Die zertanzten Schuhe

von Brüder Grimm

~7 Min

Es war ein­mal ein König, der hat­te zwölf Töchter, eine immer schön­er als die andere. Sie schliefen zusam­men in einem Saal, wo ihre Bet­ten nebeneinan­der standen, und abends wenn sie darin lagen, schloss der König die Tür zu und ver­riegelte sie. Wenn er aber am Mor­gen die Türe auf­schloss, so sah er, dass ihre Schuhe zer­tanzt waren, und nie­mand kon­nte her­aus­brin­gen, wie das zuge­gan­gen war. Da liess der König aus­rufen, wers kön­nte aus­find­ig machen, wo sie in der Nacht tanzten, der sollte sich eine davon zur Frau wählen und nach seinem Tod König sein: wer sich aber meldete und es nach drei Tagen und Nächt­en nicht her­aus­brächte, der hätte sein Leben ver­wirkt. Nicht lange, so meldete sich ein Königssohn und erbot sich, das Wag­nis zu unternehmen. Er ward wohl aufgenom­men und abends in ein Zim­mer geführt, das an den Schlaf­saal stiess. Sein Bett war da aufgeschla­gen, und er sollte acht haben, wo sie hingin­gen und tanzten; und damit sie nichts heim­lich treiben kon­nten oder zu einem andern Ort hin­aus­gin­gen, war auch die Saaltüre offen gelassen. Dem Königssohn fiels aber wie Blei auf die Augen und er schlief ein, und als er am Mor­gen aufwachte, waren alle zwölfe zum Tanz gewe­sen, denn ihre Schuhe standen da und hat­ten Löch­er in den Sohlen. Den zweit­en und drit­ten Abend gings nicht anders, und da ward ihm sein Haupt ohne Barmherzigkeit abgeschla­gen. Es kamen her­nach noch viele und melde­ten sich zu dem Wagestück, sie mussten aber alle ihr Leben lassen. Nun trug sichs zu, dass ein armer Sol­dat, der eine Wunde hat­te und nicht mehr dienen kon­nte, sich auf dem Weg nach der Stadt befand, wo der König wohnte. Da begeg­nete ihm eine alte Frau, die fragte ihn, wo er hin wollte. Ich weiss sel­ber nicht recht,‘ sprach er, und set­zte im Scherz hinzu ich hätte wohl Lust, aus­find­ig zu machen, wo die Königstöchter ihre Schuhe ver­tanzen, und danach König zu wer­den.‘ Das ist so schw­er nicht,‘ sagte die Alte, du musst den Wein nicht trinken, der dir abends gebracht wird, und musst tun, als wärst du fest eingeschlafen.‘ Darauf gab sie ihm ein Män­telchen und sprach wenn du das umhängst, so bist du unsicht­bar und kannst den zwölfen dann nach­schle­ichen.‘ Wie der Sol­dat den guten Rat bekom­men hat­te, wards Ernst bei ihm, so dass er ein Herz fasste, vor den König ging und sich als Freier meldete. Er ward so gut aufgenom­men wie die andern auch, und wur­den ihm königliche Klei­der ange­tan. Abends zur Schlafen­szeit ward er in das Vorz­im­mer geführt, und als er zu Bette gehen wollte, kam die älteste und brachte ihm einen Bech­er Wein: aber er hat­te sich einen Schwamm unter das Kinn gebun­den, liess den Wein da hinein­laufen, und trank keinen Tropfen. Dann legte er sich nieder, und als er ein Weilchen gele­gen hat­te, fing er an zu schnar­chen wie im tief­sten Schlaf. Das hörten die zwölf Königstöchter, lacht­en, und die älteste sprach der hätte auch sein Leben sparen kön­nen.‘ Danach standen sie auf, öffneten Schränke, Kisten und Kas­ten, und holten prächtige Klei­der her­aus: putzten sich vor den Spiegeln, sprangen herum und freuten sich auf den Tanz. Nur die jüng­ste sagte ich weiss nicht, ihr freut euch, aber mir ist so wun­der­lich zumut: gewiss wider­fährt uns ein Unglück.‘ Du bist eine Schnee­gans,‘ sagte die älteste, die sich immer fürchtet. Hast du vergessen, wie viel Königssöhne schon umson­st dagewe­sen sind? dem Sol­dat­en hätt ich nicht ein­mal brauchen einen Schlaftrunk zu geben, der Lüm­mel wäre doch nicht aufgewacht.‘ Wie sie alle fer­tig waren, sahen sie erst nach dem Sol­dat­en, aber der hat­te die Augen zuge­tan, rührte und regte sich nicht, und sie glaubten nun ganz sich­er zu sein. Da ging die äIteste an ihr Bett und klopfte daran: als­bald sank es in die Erde, und sie stiegen durch die Öff­nung hinab, eine nach de r andern‘ die älteste voran. Der Sol­dat, der alles mit ange­se­hen hat­te, zaud­erte nicht lange, hing sein Män­telchen um und stieg hin­ter der jüng­sten mit hinab. Mit­ten auf der Treppe trat er ihr ein wenig aufs Kleid, da erschrak sie und rief was ist das? wer hält mich am Kleid?