Die Zwerchpfeife

von Johann Wilhelm Wolf

~6 Min

Es war ein­mal ein König, der seine Freude an schö­nen Sol­dat­en hat­te. Unter seinen Trup­pen war aber ein beson­ders großer und schön­er Mann, den er so hoch hielt, dass er ihn nie auch nur einen Tag in Urlaub lassen wollte; dage­gen gab er ihm Geld und Essen, so viel er ver­langte. Das gefiel dem Sol­dat­en nicht übel, aber er zechte und ver­schwen­dete so über alle Maßen, dass die Schatzkam­mer des Königs in Zeit von einem hal­ben Jahr kaum noch sechs Batzen übrig behielt. Da sah der König ein, dass dies nicht länger so gehen kön­nte und dass er dabei zum armen Mann würde. Er gab dem Sol­dat­en seinen Abschied und dazu einiges Reisegeld, was die alte Köni­gin ihm bor­gen musste, und einen Pass. Aber da der Sol­dat nicht sehr ans Sparen dachte, so war das Geld weg ehe er sich’s ver­sah, und er fand, als er seinen Sack umkehrte, nur noch ein kahles Sech­skreuzer­stück darin. Indem er nun so dahin schlen­derte auf der Land­straße, kamen zwei Reisende des­sel­ben Wegs und die hat­ten auch zufäl­lig kein Geld mehr. Da sprach der Eine: Da vor uns geht ein Sol­dat, vielle­icht hat der noch etwas übrig. Wir wollen ein­mal sehen, ob er uns etwas gibt.“ Sagt’s und ging zu dem Sol­dat­en und sprach, sie wären arme Reisende, ob er ihnen nicht etwas schenken wollte. Hätt ich sel­ber was!“ antwortete ihm der Sol­dat, da ist mein let­ztes Sech­skreuzer­stück; aber komm, wir wollen’s teilen.“ Das tat­en sie in der näch­sten Ortschaft, blieben des Tags zusam­men und schliefen auch zusam­men in ein­er Her­berge. Als der Sol­dat am andern Mor­gen von seinen bei­den Reisekam­er­aden Abschied nehmen wollte, sprach der Eine: Weil du ein so gutes Herz hast, so wäh­le dir drei Dinge und du hast sie.“ Das gefiel dem Sol­dat­en wohl und er rief lustig: Dann wäh­le ich mir vor Allem eine große Bären­mütze, wie die Grenadiere sie tra­gen, und ein Gewehr. Zweit­ens einen Tor­nister mit Ban­de­lier und schö­nen Hosen. Drit­tens ein Paar schöne Stiefel mit Sporen.“ Das sollst du haben“, sprach der Andre, aber dessen Gesell ärg­erte sich, dass der Sol­dat nichts Besseres begehrte und gab ihm noch eine Zwer­ch­pfeife dazu, welche die Eigen­schaft hat­te, dass Alles tanzen musste, wenn man sie blies. Dann nah­men sie Abschied und jed­er ging seines Weges. Der Sol­dat kam nach langem Wan­dern in ein Kön­i­gre­ich, wo das Bet­teln und Fecht­en bei Todesstrafe ver­boten war. Er tat es den­noch und wurde festgenom­men und ins Gefäng­nis geset­zt, doch das machte ihm keinen Kum­mer weil er dachte, das werde nicht lange dauern. Und dies­mal hat­te er sich nicht ver­rech­net. Es war näm­lich ein ver­wün­scht­es Schloss in der Stadt, worin noch Nie­mand eine Nacht über­lebt hat­te. Der König hätte es aber zu gern bewohnt; darum ließ er den Sol­dat­en vor sich führen und sprach zu ihm: Höre, ich will dir was sagen: wenn du in dem ver­wün­scht­en Schlosse schläf­st und mir die Geis­ter her­aus­treib­st, dann sollst du nicht nur frei sein, son­dern ich gebe dir auch noch meine Tochter zur Frau.“ – Herr König, damit bin ich zufrieden“, sprach der Sol­dat, wenn ihr mir nur gut Essen und Trinken mit­geben wollt.“ Daran soll’s nicht fehlen“, antwortete der König. Auch guten Tabak und eine Pfeife muss ich haben“, sprach der Sol­dat, und der König ver­sprach ihm das gleichfalls.

