Die zwei Brüder

von Brüder Grimm

~42 Min

Es waren ein­mal zwei Brüder, ein reich­er und ein armer. Der reiche war ein Gold­schmied und bös von Herzen; der arme nährte sich davon, dass er Besen band, und war gut und redlich. Der arme hat­te zwei Kinder, das waren Zwill­ings­brüder und sich so ähn­lich wie ein Tropfen Wass­er dem andern. Die zwei Knaben gin­gen in des Reichen Haus ab und zu und erhiel­ten von dem Abfall manch­mal etwas zu essen. Es trug sich zu, dass der arme Mann, als er in den Wald ging, Reisig zu holen, einen Vogel sah, der ganz gold­en war und so schön, wie ihm noch niemals ein­er vor Augen gekom­men war. Da hob er ein Steinchen auf, warf nach ihm und traf ihn auch glück­lich; es fiel aber nur eine gold­ene Fed­er herab, und der Vogel flog fort. Der Mann nahm die Fed­er und brachte sie seinem Brud­er, der sah sie an und sprach Es ist eit­el Gold,“ und gab ihm viel Geld dafür. Am andern Tag stieg der Mann auf einen Birken­baum und wollte ein paar Äste abhauen. Da flog der­selbe Vogel her­aus, und als der Mann nach­suchte, fand er ein Nest, und ein Ei lag darin das war von Gold. Er nahm das Ei mit heim und brachte es seinem Brud­er, der sprach wiederum: Es ist eit­el Gold“ und gab ihm, was es wert war. Zulet­zt sagte der Gold­schmied: Den Vogel sel­ber möcht‘ ich wohl haben.“ Der Arme ging zum drit­ten­mal in den Wald und sah den Gold­vo­gel wieder auf dem Baum sitzen. Da nahm er einen Stein und warf ihn herunter und brachte ihn seinem Brud­er, der gab ihm einen grossen Haufen Gold dafür. Nun kann ich mir forthelfen, dachte er und ging zufrieden nach Haus. 

Der Gold­schmied war klug und listig und wusste wohl, was das für ein Vogel war. Er rief seine Frau und sprach: Brat mir den Gold­vo­gel und sorge, dass nichts davon wegkommt, ich habe Lust, ihn ganz allein zu essen.“ Der Vogel war aber kein gewöhn­lich­er, son­dern so wun­der­bar­er Art, dass wer Herz und Leber von ihm ass, jeden Mor­gen ein Gold­stück unter seinem Kopfkissen fand. Die Frau machte den Vogel zurecht, steck­te ihn an einen Spiess und liess ihn brat­en. Nun geschah es, dass während er am Feuer stand und die Frau ander­er Arbeit wegen notwendig aus der Küche gehen musste, die zwei Kinder des armen Besen­binders herein­liefen, sich vor den Spiess stell­ten und ihn ein paar­mal herum­dreht­en. Und als da ger­ade zwei Stück­lein aus dem Vogel in die Pfanne her­ab­fie­len, sprach der eine: Die paar Biss­chen wollen wir essen, ich bin so hun­grig, es wird’s ja nie­mand daran merken.“ Da assen sie bei­de die Stückchen auf; die Frau kam aber dazu, sah, dass sie etwas assen, und sprach: Was habt ihr gegessen?“ – Ein paar Stückchen, die aus dem Vogel her­aus­ge­fall­en sind,“ antworteten sie. Das ist Herz und Leber gewe­sen, sprach die Frau ganz erschrock­en, und damit ihr Mann nichts ver­mis­ste und nicht böse ward, schlachtete sie geschwind ein Häh­nchen, nahm Herz und Leber her­aus und legte es zu dem Gold­vo­gel. Als er gar war, trug sie ihn dem Gold­schmied auf, der ihn ganz allein verzehrte und nichts übrigliess Am andern Mor­gen aber, als er unter sein Kopfkissen griff und dachte das Gold­stück her­vorzu­holen, war so wenig wie son­st eins zu finden. 

Die bei­den Kinder aber wussten nicht, was ihnen für ein Glück zuteil gewor­den war. Am andern Mor­gen, wie sie aufge­s­tanden, fiel etwas auf die Erde und klin­gelte, und als sie es aufhoben, da waren’s zwei Gold­stücke. Sie bracht­en sie ihrem Vater, der wun­derte sich und sprach: Wie sollte das zuge­gan­gen sein? Als sie aber am andern Mor­gen wieder zwei fan­den, und so jeden Tag, da ging er zu seinem Brud­er und erzählte ihm die selt­same Geschichte. Der Gold­schmied merk­te gle­ich, wie es gekom­men war und dass die Kinder Herz und Leber von dem Gold­vo­gel gegessen hat­ten, und um sich zu rächen und weil er nei­disch und hartherzig war, sprach er zu dem Vater: Deine Kinder sind mit dem Bösen im Spiel, nimm das Gold nicht und dulde sie nicht länger in deinem Haus, denn er hat Macht über sie und kann dich selb­st noch ins Verder­ben brin­gen!“ Der Vater fürchtete den Bösen, und so schw­er es ihm ankam, führte er doch die Zwill­inge hin­aus in den Wald und ver­liess sie da mit trau­rigem Herzen. 

Nun liefen die zwei Kinder im Wald umher und sucht­en den Weg nach Haus, kon­nten ihn aber nicht find­en, son­dern verir­rten sich immer weit­er. Endlich begeg­neten sie einem Jäger, der fragte: Wem gehört ihr, Kinder?“ – Wir sind des armen Besen­binders Jun­gen,“ antworteten sie und erzählten ihm, dass ihr Vater sie nicht länger im Hause hätte behal­ten wollen, weil alle Mor­gen ein Gold­stück unter ihrem Kopfkissen läge. Nun,“ sagte der Jäger, das ist ger­ade nichts Schlimmes, wenn ihr nur rechtschaf­fen dabei bleibt und euch nicht auf die faule Haut legt.“ Der gute Mann, weil ihm die Kinder gefie­len und er selb­st keine hat­te, so nahm er sie mit nach Haus und sprach: Ich will euer Vater sein und euch grossziehen.“ Sie lern­ten da bei ihm die Jägerei, und das Gold­stück, das ein jed­er beim Auf­ste­hen fand, das hob er ihnen auf, wenn sie’s in Zukun­ft nötig hätten. 

