Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein

von Brüder Grimm

~12 Min

Es war eine Frau, die hat­te drei Töchter, davon hiess die älteste Einäu­glein, weil sie nur ein einziges Auge mit­ten auf der Stirn hat­te, und die mit­tel­ste Zweiäu­glein, weil sie zwei Augen hat­te wie andere Men­schen und die jüng­ste Dreiäu­glein, weil sie drei Augen hat­te, und das dritte stand ihr gle­ich­falls mit­ten auf der Stirne. Darum aber, dass Zweiäu­glein nicht anders aus­sah als andere Men­schenkinder, kon­nten es die Schwest­ern und die Mut­ter nicht lei­den. Sie sprachen zu ihm: Du mit deinen zwei Augen bist nicht bess­er als das gemeine Volk, du gehörst nicht zu uns.“ Sie stiessen es herum und war­fen ihm schlechte Klei­der hin und gaben ihm nicht mehr zu essen, als was sie übrigliessen, und tat­en ihm Herzeleid an, wo sie nur kon­nten. Es trug sich zu, dass Zweiäu­glein hin­aus ins Feld gehen und die Ziege hüten musste, aber noch ganz hun­grig war, weil ihm seine Schwest­ern so wenig zu essen gegeben hat­ten. Da set­zte es sich auf einen Rain und fing an zu weinen und so zu weinen, dass zwei Bäch­lein aus seinen Augen her­abflossen. Und wie es in seinem Jam­mer ein­mal auf­blick­te, stand eine Frau neben ihm, die fragte: Zweiäu­glein, was weinst du?“ Zweiäu­glein antwortete: Soll ich nicht weinen? Weil ich zwei Augen habe wie andere Men­schen, so kön­nen mich meine Schwest­ern und meine Mut­ter nicht lei­den, stossen mich aus ein­er Ecke in die andere, wer­fen mir alte Klei­der hin und geben mir nichts zu essen, als was sie übri­glassen. Heute haben sie mir so wenig gegeben, dass ich noch ganz hun­grig bin.“ Sprach die weise Frau: Zweiäu­glein, trockne dir dein Angesicht, ich will dir etwas sagen, dass du nicht mehr hungern sollst. Sprich nur zu dein­er Ziege: 


Zick­lein, meck, 
Tis­chlein, deck!“
so wird ein sauber gedeck­tes Tis­chlein vor dir ste­hen und das schön­ste Essen darauf, dass du essen kannst, soviel du Lust hast. Und wenn du satt bist und das Tis­chlein nicht mehr brauchst, so sprichst nur: 


Zick­lein, meck, 
Tis­chlein, weg!“
so wird’s vor deinen Augen wieder ver­schwinden.“ Darauf ging die weise Frau fort. Zweiäu­glein aber dachte: Ich muss gle­ich ein­mal ver­suchen, ob es wahr ist, was sie gesagt hat, denn mich hungert sehr, und sprach: 


Zick­lein, meck,
Tis­chlein, weg!“
Und kaum hat­te sie die Worte aus­ge­sprochen, so stand da ein Tis­chlein mit einem weis­sen Tüch­lein gedeckt, darauf ein Teller mit Mess­er und Gabel und sil­bernem Löf­fel, die schön­sten Speisen standen rund­herum, raucht­en und waren noch warm, als wären sie eben aus der Küche gekom­men. Da sagte Zweiäu­glein das kürzeste Gebet her, das es wusste: Herr Gott, sei unser Gast zu aller Zeit, Amen!“ langte zu und liess sich’s wohl schmeck­en. Und als es satt war sprach es, wie die weise Frau gelehrt hatte: 


Zick­lein, meck, 
Tis­chlein, weg!“
Als­bald war das Tis­chchen und alles was darauf stand wieder ver­schwun­den. Das ist ein schön­er Haushalt dachte Zweiäu­glein und war ganz vergnügt und guter Dinge. 

Abends, als es mit sein­er Ziege heimkam, fand es ein ird­enes Schüs­selchen mit Essen, das ihm die Schwest­ern hingestellt hat­ten, aber es rührte nichts an. Am andern Tag zog es mit sein­er Ziege wieder hin­aus und liess die paar Brocke gere­icht wur­den, die ihm gere­icht wur­den liegen. Das erstemal und das beachteten es die Schwest­ern gar nicht, wie es aber jedes­mal geschah, merk­ten sie auf und sprachen: Es ist nicht richtig mit dem Zweiäu­glein, das lässt jedes­mal das Essen ste­hen und hat doch son­st alles aufgezehrt, was ihm gere­icht wurde; das muss andere Wege gefun­den haben.“ Damit sie aber hin­ter die Wahrheit kämen, sollte Einäu­glein mit­ge­hen wenn Zweiäu­glein die Ziege auf die Wei­de trieb und sollte acht­en, was es da vorhätte und ob ihm jemand Trinken brächte. 

