Die zwölf Brüder

von Brüder Grimm

~10 Min

Es war ein­mal ein König, die lebten in Frieden miteinan­der und hat­ten zwölf Kinder, das waren aber lauter Buben. Nun sprach der König zu sein­er Frau: Wenn das dreizehnte Kind, das du zur Welt bringst, ein Mäd­chen ist, so sollen die zwölf Buben ster­ben, damit sein Reich­tum gross wird und das Kön­i­gre­ich ihm allein zufällt.“ Er liess auch zwölf Särge machen, die waren schon mit Hobel­spä­nen gefüllt, und in jedem lag das Totenkissen, und liess sie in eine ver­schlossene Stube brin­gen, dann gab er der Köni­gin den Schlüs­sel und gebot ihr, nie­mand etwas davon zu sagen.

Die Mut­ter aber sass nun den ganzen Tag und trauerte, so dass der kle­in­ste Sohn, der immer bei ihr war, und den sie nach der Bibel Ben­jamin nan­nte, zu ihr sprach: Liebe Mut­ter, warum bist du so trau­rig?“ – Lieb­stes Kind,“ antwortete sie, ich darf dir’s nicht sagen.“ Er liess ihr aber keine Ruhe, bis sie ging und die Stube auf­schloss und ihm die zwölf mit Hobel­spä­nen schon gefüll­ten Toten­laden zeigte. Darauf sprach sie: Mein lieb­ster Ben­jamin, diese Särge hat dein Vater für dich und deine elf Brüder machen lassen, denn wenn ich ein Mäd­chen zur Welt bringe, so sollt ihr alle­samt getötet und darin begraben wer­den.“ Und als sie weinte, während sie das sprach, so tröstete sie der Sohn und sagte: Weine nicht, liebe Mut­ter, wir wollen uns schon helfen und wollen fort­ge­hen.“ Sie aber sprach: Geh mit deinen elf Brüdern hin­aus in den Wald, und ein­er set­ze sich immer auf den höch­sten Baum, der zu find­en ist, und halte Wacht und schaue nach dem Turm hier im Schloss. Gebär ich ein Söhn­lein, so will ich eine weisse Fahne auf­steck­en, und dann dürft ihr wiederkom­men; gebär ich ein Töchter­lein, so will ich eine rote Fahne auf­steck­en, und dann flieht fort, so schnell ihr kön­nt, und der liebe Gott behüte euch. Alle Nacht will ich auf­ste­hen und für euch beten, im Win­ter, dass ihr an einem Feuer euch wär­men kön­nt, im Som­mer, dass ihr nicht in der Hitze schmachtet.“

Nach­dem sie also ihre Söhne geseg­net hat­te, gin­gen sie hin­aus in den Wald. Ein­er hielt um den andern Wacht, sass auf der höch­sten Eiche und schaute nach dem Turm. Als elf Tage herum waren und die Rei­he an Ben­jamin kam, da sah er, wie eine Fahne aufgesteckt wurde. Es war aber nicht die weisse, son­dern die rote Blut­fahne, die verkündigte, dass sie alle ster­ben soll­ten. Wie die Brüder das hörten, wur­den sie zornig und sprachen: Soll­ten wir um eines Mäd­chens willen den Tod lei­den! Wir schwören, dass wir uns rächen wollen. Wo wir ein Mäd­chen find­en, soll sein Blut fliessen.“

Darauf gin­gen sie tiefer in den Wald hinein, und mit­ten drein, wo er am dunkel­sten war, fan­den sie ein kleines ver­wün­scht­es Häuschen, das leer stand. Da sprachen sie: Hier wollen wir wohnen und du, Ben­jamin, du bist der Jüng­ste und Schwäch­ste, du sollst daheim bleiben und haushal­ten, wir andern wollen aus­ge­hen und Essen holen.“ Nun zogen sie in den Wald und schössen Hasen, wilde Rehe, Vögel und Täu­berchen, und was zu essen stand, das bracht­en sie dem Ben­jamin, der musste es ihnen zurecht machen, damit sie ihren Hunger stillen kon­nten. In dem Häuschen lebten sie zehn Jahre zusam­men, und die Zeit ward ihnen nicht lang.