Abends wurde der Sol­dat in das Schloss geführt und die Tür hin­ter ihm geschlossen, nach­dem man ihm Essen, Wein, Tabak, eine Pfeife und Feuerzeug hinein gestellt hat­te. Er ließ sich’s gut sein, aß und trank nach Herzenslust und dann set­zte er sich in einen Ses­sel und schmauchte, dass es eine Art hat­te. Gegen Mit­ter­nacht tat es einen gräulichen Schlag, die Tür fuhr auf und ein Teufel mit langem Schwanz und großen Hörn­ern sprang here­in. Aha, du bist ja ein munter­er Kerl“, sprach der Sol­dat, wart ich will dir eins auf­spie­len.“ Damit set­zte er seine Zwer­ch­pfeife an und blies ein Stückchen nach dem andern und der Teufel tanzte wie besessen, dass seine Hörn­er an die Decke stießen und sein Schwanz die Stube fegte, bis der dicke weiße Schaum auf ihm stand. Da fing er an zu jam­mern und rief: Ich tue dir ja nichts, höre nur in drei Teufels Namen auf zu pfeifen!“ – Noch nicht genug gesprun­gen“ rief der Sol­dat. Immer weit­er herum!“ Und da sprang der arme Teufel wieder, bis er vor Müdigkeit hing, wie ein nass­er Lumpen, so dass er meinte, er tanze sich die Seele aus dem Leibe, und dass der Schaum von ihm herun­ter­lief und hand­hoch im Zim­mer stand. Nun rief er wieder mit schwach­er Stimme: Höre jet­zt auf, ich kann nicht mehr; ich will ja nie wieder in das Schloss kom­men.“ Dann marsch zum Fen­ster hin­aus“, sprach der Sol­dat, und gab ihm einen Fußtritt, dass er wenig­stens fün­fzig Schritt weit hin­aus flog. Darauf machte er das Fen­ster zu und legte sich schlafen.

Am fol­gen­den Mor­gen kam der König, um nachzuse­hen, wie es dem Sol­dat­en gehe. Er dachte, dem würde es ergan­gen sein, wie allen anderen, die vor ihm in dem Schloss geschlafen hat­ten; doch er fand ihn im Bett, wo er aus allen Tonarten schnar­chte. Da war kein­er vergnügter, als der König. Er weck­te den Sol­dat­en, nahm ihn mit sich in sein Schloss und ließ gle­ich die Hochzeit hal­ten. Nie­mand war fro­her, als der Sol­dat, der jet­zt in Saus und Braus lebte bis sein Sterbestünd­chen kam. Da befahl er der Prinzessin, dass sie ihn mit sein­er Mon­tur und seinem Tor­nister begraben lassen solle. Die dachte aber, das schicke sich nicht für einen Prinzen und ließ ihn in schön­er Uni­form mit Orden und Ster­nen begraben. Doch da fing der Sol­dat an zu spuken und kam jede Nacht an das Bett der Prinzessin und rief: Ich will meinen Tor­nister! ich will meinen Tor­nister!“ In dem Tor­nister lag näm­lich seine Zwer­ch­pfeife und er ruhte nicht eher, bis er dieselbe hat­te. Dann ging er vor die Him­mel­stür und klopfte an. Sankt Peter schaute durch ein Fen­sterchen neben dem Tor, zu sehen wer da sei. Als er aber den Sol­dat­en erblick­te rief er: Marsch weg, hier darf­st du nicht here­in! Warum hast du dir damals nicht statt der Mon­tur die himm­lis­che Seel­igkeit erbeten? Jet­zt sieh, wo du unterkommst.“ Wenn’s nicht anders ist, auch gut“, sprach der Sol­dat und wan­derte wohlge­mut der Hölle zu. Da kam ihm eine Menge von Teufeln ent­ge­gen, aber er hat­te keine Furcht, son­dern pfiff lustig auf sein­er Zwer­ch­pfeife und ging so in die Hölle hinein. Da mussten nun alle Teufel tanzen, was gar possier­lich zu sehn war, den Teufeln aber so wenig gefiel, dass sie alle heul­ten und schrieen, er möge doch aufhören. Ja wohl ich höre auf“, sprach er, wenn ihr mir’s schriftlich gebt, dass ihr mich zum Ober­sten in der Hölle macht.“ Das wollen wir ja gern! das wollen wir ja gern!“ schrieen die Teufel und set­zten als­bald seine Ernen­nung als Oberst auf. So bekam er eine gute Anstel­lung in der Hölle und wenn er nicht abge­set­zt wor­den ist, dann hat er sie noch.