Als nun Zweiäu­glein sich wieder auf­machte, trat Einäu­glein zu ihm und sprach: Ich will mit ins Feld und sehen, dass die Ziege auch recht gehütet und ins Fut­ter getrieben wird.“ Aber Zweiäu­glein merk­te, was Einäu­glein im Sinne hat­te und trieb die Ziege hin­aus in hohes Gras und sprach: Komm Einäu­glein, wir wollen uns hin­set­zen, ich will dir was vorsin­gen.“ Einäu­glein set­zte sich hin und war von dem unge­wohn­ten Weg und von der Son­nen­hitze müde, und Zweiäu­glein sang immer: 


Einäu­glein, wachst du?
Einäu­glein, schläf­st du?“
Da tat Einäu­glein das eine Auge zu und schlief ein Und als Zweiäu­glein sah, dass Einäu­glein fest schlief und nichts ver­rat­en kon­nte, sprach es: 


Zick­lein, meck, 
Tis­chlein, deck!“
und set­zte sich an sein Tis­chlein und ass und trank, bis es satt war, dann rief es wieder: 


Zick­lein, meck, 
Tis­chlein, weg!“
und alles war augen­blick­lich ver­schwun­den. Zweiäu­glein weck­te nun Einäu­glein und sprach: Einäu­glein, du willst hüten und schläf­st dabei ein, der­weil hätte die Ziege in alle Welt laufen kön­nen; komm, wir wollen nach Haus gehen.“ Da gin­gen sie nach Haus, und Zweiäu­glein liess wieder sein Schüs­selchen unangerührt ste­hen, und Einäu­glein kon­nte der Mut­ter nicht ver­rat­en, warum es nicht essen wollte, und sagte zu sein­er Entschuldigung: Ich war draussen eingeschlafen.“ 

Am andern Tag sprach die Mut­ter zu Dreiäu­glein: Dies­mal sollst du mit­ge­hen und achthaben, ob Zweiäu­glein draussen isst und ob ihm jemand Essen und Trinken bringt, denn essen und trinken muss es heim­lich.“ Da trat Dreiäu­glein zum Zweiäu­glein und sprach: Ich will mit­ge­hen und sehen, ob auch die Ziege recht gehütet und ins Fut­ter getrieben wird.“ Aber Zweiäu­glein merk­te, was Dreiäu­glein im Sinne hat­te, und trieb die Ziege hin­aus ins hohe Gras und sprach: Wir wollen uns dahin­set­zen, Dreiäu­glein, ich will dir was vorsin­gen.“ Dreiäu­glein set­zte sich und war müde von dem Weg und der Son­nen­hitze, und Zweiäu­glein hub wieder das vorige Liedlein an und sang: 


Dreiäu­glein, wachst du?“
Aber statt dass es nun sin­gen musste: 


Dreiäu­glein, schläf­st du?“
sang es aus Unbedachtsamkeit: 


Zweiäu­glein, schläf­st du?“
und sang immer: 


Dreiäu­glein, wachst du?
Zweiäu­glein, schläf­st du?“
Da fie­len dem Dreiäu­glein seine zwei Augen zu und schliefen, aber das dritte, weil es von dem Sprüch­lein nicht angere­det war, schlief nicht ein. Zwar tat es Dreiäu­glein zu, aber nur aus List, gle­ich als schliefe es auch damit; doch blinzelte es und kon­nte alles gar wohl sehen. Und als Zweiäu­glein meinte, Dreiäu­glein schliefe fest, sagte es sein Sprüchlein: 


Zick­lein, meck,
Tis­chlein, deck!“
ass und trank nach Herzenslust und hiess dann das Tis­chlein wieder fortgehen: 


Zick­lein, meck, 
Tis­chlein, weg!“
Und Dreiäu­glein hat­te alles mitange­se­hen. Da kam Zweiäu­glein zu ihm, weck­te es und sprach: Ei, Dreiäu­glein, bist du eingeschlafen? Du kannst gut hüten! Komm, wir wollen heimge­hen.“ Und als sie nach Haus kamen, ass Zweiäu­glein wieder nicht, und Dreiäu­glein sprach zur Mut­ter: Ich weiss nun, warum das hochmütige Ding nicht isst; wenn sie draussen zur Ziege spricht: 

Zick­lein, meck,
Tis­chlein, deck!“ 

so ste­ht ein Tis­chlein vor ihr, das ist mit dem besten Essen beset­zt, viel bess­er, als wir’s hier haben; und wenn sie satt ist, so spricht sie: 


Zick­lein, meck, 
Tis­chlein, weg!“
und alles ist wieder ver­schwun­den. Ich habe alles genau mit ange­se­hen. Zwei Augen hat­te sie mir mit einem Sprüch­lein eingeschläfert, aber das eine auf der Stirne, das war zum Glück wach geblieben. Da rief die nei­dis­che Mut­ter: Willst du’s bess­er haben als wir? Die Lust soll dir verge­hen!“ Sie holte ein Schlachtmess­er und stiess es der Ziege ins Herz, dass sie tot hinfiel. 