Das Töchterchen, das ihre Mut­ter, die Köni­gin, geboren hat­te, war nun herangewach­sen, war gut von Herzen und schön von Angesicht und hat­te einen gold­e­nen Stern auf der Stirne. Ein­mal, als grosse Wäsche war, sah es darunter zwölf Mannshem­den und fragte seine Mut­ter: Wem gehören diese zwölf Hem­den, für den Vater sind sie doch viel zu klein?“ Da antwortete sie mit schw­erem Herzen: Liebes Kind, die gehören deinen zwölf Brüdern.“ Sprach das Mäd­chen: Wo sind meine zwölf Brüder? Ich habe noch niemals von ihnen gehört.“ Sie antwortete: Das weiss Gott, wo sie sind. Sie irren in der Welt herum.“ Da nahm sie das Mäd­chen und schloss ihm das Zim­mer auf und zeigte ihm die zwölf Särge mit den Hobel­spä­nen und den Totenkissen. Diese Särge,“ sprach sie, waren für deine Brüder bes­timmt, aber sie sind heim­lich fort­ge­gan­gen, eh du geboren warst,“ und erzählte ihm, wie sich alles zuge­tra­gen hat­te. Da sagte das Mäd­chen: Liebe Mut­ter, weine nicht, ich will gehen und meine Brüder suchen.“

Nun nahm es die zwölf Hem­den und ging fort und ger­adezu in den grossen Wald hinein. Es ging den ganzen Tag und am Abend kam es zu dem ver­wün­scht­en Häuschen. Da trat es hinein und fand einen jun­gen Knaben, der fragte: Wo kommst du her und wo willst du hin?“ und erstaunte, dass sie so schön war, königliche Klei­der trug und einen Stern auf der Stirn hat­te. Da antwortete sie: Ich bin eine Königstochter und suche meine zwölf Brüder und will gehen, so weit der Him­mel blau ist, bis ich sie finde.“ Sie zeigte ihm auch die zwölf Hem­den, die ihnen gehörten. Da sah Ben­jamin, dass es seine Schwest­er war und sprach: Ich bin Ben­jamin, dein jüng­ster Brud­er.“ Und sie fing an zu weinen vor Freude, und Ben­jamin auch, und sie küssten und herzten einan­der vor gross­er Liebe. Her­nach sprach er: Liebe Schwest­er, es ist noch ein Vor­be­halt da, wir hat­ten verabre­det, dass ein jedes Mäd­chen, das uns begeg­nete, ster­ben sollte, weil wir um ein Mäd­chen unser Kön­i­gre­ich ver­lassen mussten.“ Da sagte sie: Ich will gerne ster­ben, wenn ich damit meine zwölf Brüder erlösen kann.“ – Nein,“ antwortete er, du sollst nicht ster­ben, set­ze dich unter diese Bütte, bis die elf Brüder kom­men, dann will ich schon einig mit ihnen wer­den.“ Also tat sie; und wie es Nacht ward, kamen die anderen von der Jagd, und die Mahlzeit war bere­it. Und als sie am Tis­che sassen und assen, fragten sie: Was gibt’s Neues?“ Sprach Ben­jamin: Wisst ihr nichts?“ – Nein,“ antworteten sie. Sprach er weit­er: Ihr seid im Walde gewe­sen, und ich bin daheim geblieben, und weiss doch mehr als ihr.“ – So erzäh­le uns,“ riefen sie. Antwortete er: Ver­sprecht ihr mir auch, dass das erste Mäd­chen, das uns begeg­net, nicht soll getötet wer­den?“ – Ja,“ riefen sie alle, das soll Gnade haben, erzähl uns nur!“ Da sprach er: Unsere Schwest­er ist da,“ und hub die Bütte auf, und die Königstochter kam her­vor, in ihren königlichen Klei­dern mit dem gold­e­nen Stern auf der Stirne, und war so schön, zart und fein. Da freuten sich alle, fie­len ihr um den Hals und küssten sie und hat­ten sie von Herzen lieb.

Nun blieb sie bei Ben­jamin zu Haus und half ihm in der Arbeit. Die elfe zogen in den Wald, fin­gen Gewild, Rehe, Vögel und Täu­berchen, damit sie zu essen hat­ten, und die Schwest­er und Ben­jamin sorgten, dass es zubere­it­et wurde. Sie suchte das Holz zum Kochen und die Kräuter zum Gemüs und stellte die Töpfe ans Feuer, also dass die Mahlzeit immer fer­tig war, wenn die elfe kamen. Sie hielt auch son­st Ord­nung im Häuschen, und deck­te die Bet­tlein hüb­sch weiss und rein, und die Brüder waren immer zufrieden und lebten in gross­er Einigkeit mit ihr.