Als sie herangewach­sen waren, nahm sie ihr Pflegevater eines Tages mit in den Wald und sprach: Heute sollt ihr euren Probeschuss tun, damit ich euch freis­prechen und zu Jägern machen kann.“ Sie gin­gen mit ihm auf den Anstand und warteten lange, aber es kam kein Wild. Der Jäger sah über sich und sah eine Kette von Schneegänsen in der Gestalt eines Dreiecks fliegen, da sagte er zu dem einen: Nun schiess von jed­er Ecke eine herab.“ Der tat’s und voll­brachte damit seinen Probeschuss. Bald darauf kam noch eine Kette ange­flo­gen und hat­te die Gestalt der Zif­fer Zwei; da hiess der Jäger den andern gle­ich­falls von jed­er Ecke eine herun­ter­holen, und dem gelang sein Probeschuss auch. Nun sagte der Pflegevater: Ich spreche euch frei, ihr seid aus­gel­ernte Jäger!“ Darauf gin­gen die zwei Brüder zusam­men in den Wald, ratschlagten miteinan­der und verabre­de­ten etwas. Und als sie abends sich zum Essen niederge­set­zt hat­ten, sagten sie zu ihrem Pflegevater: Wir rühren die Speise nicht an und nehmen keinen Bis­sen, bevor Ihr uns eine Bitte gewährt habt.“ Sprach er: Was ist denn eure Bitte?“ Sie antworteten: Wir haben nun aus­gel­ernt, wir müssen uns auch in der Welt ver­suchen, so erlaubt, dass wir fortziehen und wan­dern.“ Da sprach der Alte mit Freuden: Ihr redet wie brave Jäger, was ihr begehrt, ist mein eigen­er Wun­sch gewe­sen; zieht aus, es wird euch wohl erge­hen.“ Darauf assen und tranken sie fröh­lich zusammen. 

Als der bes­timmte Tag kam, schenk­te der Pflegevater jedem eine gute Büchse und einen Hund und liess jeden von seinen ges­parten Gold­stück­en nehmen, soviel er wollte. Darauf begleit­ete er sie ein Stück Wegs, und beim Abschied gab er ihnen noch ein blankes Mess­er und sprach: Wann ihr euch ein­mal tren­nt, so stosst dies Mess­er am Schei­deweg in einen Baum, daran kann ein­er, wenn er zurück­kommt, sehen, wie es seinem abwe­senden Brud­er ergan­gen ist, denn die Seite, nach welch­er dieser aus­ge­zo­gen ist, ros­tet, wann er stirbt solange er aber lebt, bleibt sie blank.“ Die zwei Brüder gin­gen immer weit­er fort und kamen in einen Wald, so gross, dass sie unmöglich in einem Tag her­auskon­nten. Also blieben sie die Nacht darin und assen, was sie in die Jäger­taschen gesteckt hat­ten; sie gin­gen aber auch noch den zweit­en Tag und kamen nicht her­aus. Da sie nichts zu essen hat­ten, so sprach der eine: Wir müssen uns etwas schiessen, son­st lei­den wir Hunger,“ lud sein Büchse und sah sich um. Und als ein alter Hase daherge­laufen kam, legte er an, aber der Hase rief: 


Lieber Jäger, lass mich leben,
Ich will dir auch zwei Junge geben.“


Sprang auch gle­ich ins Gebüsch und brachte zwei Junge; die Tier­lein spiel­ten aber so munter und waren so artig, dass die Jäger es nicht übers Herz brin­gen kon­nten, sie zu töten Sie behiel­ten sie also bei sich, und die kleinen Hasen fol­gten ihnen auf dem Fusse nach. Bald darauf schlich ein Fuchs vor­bei, den woll­ten sie nieder­schiessen, aber der Fuchs rief: 


Lieber Jäger, lass mich leben,
Ich will dir auch zwei Junge geben.“


Er brachte auch zwei Füch­slein, und die Jäger mocht­en sie auch nicht töten, gaben sie den Hasen zur Gesellschaft, und sie fol­gten ihnen nach. Nicht lange, so schritt ein Wolf aus dem Dic­kicht, die Jäger legten auf ihn an, aber der Wolf rief: 


Lieber Jäger, lass mich leben,
Ich will dir auch zwei Junge geben.“


Die zwei jun­gen Wölfe tat­en die Jäger zu den anderen Tieren, und sie fol­gten ihnen nach. Darauf kam ein Bär, der wollte gern noch länger herum­tra­ben und rief: 


Lieber Jäger, lass mich leben,
Ich will dir auch zwei Junge geben.“


Die zwei jun­gen Bären wur­den zu den andern gesellt, und waren ihrer schon acht. Endlich, wer kam? Ein Löwe kam und schüt­telte seine Mähne. Aber die Jäger liessen sich nicht schreck­en und ziel­ten auf ihn; aber der Löwe sprach gleichfalls: 


Lieber Jäger, lass mich leben,
Ich will dir auch zwei Junge geben.“


Er holte auch seine Jun­gen her­bei, und nun hat­ten die Jäger zwei Löwen, zwei Bären, zwei Wölfe, zwei Füchse und zwei Hasen, die ihnen nach­zo­gen und dien­ten. Indessen war ihr Hunger damit nicht gestillt wor­den, da sprachen sie zu den Füch­sen: Hört, ihr Schle­ich­er, schafft uns etwas zu essen, ihr seid ]a listig und ver­schla­gen.“ Sie antworteten: Nicht weit von hier liegt ein Dorf, wo wir schon manch­es Huhn geholt haben; den Weg dahin wollen wir euch zeigen.“ Da gin­gen sie ins Dorf, kauften sich etwas zu essen und liessen ihren Tieren Fut­ter geben und zogen dann weit­er. Die Füchse aber wussten guten Bescheid in der Gegend, wo die Hüh­n­er­höfe waren, und kon­nten die Jäger über­all zurechtweisen. Nun zogen sie eine Weile herum, kon­nten aber keinen Dienst find­en, wo sie zusam­men geblieben wären, da sprachen sie: Es geht nicht anders, wir müssen uns tren­nen.“ Sie teil­ten die Tiere, so dass jed­er einen Löwen, einen Bären, einen Wolf, einen Fuchs und einen Hasen bekam. Dann nah­men sie Abschied, ver­sprachen sich brüder­liche Liebe bis in den Tod und stiessen das Mess­er, das ihnen ihr Pflegevater mit­gegeben, in einen Baum; worauf der eine nach Osten, der andere nach West­en zog. 

