Etwas

von Johann Wilhelm Wolf

~13 Min

Ich will etwas sein“, sagte der älteste von fünf Brüdern, ich will etwas nützen in de Welt; mag es eine noch so geringe Stel­lung sein, wenn nur das, was ich aus­richte, etwas Gutes ist, dann ist es in der Tat etwas. Ich will Ziegel­steine machen, die sind nicht zu ent­behren, und ich habe wirk­lich etwas gemacht!“

Aber etwas gar zuwenig!“ sprach der zweite Brud­er. Das, was du tun willst, ist so gut wie gar nichts, das ist Hand­langer­ar­beit und kann durch eine Mas­chine aus­ge­führt wer­den. Nein, dann lieber Mau­r­er sein, das ist doch etwas, das will ich sein. Das ist ein Stand! Durch den wird man in die Zun­ft aufgenom­men, wird Bürg­er, bekommt seine eigene Fahne, seine Her­berge; ja, wenn alles gut geht, kann ich Gesellen hal­ten, werde ich Meis­ter, und meine Frau wird Frau Meis­terin heißen; das ist doch etwas!“

Das ist gar nichts“, sagte der dritte, das ist doch außer­halb der eigentlichen Stände, und es gibt viele in ein­er Stadt, die weit über einen Handw­erksmeis­ter ste­hen. Du kannst ein braver Mann sein, allein du gehörst als Meis­ter“ doch nur zu denen, die man den gemeinen“ Mann nen­nt, nein, da weiß ich etwas Besseres! Ich will Baumeis­ter erden, will mich auf das Gebi­et der Kun­st, auf das des Denkens begeben, will zu den Höher­ste­hen­den im Reiche des Geistes zählen. Zwar muß ich von der Pike auf dienen, je, daß ich es ger­ade­heraus sage: ich muß als Zim­mer­lehrling anfan­gen, muß als Bursche mit der Mütze ein­herge­hen, obgle­ich ich daran gewöh­nt bin, einen sei­de­nen Hut zu tra­gen, muß den gewöhn­lichen Gesellen Schnaps und Bier holen, und diese wer­den mich du“ nen­nen, das ist belei­di­gend! Aber ich werde mir ein­bilden, daß das Ganze ein Mum­men­schanz, daß es Nar­ren­frei­heit ist! Mor­gen – das heißt, wenn ich Geselle bin, gehe ich meinen eige­nen Weg, die andern gehen mich nichts an! Ich gehe auf die Akademie, bekomme Zeiche­nun­ter­richt und heiße Architekt! Das ist etwas, das ist viel! Ich kann Wohl‑, ja Hochwohlge­boren wer­den, ja, gar noch etwas mehr bekom­men vorn und hin­ten, und ich baue, ganz wie die andern vor mir gebaut. Das ist immer etwas, worauf man eben bauen kann! Das Ganze ist etwas!“

Ich aber mache mir aus diesem Etwas gar nichts“, sprach der vierte, ich will nicht im Kiel­wass­er ander­er segeln, nicht eine Kopie wer­den; ich will ein Genie wer­den, will tüchtiger daste­hen als ihr alle miteinan­der! Ich werde der Schöpfer eines neuen Stils, ich gebe die Idee zu einem Gebäude, passend für das Kli­ma und das Mate­r­i­al des Lan­des, für die Nation­al­ität des Volkes, für die Entwick­lung des Zeital­ters, und gebe außer­dem noch ein Stock­w­erk zu für mein eigenes Genie!“

Wenn nun aber das Kli­ma und das Mate­r­i­al nichts tau­gen“, sagte der fün­fte, das wäre unan­genehmem, denn die üben ihren Ein­fluß aus! Die Nation­al­ität kann auch der­maßen über­trieben wer­den, daß sie affek­tiert wird, die Entwick­lung des Zeital­ters kann mit dir durchge­hen. Ich sehe es schon kom­men, daß kein­er von euch eigentlich etwas wer­den wird, wie sehr ihr es auch sel­ber glaubt! Aber tut, was ihr wollt, ich werde euch nicht ähn­lich sein, ich stelle mich außer­halb der Dinge, ich will über das räsonieren, was ihr aus­richtet! An jed­er Sache klebt etwas, das nicht richtig ist, etwas Verkehrtes, das werde ich her­austüfteln und besprechen, das ist etwas!“

Und das tat er dann auch, und die Leute sagten von dem fün­ften: An dem ist bes­timmt etwas! Er ist ein kluger Kopf! Aber er tut nichts!“ Doch ger­ade dadurch war er etwas!

Seht, das ist nur eine kleine Geschichte, und doch hat sie kein Ende, solange die Welt steht!

