Eine Kindergeschichte

von Richard von Volkmann-Leander

~7 Min

Der Kirch­hof, auf dem die zwei kleinen Kinder spiel­ten, von denen ich heute erzählen will, lag hoch oben auf dem grü­nen Berge­shange. Das Dör­fchen, zu dem er gehörte, lag schon hoch genug über dem waldigen Tal, so daß die Wolken es oft verdeck­ten, wenn man unten auf dem blauen Flusse vorüber­fuhr. Doch der Kirch­hof lag noch höher über dem Dorf, so daß seine vie­len schwarzen Kreuze recht in den blauen Him­mel hinein­ragten. Es war ziem­lich müh­sam für die Leute, ihre Ver­stor­be­nen aus dem Dorfe nach dem Kirch­hof zu tra­gen, denn der Weg war steil und steinig, bis man zu der grü­nen Mat­te kam, auf der der Kirch­hof lag; doch sie tat­en es gern. Denn die Berg­be­wohn­er kön­nen es nicht im Tal aushal­ten; da wird es ihnen so dumpf und ängstlich zumut, wie uns in einem tiefen Keller – und ihre Toten noch weniger. Hoch oben auf dem Berge müssen sie begraben sein, so daß sie weit hin­aus in das Land sehen kön­nen und hin­unter ins Tal, wo die Schiffe fahren. Ganz in der Ecke des Kirch­hofes war ein ver­lassenes Grab. Es wuchs nur Gras auf ihm und in dem Grase ganz ver­steckt ein paar wilde weiße oder blaue Blüm­chen, die nie­mand gepflanzt hat­te. Denn in dem Grabe lag ein alter Hagestolz, der wed­er Weib noch Kind noch son­st irgend jemand hin­ter­lassen hat­te, der sich um ihn beküm­merte. Aus frem­dem Lande war er gekom­men, woher, das wußte kein­er. Er war jeden Mor­gen auf die Kuppe des Berges gestiegen und hat­te dort stun­den­lang gesessen. Aber bald war er gestor­ben, und man hat­te ihn begraben. Einen Namen hat­te er ja sich­er gehabt; wie er aber lautete, wußte eben­falls nie­mand, nicht ein­mal der Toten­gräber. Im Kirchen­buche standen nur drei Kreuze und dahin­ter ein alter fremder Hagestolz, gestor­ben am soundso­viel­ten, im Jahre des Her­rn sound­so“. – Das ist nun freilich sehr wenig; aber die zwei kleinen Kinder des Toten­gräbers, von denen ich eben erzählen wollte, hat­ten das alte, ver­lassene Grab in der Kirch­hof­secke ganz beson­ders gern; denn es war ihnen erlaubt, auf ihm zu spie­len und herumzu­tram­peln, soviel sie Lust hat­ten, während sie die anderen Gräber nicht anrühren durften. Diese waren alle sehr sorgfältig imstand gehal­ten; das Gras war frisch geschoren und dicht wie Samt, auch blüht­en aller­hand Blu­men auf ihnen, die der Toten­gräber täglich mit großer Sorgfalt begoß, wozu er sich das Wass­er müh­sam aus dem Dorf­brun­nen her­auf­schlep­pen mußte. Auf vie­len lagen auch Kränze und bunte Bän­der. Trinchen“, sagte der kleine Knabe, der vor dem ver­lasse­nen Grabe kni­ete, indem er sich wohlge­fäl­lig das Loch besah, welch­es er in die Seit­en­wand des Grabes mit seinen kleinen Hän­den hineinge­graben hat­te, Trinchen, unser Haus ist fer­tig. Ich habe es mit bun­ten Steinen aus­gepflastert und Blu­men­blät­ter darauf gestreut. Ich bin der Vater und du bist die Mut­ter. – Guten Mor­gen, Mut­ter, was machen unsre Kinder?“ Hans“, ent­geg­nete die Kleine, du mußt nicht so rasch spie­len. Ich habe noch keine Kinder, aber ich werde gle­ich welche bekom­men.“ Darauf lief sie zwis­chen den Gräbern und Büschen umher und kam, bei­de Hände mit Sch­neck­en gefüllt, wieder: Höre, Vater, ich habe schon sieben Kinder, sieben wun­der­schöne Sch­neck­enkinder!“ Dann wollen wir sie gle­ich zu Bett brin­gen, denn es ist schon spät.“ Sie pflück­ten grüne Blät­ter ab, legten sie in das Loch, die bun­ten Sch­neck­en­häuser darauf, und deck­ten jedes wieder mit einem grü­nen Blat­te zu. Jet­zt sei ein­mal still, Hän­schen“, rief das kleine Mäd­chen, ich muß meine Kinder einsin­gen; das muß ich ganz allein machen. Der Vater singt nie mit. Du kannst unter­dessen noch auf die Arbeit gehen.“ Und Hän­schen lief fort, und Trinchen sang mit ganz fein­er Stimme: 

Schlaft mir allzusam­men ein,
Meine sieben Kinder­lein
In euren weichen Bet­ten.
Schlum­mert süß und schlafet aus,
Steckt mir keins die Beinchen raus
Unter eur­er Decke!“