Der Jüng­ste aber kam mit seinen Tieren in eine Stadt, die war ganz mit schwarzem Flor über­zo­gen. Er ging in ein Wirtshaus und fragte den Wirt, ob er nicht seine Tiere her­ber­gen kön­nte. Der Wirt gab ihnen einen Stall, wo in der Wand ein Loch war; da kroch der Hase hin­aus und holte sich ein Kohlhaupt, und der Fuchs holte sich ein Huhn und, als er das gefressen hat­te, auch den Hahn dazu. Der Wolf aber, der Bär und Löwe, weil sie zu gross waren, kon­nten nicht hin­aus. Da liess sie der Wirt hin­brin­gen, wo eben eine Kuh auf dem Rasen lag, dass sie sich sat­tfrassen. Und als der Jäger für seine Tiere gesorgt hat­te, fragte er erst den Wirt, warum die Stadt so mit Trauer­flor aus­ge­hängt wäre. Sprach der Wirt: Weil mor­gen unseres Königs einzige Tochter ster­ben wird.“ Fragte der Jäger: Ist sie ster­ben­skrank?“ – Nein,“ antwortete der Wirt, sie ist frisch und gesund, aber sie muss d o c h ster­ben.“ – Wie geht das zu?“ fragte der Jäger. Draussen vor der Stadt ist ein hoher Berg, darauf wohnt ein Drache, der muss alle Jahre eine reine Jungfrau haben, son­st ver­wüstet er das ganze Land. Nun sind schon alle Jungfrauen hingegeben, und ist nie­mand mehr übrig als die Königstochter, den­noch ist keine Gnade, sie muss ihm über­liefert wer­den; und das soll mor­gen geschehen.“ Sprach der Jäger: Warum wird der Drache nicht getötet?“ – Ach,“ antwortete der Wirt, so viele Rit­ter haben’s ver­sucht, aber alle­samt ihr Leben einge­büsst; der König hat dem, der den Drachen besiegt, seine Tochter zur Frau ver­sprochen, und er soll auch nach seinem Tode das Reich erben.“ 

Der Jäger sagte dazu weit­er nichts, aber am andern Mor­gen nahm er seine Tiere und stieg mit ihnen auf den Drachen­berg. Da stand oben eine kleine Kirche, und auf dem Altar standen drei gefüllte Bech­er, und dabei war die Schrift: Wer die Bech­er aus­trinkt, wird der stärk­ste Mann auf Erden und wird das Schw­ert führen, das vor der Türschwelle ver­graben liegt. Der Jäger trank da nicht, ging hin­aus und suchte das Schw­ert in der Erde, ver­mochte es aber nicht von der Stelle zu bewe­gen. Da ging er hin und trank die Bech­er aus und war nun stark genug, das Schw­ert aufzunehmen, und seine Hand kon­nte es ganz leicht führen. Als die Stunde kam, wo die Jungfrau dem Drachen sollte aus­geliefert wer­den, begleit­eten sie der König, der Marschall und die Hofleute hin­aus. Sie sah von weit­em den Jäger oben auf dem Drachen­berg und meinte, der Drache stände da und erwartete sie, und wollte nicht hin­aufge­hen, endlich aber, weil die ganze Stadt son­st wäre ver­loren gewe­sen, musste sie den schw­eren Gang tun. Der König und die Hofleute kehrten voll gross­er Trauer heim, des Königs Marschall aber sollte ste­hen bleiben und aus der Ferne alles mitansehen. 

Als die Königstochter oben auf den Berg kam, stand da nicht der Drache, son­dern der junge Jäger, der sprach ihr Trost ein und sagte, er wollte sie ret­ten, führte sie in die Kirche und ver­schloss sie darin. Gar nicht lange, so kam mit grossem Gebraus der siebenköp­fige Drache daherge­fahren. Als er den Jäger erblick­te, ver­wun­derte er sich und sprach: Was hast du hier auf dem Berge zu schaf­fen?“ Der Jäger antwortete: Ich will mit dir kämpfen!“ Sprach der Drache: So manch­er Rit­ters­mann hat hier sein Leben gelassen, mit dir will ich auch fer­tig wer­den,“ und atmete Feuer aus sieben Rachen. Das Feuer sollte das trock­ene Gras anzün­den, und der Jäger sollte in der Glut und dem Dampf erstick­en, aber die Tiere kamen her­beige­laufen und trat­en das Feuer aus. Da fuhr der Drache gegen den Jäger, aber er schwang sein Schw­ert, dass es in der Luft sang, und schlug ihm drei Köpfe ab. Da ward der Drache erst recht wütend, erhob sich in die Luft, spie die Feuer­flam­men über den Jäger aus und wollte sich auf ihn stürzen, aber der Jäger zück­te nochmals sein Schw­ert und hieb ihm wieder drei Köpfe ab. Das Untier ward matt und sank nieder und wollte doch wieder auf den Jäger los, aber er schlug ihm mit der let­zten Kraft den Schweif ab, und weil er nicht mehr kämpfen kon­nte, rief er seine Tiere her­bei, die zer­ris­sen es in Stücke. Als der Kampf zu Ende war, schloss der Jäger die Kirche auf und fand die Königstochter auf der Erde liegen, weil ihr die Sinne von Angst und Schreck­en während des Stre­ites ver­gan­gen waren. Er trug sie her­aus, und als sie wieder zu sich kam und die Augen auf­schlug, zeigte er ihr den zer­ris­se­nen Drachen und sagte ihr, dass sie nun erlöst wäre. Sie freute sich und sprach: Nun wirst du mein lieb­ster Gemahl wer­den, denn mein Vater hat mich dem­jeni­gen ver­sprochen, der den Drachen tötet.“ Darauf hing sie ihr Hals­band von Korallen ab und verteilte es unter die Tiere, um sie zu belohnen, und der Löwe erhielt das gold­ene Schlöss­chen davon. Ihr Taschen­tuch aber, in dem ihr Name stand, schenk­te sie dem Jäger, der ging hin und schnitt aus den sieben Drachenköpfen die Zun­gen aus, wick­elte sie in das Tuch und ver­wahrte sie wohl Als das geschehen war, weil er von dem Feuer und dem Kampf so matt und müde war, sprach er zur Jungfrau: wir sind bei­de so matt und müde, wir vollen ein wenig schlafen.“ Da sagte sie ja,“ und sie liessen sich auf die Erde nieder, und der Jäger sprach zu dem Löwen: Du sollst wachen, damit uns nie­mand im Schlaf über­fällt!“ Und bei­de schliefen ein. Der Löwe legte sich neben sie, um zu wachen; aber er war vom Kampf auch müde, dass er den Bären rief und sprach Lege dich neben mich, ich muss ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf!“ Da legte sich der Bär neben ihn, aber er war auch müde und rief den Wolf und sprach: Lege dich neben mich, ich muss ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf!“ Da legte sich der Wolf neben ihn, aber auch er war müde und rief den Fuchs und sprach: Lege dich neben mich, ich muss ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf!“ Da legte sich der Fuchs neben ihn, aber auch er war müde und rief den Hasen und sprach: Lege dich neben mich, ich muss ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf!“ Da set­zte sich der Hase neben ihn, aber der arme Has war auch müde und hat­te nie­mand, den er zur Wache her­beirufen kon­nte, und schlief ein. Da schlief nun die Königstochter, der Jäger, der Löwe, der Bär, der Wolf, der Fuchs und der Has, und schliefen alle einen fes­ten Schlaf. 