Als Zweiäu­glein das sah, ging es voll Trauer hin­aus, set­zte sich auf den Feldrain und weinte seine bit­teren Trä­nen. Da stand auf ein­mal die weise Frau wieder neben ihm und sprach: Zweiäu­glein, was weinst du?“ – Soll ich nicht weinen!“ antwortete es, die Ziege, die mir jeden Tag, wenn ich Euer Sprüch­lein her­sagte, den Tisch so schön deck­te, ist von mein­er Mut­ter tot­gestochen; nun muss ich wieder Hunger und Kum­mer lei­den.“ Die weise Frau sprach: Zweiäu­glein, ich will dir einen guten Rat erteilen, bitte deine Schwest­ern, dass sie dir das Eingewei­de von der geschlachteten Ziege geben, und ver­grub es vor der Haustür in die Erde, so wird’s dein Glück sein.“ Da ver­schwand sie und Zweiäu­glein ging heim und sprach zu den Schwest­ern: Liebe Schwest­ern, gebt mir doch etwas von mein­er Ziege, ich ver­lange nichts Gutes, gebt mir nur das Eingewei­de!“ Da lacht­en sie und sprachen: Kannst du haben, wenn du weit­er nichts willst.“ Und Zweiäu­glein nimmt das Eingewei­de und vergrub’s abends in aller Stille nach dem Rate der weis­sen Frau vor die Haustüre. Am andern Mor­gen, als sie ins­ge­samt erwacht­en und vor die Haustür trat­en, so stand da ein wun­der­bar­er, prächtiger Baum, der hat­te Blät­ter von Sil­ber, und Früchte von Gold hin­gen dazwis­chen, dass wohl nichts Schöneres und Köstlicheres auf der weit­en Welt war. Sie wussten aber nicht, wie der Baum in der Nacht dahingekom­men war; nur Zweiäu­glein merk­te, dass er aus dem Eingewei­de der Ziege aufgewach­sen war, denn er stand ger­ade da, wo sie es in die Erde ver­graben hat­te. Da sprach die Mut­ter zu Einäu­glein: Steig hin­auf, mein Kind, und brich uns die Früchte von dem Baume ab!“ Einäu­glein stieg hin­auf, aber wie es einen von den gold­e­nen Äpfeln greifen wollte, so fuhr ihm der Zweig aus den Hän­den; und das geschah jedes­mal, so dass es keinen einzi­gen Apfel brechen kon­nte, es mochte sich anstellen, wie es wollte. Da sprach die Mut­ter: Dreiäu­glein, steig du hin­auf, du kannst mit deinen drei Augen bess­er um dich schauen als Einäu­glein.“ Einäu­glein rutschte herunter, und Dreiäu­glein stieg hin­auf. Aber Dreiäu­glein war nicht geschick­ter und mochte schauen, wie es wollte, die gold­e­nen Äpfel wichen immer zurück. Endlich ward die Mut­ter ungeduldig und stieg selb­st hin­auf, kon­nte aber so wenig wie Einäu­glein und Dreiäu­glein die Frucht fassen und griff immer in die leere Luft. Da sprach Zweiäu­glein: Ich will mich ein­mal hin­auf­machen, vielle­icht gelingt mir’s eher.“ Die Schwest­ern riefen zwar: Du, mit deinen zwei Augen, was willst du wohl!“ Aber Zweiäu­glein stieg hin­auf, und die gold­e­nen Apfel zogen sich nicht vor ihm zurück, son­dern liessen sich selb­st in seine Hand herab, also dass es einen nach dem andern abpflück­en kon­nte und ein ganzes Schürzchen voll mit herun­ter­brachte. Die Mut­ter nahm sie ihm ab, und statt dass sie, Einäu­glein und Dreiäu­glein dafür das arme Zweiäu­glein hät­ten bess­er behan­deln sollen, so wur­den sie nur nei­disch, dass es allein die Früchte holen kon­nte, und gin­gen noch härter mit ihm um. 

Es traf sich zu, als sie ein­mal beisam­men an dem Baum standen, dass ein junger Rit­ter daherkam. 