Aber das eine Blatt begann sich zu bewe­gen, und eine von den Sch­neck­en steck­te unter dem­sel­ben ihren Kopf mit den feinen Hörn­ern her­vor. Da tippte die Kleine sie mit dem Fin­ger auf den Kopf und sagte: Warte, Gustl, du bist immer die Unar­tig­ste! Heute früh hast du dich schon nicht wollen käm­men lassen. Willst du gle­ich wieder ins Bett!“ Und sie sang noch einmal: 

Schlum­mert süß und schlafet aus,
Steckt mir keins die Beinchen raus
Unter eur­er Decke!
Seid ihr dann geschlafen ein,
Fliegt ein Engel ins Zim­mer rein,
Besieht sich alle sieben:
Deine Kinder sind alle weiß und rot,
Ein‘ schö­nen Gruß vom lieben Gott,
Ob sie auch fromm geblieben?
Meine Kinder sind alle fromm,
Sie woll‘n gern in den Him­mel komm‘n,
Schön‘ Dank für Milch und Weck­en.
Bring wieder einen Gruß nach Haus:
Es stecke auch keins die Beinchen raus
Mehr unter sein­er Decke.“

Als sie aus­ge­sun­gen hat­te, waren die sieben Sch­neck­en wirk­lich alle eingeschlafen, wenig­stens lagen sie alle still, und da Hän­schen immer noch nicht zurück­kehrte, lief die Kleine noch ein­mal im Kirch­hof umher und suchte neue Sch­neck­en. Sie sam­melte eine große Zahl in ihrer Schürze und kehrte mit ihnen zum Grabe zurück. Da saß Hän­schen und wartete. Vater“, rief sie ihm ent­ge­gen, ich habe noch hun­dert Kinder gekriegt!“ Höre Frau“, erwiderte der Kleine, hun­dert Kinder sind sehr viel. Wir haben bloß einen Pup­pen­teller und zwei Pup­penga­beln. Wom­it sollen die Kinder essen? Hun­dert Kinder hat auch gar keine Mut­ter. Es gint auch nicht hun­dert Namen. Wie sollen wir unsere Kinder taufen? Trag sie wieder fort!“ Nein, Hän­schen“, sagte das kleine Mäd­chen, hun­dert Kinder sind sehr hüb­sch. Ich brauche sie alle.“ – Indes kam die junge Frau des Toten­gräbers mit zwei großen But­ter­broten, denn die Ves­per­stunde hat­te geschla­gen. Sie küßte die bei­den Kinder, hob sie auf, set­zte sie auf das Grab und sagte: nehmt eure neuen Schürzen hüb­sch in acht.“ – Da saßen sie nun stumm wie die Spatzen und aßen. – Aber der alte Hagestolz in seinem ein­samen Grabe hat­te alles ver­nom­men; denn die Toten hören alles sehr genau, was man an ihrem Grabe spricht. Er dachte an die Zeit, wo er noch ein klein­er Knabe gewe­sen war. Da hat­te er auch ein kleines Mäd­chen gekan­nt, und sie hat­ten zusam­men gespielt, hat­ten Häuser gebaut und waren Mann und Frau gewe­sen. Und dann dachte er an die spätere Zeit, wo er das kleine Mäd­chen noch ein­mal gese­hen hat­te, wie es schon erwach­sen war. Nach­her hat­te er nie wieder etwas von ihm gehört, denn er war seine eige­nen Wege gegan­gen, und die mußten wohl nicht sehr schön gewe­sen sein, denn je mehr er daran dachte, und je mehr oben auf seinem Grabe die Kinder schwatzten, um so trau­riger wurde er. Er fing an zu weinen und weinte immer mehr. Und als die Toten­gräber­frau die Kinder auf sein Grab set­zte und sie ihm nun ger­ade auf der Brust saßen, weinte er noch viel mehr. er ver­suchte seine Arme auszus­treck­en, denn es war ihm so, als müsse er die Kinder an sein Herz drück­en. Aber es ging nicht; denn auf ihm lagen sechs Fuß Erde, und sechs Fuß Erde wiegen schw­er, sehr schw­er. Da weinte er noch mehr; und er weinte immer noch, als die Toten­gräber­frau längst die Kinder geholt und zu Bett gebracht hat­te. Als aber der Toten­gräber am näch­sten Mor­gen durch den Kirch­hof ging, da war aus dem alten ver­lasse­nen Grabe eine Quelle entsprun­gen. Das waren die Trä­nen, die der alte Hagestolz geweint hat­te. Sie rieselte hell aus dem Grab­hügel her­vor und kam ger­ade aus dem Loche, wo die bei­den Kinder ihr kleines Häuschen hineinge­graben hat­ten. Da freute sich der Toten­gräber, denn nun brauchte er das Wass­er zum Begießen der Blu­men nicht mehr aus dem Dorfe den steilen Weg hin­aufzu­tra­gen. Er machte für die Quelle eine ordentliche Leitung und faßte sie mit großen Steinen ein. Von jet­zt an begoß er mit dem Wass­er der neuen Quelle alle Gräber auf dem Kirch­hofe, und die Blu­men auf ihnen blüht­en nun schön­er wie je zuvor. Nur das Grab, worin der alte Hagestolz lag, begoß er nicht, denn es war ja ein altes, ver­lassenes Grab, nach dem nie­mand fragte. Trotz­dem wuch­sen aber auf ihm die wilden Berg­blu­men üppiger wie an jedem anderen Orte, und die bei­den Kinder saßen oft an der Quelle, baut­en Mühlen und ließen Papierkäh­nchen auf ihr schwimmen.