Der Marschall aber, der von weit­em hat­te zuschauen sollen, als er den Drachen nicht mit der Jungfrau fort­fliegen sah und alles auf dem Berg ruhig ward, nahm sich ein Herz und stieg hin­auf. Da lag der Drache zer­stückt und zer­ris­sen auf der Erde und nicht weit davon die Königstochter und ein Jäger mit seinen Tieren, die waren alle in tiefen Schlaf ver­sunken. Und weil er bös und got­t­los war, so nahm er sein Schw­ert und hieb dem Jäger das Haupt ab und fasste die Jungfrau auf den Arm und trug sie den Berg hinab. Da erwachte sie und erschrak, aber der Marschall sprach: Du bist in meinen Hän­den, du sollst sagen, dass ich es gewe­sen bin, der den Drachen getötet hat.!“ – Das kann ich nicht,“ antwortete sie, denn ein Jäger mit seinen Tieren hat es getan.“ Da zog er sein Schw­ert und dro­hte, sie zu töten, wenn sie ihm nicht gehorchte, und zwang sie damit, dass sie es ver­sprach. Darauf brachte er sie vor den König, der sich vor Freuden nicht zu fassen wusste, als er sein liebes Kind wieder lebend erblick­te, das er von dem Untier zer­ris­sen glaubte. Der Marschall sprach zu ihm: Ich habe den Drachen getötet und die Jungfrau und das ganze Reich befre­it, darum fordere ich sie zur Gemahlin, so wie es zuge­sagt ist.“ Der König fragte die Jungfrau: Ist das wahr, was er spricht?“ – Ach ja ‚“ antwortete sie, es muss wohl wahr sein, aber ich halte mir aus, dass erst über Jahr und Tag die Hochzeit gefeiert wird,“ denn se dachte, in der Zeit etwas von ihrem lieben Jäger zu hören. Auf dem Drachen­berg aber lagen noch die Tiere neben ihrem toten Her­rn und schliefen. Da kam eine grosse Hum­mel und set­zte sich dem Hasen auf die Nase, aber der Hase wis­chte sie mit der Pfote ab und schlief weit­er. Die Hum­mel kam zum zweit­en Male, aber der Hase wis­chte sie wieder ab und schlief fort. Da kam sie zum drit­ten­mal und stach ihm in die Nase, dass er aufwachte. Sobald der Hase wach war, weck­te er den Fuchs, und der Fuchs den Wolf, und der Wolf den Bär und der Bär den Löwen. Und als der Löwe aufwachte und sah, dass die Jungfrau fort war und sein Herr tot, fing er an fürchter­lich zu brüllen und rief: Wer hat das voll­bracht? Bär, warum hast du mich nicht geweckt?“ Der Bär fragte den Wolf: Warum hast du mich nicht geweckt?“ Und der Wolf den Fuchs: Warum hast du mich nicht geweckt?“ Und der Fuchs den Hasen: Warum hast du mich nicht geweckt?“ Der arme Has wusste allein nichts zu antworten, und die Schuld blieb auf ihm hän­gen. Da woll­ten sie über ihn her­fall­en, aber er bat und sprach: Bringt mich nicht um, ich will unsern Her­rn wieder lebendig machen. Ich weiss einen Berg, da wächst eine Wurzel, wer die im Mund hat, der wird von aller Krankheit und allen Wun­den geheilt. Aber der Berg liegt zwei­hun­dert Stun­den von hier.“ Sprach der Löwe In vierundzwanzig Stun­den musst du hin- und herge­laufen sein und die Wurzel mit­brin­gen.“ Da sprang der Hase fort, und in vierundzwanzig Stun­den war er zurück und brachte die Wurzel mit. Der Löwe set­zte dem Jäger den Kopf wieder an, und der Hase steck­te ihm die Wurzel in den Mund, als­bald fugte sich alles wieder zusam­men, und das Herz schlug und das Leben kehrte zurück. Da erwachte der Jäger und erschrak, als er die Jungfrau nicht mehr sah, und dachte: Sie ist wohl fort­ge­gan­gen, während ich schlief, um mich loszuw­er­den. Der Löwe hat­te in der grossen Eile seinem Her­rn den Kopf verkehrt aufge­set­zt, der aber merk­te es nicht bei seinen trau­ri­gen Gedanken an die Königstochter. Erst zu Mit­tag, als er etwas essen wollte, da sah er, dass ihm der Kopf nach dem Rück­en zu stand, kon­nte es nicht begreifen und fragte die Tiere, was ihm im Schlaf wider­fahren wäre? Da erzählte ihm der Löwe, dass sie auch aus Müdigkeit eingeschlafen wären, und beim Erwachen hät­ten sie ihn tot gefun­den mit abgeschla­gen­em Haupte, der Hase hätte die Lebenswurzel geholt, er aber in der Eil‘ den Kopf verkehrt gehal­ten; doch wollte er seinen Fehler wiedergut­machen. Dann riss er dem Jäger den Kopf wieder ab, drehte ihn herum, und der Hase heilte ihn mit der Wurzel fest. 

Der Jäger aber war trau­rig, zog in der Welt herum und liess seine Tiere vor den Leuten tanzen. Es trug sich zu, dass er ger­ade nach Ver­lauf eines Jahres wieder in dieselbe Stadt kam, wo er die Königstochter vom Drachen erlöst hat­te, und die Stadt war dies­mal ganz mit rotem Schar­lach aus­ge­hängt. Da sprach er zum Wirt: Was will das sagen? Vor’m Jahr war die Stadt mit schwarzem Flor über­zo­gen, was soll heute der rote Schar­lach?“ Der Wirt antwortete: Vor’m Jahr sollte unseres Königs Tochter dem Drachen aus­geliefert wer­den, aber der Marschall hat mit ihm gekämpft und ihn getötet, und da soll mor­gen ihre Ver­mäh­lung gefeiert wer­den; darum war die Stadt damals mit schwarzem Flor zur Trauer und ist heute mit rotem Schar­lach zur Freude ausgehängt.“ 