‘ Sei nicht so ein­fältig,‘ sagte die älteste, du bist an einem Hak­en hän­gen geblieben.‘ Da gin­gen sie vol­lends hinab, und wie sie unten waren, standen sie in einem wun­der­prächti­gen Baum­gang, da waren alle Blät­ter von Sil­ber und schim­merten und glänzten. Der Sol­dat dachte du willst dir ein Wahrze­ichen mit­nehmen,‘ und brach einen Zweig davon ab: da fuhr ein gewaltiger Krach aus dem Baume. Die jüng­ste rief wieder es ist nicht richtig, habt ihr den Knall gehört?‘ Die älteste aber sprach das sind Freuden­schüsse, weil wir unsere Prinzen bald erlöst haben.‘ Sie kamen darauf in einem Baum­gang, wo alle Blät­ter von Gold, und endlich in einen drit­ten, wo sie klar­er Demant waren: von bei­den brach er einen Zweig ab, wobei es jedes­mal krachte, dass die jüng­ste vor Schreck­en zusam­men­fuhr: aber die älteste blieb dabei, es wären Freuden­schüsse. Sie gin­gen weit­er und kamen zu einem grossen Wass­er, darauf standen zwölf Schif­flein, und in jedem Schif­flein sass ein schön­er Prinz, die hat­ten auf die zwölfe gewartet, und jed­er nahm eine zu sich, der Sol­dat aber set­zte sich mit der jüng­sten ein. Da sprach der Prinz ich weiss nicht. das Schiff ist heute viel schw­er­er, und ich muss aus allen Kräften rud­ern, wenn ich es fort­brin­gen soll.‘ Wovon sollte das kom­men,‘ sprach die jüng­ste, als vom war­men Wet­ter, es ist mir auch so heiss zumut.‘ Jen­seits des Wassers aber stand ein schönes heller­leuchtetes Schloss, woraus eine lustige Musik erschallte von Pauken und Trompe­ten. Sie rud­erten hinüber, trat­en ein, und jed­er Prinz tanzte mit sein­er Lieb­sten; der Sol­dat aber tanzte unsicht­bar mit, und wenn eine einen Bech­er mit Wein hielt, so trank er ihn aus, dass er leer war, wenn sie ihn an den Mund brachte; und der jüng­sten ward auch angst darüber, aber die älteste brachte sie immer zum Schweigen. Sie tanzten da bis drei Uhr am andern Mor­gen, wo alle Schuhe durchge­tanzt waren und sie aufhören mussten. Die Prinzen fuhren sie über das Wass­er wieder zurück, und der Sol­dat set­zte sich dies­mal vor­nen hin zur ältesten. Am Ufer nah­men sie von ihren Prinzen Abschied und ver­sprachen, in der fol­gen­den Nacht wiederzukom­men. Als sie an der Treppe waren, lief der Sol­dat voraus und legte sich in sein Bett, und als die zwölf langsam und müde her­aufgetrip­pelt kamen, schnar­chte er schon wieder so laut, dass sies alle hören kon­nten, und sie sprachen vor dem sind wir sich­er.‘ Da tat­en sie ihre schö­nen Klei­der aus, bracht­en sie weg, stell­ten die zer­tanzten Schuhe unter das Bett und legten sich nieder. Am andern Mor­gen wollte der Sol­dat nichts sagen, son­dern das wun­der­liche Wesen noch mit anse­hen, und ging die zweite und die dritte Nacht wieder mit. Da war alles wie das erstemal, und sie tanzten jedes­mal, bis die Schuhe entzwei waren. Das drit­temal aber nahm er zum Wahrze­ichen einen Bech­er mit. Als die Stunde gekom­men war, wo er antworten sollte, steck­te er die drei Zweige und den Bech­er zu sich und ging vor den König, die zwölfe aber standen hin­ter der Türe und horcht­en, was er sagen würde. Als der König die Frage tat wo haben meine zwölf Töchter ihre Schuhe in der Nacht ver­tanzt?‘ so antwortete er mit zwölf Prinzen in einem unterirdis­chen Schloss,‘ berichtete, wie es zuge­gan­gen war, und holte die Wahrze­ichen her­vor. Da liess der König seine Töchter kom­men und fragte sie, ob der Sol­dat die Wahrheit gesagt hätte, und da sie sahen, dass sie ver­rat­en waren und leug­nen nichts half, so mussten sie alles eingeste­hen. Darauf fragte ihn der König, welche er zur Frau haben wollte. E r antwortete ich bin nicht mehr jung, so gebt mir die älteste.‘ Da ward noch am sel­bi­gen Tage die Hochzeit gehal­ten und ihm das Reich nach des Königs Tode ver­sprochen. Aber die Prinzen wur­den auf so viel Tage wieder ver­wün­scht, als sie Nächte mit den zwölfen getanzt hatten.