Däumelinchen

von Hans Christian Andersen

~21 Min

Es war ein­mal eine Frau, die sich sehr nach einem kleinen Kinde sehnte, aber sie wusste nicht, woher sie es nehmen sollte. Da ging sie zu ein­er alten Hexe und sagte zu ihr: Ich möchte her­zlich gern ein kleines Kind haben, willst du mir nicht sagen, woher ich das bekom­men kann?“ Ja, damit wollen wir schon fer­tig wer­den!“ sagte die Hexe. Da hast du ein Ger­stenko­rn; das ist gar nicht von der Art, wie sie auf dem Felde des Land­manns wach­sen oder wie sie die Hüh­n­er zu fressen bekom­men; lege das in einen Blu­men­topf, so wirst du etwas zu sehen bekom­men!“ Ich danke dir!“ sagte die Frau und gab der Hexe fünf Groschen, ging dann nach Hause, pflanzte das Ger­stenko­rn, und sogle­ich wuchs da eine her­rliche, große Blume; sie sah aus wie eine Tulpe, aber die Blät­ter schlossen sich fest zusam­men, ger­ade als ob sie noch in der Knospe wären. Das ist eine niedliche Blume!“ sagte die Frau und küsste sie auf die roten und gel­ben Blät­ter, aber ger­ade wie sie darauf küsste, öffnete sich die Blume mit einem Knall. Es war eine wirk­liche Tulpe, wie man nun sehen kon­nte, aber mit­ten in der Blume saß auf dem grü­nen Samen­grif­fel ein ganz kleines Mäd­chen, fein und niedlich, es war nicht über einen Dau­men bre­it und lang, deswe­gen wurde es Däumelinchen genannt.

Eine niedliche, lack­ierte Wal­nusss­chale bekam Däumelinchen zur Wiege, Veilchen­blät­ter waren ihre Matratze und ein Rosen­blatt ihr Deck­bett. Da schlief sie bei Nacht, aber am Tage spielte sie auf dem Tisch, wo die Frau einen Teller hingestellt, um den sie einen ganzen Kranz von Blu­men gelegt hat­te, deren Stän­gel im Wass­er standen. Hier schwamm ein großes Tulpen­blatt, und auf diesem kon­nte Däumelinchen sitzen und von der einen Seite des Tellers nach der anderen fahren; sie hat­te zwei weiße Pfer­de­haare zum Rud­ern. Das sah ganz aller­lieb­st aus. Sie kon­nte auch sin­gen, und so fein und niedlich, wie man es nie gehört hatte.

Ein­mal nachts, als sie in ihrem schö­nen Bette lag, kam eine Kröte durch eine zer­broch­ene Scheibe des Fen­sters hereinge­hüpft. Die Kröte war hässlich, groß und nass, sie hüpfte ger­ade auf den Tisch herunter, auf dem Däumelinchen lag und unter dem roten Rosen­blatt schlief.

Das wäre eine schöne Frau für meinen Sohn!“ sagte die Kröte, und da nahm sie die Wal­nusss­chale, worin Däumelinchen schlief, und hüpfte mit ihr durch die zer­broch­ene Scheibe fort, in den Garten hinunter.

Da floss ein großer, bre­it­er Fluss; aber ger­ade am Ufer war es sump­fig und morastig; hier wohnte die Kröte mit ihrem Sohne. Hu, der war hässlich und garstig und glich ganz sein­er Mut­ter. Koax, koax, brekkerekekex!“ Das war alles, was er sagen kon­nte, als er das niedliche kleine Mäd­chen in der Wal­nusss­chale erblickte.

Sprich nicht so laut, denn son­st erwacht sie!“ sagte die alte Kröte. Sie kön­nte uns noch ent­laufen, denn sie ist so leicht wie ein Schwa­nen­flaum! Wir wollen sie auf eins der bre­it­en Seerosen­blät­ter in den Fluss hin­aus­set­zen, das ist für sie, die so leicht und klein ist, ger­ade wie eine Insel; da kann sie nicht davon­laufen, während wir die Staatsstube unten unter dem Morast, wo ihr wohnen und hausen sollt, instand setzen.“

Draußen in dem Flusse wuch­sen viele Seerosen mit den bre­it­en, grü­nen Blät­tern, die ausse­hen, als schwäm­men sie oben auf dem Wass­er. Das am weitesten hin­aus­liegende Blatt war auch das aller­größte; dahin schwamm die alte Kröte und set­zte die Wal­nusss­chale mit Däumelinchen darauf.