Am andern Tag, wo die Hochzeit sein sollte, sprach der Jäger um die Mit­tagszeit zum Wirt: Glaubt Er wohl, Herr Wirt, dass ich heut Brot von des Königs Tisch hier bei Ihm essen will?“ – Ja, sprach der Wirt, da wollt ich doch noch hun­dert Gold­stücke daranset­zen, dass das nicht wahr ist!“ Der Jäger nahm die Wette an und set­zte einen Beu­tel mit ebenso­viel Gold­stück­en dage­gen. Dann rief er den Hasen und sprach: Geh hin, lieber Springer, und hol mir von dem Brot, das der König isst!“ Nun war das Häslein das Ger­ing­ste und kon­nte es keinem andern wieder auf­tra­gen, son­dern musste sich selb­st auf die Beine machen. Ei, dachte es, wann ich so allein durch die Strassen springe, da wer­den die Met­zger­hunde hin­ter mir drein sein. Wie es dachte, so geschah es auch, und die Hunde kamen hin­ter ihm drein und woll­ten ihm sein gutes Fell flick­en. Es sprang aber, hast du nicht gese­hen! und flüchtete sich in ein Schilder­haus, ohne dass es der Sol­dat gewahr wurde. Da kamen die Hunde und woll­ten es her­aushaben, aber der Sol­dat ver­stand keinen Spass und schlug mit dem Kol­ben drein, dass sie schreiend und heulend fortliefen. Als der Hase merk­te, dass die Luft rein war, sprang er zum Schloss hinein und ger­ade zur Königstochter, set­zte sich unter ihren Stuhl und kratzte sie am Fuss. Da sagte sie: Willst du fort!“ und meinte, es wäre ihr Hund. Der Hase kratzte zum zweit­en­mal am Fuss, da sagte sie wieder: Willst du fort!“ und meinte, es wäre ihr Hund. Aber der Hase liess sich nicht irre machen und kratzte zum drit­ten­mal. Da guck­te sie herab und erkan­nte den Hasen an seinem Hals­band. Nun nahm sie ihn auf ihren Schoss, trug ihn in ihre Kam­mer und sprach: Lieber Hase, was willst du?“ Antwortete er: Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier und schickt mich, ich soll um ein Brot bit­ten, wie es der König isst.“ Da war sie voll Freude und liess den Bäck­er kom­men und befahl ihm, ein Brot zu brin­gen, wie es der König ass. Sprach das Häslein: Aber der Bäck­er muss mir’s auch hin­tra­gen, damit mir die Met­zger­hunde nichts tun.“ Der Bäck­er trug es ihm bis an die Türe der Wirtsstube. Da stellte sich der Hase auf die Hin­ter­beine, nahm als­bald das Brot in die Vorderp­foten und brachte es seinem Her­rn. Da sprach der Jäger: Sieht Er, Herr Wirt, die hun­dert Gold­stücke sind mein.“ Der Wirt wun­derte sich. Aber der Jäger sagte weit­er: Ja, Herr Wirt, das Brot hätt‘ ich, nun will ich aber auch von des Königs Brat­en essen.“ Der Wirt sagte: Das möcht ich sehen,“ aber wet­ten wollte er nicht mehr. Rief der Jäger den Fuchs und sprach: Mein Füch­slein, geh hin und hol mir Brat­en, wie ihn der König isst!“ Der Rot­fuchs wusste die Schliche bess­er, ging an den Eck­en und durch die Winkel, ohne dass ihn ein Hund sah, set­zte sich unter der Königstochter Stuhl und kratzte an ihrem Fuss. Da sah sie herab und erkan­nte den Fuchs am Hals­band, nahm ihn mit in ihre Kam­mer und sprach: Lieber Fuchs, was willst du? Antwortete er: Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier und schickt mich, ich soll bit­ten um einen Brat­en, wie ihn der König isst.“ Da liess sie den Koch kom­men, der musste einen Brat­en, wie ihn der König ass, anricht­en und dem Fuchs bis an die Türe tra­gen. Da nahm ihm der Fuchs die Schüs­sel ab, wedelte mit seinem Schwanz erst die Fliegen weg, die sich auf den Brat­en geset­zt hat­ten, und brachte ihn dann seinem Her­rn. Sieht Er, Herr Wirt,“ sprach der Jäger, Brot und Fleisch ist da, nun will ich auch Zugemüs‘ essen, wie es der König isst.“ Da rief er den Wolf und sprach: Lieber Wolf, geh hin und hol mir Zugemüs‘, wie’s der König isst!“ Da ging der Wolf ger­adezu ins Schloss, weil er sich vor nie­mand fürchtete. Und als er in der Königstochter Zim­mer kam, da zupfte er sie hin­ten am Kleid, dass sie sich umschauen musste. Sie erkan­nte ihn am Hals­band und nahm ihn mit in ihre Kam­mer und sprach: Lieber Wolf, was willst du?“ Antwortete er: Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier, ich soll bit­ten um ein Zugemüs‘, wie es der König isst.“ Da liess sie den Koch kom­men, der musste ein Zugemüs‘ bere­it­en, wie es der König ass, und musste es dem Wolf bis vor die Türe tra­gen, da nahm ihm der Wolf die Schüs­sel ab und brachte sie seinem Her­rn. Sieht Er, Herr Wirt,“ sprach der Jäger, nun hab ich Brot, Fleisch und Zugemüs‘, aber ich will auch Zuck­er­w­erk essen, wie es der König isst.“ Rief er den Bären und sprach: Lieber Bär, du leckst doch gern etwas Süss­es, geh hin und hol mir Zuck­er­w­erk, wie’s der König isst!“ Da tra­bte der Bär nach dem Schlosse und ging ihm jed­er­mann aus dem Wege. Als er aber zu der Wache kam, hielt sie die Flinten vor und wollte ihn nicht ins königliche Schloss lassen. Aber er hob sich in die Höhe und gab mit seinen Tatzen links und rechts ein paar Ohrfeigen, dass die ganze Wache zusam­men­fiel, und darauf ging er ger­aden Weges zu der Königstochter, stellte sich hin­ter sie und brummte ein wenig. Da schaute sie rück­wärts und erkan­nte den Bären und hiess ihn mit­gehn in ihre Kam­mer und sprach: Lieber Bär, was willst du?“ Antwortete er: Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier, ich soll bit­ten um Zuck­er­w­erk, wie’s der König isst.“ Da liess sie den Zucker­bäck­er kom­men, der musste Zuck­er­w­erk back­en, wie’s der König ass, und dem Bären vor die Türe tra­gen. Da leck­te der Bär erst die Zuck­ererb­sen auf, die herun­terg­erollt waren, dann stellte er sich aufrecht, nahm die Schüs­sel und brachte sie seinem Her­rn. Sieht Er, Herr Wirt,“ sprach der Jäger, nun habe ich Brot, Fleisch, Zugemüs‘ und Zuck­er­w­erk, aber ich will auch Wein trinken, wie ihn der König trinkt!“ Er rief seinen Löwen her­bei und sprach: Lieber Löwe, du trinkst dir doch gerne einen Rausch, geh und hol mir Wein, wie ihn der König trinkt!“ Da schritt der Löwe über die Strasse, und die Leute liefen vor ihm, und als er an die Wache kam, wollte sie den Weg sper­ren, aber er brüllte nur ein­mal, so sprang alles fort. Nun ging der Löwe vor das königliche Zim­mer und klopfte mit seinem Schweif an die Türe. Da kam die Königstochter her­aus und wäre fast über den Löwen erschrock­en; aber sie erkan­nte ihn an dem gold­e­nen Schloss von ihrem Hals­bande und hiess ihn in ihre Kam­mer gehen und sprach: Lieber Löwe. was willst du?“ Antwortete er: Min Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier, ich soll bit­ten um Wein, wie ihn der König trinkt.“ Da liess sie den Mund­schenk kom­men, der sollte dem Löwen Wein geben, wie ihn der König tränke. Sprach der Löwe: Ich will mit­ge­hen und sehen, dass ich den recht­en kriege.“ Da ging er mit dem Mund­schenk hinab, und als sie unten hinka­men, wollte ihm dieser von dem gewöhn­lichen Wein zapfen, wie ihn des Königs Diener tranken; aber der Löwe sprach: Halt! Ich will den Wein erst ver­suchen,“ zapfte sich ein halbes Mass und schluck­te es auf ein­mal hinab. Nein,“ sagte er, das ist nicht der rechte.“ Der Mund­schenk sah ihn schief an, ging aber und wollte ihm aus einem andern Fass geben, das für des Königs Marschall war. Sprach der Löwe: Halt! Erst will ich den Wein ver­suchen,“ zapfte sich ein halbes Mass und trank es, der ist bess­er, aber noch nicht der rechte.“ Da ward der Mund­schenk bös und sprach: Was so ein dummes Vieh vom Wein ver­ste­hen will!“ Aber der Löwe gab ihm einen Schlag hin­ter die Ohren, dass er unsan­ft zur Erde fiel. Und als er sich wieder aufgemacht hat­te, führte er den Löwen ganz stillschweigend in einen kleinen beson­deren Keller, wo des Königs Wein lag, von dem son­st kein Men­sch zu trinken bekam. Der Löwe zapfte sich erst ein halbes Mass und ver­suchte den Wein, dann sprach er: Das kann von dem recht­en sein,“ und hiess den Mund­schenk sechs Flaschen füllen. Nun stiegen sie her­auf, wie der Löwe aber aus dem Keller ins Freie kam, schwank­te er hin und her und war ein wenig trunk­en, und der Mund­schenk musste ihm den Wein bis vor die Tür tra­gen. Da nahm der Löwe den Henkelko­rb in das Maul und brachte ihn seinem Her­rn. Sprach der Jäger: Sieht Er, Herr Wirt, da hab ich Brot, Fleisch, Zugemüs, Zuck­er­w­erk und Wein, wie es der König hat, nun will ich mit meinen Tieren Mahlzeit hal­ten,“ und set­zte sich hin, ass und trank und gab dem Hasen, dem Fuchs, dem Wolf, dem Bär und dem Löwen auch davon zu essen und zu trinken und war guter Dinge, denn er sah, dass ihn die Königstochter noch lieb hatte. 