Aber wurde denn weit­er nichts aus den fünf Brüdern? Das war ja nichts und nicht etwas!

Hören wir weit­er, es ist ein ganzes Märchen.

Der älteste Brud­er, der Ziegel­steine fab­rizierte, wurde bald inne, daß von jedem Ziegel, wenn er fer­tig war, eine kleine Münze, wenn auch nur von Kupfer, abfiel; doch viele Kupferpfen­nige, aufeinan­dergelegt, machen einen blanken Taler, und wo man mit so einem anklopft, sei es beim Bäck­er, beim Schlachter, Schnei­der, ja bei allen, dort fliegt die Tür auf, und man bekommt, was man braucht; seht, das wer­fen die Ziegel ab; einige zer­bröck­el­ten zwar oder sprangen entzwei, aber selb­st die kon­nte man brauchen.

Auf dem hohen Erd­wall, dem schützen­den Deich an der Meeresküste, wollte Mar­garethe, die arme Frau, sich ein Häuschen bauen; sie bekam all die zer­bröck­el­ten Ziegel und dazu noch einige ganz denn ein gutes Herz hat­te der älteste Brud­er, wenn er es auch in der Tat nicht weit­er­brachte, als Ziegel­steine anzufer­ti­gen. Die arme Frau baute selb­st ihr Häuschen; es war schmal und eng, das eine Fen­ster saß ganz schief, die Tür war zu niedrig, und das Stro­hdach hätte bess­er gelegt wer­den kön­nen, aber Schutz bot es immer­hin, und weit über das Meer, das sich mit Gewalt am Wall brach, kon­nte man von dem Häuschen hin­auss­chauen; die salzi­gen Wogen spritzten ihren Schaum über das ganze Haus, das noch das­tand, als der, der die Mauer­steine dazu fab­riziert hat­te, schon tot und begraben war.

Der zweite Brud­er, ja der ver­stand nun das Mauern bess­er, war er doch auch dazu angel­ernt. Als er die Gesel­len­prü­fung bestanden hat­te, schnürte er seinen Ranzen und stimmte das Lied des Handw­erk­ers an:

Weil ich jung bin, will ich wan­dern,
draußen will ich Häuser baun,
ziehen von einem Ort zum andern;
Jugendsinn gibt mir Ver­trauen.
Und kehr ich heim ins Vater­land,
wo mein die Lieb­st har­rt!
Hur­ra, der brave Handw­erks­stand!
Wie bald ich Meis­ter ward!

Und das war er dann auch. Als er zurück­gekehrt und Meis­ter gewor­den war, baute er in der Stadt ein Haus neben dem andern, eine ganze Straße, und als die Straße vol­len­det war, sich gut aus­nahm und der Stadt zur Zierde gere­ichte, baut­en die Häuschen ihm wieder ein Haus, das sein Eigen­tum sein sollte. Doch wie kön­nen die Häuser wohl bauen? Frage sie, und sie wer­den dir die Antwort schuldig bleiben; aber die Leute antworten und sagen: Allerd­ings hat ihm die Straße sein Haus gebaut!“ Klein war es und der Fuß­bo­den war mit Lehm belegt, aber als er mit sein­er Braut über den Lehm­bo­den dahin­tanzte, da wurde dieser blank wie poliert, und aus jedem Stein in der Wand sprang eine Blume her­vor und schmück­te das Zim­mer wie die kost­barste Tapete. Es war ein hüb­sches Haus und ein glück­lich­es Ehep­aar. Die Fahne der Innung flat­terte vor dem Hause, Gesellen und Lehrburschen schrieen: Hur­ra!“ Ja, war der etwas! Und dann starb er, das war auch etwas!

Nun kam der Architekt, der dritte Brud­er, der erst Zim­mer­mannslehrling gewe­sen und mit der Mütze gegan­gen war und den Lauf­burschen gemacht hat­te, aber von der Akademie bis zum Baumeis­ter aufgestiegen war, Hoch- und Wohlge­borner Herr!“ Ja, hat­ten die Häuser der Straße den Brud­er, der Mau­r­ermeis­ter gewe­sen war, ein Haus gebaut, so erhielt nun die Straße seinen, des Architek­ten Namen, und das schön­ste Haus der Straße wurde sein Eigen­tum; das war etwas, und er war etwas – und das mit einem lan­gen Titel vorn und hin­ten. Seine Kinder hieß man vornehme“ Kinder, und als er starb, war seine Witwe eine Witwe von Stand“ – das ist etwas! Und sein Name blieb für immer an der Straße­necke geschrieben und lebte in aller Munde als Straßen­name – ja, das ist etwas!

