Doktor Allwissend

von Brüder Grimm

~3 Min

Es war ein­mal ein armer Bauer namens Krebs, der fuhr mit zwei Ochsen ein Fud­er Holz in die Stadt und verkaufte es für zwei Taler an einen Dok­tor. Wie ihm nun das Geld aus­bezahlt wurde, sass der Dok­tor ger­ade zu Tisch; da sah der Bauer, wie er schön ass und trank, und das Herz ging ihm danach auf, und er wäre auch gern ein Dok­tor gewe­sen. Also blieb er noch ein Weilchen ste­hen und fragte endlich, ob er nicht auch kön­nte ein Dok­tor wer­den. O ja,“ sagte der Dok­tor, das ist bald geschehen.“ – Was muss ich tun?“ fragte der Bauer. Erstlich kauf dir ein Abece­buch, so eins, wo vorn ein Gock­el­hahn drin ist; zweit­ens mache deinen Wagen und deine zwei Ochsen zu Geld und schaff dir damit Klei­der an und was son­st zur Dok­tor­ei gehört; drit­tens lass dir ein Schild malen mit den Worten: Ich bin der Dok­tor All­wis­send‘ und lass das oben über deine Haustür nageln!“ Der Bauer tat alles, wie’s ihm geheis­sen war. Als er nun ein wenig gedok­tert hat­te, aber noch nicht viel, ward einem reichen, grossen Her­rn Geld gestohlen. Da ward ihm von dem Dok­tor All­wis­send gesagt, der in dem und dem Dorfe wohnte und auch wis­sen müsste, wo das Geld hingekom­men wäre. Also liess der Herr seinen Wagen anspan­nen, fuhr hin­aus ins Dorf und fragte bei ihm an, ob er der Dok­tor All­wis­send wäre. Ja, der wär er. So sollte er mit­ge­hen und das gestoh­lene Geld wieder schaf­fen. O ja, aber die Grete, seine Frau müsste auch mit. Der Herr war damit zufrieden und liess sie bei­de in den Wagen sitzen, und sie fuhren zusam­men fort. Als sie auf den adli­gen Hof kamen, war der Tisch gedeckt; da sollte er erst mitessen. Ja, aber seine Frau, die Grete, auch, sagte er und set­zte sich mit ihr hin­ter den Tisch. Wie nun der erste Bedi­ente mit ein­er Schüs­sel schönem Essen kam, stiess der Bauer seine Frau an und sagte: Grete, das war der erste,“ und meinte, es wäre der­jenige, welch­er das erste Essen brächte. Der Bedi­ente aber meinte, er hätte damit sagen wollen: Das ist der erste Dieb; und weil er’s nun wirk­lich war, ward ihm angst, und er sagte draussen zu seinen Kam­er­aden: Der Dok­tor weiss alles, wir kom­men übel an; er hat gesagt, ich wäre der erste.“ Der zweite wollte gar nicht here­in, er musste aber doch. Wie er nun mit sein­er Schüs­sel here­in kam, stiess der Bauer seine Frau an: Grete, das ist der zweite.“ Dem Bedi­en­ten ward eben­falls angst, und er machte, dass er hin­auskam. Dem drit­ten ging’s nicht bess­er; der Bauer sagte wieder: Grete, das ist der dritte.“ Der vierte musste eine verdeck­te Schüs­sel here­in­tra­gen, und der Herr sprach zum Dok­tor, er sollte seine Kun­st zeigen und rat­en, was darunter läge; es waren aber Kreb­se. Der Bauer sah die Schüs­sel an, wusste nicht, wie er sich helfen sollte, und sprach: Ach, ich armer Krebs!“ Wie der Herr das hörte, rief er: Da, er weiss es, nun weiss er auch, wer das Geld hat.“

Dem Bedi­en­ten aber ward gewaltig angst, und er blinzelte den Dok­tor an, er möchte ein­mal her­auskom­men. Wie er nun hin­auskam, ges­tanden sie ihm alle viere, sie hät­ten das Geld gestohlen; sie wollten’s ja gerne her­aus­geben und ihm eine schwere Summe dazu, wenn er sie nicht ver­rat­en wollte; es gin­ge ihnen son­st an den Hals. Sie führten ihn auch hin, wo das Geld ver­steckt lag. Damit war der Dok­tor zufrieden, ging wieder hinein, set­zte sich an den Tisch und sprach: Herr, nun will ich in meinem Buch suchen, wo das Geld steckt.“ Der fün­fte Bedi­ente aber kroch in den Ofen und wollte hören, ob der Dok­tor noch mehr wüsste. Der sass aber und schlug sein Abece­buch auf, blät­terte hin und her und suchte den Gock­el­hahn. Weil er ihn nicht gle­ich find­en kon­nte, sprach er: Du bist doch darin und musst auch her­aus.“ Da glaubte der im Ofen, er wäre gemeint, sprang voller Schreck­en her­aus und rief: Der Mann weiss alles.“ Nun zeigte der Dok­tor All­wis­send dem Her­rn, wo das Geld lag, sagte aber nicht, wer’s gestohlen hat­te, bekam von bei­den Seit­en viel Geld zur Beloh­nung und ward ein berühmter Mann.