Und als er Mahlzeit gehal­ten hat­te, sprach er: Herr Wirt, nun hab ich gegessen und getrunk­en, wie der König isst und trinkt, Jet­zt will ich an des Königs Hof gehen und die Königstochter heirat­en. Fragte der Wirt: Wie soll das zuge­hen, da sie schon einen Bräutigam hat und heute die Ver­mäh­lung gefeiert wird?“ Da zog der Jäger das Taschen­tuch her­aus, das ihm die Königstochter auf dem Drachen­berg gegeben hat­te und worin die sieben Zun­gen des Untiers eingewick­elt waren, und sprach: Dazu soll mir helfen, was ich da in der Hand halte.“ Da sah der Wirt das Tuch an und sprach: Wenn ich alles glaube, so glaube ich das nicht und will wohl Haus und Hof dranset­zen.“ Der Jäger aber nahm einen Beu­tel mit tausend Gold­stück­en, stellte ihn auf den Tisch und sagte: Das set­ze ich dagegen!“ 

Nun sprach der König an der königlichen Tafel zu sein­er Tochter: Was haben die wilden Tiere alle gewollt, die zu dir gekom­men und in mein Schloss ein- und aus­ge­gan­gen sind?“ Da antwortete sie: Ich darf’s nicht sagen, aber schickt hin und lasst den Her­rn dieser Tiere holen, so werdet Ihr wohltun.“ Der König schick­te einen Diener ins Wirtshaus und liess den frem­den Mann ein­laden, und der Diener kam ger­ade, wie der Jäger mit dem Wirt gewet­tet hat­te. Da sprach er: Sieht Er Herr Wirt, da schickt der König einen Diener und lässt mich ein­laden, aber ich gehe so noch nicht.“ Und zu dem Diener sagte er: Ich lasse den Her­rn König bit­ten, dass er mir königliche Klei­der schickt, einen Wagen mit sechs Pfer­den und Diener, die mir aufwarten.- Als der König die Antwort hörte, sprach er zu sein­er Tochter: Was soll ich tun?“ Sagte sie: Lasst ihn holen, wie er’s ver­langt, so werdet Ihr wohltun.“ Da schick­te der König königliche Klei­der, einen Wagen mit sechs Pfer­den und Diener, die ihm aufwarten soll­ten. Als der Jäger sie kom­men sah, sprach er: Sieht Er, Herr Wirt, nun werde ich abge­holt, wie ich es ver­langt habe,“ und zog die königlichen Klei­der an, nahm das Tuch mit den Drachen­zun­gen und fuhr zum König. Als ihn der König kom­men sah, sprach er zu sein­er Tochter: Wie soll ich ihn emp­fan­gen?“ Antwortete sie: Geht ihm ent­ge­gen, so werdet Ihr wohltun.- Da ging der König ihm ent­ge­gen und führte ihn her­auf, und seine Tiere fol­gten ihm nach. Der König wies ihm einen Platz an neben sich und sein­er Tochter, der Marschall sass auf der andern Seite als Bräutigam; aber der kan­nte ihn nicht mehr. Nun wur­den ger­ade die sieben Häupter des Drachen zur Schau aufge­tra­gen, und der König sprach: Die sieben Häupter hat der Marschall dem Drachen abgeschla­gen, darum geb ich ihm heute meine Tochter zur Gemahlin.“ Da stand der Jäger auf, öffnete die sieben Rachen und sprach: Wo sind die sieben Zun­gen des Drachen?“ Da erschrak der Marschall, ward ble­ich und wusste nicht, was er antworten sollte, endlich sagte er in der Angst: Drachen haben keine Zun­gen.“ Sprach der Jäger: Die Lügn­er sollen keine haben, aber die Drachen­zun­gen sind das Wahrze­ichen des Sieges,“ und wick­elte das Tuch auf, da lagen sie alle sieben darin, und dann steck­te er jede Zunge in den Rachen, in den sie gehörte, und sie passte genau. Darauf nahm er das Tuch. in welch­es der Name der Köngstochter gestickt war, und zeigte es der Jungfrau und fragte sie, wem sie es gegeben hätte. Da antwortete sie: Dem, der den Drachen getötet hat.“ Und dann rief er sein Geti­er, nahm jedem das Hals­band und dem Löwen das gold­ene Schloss ab und zeigte es der Jungfrau und fragte, wem es ange­hörte. Antwortete sie: Das Hals­band und das gold­ene Schloss waren mein, ich habe es unter die Tiere verteilt, die den Drachen besiegen halfen.“ Da sprach der Jäger: Als ich müde von dem Kampf geruht und geschlafen habe, da ist der Marschall gekom­men und hat mir den Kopf abge­hauen. Dann hat er die Königstochter fort­ge­tra­gen und vorgegeben, er sei es gewe­sen, der den Drachen getötet habe; und dass er gel­o­gen hat, beweise ich mit den Zun­gen, dem Tuch und dem Hals­band.“ Und dann erzählte er, wie ihn seine Tiere durch eine wun­der­bare Wurzel geheilt hät­ten und dass er ein Jahr lang mit ihnen herumge­zo­gen und endlich wieder hier­hergekom­men wäre, wo er den Betrug des Marschalls durch die Erzäh­lung des Wirts erfahren hätte. Da fragte der König seine Tochter: Ist es wahr, dass dieser den Drachen getötet hat?“ Da antwortete sie: Ja, es ist wahr jet­zt darf ich die Schand­tat des Marschalls offen­baren, weil sie ohne mein Zutun an den Tag gekom­men ist, denn er hat mir das Ver­sprechen zu schweigen abgezwun­gen. Darum aber habe ich mir aus­ge­hal­ten, dass erst in Jahr und Tag die Hochzeit sollte gefeiert werden.“ 