Das kleine Wesen erwachte früh­mor­gens, und da es sah, wo es war, fing es recht bit­ter­lich an zu weinen; denn es war Wass­er zu allen Seit­en des großen, grü­nen Blattes, und es kon­nte gar nicht an Land kommen.

Die alte Kröte saß unten im Morast und putzte ihre Stube mit Schilf und gel­ben Blu­men aus – es sollte da recht hüb­sch für die neue Schwiegertochter wer­den. Dann schwamm sie mit dem hässlichen Sohne zu dem Blat­te, wo Däumelinchen stand. Sie woll­ten ihr hüb­sches Bett holen, das sollte in das Braut­gemach gestellt wer­den, bevor sie es selb­st betrat. Die alte Kröte verneigte sich tief im Wass­er vor ihr und sagte: Hier siehst du meinen Sohn; er wird dein Mann sein, und ihr werdet recht prächtig unten im Morast wohnen!“

Koax, koax, brekkerekekex!“ war alles, was der Sohn sagen kon­nte. Dann nah­men sie das niedliche, kleine Bett und schwammen damit fort; aber Däumelinchen saß ganz allein und weinte auf dem grü­nen Blat­te, denn sie mochte nicht bei der garsti­gen Kröte wohnen oder ihren hässlichen Sohn zum Manne haben. Die kleinen Fis­che, die unten im Wass­er schwammen, hat­ten die Kröte wohl gese­hen, und sie hat­ten auch gehört, was sie gesagt hat­te; deshalb streck­ten sie die Köpfe her­vor, sie woll­ten doch das kleine Mäd­chen sehen. Sie fan­den es sehr niedlich und bedauerten, dass es zur hässlichen Kröte hin­unter sollte. Nein, das durfte nie geschehen! Sie ver­sam­melten sich unten im Wass­er rings um den grü­nen Stän­gel, der das Blatt hielt, nagten mit den Zäh­nen den Stiel ab, und da schwamm das Blatt den Fluss hinab mit Däumelinchen davon, weit weg, wo die Kröte sie nicht erre­ichen konnte.

Däumelinchen segelte an vie­len Städten vor­bei, und die kleinen Vögel saßen in den Büschen, sahen sie und san­gen: Welch lieblich­es, kleines Mäd­chen!“ Das Blatt schwamm mit ihr immer weit­er und weit­er fort; so reiste Däumelinchen außer Lan­des. Ein niedlich­er, weißer Schmetter­ling umflat­terte sie stets und ließ sich zulet­zt auf das Blatt nieder, denn Däumelinchen gefiel ihm. Sie war sehr erfreut; denn nun kon­nte die Kröte sie nicht erre­ichen, und es war so schön, wo sie fuhr; die Sonne schien aufs Wass­er, das wie lauteres Gold glänzte. Sie nahm ihren Gür­tel, band das eine Ende um den Schmetter­ling, das andere Ende des Ban­des befes­tigte sie am Blat­te; das glitt nun viel schneller davon und sie mit, denn sie stand ja darauf.

Da kam ein großer Maikäfer ange­flo­gen, der erblick­te sie, schlug augen­blick­lich seine Klauen um ihren schlanken Leib und flog mit ihr auf einen Baum. Das grüne Blatt schwamm den Fluss hinab und der Schmetter­ling mit, denn er war an das Blatt gebun­den und kon­nte nicht loskommen.

