­auf und sah den geputzten Todtenkopf: da meinte er, es wäre seine Braut und nick­te ihr zu und grüsste sie fre­undlich. Wie er aber sammt seinen Gästen ins Haus gegan­gen war, da kam die Hil­fe von den Schwest­ern an. Sie schlossen alle Thüren des Haus­es zu, dass nie­mand ent­fliehen kon­nte, und steck­ten es an, dass der Hex­en­meis­ter mit­samt seinem Gesin­del verbrannte.