Da liess der König zwölf Rat­sher­ren rufen, die soll­ten über den Marschall Urteil sprechen, und die urteil­ten, dass er müsste von vier Ochsen zer­ris­sen wer­den. Also ward der Marschall gerichtet, der König aber über­gab seine Tochter dem Jäger und ernan­nte ihn zu seinem Statthal­ter im ganzen Reich. Die Hochzeit ward mit grossen Freuden gefeiert, und der junge König liess seinen Vater und Pflegevater holen und über­häufte sie mit Schätzen. Den Wirt ver­gass er auch nicht und liess ihn kom­men und sprach zu ihm: Sieht Er, Herr Wirt, die Königstochter habe ich geheiratet, und sein Haus und Hof sind mein.“ Sprach der Wirt: Ja, das wäre nach dem Recht­en.“ Der junge König aber sagte: Es soll nach Gnaden gehen: Haus und Hof soll Er behal­ten, und die tausend Gold­stücke schenke ich ihm noch dazu. 

Nun waren der junge König guter Dinge und lebten vergnügt zusam­men. Er zog oft hin­aus auf die Jagd, weil das seine Freude war, und die treuen Tiere mussten ihn begleit­en. Es lag aber in der Nähe ein Wald, von dem hiess es, er wäre nicht geheuer, und wäre ein­er erst darin, so käme er nicht leicht wieder her­aus. Der junge König hat­te aber grosse Lust. darin zu jagen, und liess dem alten König keine Ruhe, bis er es ihm erlaubte. Nun ritt er mit ein­er grossen Begleitung aus, und als er zu dem Wald kam, sah er eine schneeweisse Hirschkuh darin und sprach zu seinen Leuten: Hal­tet hier, bis ich zurück­komme, ich will das schöne Wild jagen,“ und ritt ihm nach in den Wald hinein, und nur seine Tiere fol­gten ihm. Die Leute hiel­ten und warteten bis Abend, aber er kam nicht wieder. Da rit­ten sie heim und erzählten der jun­gen Köni­gin: Der junge König ist im Zauber­wald ein­er weis­sen Hirschkuh nachge­jagt und ist nicht wieder gekom­men.“ Da war sie in gross­er Besorg­nis um ihn. 

Er war aber dem schö­nen Wild immer nachgerit­ten und kon­nte es niemals ein­holen; wenn er meinte, es wäre schuss­recht, so sah er es gle­ich wieder in weit­er Ferne dahin­sprin­gen, und endlich ver­schwand es ganz. Nun merk­te er, dass er tief in den Wald hineinger­at­en war, nahm sein Horn und blies, aber er bekam keine Antwort, denn seine Leute konnten’s nicht hören. Und da auch die Nacht ein­brach, sah er, dass er diesen Tag nicht heimkom­men kön­nte, stieg ab, machte sich bei einem Baum ein Feuer an und wollte dabei über­nacht­en. Als er bei dem Feuer sass und seine Tiere sich auch neben ihn gelegt hat­ten, deuchte ihm, als höre er eine men­schliche Stimme; er schaute umher, kon­nte aber nichts bemerken. Bald darauf hörte er wieder ein Ächzen wie von oben her, da blick­te er in die Höhe und sah ein altes Weib auf dem Baume sitzen, das jam­merte in einem fort: Hu, hu, hu, was mich friert!“ Sprach er: Steig herab und wärme dich, wenn dich friert.‘ Sie aber sagte: Nein, deine Tiere beis­sen mich.“ Antwortete er: Sie tun dir nichts, Altes Müt­terchen, komm nur herunter.“ Sie war aber eine Hexe und sprach: Ich will eine Rute von dem Baum her­ab­w­er­fen, wenn du sie damit auf den Rück­en schlägst tun sie mir nichts.“ Da warf sie ihm ein Rütlein herab, und er schlug sie damit als­bald lagen sie still und waren in Stein ver­wan­delt. Und als die Hexe vor den Tieren sich­er war, sprang sie herunter und rührte auch ihn mit ein­er Rute an und ver­wan­delte ihn in Stein. Darauf lachte sie und schleppte ihn und seine Tiere in einen Graben, wo schon mehr solch­er Steine lagen. 

Als aber der junge König gar nicht wiederkam, ward die Angst und Sorge der Köni­gin immer gröss­er. Nun trug sich zu, dass ger­ade in dieser Zelt der andere Brud­er, der bei der Tren­nung gen Osten gewan­dert war, in das Kön­i­gre­ich kam. Er hat­te einen Dienst gesucht und keinen gefun­den, war dann herum gezo­gen hin und her und hat­te seine Tiere tanzen lassen. Da fiel ihm ein, er wollte ein­mal nach dem Mess­er sehen, das sie bei ihrer Tren­nung in einen Baum­stamm gestossen hat­ten, um zu erfahren, wie es seinem Brud­er gin­ge. Wie er dahin kam, war seines Brud­ers Seite halb ver­rostet und halb war sie noch blank. Da erschrak er und dachte: Meinen Brud­er muss ein gross­es Unglück zugestossen sein, doch kann ich ihn vielle­icht noch ret­ten, denn die Hälfte des Messers ist noch blank. Er zog mit seinen Tieren gen West­en, und als er an das Stadt­tor kam, trat ihm die Wache ent­ge­gen und fragte, ob sie ihn sein­er Gemahlin melden sollte, die junge Köni­gin wäre seit ein paar Tagen in gross­er Angst über sein Aus­bleiben und fürchtete, er wäre im Zauber­wald umgekom­men. Die Wache näm­lich glaubte nichts anders, als er wäre der junge König selb­st so ähn­lich sah er ihm, und hat­te auch die wilden Tiere hin­ter sich laufen. Da merk­te er, dass von seinem Brud­er die Rede war, und dachte: Es ist das Bete, ich gebe mich für ihn aus, so kann ich ihn wohl leichter erret­ten. Also liess er sich von der Wache ins Schloss begleit­en und ward mit Gross­er Freude emp­fan­gen. Die junge Köni­gin meinte nichts anders als es wäre ihr Gemahl, und fragte ihn, warum er so lange aus­ge­blieben wäre. Er antwortete: Ich hat­te mich in einem Walde verir­rt und kon­nte mich nicht eher wieder herausfinden. 