Wie war das arme Däumelinchen erschrock­en, als der Maikäfer mit ihr auf den Baum flog! Aber haupt­säch­lich war sie des schö­nen, weißen Schmetter­lings wegen betrübt, den sie an das Blatt fest­ge­bun­den hat­te. Wenn er sich nicht befreien kon­nte, musste er ja ver­hungern! Darum küm­merte sich der Maikäfer nicht. Er set­zte sich mit ihr auf das größte grüne Blatt des Baumes, gab ihr das Süße der Blu­men zu essen und sagte, dass sie niedlich sei, obgle­ich sie einem Maikäfer dur­chaus nicht gle­iche. Später kamen alle die anderen Maikäfer, die im Baume wohn­ten, und besucht­en sie; sie betra­chteten Däumelinchen, und die Maikäfer­fräulein rümpften die Fühlhörn­er und sagten: Sie hat doch nicht mehr als zwei Beine; das sieht erbärm­lich aus.“ – Sie hat keine Fühlhörn­er!“ sagte eine andere. Sie ist so schlank in der Mitte; pfui, sie sieht wie ein Men­sch aus! Wie hässlich sie ist!“ sagten alle Maikäferin­nen, und doch war Däumelinchen so niedlich. Das erkan­nte auch der Maikäfer, der sie ger­aubt hat­te, aber als alle anderen sagten, sie sei hässlich, so glaubte er es zulet­zt auch und wollte sie gar nicht haben; sie kon­nte gehen, wohin sie wollte. Sie flo­gen mit ihr den Baum hinab und set­zten sie auf ein Gänse­blüm­chen; da weinte sie, weil sie so hässlich sei, dass die Maikäfer sie nicht haben woll­ten, und doch war sie das Lieblich­ste, das man sich denken kon­nte, so fein und klar wie das schön­ste Rosenblatt.

Den ganzen Som­mer über lebte das arme Däumelinchen ganz allein in dem großen Walde. Sie flocht sich ein Bett aus Grashal­men und hing es unter einem Klet­ten­blat­te auf, so war sie vor dem Regen geschützt, sie pflück­te das Süße der Blu­men zur Speise und trank vom Tau, der jeden Mor­gen auf den Blät­tern lag. So vergin­gen Som­mer und Herb­st. Aber nun kam der Win­ter, der kalte, lange Win­ter. Alle Vögel, die so schön vor ihr gesun­gen hat­ten, flo­gen davon, Bäume und Blu­men ver­dor­rten; das große Klet­ten­blatt, unter dem sie gewohnt hat­te, schrumpfte zusam­men, und es blieb nichts als ein gel­ber, ver­welk­ter Stän­gel zurück. Däumelinchen fror schreck­lich, denn ihre Klei­der waren entzwei, und sie war selb­st so fein und klein, sie musste erfrieren. Es fing an zu schneien, und jede Schneeflocke, die auf sie fiel, war, als wenn man auf uns eine ganze Schaufel voll wirft, denn wir sind groß, und sie war nur einen hal­ben Fin­ger lang. Da hüllte sie sich in ein ver­dor­rtes Blatt ein, aber das wollte nicht wär­men; sie zit­terte vor Kälte.

Dicht vor dem Walde, wohin sie nun gekom­men war, lag ein großes Korn­feld. Das Korn war schon lange abgeschnit­ten, nur die nack­ten, trock­e­nen Stop­peln standen aus der gefrore­nen Erde her­vor. Sie waren ger­ade wie ein ganz­er Wald für sie zu durch­wan­dern, und sie zit­terte vor Kälte! Da gelangte sie vor die Tür der Feld­maus, die ein kleines Loch unter den Korn­stop­peln hat­te. Da wohnte die Feld­maus warm und gut, hat­te die ganze Stube voll Korn, eine her­rliche Küche und Speisekam­mer. Das arme Däumelinchen stellte sich in die Tür, ger­ade wie jedes andere arme Bet­telmäd­chen, und bat um ein kleines Stück von einem Ger­stenko­rn, denn sie hat­te seit zwei Tagen nicht das min­deste zu essen gehabt.

Du kleines Wesen!“ sagte die Feld­maus, denn im Grunde war es eine gute alte Feld­maus, komm here­in in meine warme Stube und iss mit mir!“

Da ihr nun Däumelinchen gefiel, sagte sie: Du kannst den Win­ter über bei mir bleiben, aber du musst meine Stube sauber und rein hal­ten und mir Geschicht­en erzählen, denn die liebe ich sehr.“ Däumelinchen tat, was die gute alte Feld­maus ver­langte, und hat­te es über die lange Win­terzeit hin­weg außeror­dentlich gut.

Nun wer­den wir bald Besuch erhal­ten!“ sagte die Feld­maus. Mein Nach­bar pflegt mich wöchentlich ein­mal zu besuchen. Er ste­ht sich noch bess­er als ich, hat große Säle und trägt einen schö­nen, schwarzen Samt­pelz! Wenn du den zum Manne bekom­men kön­ntest, so wärest du gut ver­sorgt; aber er kann nicht sehen. Du musst ihm, wenn er unser Gast ist, die niedlich­sten Geschicht­en erzählen, die du weißt!“ Aber darum küm­merte sich Däumelinchen nicht, sie mochte den Nach­bar gar nicht haben, denn er war ein Maulwurf.