Auf eine Zeit hat­ten die bei­den daheim eine schöne Kost zurecht­gemacht, und wie sie nun alle beisam­men waren, set­zten sie sich, assen und tranken und waren voller Freude. Es war aber ein kleines Gärtchen an dem ver­wün­scht­en Häuschen, darin standen zwölf Lilien­blu­men, die man auch Stu­den­ten heisst. Nun wollte sie ihren Brüdern ein Vergnü­gen machen, brach die zwölf Blu­men ab und dachte, jedem aufs Essen eine zu schenken. Wie sie aber die Blu­men abge­brochen hat­te, in dem­sel­ben Augen­blick waren die zwölf Brüder in zwölf Raben ver­wan­delt und flo­gen über den Wald hin fort, und das Haus mit dem Garten war auch ver­schwun­den. Da war nun das arme Mäd­chen allein in dem wilden Wald, und wie es sich umsah, so stand eine alte Frau neben ihm, die sprach: Mein Kind, was hast du ange­fan­gen? Warum hast du die zwölf weis­sen Blu­men nicht ste­hen lassen? Das waren deine Brüder, die sind nun auf immer in Raben ver­wan­delt.“ Das Mäd­chen sprach weinend: Ist denn kein Mit­tel, sie zu erlösen?“ – Nein,“ sagte die Alte, es ist keins auf der ganzen Welt, als eins, das ist aber so schw­er, dass du sie damit nicht befreien wirst, denn du musst sieben Jahre stumm sein, darf­st nicht sprechen und nicht lachen, und sprichst du ein einziges Wort, und es fehlt nur eine Stunde an den sieben Jahren, so ist alles umson­st, und deine Brüder wer­den von dem einen Wort getötet.“

Da sprach das Mäd­chen in seinem Herzen: Ich weiss gewiss, dass ich meine Brüder erlöse,“ und ging und suchte einen hohen Baum, set­zte sich darauf und spann, und sprach nicht und lachte nicht. Nun trug’s sich zu, dass ein König in dem Walde jagte, der hat­te einen grossen Wind­hund, der lief zu dem Baum, wo das Mäd­chen drauf sass, sprang herum, schrie und bellte hin­auf. Da kam der König her­bei und sah die schöne Königstochter mit dem gold­e­nen Stern auf der Stirne, und war so entzückt über ihre Schön­heit, dass er ihr zurief, ob sie seine Gemahlin wer­den wollte. Sie gab keine Antwort, nick­te aber ein wenig mit dem Kopf. Da stieg er selb­st auf den Baum, trug sie herab, set­zte sie auf sein Pferd und führte sie heim. Da ward die Hochzeit mit gross­er Pracht und Freude gefeiert; aber die Braut sprach nicht und lachte nicht. Als sie ein paar Jahre miteinan­der vergnügt gelebt hat­ten, fing die Mut­ter des Königs, die eine böse Frau war, an, die junge Köni­gin zu ver­leum­den und sprach zum König: Es ist ein gemeines Bet­telmäd­chen, das du dir mit­ge­bracht hast, wer weiss, was für got­t­lose Stre­iche sie heim­lich treibt. Wenn sie stumm ist und nicht sprechen kann, so kön­nte sie doch ein­mal lachen, aber wer nicht lacht, der hat ein bös­es Gewis­sen.“ Der König wollte zuerst nicht daran glauben, aber die Alte trieb es so lange und beschuldigte sie so viel bös­er Dinge, dass der König sich endlich überre­den liess und sie zum Tode verurteilte.

Nun ward im Hof ein gross­es Feuer angezün­det, darin sollte sie ver­bran­nt wer­den. Und der König stand oben am Fen­ster und sah mit weinen­den Augen zu, weil er sie noch immer so lieb hat­te. Und als sie schon an den Pfahl fest­ge­bun­den war und das Feuer an ihren Klei­dern mit roten Zun­gen leck­te, da war eben der let­zte Augen­blick von den sieben Jahren ver­flossen. Da liess sich in der Luft ein Geschwirr hören, und zwölf Raben kamen herge­zo­gen und senk­ten sich nieder. Und wie sie die Erde berührten, waren es ihre zwölf Brüder, die sie erlöst hat­te. Sie ris­sen das Feuer auseinan­der, löscht­en die Flam­men, macht­en ihre liebe Schwest­er frei, und küssten und herzten sie. Nun aber, da sie ihren Mund auf­tun und reden durfte, erzählte sie dem Könige, warum sie stumm gewe­sen wäre und niemals gelacht hätte. Der König freute sich, als er hörte, dass sie unschuldig war, und sie lebten nun alle zusam­men in Einigkeit bis an ihren Tod. Die böse Stief­mut­ter ward vor Gericht gestellt und in ein Fass gesteckt, das mit sieden­dem Öl und gifti­gen Schlangen ange­füllt war, und starb eines bösen Todes.