Elfenhügel

von Johann Wilhelm Wolf

~12 Min

Elfen­hügel

Da schlüpften so flink einige Eidech­sen in den Spal­ten eines alten Baumes umher; sie kon­nten einan­der gut ver­ste­hen, denn sie sprachen die Eidechsensprache.

Nein, wie es poltert und brummt in dem alten Elfen­hügel“ sagte die eine Eidechse, ich habe vor dem Spek­takel nun schon zwei Nächte lang kein Auge zuge­tan, eben­sogut kön­nte ich liegen und Zahn­schmerzen haben, denn dann schlafe ich auch nicht.“

Da muß irgen­det­was los sein drin­nen!“ sagte die andere Eidechse, den Hügel lassen sie auf vier roten Pfählen bis zum ersten Hah­nen­schrei ste­hen, es wird gründlich aus­gelüftet, und die Elfen­mäd­chen haben neue Tänze eingeübt. Da muß irgend etwas los sein.“

Ja, ich habe mit einem Regen­wurm aus meinem Bekan­ntenkreise gesprochen,“ sagte die dritte Eidechse, der Regen­wurm kam ger­ade aus dem Hügel her­aus, wo er Tag und Nacht in der Erde gewühlt hat­te. Der hat­te aller­lei gehört, sehen kann es ja nicht, das arme Tier, aber vor­fühlen und nach­hören, das ver­ste­ht er. Sie erwarten Besuch im Elfen­hügel, vornehmen Besuch, aber wen, das wollte der Regen­wurm nicht sagen, oder er wußte es vielle­icht selb­st nicht. Alle Irrlichter sind zu einem Fack­elzug, wie man es nen­nt, befohlen, und das Sil­ber und Gold, wovon es genug im Hügel gibt, wird poliert und in den Mond­schein hinausgestellt!“

Wer mögen nur die Frem­den sein?“ sagten alle Eidech­sen. Was mag nur los sein? Hört, wie es summt! Hört, wie es brummt!“

Da öffnete sich der Elfen­hügel und ein altes Elfen­mäd­chen kam trip­pel­nd her­aus. Ihr Rück­en war bloß, aber son­st war sie sehr anständig ange­zo­gen. Es war des alten Elfenkönigs Haushäl­terin, eine ent­fer­nte Ver­wandte, die ein Bern­stein­herz auf der Stirn trug. Sie set­zte die Beinchen so flink, tripp, tripp! Potz­tausend, wie sie trip­peln kon­nte und zwar ging es hin­unter ins Moor zum Nachtraben.

Sie wer­den zum Elfen­hügel ein­ge­laden für diese Nacht!“ sagte sie, aber wollen Sie uns nicht zuvor einen großen Dienst erweisen und die Ein­ladun­gen übernehmen? Sie müssen auch etwas tun, da sie selb­st kein Haus machen! Es kom­men einige hochvornehme Fremde aus dem Trollgeschlecht, die viel zu sagen haben, und deshalb will der alte Elfenkönig sich zeigen.

Wer soll ein­ge­laden wer­den?“ fragte der Nachtrabe.

Ja, zum großen Ball kann jed­er­mann kom­men, selb­st Men­schen, wenn sie im Schlafe sprechen oder irgend etwas an sich haben, was in unsere Art schlägt. Aber bei dem vorherge­hen­den Fest muß strenge Auswahl herrschen, wir wollen nur die Aller­vornehm­sten dabei haben. Ich habe mich schon mit dem Elfenkönig gezankt, denn ich meinte, wir kön­nten nicht ein­mal die Gespen­ster zulassen. Der Wassernix und seine Töchter müssen zuerst ein­ge­laden wer­den, sie find­en zwar nicht viel Spaß daran, auf das Trock­ene zu kom­men, aber sie sollen min­destens jed­er einen nassen Stein zum sitzen bere­it­gestellt find­en, wenn nicht sog­ar etwas Besseres, da hoffe ich denn, daß sie dieses Mal nicht absagen wer­den. Alle alten Trolle erster Klasse mit Schwanz, alle Nix­en und Wichtelmän­nchen müssen wir haben, und dann denke ich, kön­nen wir den Wer­wolf, das Höl­lenpferd und die Kirchen­wich­tel nicht gut überge­hen; eigentlich gehören sie ja zur Geistlichkeit, die nicht mit zu unseren Leuten zählt, aber das ist nun ein­mal ihr Amt; sie gehören immer­hin zur näheren Fam­i­lie und machen uns ständig Besuche.“

Bra!“ sagte der Nach­trabe und flog von dan­nen, um einzuladen.