Er kam und stat­tete den Besuch in seinem schwarzen Samt­pelz ab. Er sei reich und gelehrt, sägte die Feld­maus; seine Woh­nung war auch zwanzig­mal größer als die der Feld­maus. Gelehrsamkeit besaß er, aber die Sonne und die schö­nen Blu­men mochte er gar nicht lei­den, von bei­den sprach er schlecht, denn er hat­te sie noch nie gese­hen.
Däumelinchen musste sin­gen, und sie sang: Maikäfer flieg!“ und: Wer will unter die Sol­dat­en“.
Da wurde der Maulwurf der schö­nen Stimme wegen in sie ver­liebt, aber er sagte nichts, er war ein besonnen­er Mann. Er hat­te sich vor kurzem einen lan­gen Gang durch die Erde von seinem bis zu ihrem Hause gegraben; in diesem erhiel­ten die Feld­maus und Däumelinchen die Erlaub­nis, zu spazieren, soviel sie woll­ten. Aber er bat sie, sich nicht vor dem toten Vogel zu fürcht­en, der in dem Gange liege. Es war ein ganz­er Vogel mit Fed­ern und Schn­abel, der sich­er erst kür­zlich gestor­ben und nun begraben war, ger­ade da, wo er seinen Gang gemacht hatte.

Der Maulwurf nahm nun ein Stück faules Holz ins Maul, denn das schim­mert ja wie Feuer im Dunkeln, ging voran und leuchtete ihnen in dem lan­gen, dun­klen Gange. Als sie dahin kamen, wo der tote Vogel lag, stemmte der Maulwurf seine bre­ite Nase gegen die Decke und stieß die Erde auf, so dass es ein großes Loch gab und das Licht hin­durch­scheinen kon­nte. Mit­ten auf dem Fuß­bo­den lag eine tote Schwalbe, die schö­nen Flügel fest an die Seite gedrückt, die Füße und den Kopf unter die Fed­ern gezo­gen; der arme Vogel war sich­er vor Kälte gestor­ben. Das tat Däumelinchen leid, sie hielt viel von allen kleinen Vögeln, sie hat­ten ja den ganzen Som­mer so schön vor ihr gesun­gen und gezwitschert. Aber der Maulwurf stieß ihn mit seinen kurzen Beinen und sagte: Nun pfeift er nicht mehr! Es muss doch erbärm­lich sein, als klein­er Vogel geboren zu wer­den! Gott sei Dank, dass keins von meinen Kindern das wird; ein solch­er Vogel hat ja außer seinem Quiv­it nichts und muss im Win­ter verhungern!“

Ja, das mögt Ihr als vernün­ftiger Mann wohl sagen“, erwiderte die Feld­maus. Was hat der Vogel für all sein Quiv­it, wenn der Win­ter kommt? Er muss hungern und frieren; doch das soll wohl ganz beson­ders vornehm sein!“

Däumelinchen sagte gar nichts; aber als die bei­den andern dem Vogel den Rück­en wandten, neigte sie sich herab, schob die Fed­ern bei­seite, die den Kopf bedeck­ten, und küsste ihn auf die geschlosse­nen Augen. Vielle­icht war er es, der so hüb­sch vor mir im Som­mer sang‘, dachte sie. Wie viel Freude hat er mir nicht gemacht, der liebe, schöne Vogel‘

Der Maulwurf stopfte nun das Loch zu, durch das der Tag here­in­schien, und begleit­ete dann die Damen nach Hause. Aber nachts kon­nte Däumelinchen gar nicht schlafen. Da stand sie von ihrem Bette auf und flocht von Heu einen großen, schö­nen Tep­pich. Den trug sie zu dem Vogel, bre­it­ete ihn über ihn und legte weiche Baum­wolle, die sie in der Stube der Feld­maus gefun­den hat­te, an seine Seit­en, damit er in der kalten Erde warm liegen möge.

Lebe wohl, du schön­er, klein­er Vogel!“ sagte sie. Lebe wohl und habe Dank für deinen her­rlichen Gesang im Som­mer, als alle Bäume grün waren und die Sonne warm auf uns her­ab­schien!“ Dann legte sie ihr Haupt an des Vogels Brust, erschrak aber zugle­ich, denn es war ger­ade, als ob drin­nen etwas klopfte. Das war des Vogels Herz. Der Vogel war nicht tot, er lag nur betäubt da, war nun erwärmt wor­den und bekam wieder Leben. Im Herb­st fliegen alle Schwal­ben nach den war­men Län­dern fort; aber ist da eine, die sich ver­spätet, so friert sie so, dass sie wie tot nieder­fällt und liegen bleibt, wo sie hin­fällt. Und der kalte Schnee bedeckt sie.