Darauf kam das Genie, der vierte Brud­er, der etwas Neues, etwas Apartes und noch ein Stock­w­erk darüber erfind­en wollte, aber das fiel herunter, und er selb­st fiel auch herunter und brach sich das Genick – allein er bekam ein schönes Begräb­nis mit Zun­ft­fah­nen und Musik, Blu­men in der Zeitung und auf der Straße über das Pflaster hin, und man hielt ihm drei Leichenre­den, eine länger als die andere, und das hätte ihn sehr erfreut, denn er hat­te es sehr gern, wenn von ihm gere­det wurde; auch ein Mon­u­ment wurde ihm auf seinem Grab errichtet, zwar nur ein Stock­w­erk hoch, aber das ist immer­hin etwas!

Er war nun gestor­ben wie die drei anderen Brüder; der let­zte aber, der, welch­er räsonierte, über­lebte sie alle, und das war ja eben richtig so, wie es sein sollte, denn dadurch hat­te er ja das let­zte Wort, und ihm war es von großer Wichtigkeit, das let­zte Wort zu haben. War er doch ein kluger Kopf, wie die Leute sagten. Endlich schlug aber auch seine Stunde, er starb und kam an die Pforten des Him­mels. Dort treten stets je zwei her­an; er stand da mit ein­er anderen Seele, die auch gern hinein­wollte, und das war ger­ade die alte Frau Mar­garethe aus dem Haus auf dem Deich.

Das geschieht wohl des Kon­trastes hal­ber, daß ich und diese elende Seele hier zu gle­ich­er Zeit antreten müssen!“ sprach der Räsoneur. Nur, wer ist Sie, Frauchen? Will Sie auch hier hinein?“ fragte er.

Und die alte Frau verneigte sich, so gut sie es ver­mochte, sie glaubte, es sei Sankt Petrus sel­ber, der zu ihr sprach. Ich bin eine alte, arme Frau ohne alle Fam­i­lie, bin die alte Mar­garethe aus dem Haus auf dem Deich.“

Nun, was hat Sie getan, was hat Sie aus­gerichtet dort unten?“

Ich habe wahrschein­lich gar nichts in dieser Welt aus­gerichtet! Nichts, wodurch mir kön­nte aufgeschlossen wer­den! Es ist wahre Gnade, wenn man erlaubt, daß ich durchs Tor hineinschlüpfe!“

Auf welche Weise hat Sie diese Welt ver­lassen?“ fragte er weit­er, um doch von etwas zu reden, da es ihm Langeweile machte, dort zu ste­hen und zu warten.