Geschwind, Zweiäu­glein,“ riefen die zwei Schwest­ern, kriech unter, dass wir uns dein­er nicht schä­men müssen!“ und stürzten über das arme Zweiäu­glein in aller Eil‘ ein leeres Fass, das ger­ade neben dem Baume stand, und schoben die gold­e­nen Äpfel, die es abge­brochen hat­te, auch darunter. Als nun der Rit­ter näher kam, war es ein schön­er Herr, der hielt still, bewun­derte den prächti­gen Baum von Gold und Sil­ber und sprach zu den bei­den Schwest­ern: Wem gehört dieser schöne Baum? Wer mir einen Zweig davon gäbe, kön­nte dafür ver­lan­gen, was er wollte.“ Da antworteten Einäu­glein und Dreiäu­glein, der Baum gehöre ihnen und sie woll­ten ihm einen Zweig wohl abbrechen. Sie gaben sich auch bei­de grosse Mühe, aber sie waren es nicht imstande, denn die Zweige und Früchte wichen jedes­mal vor ihnen zurück. Da sprach der Rit­ter: Das ist ja wun­der­lich, dass der Baum euch gehört und ihr doch nicht Macht habt, etwas davon abzubrechen.“ Sie blieben dabei, der Baum wäre ihr Eigen­tum. Indem sie aber so sprachen, rollte Zweiäu­glein unter dem Fasse ein paar gold­ene Äpfel her­aus, so dass sie zu den Füssen des Rit­ters liefen, denn Zweiäu­glein war bös, dass Einäu­glein und Dreiäu­glein nicht die Wahrheit sagten. Wie der Rit­ter die Äpfel sah, erstaunte er und fragte, wo sie herka­men. Einäu­glein und Dreiäu­glein antworteten, sie hät­ten noch eine Schwest­er, die dürfte sich aber nicht sehen lassen, weil sie nur zwei Augen hätte wie andere gemeine Men­schen. Der Rit­ter aber ver­langte sie zu sehen und rief: Zweiäu­glein, komm her­vor!“ Da kam Zweiäu­glein ganz get­rost unter dem Fass her­vor, und der Rit­ter war ver­wun­dert über seine grosse Schön­heit und sprach: Du, Zweiäu­glein, kannst mir gewiss einen Zweig von dem Baum abbrechen.“ – Ja,“ antwortete Zweiäu­glein, das will ich wohl kön­nen, denn der Baum gehört mir?“ und stieg hin­auf und brach mit leichter Mühe einen Zweig mit feinen sil­ber­nen Blät­tern und gold­e­nen Frücht­en ab und reichte ihn dem Rit­ter hin. Da sprach der Rit­ter: Zweiäu­glein, was soll ich dir dafür geben?“ – Ach,“ antwortete Zweiäu­glein, ich lei­de Hunger und Durst, Kum­mer und Not vom frühen Mor­gen bis zum Abend; wenn Ihr mich mit­nehmen und erlösen wollt, so wäre ich glück­lich.“ Da hob der Rit­ter das Zweiäu­glein auf sein Pferd und brachte es heim auf sein väter­lich­es Schloss; dort gab er ihm schöne Klei­der, Essen und Trinken nach Herzenslust, und weil er es so lieb hat­te, liess er sich mit ihm ein­seg­nen, und ward die Hochzeit in gross­er Freude gehalten. 

Wie nun Zweiäu­glein so von dem schö­nen Rit­ters­mann fort­ge­führt ward, da benei­de­ten die zwei Schwest­ern ihm erst recht sein Glück. Der wun­der­bare Baum bleibt uns doch, dacht­en sie, kön­nen wir auch keine Früchte davon brechen, so wird doch jed­er­mann davor ste­hen­bleiben, zu uns kom­men und ihn rüh­men; wer weiss, wo unser Weizen noch blüht! Aber am andern Mor­gen war ihr Baum ver­schwun­den und ihre Hoff­nung dahin. Und wie Zweiäu­glein zu seinem Käm­mer­lein hin­aus­sah, so stand er zu sein­er grossen Freude davor und war ihm also nachgefolgt. 

Zweiäu­glein lebte lange Zeit vergnügt. Ein­mal kamen zwei arme Frauen zu ihm auf das Schloss und bat­en um ein Almosen. Da sah ihnen Zweiäu­glein ins Gesicht und erkan­nte ihre Schwest­ern Einäu­glein und Dreiäu­glein, die so in Armut ger­at­en waren, dass sie umherziehen und vor den Türen ihr Brot suchen mussten. Zweiäu­glein aber hiess sie willkom­men und tat ihnen Gutes und pflegte sie, also dass die bei­den von Herzen bereuten, was sie ihrer Schwest­er in der Jugend Bös­es ange­tan hatten.