Die Elfen­mäd­chen tanzten schon auf dem Elfen­hügel, sie schwebten auf und nieder mit ihren lan­gen Schals, die aus Nebel und Mond­schein gewoben waren, und sahen gar lieblich aus für jemand, der an der­gle­ichen Gefall­en find­et. Mit­ten im Elfen­hügel war der große Saal prächtig geschmückt. Der Boden war mit Mond­schein gewaschen und die Wände mit Hex­en­fett abgerieben, so daß sie wie Tulpen­blät­ter im Lichte schim­merten. In der Küche waren reich­lich Vor­räte aufgestapelt: Frösche am Spieß, Kinderfin­ger in Sch­neck­en­haut mit Salat aus Pilzsamen, feuchte Mäus­eschnau­zen und Schier­ling, Bier von dem Gebräu der Sumpf­frau und funkel­nder Salpeter­wein aus Grabgewöl­ben. Alles war höchst solide und anständig; ros­tige Nägel und Kirchen­fen­ster­glas gehörten zum Naschwerk.

Der alte Elfenkönig ließ seine Gold­kro­ne mit gestoßen­em Grif­fel polieren; es war Tuff­ste­in­grif­fel, und es ist mit großen Schwierigkeit­en für einen Elfenkönig verknüpft, Tuff­ste­in­grif­fel aufzutreiben! In den Schlafz­im­mern wur­den Gar­di­nen aufge­hängt und mit Sch­neck­en­hörn­ern aufge­heftet. Ja, über­all hörte man das geschäftige Sum­men und Brummen.

Nun muß hier noch mit Roßhaar und Schweins­borsten geräuchert wer­den, dann bin ich für meinen Teil fer­tig!“ sagte das alte Elfenmädchen.

Süßes Väterchen“ schme­ichelte die jüng­ste der Töchter, bekomme ich nun endlich zu wis­sen, wer die vornehmen Frem­den sind?“

Nun ja,“ sagte er, da muß ich es wohl sagen. Zwei mein­er Töchter müssen sich zur Hochzeit bere­it hal­ten. Zwei von Euch wer­den sich­er fortheirat­en. Der alte Troll oben aus Nor­we­gen, der, der im alten Dovrefelsen wohnt, und die vie­len Klip­pen­schlöss­er aus Fels­blöck­en und ein Gold­berg­w­erk hat, das ertra­gre­ich­er ist, als man glaubt, kommt mit seinen zwei Söh­nen herunter; die sollen sich eine Frau aus­suchen. Der alte Troll ist so ein richtiger alter, ehrlich­er, moralis­ch­er Greis, lustig und ger­adezu, ich kenne ihn aus alten Tagen, als wir Duzbrüder­schaft tranken und er hier unten war, um sich seine Frau zu holen. Nun ist sie tot. Sie war eine Tochter des Felsenkönigs von Möen, und er saß tüchtig bei ihr in der Krei­de, wie man zu sagen pflegt. O, wie ich mich nach dem alten nordis­chen Troll sehne. Die Söhne sollen ein paar uner­zo­gene, hochnäsige Schlin­gel sein, aber man kann ihnen ja auch damit unrecht tun, und mit den Jahren wer­den sie schon Ver­nun­ft annehmen. Seht nun zu, daß Ihr ihnen Leben­sart beibringt!“

Und wann kom­men sie?“ fragte die eine Tochter.

Das kommt auf Wind und Wet­ter an“ sagte der Elfenkönig. Sie reisen sparsam! Sie woll­ten eine Schiff­s­gele­gen­heit benutzen. Ich wollte, sie soll­ten über Schwe­den gehen, aber der Alte find­et noch immer keinen Geschmack daran. Er hält nicht mit sein­er Zeit Schritt, und das kann ich nicht leiden!“

In diesem Augen­blicke kamen zwei Irrlichter hereinge­hüpft, das eine schneller als das andere, und daher kam das eine zuerst.

Sie kom­men. Sie kom­men!“ riefen sie.

Gebt mir meine Kro­ne und laßt mich im Mond­schein ste­hen!“ sagte der Elfenkönig.

Die Töchter hoben die Schals und verneigten sich bis zur Erde.

Da stand nun der alte Troll von Dovre mit sein­er Kro­ne von gehärteten Eiszapfen und polierten Tan­nen­zapfen; son­st hat­te er noch einen Bären­pelz und Wasser­stiefel an; die Söhne dage­gen gin­gen mit bloßem Halse und ohne Hosen­träger; denn sie waren Kraftmänner.

Ist das ein Hügel?“ fragte der Jüng­ste der Söhne und zeigte auf den Elfen­hügel. Das nen­nen wir oben bei uns in Nor­we­gen ein Loch.“

Jun­gens!“ sagte der Alte, ein Loch geht nach innen, ein Hügel nach außen. Habt Ihr keine Augen im Kopfe?“

Das einzige, worüber sie sich hier unten wun­dern müßten, sagten sie, sei, daß sie die Sprache so ohne weit­eres ver­ste­hen könnten.