Abends ward er in das königliche Bett gebracht, aber er legte ein zweis­chnei­di­ges Schw­ert zwis­chen sich und die junge Köni­gin. Sie wusste nicht, was das heis­sen sollte, getraute sich aber nicht zu fragen. 

Da blieb er ein paar Tage und erforschte der­weil alles, wie es mit dem Zauber­wald beschaf­fen war, endlich sprach er: Ich muss noch ein­mal dort jagen.“ Der König und die junge Köni­gin woll­ten es ihm ausre­den, aber er bestand darauf und zog mit gross­er Begleitung hin­aus. Als er in den Wald gekom­men war, erg­ing es ihm wie seinem Brud­er, er sah eine weisse Hirschkuh und sprach zu seinen Leuten: Bleibt hier und wartet bis ich wiederkomme, ich will das schöne Wild jagen,“ ritt in den Wald hinein, und seine Tiere liefen ihm nach. Aber er kon­nte die Hirschkuh nicht ein­holen und geri­et so tief in den Wald, dass er darin über­nacht­en musste. Und als er ein Feuer angemacht hat­te, hörte er über sich ächzen: Hu, hu, hu, wie mich friert!“ Da schaute er hin­auf, und es sass dieselbe Hexe oben im Baum. Sprach er: Wenn dich friert, so komm herab, altes Müt­terchen, und wärme dich.“ Antwortete sie: Nein, deine Tiere beis­sen mich“ Er aber sprach: Sie tun dir nichts“ Da rief sie: Ich will dir eine Rute hin­ab­w­er­fen, wenn du sie damit schlägst, so tun sie mir nichts.“ Wie der Jäger das hörte, traute er der Alten nicht und sprach: Meine Tiere Schlag ich nicht, komm du herunter, oder ich hol dich.“ Da rief sie: Was willst du wohl? Du tust mir doch nichts“ Er aber antwortete: Kommst du nicht, so schiess ich dich herunter.“ Sprach sie: Schiess nur zu, vor deinen Kugeln fürchte ich mich nicht.“ Da legte er an und schoss nach ihr, aber die Hexe war fest gegen alle Bleikugeln, lachte, dass es gellte, und rief: Du sollst mich noch nicht tre­f­fen.“ Der Jäger wusste Bescheid, riss sich drei sil­berne Knöpfe vom Rock und lud sie in die Büchse, denn dage­gen war ihre Kun­st umson­st, und als er los­drück­te, stürzte sie gle­ich mit Geschrei herab. Da stellte er den Fuss auf sie und sprach: Alte Hexe, wenn du nicht gle­ich gestehst, wo mein Brud­er ist, so pack ich dich mit bei­den Hän­den und werfe dich ins Feuer!“ Sie wer in gross­er Angst bat um Gnade und sagte: Er liegt mit seinen Tieren ver­stein­ert in einem Graben.“ Da zwang er sie mit hinzuge­hen, dro­hte ihr und sprach: Alte Meerkatze, Jet­zt machst du meinen Brud­er und alle Geschöpfe, die hier liegen lebendig, oder du kommst ins Feuer!“ Sie nahm eine Rute und rührte die Steine an, da wurde sein Brud­er mit den Tieren wieder lebendig, und viele andere, Kau­fleute, Handw­erk­er, Hirten, standen auf, dank­ten für ihre Befreiung und zogen heim. Die Zwill­ings­brüder aber, als sie sich wieder­sa­hen, küssten sich und freuten sich von Herzen. Dann grif­f­en sie die Hexe, ban­den sie und legten sie ins Feuer, und als sie ver­bran­nt war, da tat sich der Wald von selb­st auf und ward licht und hell, und man kon­nte das königliche Schloss auf drei Stun­den Wegs sehen. 

Nun gin­gen die zwei Brüder zusam­men nach Haus und erzählten einan­der auf dem Weg ihre Schick­sale. Und als der jüng­ste sagte, er wäre an des Königs statt Herr im ganzen Lande, sprach der andere: Das hab ich wohl gemerkt, denn als ich in die Stadt kam und für dich ange­se­hen ward, da geschah mir alle königliche Ehre. Die junge Köni­gin hielt mich für ihren Gemahl, und ich musste an ihrer Seite essen und in deinem Bett schlafen.“ Wie das der andere hörte, ward er so eifer­süchtig und zornig, dass er sein Schw­ert zog und seinem Brud­er den Kopf abschlug. Als dieser aber tot dalag und er das rote Blut fliessen sah, reute es ihn gewaltig. Mein Brud­er hat mich erlöst,“ rief er aus, und ich habe ihn dafür getötet!“ und jam­merte laut. Da kam sein Hase und erbot sich, von der Lebenswurzel zu holen, sprang fort und brachte sie noch zu rechter Zeit, und der Tote ward wieder ins Leben gebracht und merk­te gar nichts von der Wunde. 

Darauf zogen sie weit­er, und der jüng­ste sprach: Du siehst aus wie ich, hast königliche Klei­der an wie ich, und die Tiere fol­gen dir nach wie mir. Wir wollen zu den ent­ge­genge­set­zten Toren einge­hen und von zwei Seit­en zugle­ich beim alten König anlan­gen.“ Also tren­nten sie sich, und bei dem alten König kam zu gle­ich­er Zeit die Wache von dem einen und dem andern Tore und meldete, der junge König mit den Tieren wäre von der Jagd ange­langt. Sprach der König: Es ist nicht möglich, die Tore liegen eine Stunde weit auseinan­der.“ Indem aber kamen von zwei Seit­en die bei­den Brüder in den Schlosshof hinein und stiegen bei­de her­auf. Da sprach der König zu sein­er Tochter: Sag an, welch­er ist dein Gemahl? Es sieht ein­er aus wie der andere, ich kann’s nicht wis­sen.“ Sie war da in gross­er Angst und kon­nte es nicht sagen, endlich fiel ihr das Hals­band ein, das sie den Tieren gegeben hat­te, suchte und fand an dem einen Löwen ihr gold­enes Schlöss­chen. Da rief sie vergnügt: Der, dem dieser Löwe nach­fol­gt, der ist mein rechter Gemahl!“ Da lachte der junge König und sagte: Ja, das ist der rechte,“ und sie set­zten sich zusam­men zu Tisch, assen und tranken und waren fröh­lich. Abends, als der junge König zu Bett ging, sprach seine Frau: Warum hast du die vorigen Nächte immer ein zweis­chnei­di­ges Schw­ert in unser Bett gelegt? Ich habe geglaubt, du woll­test mich totschla­gen.“ Da erkan­nte er, wie treu sein Brud­er gewe­sen war.