Däumelinchen zit­terte heftig, so war sie erschrock­en, denn der Vogel war ja groß, sehr groß gegen sie; aber sie fasste doch Mut, legte die Baum­wolle dichter um die arme Schwalbe und holte ein Krausem­inze­blatt, das sie selb­st zum Deck­blatt gehabt hat­te, und legte es ganz behut­sam über den Kopf des Vogels.

In der näch­sten Nacht schlich sie sich wieder zu ihm, und da war er nun lebendig, aber ganz matt. Er kon­nte nur einen Augen­blick seine Augen öff­nen und Däumelinchen anse­hen, die mit einem Stück faulen Holzes in der Hand, denn eine andere Lat­er­ne hat­te sie nicht, vor ihm stand.
Ich danke dir, du niedlich­es, kleines Kind!“ sagte die kranke Schwalbe zu ihr. Ich bin her­rlich erwärmt wor­den; bald erhalte ich meine Kräfte zurück und kann dann wieder draußen in dem war­men Son­nen­schein herum­fliegen!“ Oh“, sagte Däumelinchen, es ist kalt draußen, es schneit und friert! Bleib in deinem war­men Bette, ich werde dich schon pfle­gen!“ Dann brachte sie der Schwalbe Wass­er in einem Blu­men­blatt, und diese trank und erzählte ihr, wie sie ihren einen Flügel an einem Dorn­busch geris­sen und deshalb nicht so schnell habe fliegen kön­nen wie die andern Schwal­ben, die fort­ge­zo­gen seien, weit fort nach den war­men Län­dern. So sei sie zulet­zt zur Erde gefall­en. Mehr wusste sie nicht, und auch nicht, wie sie hier­her gekom­men war. Den ganzen Win­ter blieb sie nun da unten, Däumelinchen pflegte sie und hat­te sie lieb, wed­er der Maulwurf noch die Feld­maus erfuhren etwas davon, denn sie mocht­en die arme Schwalbe nicht leiden.

Sobald das Früh­jahr kam und die Sonne die Erde erwärmte, sagte die Schwalbe Däumelinchen, die das Loch öffnete, das der Maulwurf oben gemacht hat­te, Lebe­wohl. Die Sonne schien her­rlich zu ihnen here­in, und die Schwalbe fragte, ob sie mitkom­men wolle, sie kön­nte auf ihrem Rück­en sitzen, sie woll­ten weit in den grü­nen Wald hine­in­fliegen. Aber Däumelinchen wusste, dass es die alte Feld­maus betrüben würde, wenn sie sie ver­ließ. Nein, ich kann nicht!“ sagte Däumelinchen. Lebe wohl, lebe wohl, du gutes, niedlich­es Mäd­chen!“ sagte die Schwalbe und flog hin­aus in den Son­nen­schein. Däumelinchen sah ihr nach, und das Wass­er trat ihr in die Augen, denn sie war der armen Schwalbe von Herzen gut. Quiv­it, quiv­it!“ sang der Vogel und flog in den grü­nen Wald. Däumelinchen war recht betrübt. Sie erhielt gar keine Erlaub­nis, in den war­men Son­nen­schein hin­auszuge­hen. Das Korn, das auf dem Felde über dem Hause der Feld­maus gesät war, wuchs auch hoch in die Luft empor; das war ein ganz dichter Wald für das arme, kleine Mäd­chen. Nun sollst du im Som­mer deine Auss­teuer nähen!“ sagte die Feld­maus zu ihr; denn der Nach­bar, der lang­weilige Maulwurf in dem schwarzen Samt­pelze, hat­te um sie gefre­it. Du musst sowohl Wollen- wie Leinen­zeug haben, denn es darf dir an nichts fehlen, wenn du des Maulwurfs Frau wirst!“

