Eine Rose von Homers Grab

von Johann Wilhelm Wolf

~5 Min

In allen Liedern des Ori­ents erklingt die Liebe der Nachti­gall zu der Rose. In den schweigen­den, stern­klaren Nächt­en bringt der geflügelte Sänger sein­er duf­ten­den Blume eine Ser­e­nade dar.

Nicht weit von Smyr­na, unter den hohen Pla­ta­nen, wo der Kauf­mann seine belasteten Kamele treibt, die stolz ihre lan­gen Hälse erheben und schw­er­fäl­lig über eine Erde stampfen, die heilig ist, sah ich eine blühende Rosen­hecke. Wilde Tauben flo­gen zwis­chen den Zweigen der hochstäm­mi­gen Bäume, und die Flügel der Tauben glänzten, wenn ein Son­nen­strahl darüber hinglitt, als seien sie aus Perl­mut­ter gemacht.

In der Rosen­hecke war eine Blüte von allen die schön­ste, und für sie sang die Nachti­gall von ihrem Liebess­chmerz, aber die Rose war stumm, nicht ein Tautropfen lag, wie eine Träne des Mitlei­dens, auf ihren Blät­tern, sie neigte sich auf ihrem Zweige über einige große Steine.

Hier ruht der Erde größter Sänger!“ sagte die Rose, über seinem Grabe will ich duften, meine Blät­ter will ich darauf ver­streuen, wenn der Sturm sie mir abstreift. Der Ilias‘ Sänger ward zu Erde in dieser Erde, aus der ich sprieße! – Ich, eine Rose von Homers Grab, bin zu heilig, um für eine arm­selige Nachti­gall zu blühen!“

Und die Nachti­gall sang sich zu Tode!

Der Kameltreiber kam mit seinen belade­nen Kame­len und seinen schwarzen Sklaven. Sein klein­er Sohn fand den toten Vogel und beerdigte ihn in des großen Homers Grab; und die Rosen bebten im Winde. Der Abend kam. Die Rose fal­tete ihre Blät­ter dichter zusam­men und träumte,- sie träumte, es wäre ein her­rlich­er Son­nen­tag. Eine Schar fremder fränkisch­er Män­ner kam her, sie hat­ten eine Pil­ger­reise zu Homers Grab gemacht. Unter den Frem­den war ein Sänger aus dem Nor­den, aus der Heimat der Nebel und Nordlichter. Er brach die Rose, preßte sie in einem Buche und nahm sie so mit sich nach einem anderen Welt­teil hinüber, mit nach seinem fer­nen Vater­land. Und die Rose welk­te vor Kum­mer und lag in dem engen Buche, das er in seinem Heim öffnete, und er sagte: Hier ist eine Rose von Homers Grab.“

Sieh, das träumte die Blume und sie erwachte und zit­terte im Windel Ein Tautropfen fiel von ihren Blät­tern auf des Sängers Grab; da ging die Sonne auf, und die Rose blühte schön­er als zuvor. Der Tag wurde heiß, es war ja im heißen Asien. Da schall­ten Fußtritte, fremde Franken kamen, wie sie die Rose im Traume gese­hen hat­te, und unter diesen Frem­den war ein Dichter aus dem Nor­den; er brach die Rose, drück­te einen Kuß auf ihren frischen Mund, und führte sie mit sich in die Heimat der Nebel und der Nordlichter. Wie eine Mumie ruht nun die Blu­men­le­iche in sein­er llias, und wie im Traume hört sie ihn das Buch öff­nen und sagen: Hier ist eine Rose von Homers Grab!“