Spielt Euch nun nicht auf“ sagte der Alte, man kön­nte son­st glauben, daß Ihr nicht richtig aus­ge­back­en seid.“

Und dann gin­gen sie in den Elfen­hügel hinein, wo eine wirk­lich feine Gesellschaft sich zusam­menge­fun­den hat­te, und das in solch­er Geschwindigkeit, als ob sie zusam­mengewe­ht wären. Für jeden war es nett und behaglich ein­gerichtet wor­den. Das Meer­volk saß in großen Wasserkufen bei Tisch, und sie sagten, daß sie sich wie zuhause fühlten. Alle befleißigten sich guter Tis­chsit­ten, außer den bei­den kleinen nordis­chen Trollen, die die Beine auf den Tisch legten. Sie waren der Ansicht, daß ihnen alles zu Gesichte stehe.

Die Füße von der Schüs­sel“ sagte der alte Troll. Da gehorcht­en sie, aber auch noch nicht gle­ich. ihre Tis­chdamen kitzel­ten sie mit Tan­nen­zapfen, die sie in der Tasche mit sich führten, und dann zogen sie ihre Stiefel aus, um behaglich­er zu sitzen und gaben ihnen die Stiefel zu hal­ten. Der Vater, der alte Dovre-Troll war freilich ganz anders. Er erzählte so her­rlich von den stolzen nordis­chen Felsen und von den Wasser­fällen, die Schaumweiß mit einem Getöse wie Don­ner­schlag und Orgelk­lang her­ab­stürzen. Er erzählte von dem Lachse, der stro­maufwärts gegen das stürzende Wass­er empor­springt, wenn der Wasser­neck auf der Gold­harfe spielt. Er erzählte von den schim­mern­den Win­ternächt­en, wenn die Schlit­ten­schellen klin­geln und die Burschen mit bren­nen­den Fack­eln über das blanke Eis laufen, das so durch­sichtig ist, daß sie die Fis­che unter ihren Füßen auf­schreck­en sehen. Ja, er kon­nte erzählen, daß man sehen und hören kon­nte, was er sagte; es war, als höre man die Sägemühlen klap­pern, als sän­gen die Knechte und Mägde ihre Lieder und tanzten dazu ihre Tänze. Heisa. – Mit einem mal gab der alte Troll dem alten Elfen­mäd­chen einen Gevat­ter­schmatz. Das war ein ordentlich­er Kuß, und dabei waren sie doch gar nicht miteinan­der verwandt.

Nun mußten die Elfen­mäd­chen tanzen, sowohl die ein­fachen Tänze, als auch die, bei denen gestampft wer­den mußte; das ließ alle ihre Vorzüge zur Gel­tung kom­men. Dann kam der Kun­st­tanz. Ei der Tausend, wie kon­nten sie die Beine wer­fen. Man wußte nicht mehr, wo Anfang und Ende, und nicht mehr, ob es Arm oder Bein war. Es ging alles durcheinan­der wie Säge­späne, und dann schnur­rten sie herum, daß dem Höl­lenpferd übel wurde und es vom Tis­che gehen mußte.

Prrrrr“ sagte der alte Troll,“ ist das eine Wirbelei mit dem Bein­werk. Aber was kön­nen sie mehr als tanzen, Beinew­er­fen und Wirbel­wind machen?“

Das sollst Du nun auch zu wis­sen bekom­men.“ sagte der Elfenkönig, und dann rief er seine älteste Tochter her­an. Sie war so zier­lich und klar wie Mond­schein, sie war die fein­ste von allen Schwest­ern. Sie nahm einen weißen Span in den Mund, und dann war sie ver­schwun­den; das war ihre Kunst.

Aber der alte Troll sagte, daß er solche Kun­st bei sein­er Frau nicht lei­den könne, und er glaube auch nicht, daß seine Söhne davon begeis­tert seien.

Die zweite kon­nte sich selb­st zur Seite gehen, als ob sie einen Schat­ten würfe, den besitzen die Elfen näm­lich nicht.

Die dritte war von ganz anderem Schlag. Sie hat­te im Bräuhaus der Sumpf­frau gel­ernt, und sie war diejenige, die Elfen­knor­ren mit Johanneswürm­chen zu spick­en verstand.

Sie wird eine gute Haus­frau abgeben!“ sagte der alte Troll und dank­te mit den Augen beim Zutrinken, denn er wollte nicht so viel trinken.

Nun kam das vierte Elfen­mäd­chen. Sie hat­te eine große Gold­harfe zum Spie­len, und als sie die erste Saite anschlug, hoben alle das linke Bein, denn die Unterirdis­chen sind links­beinig, und als sie die andere Saite anschlug, mußten alle tun, was sie wollte.