Däumelinchen musste auf der Spin­del spin­nen, und die Feld­maus mietete vier Rau­pen, die Tag und Nacht für sie webten. Jeden Abend besuchte sie der Maulwurf und sprach dann immer davon, dass, wenn der Som­mer zu Ende gehe, die Sonne lange nicht so warm scheinen werde, sie brenne da jet­zt die Erde fest wie einen Stein; ja, wenn der Som­mer vor­bei sei, dann wolle er mit Däumelinchen Hochzeit hal­ten. Aber sie war gar nicht erfreut darüber, denn sie mochte den lang­weili­gen Maulwurf nicht lei­den. jeden Mor­gen, wenn die Sonne aufging, und jeden Abend, wenn sie unterg­ing, stahl sie sich zur Tür hin­aus, und wenn dann der Wind die Kornähren tren­nte, so dass sie den blauen Him­mel erblick­en kon­nte, dachte sie daran, wie hell und schön es hier draußen sei, und wün­schte sehn­lichst, die liebe Schwalbe wiederzuse­hen. Aber die kam nicht wieder; sie war gewiss weit weg in den schö­nen grü­nen Wald gezogen.

Als es nun Herb­st wurde, hat­te Däumelinchen ihre ganze Auss­teuer fer­tig. In vier Wochen sollst du Hochzeit hal­ten!“ sagte die Feld­maus. Aber Däumelinchen weinte und sagte, sie wolle den lang­weili­gen Maulwurf nicht haben. Schnickschnack!“ sagte die Feld­maus. Werde nicht wider­spen­stig, denn son­st werde ich dich mit meinen weißen Zäh­nen beißen! Es ist ja ein schön­er Mann, den du bekommst, und das darf­st du nicht vergessen. Die Köni­gin selb­st hat keinen solchen schwarzen Samt­pelz! Er hat Küche und Keller voll. Danke du Gott für ihn!“

Nun soll­ten sie Hochzeit haben. Der Maulwurf war schon gekom­men, Däumelinchen zu holen; sie sollte bei ihm wohnen, tief unter der Erde, nie an die warme Sonne her­auskom­men, denn die mochte er nicht lei­den. Das arme Kind war sehr betrübt; sie sollte nun der schö­nen Sonne Lebe­wohl sagen, die sie doch bei der Feld­maus hat­te von der Türe aus sehen dür­fen. Lebe wohl, du helle Sonne!“ sagte sie, streck­te die Arme hoch empor und ging auch eine kleine Strecke weit­er vor dem Hause der Feld­maus; denn nun war das Korn geern­tet, und hier standen nur die trock­e­nen Stop­peln. Lebe wohl, lebe wohl!“ sagte sie und schlang ihre Arme um eine kleine rote Blume, die da stand. Grüße die kleine Schwalbe von mir, wenn du sie zu sehen bekommst!“

Quiv­it, quiv­it!“ ertönte es plöt­zlich über ihrem Kopfe, sie sah empor, es war die kleine Schwalbe, die ger­ade vor­beikam. Sobald sie Däumelinchen erblick­te, wurde sie sehr erfreut; diese erzählte ihr, wie ungern sie den hässlichen Maulwurf zum Manne haben wolle und dass sie dann tief unter der Erde wohnen solle, wo nie die Sonne scheine. Sie kon­nte sich nicht enthal­ten, dabei zu weinen.
Nun kommt der kalte Win­ter“, sagte die kleine Schwalbe; ich fliege weit fort nach den war­men Län­dern, willst du mit mir kom­men? Du kannst auf meinem Rück­en sitzen! Binde dich nur mit deinem Gür­tel fest, dann fliegen wir von dem hässlichen Maulwurf und sein­er dunkeln Stube fort, weit über die Berge, nach den war­men Län­dern, wo die Sonne schön­er scheint als hier, wo es immer Som­mer ist und her­rliche Blu­men gibt. Fliege nur mit, du liebes, kleines Däumelinchen, die mein Leben gerettet hat, als ich wie tot in dem dunkeln Erd­keller lag!“ Ja, ich werde mit dir kom­men!“ sagte Däumelinchen und set­zte sich auf des Vogels Rück­en, mit den Füßen auf seinen ent­fal­teten Schwin­gen. Sie band ihren Gür­tel an ein­er der stärk­sten Fed­ern fest, und da flog die Schwalbe hoch in die Luft hin­auf, über Wald und über See, hoch über die großen Berge, wo immer Schnee liegt. Däumelinchen fror in der kalten Luft, aber darin verkroch sie sich unter des Vogels warme Fed­ern und streck­te nur den kleinen Kopf her­vor, um all die Schön­heit­en unter sich zu bewundern.