Ja, wie ich sie ver­lassen habe, das weiß ich nicht! Krank und elend war ich ja während der let­zten Jahre, und ich habe es wohl nicht ver­ra­gen kön­nen, aus dem Bett zu kriechen und in Frost und Kälte so plöt­zlich hin­auszukom­men. Es war ein har­ter Win­ter, doch jet­zt habe ich ihn ja über­standen. Es war einige Tage ganz stilles Wet­ter, aber sehr kalt, wie Euer Ehrwür­den ja selb­st wis­sen, die Eis­decke ging so weit ins Meer hin­aus, als man nur schauen kon­nte; alle Leute aus der Stadt spazierten aufs Eis hin­aus, dort war, wie sie sagten, Schlittschuh­laufen und Tanz, glaube ich, große Musik und Bewirtung war auch da; die Musik schallte in mein ärm­lich­es Stübchen hinein, wo ich lag. Und dann war es so gegen Abend, der Mond war schön aufge­gan­gen, aber noch nicht in seinem vollen Glanze, ich blick­te von meinem Bett über das ganze weite Meer hin­aus, und dort draußen, grade am Rande zwis­chen Him­mel und Meer, tauchte eine wun­der­liche Wolke empor; ich lag da und sah die Wolke an, ich sah auch das schwarze Pünk­tchen inmit­ten der Wolke, das immer größer und größer wurde, und da wußte ich, was das zu bedeuten hat­te; ich bin alt und erfahren, obwohl man das Zeichen nicht oft sieht. Ich kan­nte es, und ein Grausen überkam mich. Habe ich doch zweimal früher bei Lebzeit­en das Ding kom­men sehen, und wußte ich doch, daß es einen entset­zlichen Sturm mit Springflut geben würde, die über die armen Men­schen draußen käme, die jet­zt tranken, umher­sprangen und jubilierten; jung und alt, die ganze Stadt war ja draußen; wer sollte sie war­nen, wenn nie­mand dort das sah und zu deuten wußte, was ich wohl kan­nte. Mir wurde ganz angst, ich wurde so lebendig wie seit langer Zeit nicht mehr. Aus dem Bett her­aus kam ich zum Fen­ster hin, weit­er kon­nte ich mich vor Mat­tigkeit nicht schlep­pen. Es gelang mir aber doch, das Fen­ster zu öff­nen; ich sah die Men­schen draußen auf dem Eis laufen und sprin­gen, ich sah auch die schö­nen Flaggen, die im Winde weht­en, ich hörte die Knaben Hur­ra schreien, Knechte und Mägde san­gen, es ging fröh­lich her, aber – die weiße Wolke mit dem schwarzen Punkt! Ich rief, so laut ich kon­nte, aber nie­mand hörte mich; ich war zu weit weg von den Leuten ent­fer­nt. Bald mußte das Unwet­ter los­brechen, das Eis platzen und alles, was draußen war, ohne Ret­tung ver­loren sein. Mich hören kon­nten sie nicht, zu ihnen hin­auskom­men kon­nte ich nicht; oh, kön­nte ich sie doch an Land führen! Da gab der gute Gott mir den Gedanken, mein Bett anzuzün­den, lieber das Haus niederzubren­nen, als daß die Vie­len so jäm­mer­lich umkom­men soll­ten. Es gelang mir, ein Licht anzuzün­den; die rote Flamme loderte hoch empor – ja, ich entkam glück­lich durch die Tür, aber davor blieb ich liegen, ich kon­nte nicht weit­er; die Flamme leck­te nach mir her­aus, flack­erte aus den Fen­stern, loderte hoch aus dem Dach empor; die Men­schen alle draußen auf dem Eis wur­den sie gewahr, und alle liefen sie, was sie kon­nten, um ein­er Armen zu Hil­fe zu eilen, die sie lebendig ver­bren­nen wäh­n­ten; nicht ein­er war da, der nicht lief; ich hörte sie kom­men, aber ich ver­nahm auch, wie es mit einem­mal in der Luft brauste, ich hörte es dröh­nen wie schwere Kanonen­schüsse; die Springflut hob die Eis­decke, die in tausend Stücke zer­schellte; aber die Leute erre­icht­en den Damm, wo die Funken über mir dahin­flo­gen; ich ret­tete sie alle! Doch ich habe wohl die Kälte nicht ver­tra­gen kön­nen und auch nicht den Schreck­en, und so bin ich nun hier her­auf an das Tor des Him­mels gekom­men; man sagt ja, es wird auch so einem armen Men­schen, wie ich es bin, aufge­tan, und jet­zt habe ich ja kein Haus mehr auf dem Deich, doch das gibt mir wohl noch keinen Ein­tritt hier!“

Da öffnete sich des Him­mels Pforte, und der Engel führte die alte Frau hinein; sie ver­lor einen Stro­halm draußen, einen der Stro­hhalme, die in ihrem Lager gewe­sen waren, als sie es anzün­dete, um die vie­len zu ret­ten, und das hat­te sich in das rein­ste Gold ver­wan­delt, und zwar in Gold, das wuchs und sich in den schön­sten Blu­men und Blät­tern emporrankte.

Sieh, das brachte die arme Frau!“ sagte der Engel. Was bringst du? Ja, ich weiß es wohl, daß du nichts aus­gerichtet hast, nicht ein­mal einen Ziegel­stein hast du gemacht; wenn du nur wieder zurück­ge­hen und es wenig­stens so weit brin­gen kön­ntest; wahrschein­lich würde der Stein, wenn du ihn gemacht hättest, nicht viel wert sein, doch mit gutem Willen gemacht, wäre es doch immer­hin etwas; aber du kannst nicht zurück, und ich kann nichts für dich tun!“

Da legte die arme Seele, das Müt­terchen aus dem Haus auf dem Deich, ein gutes Wort für ihn ein: Sein Brud­er hat mir die Ziegel­steine und Brock­en geschenkt, aus denen ich mein arm­seliges Haus zusam­menge­baut habe, und das war sehr viel für mich Arme! Kön­nten nun nicht all die Brock­en und ganzen Ziegel­steine als ein Ziegel­stein für ihn gel­ten? Es ist ein Akt der Gnade gewe­sen. Er ist ihrer jet­zt bedürftig, und hier ist ja der Urquell der Gnade!“

Dein Brud­er, der, den du den Ger­ing­sten nan­ntest“, sagte der Engel, der, dessen ehrlich­es Tun dir am niedrig­sten erschien, schenkt dir seine Him­mels­gabe. Du sollst nicht abgewiesen wer­den, es soll dir erlaubt sein, hier draußen zu ste­hen und nachzusin­nen und deinem Leben dort unten aufzuhelfen, aber hinein gelangst du nicht, bevor du nicht in guter Tat – etwas aus­gerichtet hast!“

Das hätte ich bess­er sagen kön­nen“, dachte der Räsoneur, aber er sprach es nicht laut aus, und das war wohl schon Etwas“.