Das ist ein gefährlich­es Frauen­z­im­mer“ sagte der alte Troll; die bei­den Söhne aber gin­gen zum Hügel hin­aus, denn nun fan­den sie es langweilig.

Und was kann die näch­ste Tochter?“ fragte der alte Troll.

Ich habe gel­ernt, die Nor­weger zu lieben“ sagte sie, und niemals werde ich mich ver­mählen, wenn ich nicht nach Nor­we­gen komme.“

Aber die jüng­ste der Schwest­ern flüsterte dem alten Troll ins Ohr: Das sagt sie nur, weil sie in einem nordis­chen Lied gehört hat, daß, wenn die Welt unterge­ht, doch die nordis­chen Felsen als Wahrze­ichen ste­hen bleiben, und deshalb will sie dort hin­auf, denn sie hat solche Angst vor dem Untergehen.“

Ho, ho“ sagte der alte Troll, geht es darauf hin­aus, aber was kann die siebente und letzte?“

Die sech­ste kommt vor der sieben­ten“ sagte der Elfenkönig, denn er kon­nte rech­nen; aber die sech­ste wollte nicht recht hervorkommen.

Ich kann nur den Leuten die Wahrheit sagen.“ sagte sie, mich mag kein­er lei­den und ich habe genug damit zu tun, mein Toten­hemde zu nähen.“

Nun kam die siebente und let­zte, und was kon­nte sie? Ja, sie kon­nte Märchen erzählen, und zwar so viele, wie sie nur wollte.

Hier sind alle meine fünf Fin­ger“ sagte der alte Troll, erzäh­le mir von jedem eins.“

Und das Elfen­mäd­chen faßte ihn ums Handge­lenk und er lachte, daß es in ihm kluck­erte, und als sie zum Goldfin­ger kam, der einen Gol­dreif um den Leib hat­te, ger­ade als ob er gewußt hätte, daß Ver­lobung sein sollte, sagte der alte Troll: Halt fest was Du hast, die Hand ist Dein. Dich will ich selb­st zur Frau haben.“

Und das Elfen­mäd­chen sagte, daß der Goldfin­ger und der kleine Peter Spiel­mann noch übrig seien!

Die wollen wir im Win­ter hören“ sagte der alte Troll, und von der Tanne wollen wir hören und von der Birke und den Gaben der Unterirdis­chen und dem klin­gen­den Frost. Du sollst schon zum Erzählen kom­men, denn das macht bis jet­zt kein­er da oben richtig! – Und dann wollen wir in der stein­er­nen Halle sitzen, wo der Kienspan bren­nt, und Met trinken aus den Gold­hörn­ern der alten nordis­chen Könige; der Neck hat mir ein paar davon geschenkt! Und wenn wir dann sitzen, kommt der Hofwich­tel und macht Besuch, und dann singt er Dir alle Weisen der Hüter­mäd­chen vor. Das wird lustig wer­den. Der Lachs wird den Wasser­fall hin­aussprin­gen und gegen die Stein­wände schla­gen, aber er kommt doch nicht here­in. – Ja, Du kannst mir glauben, es ist gut sein in dem lieben alten Nor­we­gen Aber wo sind die Jungen?“

Ja, wo waren die Jun­gen. Die liefen auf den Feldern umher und bliesen die Irrlichter aus, die so nett und gesit­tet daherka­men, um einen Fack­elzug zu machen.

Treibt man sich so herum“ sagte der alte Troll, nun habe ich mir eine Mut­ter für Euch genom­men, und Ihr kön­nt Euch jet­zt eine Tante nehmen!“

Aber die Jun­gen sagten, daß sie lieber eine Rede hal­ten und Brüder­schaft trinken woll­ten. Zum Heirat­en hät­ten sie keine Lust. – Und dann hiel­ten sie Reden, tranken Brüder­schaft und macht­en die Nagel­probe, um zu zeigen, daß sie aus­getrunk­en hät­ten. Dann zogen sie die Klei­der aus und legten sich ohne viel Fed­er­lesens auf den Tisch, um zu schlafen, denn sie genierten sich nicht. Aber der alte Troll tanzte in der Stube herum mit sein­er jun­gen Braut und wech­selte Stiefel mit ihr, denn das ist fein­er als Ringe wechseln.

Nun kräht der Hahn“ sagte das alte Elfen­mäd­chen, die das Haus zu besor­gen hat­te. Jet­zt müssen wir die Fen­ster­lä­den schließen, damit uns die Sonne nicht verbrennt!“

Und dann schloß sich der Hügel.

Aber draußen liefen die Eidech­sen in dem ges­pal­te­nen Baume auf und nieder, und die eine sagte zu der anderen: Ach, wie gut hat mir der alte nordis­che Troll gefallen!“

Ich mochte die Jun­gen lieber!“ sagte der Regen­wurm, aber der kon­nte ja nichts sehen, das elende Tier.