Da kamen sie denn nach den war­men Län­dern. Dort schien die Sonne weit klar­er als hier, der Him­mel war zweimal so hoch, und an Gräben und Heck­en wuch­sen die schön­sten grü­nen und blauen Wein­trauben. In den Wäldern hin­gen Zitro­nen und Apfelsi­nen, hier duftete es von Myrten und Krausem­inze, auf den Land­straßen liefen die niedlich­sten Kinder und spiel­ten mit großen, bun­ten Schmetter­lin­gen. Aber die Schwalbe flog noch weit­er fort, und es wurde schön­er und schön­er. Unter den her­rlich­sten grü­nen Bäu­men an dem blauen See stand ein blendend weißes Mar­morschloss aus alten Zeit­en. Wein­reben rank­ten sich um die hohen Säulen empor; ganz oben waren viele Schwal­bennester, und in einem wohnte die Schwalbe, die Däumelinchen trug.
Hier ist mein Haus!“ sagte die Schwalbe. Aber willst du dir nun selb­st eine der prächtig­sten Blu­men, die da unten wach­sen, aus­suchen, dann will ich dich hinein­set­zen, und du sollst es so gut und schön haben, wie du es nur wünschest!“

Das ist her­rlich!“ sagte Däumelinchen und klatschte erfreut in die kleinen Hände. Da lag eine große, weiße Mar­morsäule, die zu Boden gefall­en und in drei Stücke gesprun­gen war, aber zwis­chen diesen wuch­sen die schön­sten großen, weißen Blu­men. Die Schwalbe flog mit Däumelinchen hin­unter und set­zte sie auf eins der bre­it­en Blät­ter. Aber wie erstaunte diese! Da saß ein klein­er Mann mit­ten in der Blume, so weiß und durch­sichtig, als wäre er von Glas; die niedlich­ste Gold­kro­ne trug er auf dem Kopfe und die her­rlich­sten, klaren Flügel an den Schul­tern, er selb­st war nicht größer als Däumelinchen. Es war der Blumenelf. In jed­er Blume wohnte so ein klein­er Mann oder eine Frau, aber dieser war der König – über alle. Gott, wie ist er schön!“ flüsterte Däumelinchen der Schwalbe zu. Der kleine Prinz erschrak sehr über die Schwalbe, denn sie war gegen ihn, der so klein und fein war, ein Riesen­vo­gel; aber als er Däumelinchen erblick­te, wurde er hocher­freut; sie war das schön­ste Mäd­chen, das er je gese­hen hat­te. Deswe­gen nahm er seine Gold­kro­ne vom Haupte und set­zte sie ihr auf, fragte, wie sie heiße und ob sie seine Frau wer­den wolle, dann solle sie Köni­gin über alle Blu­men wer­den! Ja, das war wahrlich ein ander­er Mann als der Sohn der Kröte und der Maulwurf mit dem schwarzen Samt­pelze. Sie sagte deshalb ja zu dem her­rlichen Prinzen, und von jed­er Blume kam eine Dame oder ein Herr, so niedlich, dass es eine Lust war; jed­er brachte Däumelinchen ein Geschenk, aber das beste von allen waren ein Paar schöne Flügel von ein­er großen, weißen Fliege; sie wur­den Däumelinchen am Rück­en befes­tigt, und nun kon­nte sie auch von Blume zu Blume fliegen. Da gab es viel Freude, und die Schwalbe saß oben in ihrem Neste und sang ihnen vor, so gut sie kon­nte; aber im Herzen war sie doch betrübt, denn sie war Däumelinchen gut und wäre gerne immer mit ihr zusam­men geblieben. Am lieb­sten hätte sie sich daher nie von ihr tren­nen mögen. Du sollst nicht Däumelinchen heißen!“ sagte der Blumenelf zu ihr. Das ist ein hässlich­er Name, und du bist schön. Wir wollen dich von nun an Maja nennen.“

Lebe wohl, lebe wohl!“ sagte die kleine Schwalbe und flog wieder fort von den war­men Län­dern, weit weg, nach Deutsch­land zurück; dort hat­te sie ein kleines Nest über dem Fen­ster, wo der Mann wohnt, der Märchen erzählen kann, vor ihm sang sie Quiv­it, quiv­it!“ Daher wis­sen wir die ganze Geschichte.