Die wunderliche Gasterei

von Brüder Grimm

~3 Min

Auf eine Zeit lebte eine Blutwurst und eine Leber­wurst in Fre­und­schaft, und die Blutwurst bat die Leber­wurst zu Gast. Wie es Essen­szeit war, ging die Leber­wurst auch ganz vergnügt zu der Blutwurst, als sie aber in die Hausthüre trat, sah sie aller­lei wun­der­liche Dinge, auf jed­er Stiege der Treppe, deren viele waren, immer etwas anderes, da war etwa ein Besen und eine Schippe, die sich miteinan­der schlu­gen, dann ein Affe mit ein­er grossen Wunde am Kopf und der­gle­ichen mehr.

Die Leber­wurst war ganz erschrock­en und bestürzt darüber, doch nahm sie sich ein Herz, trat in die Stube und wurde von der Blutwurst fre­und­schaftlich emp­fan­gen. Die Leber­wurst hub an, sich nach den selt­samen Din­gen zu erkundi­gen, die draussen auf der Treppe wären, die Blutwurst that aber, als hörte sie es nicht, oder als sei es nicht der Mühe werth davon zu sprechen, oder sie sagte etwa von der Schippe und dem Besen: Es wird meine Magd gewe­sen seyn, die auf der Treppe mit jemand geschwätzt hat,“ und brachte die Rede auf etwas anderes.

Die Blutwurst ging darauf hin­aus und sagte, sie müsse in der Küche nach dem Essen sehen, ob alles ordentlich angerichtet werde, und nichts in die Asche gewor­fen. Wie die Leber­wurst der­weil in der Stube auf und abging und immer die wun­der­lichen Dinge im Kopf hat­te, kam jemand, ich weiss nicht, wers gewe­sen ist, here­in und sagte: Ich warne dich, Leber­wurst, du bist in ein­er Blut- und Mörder­höh­le, mach dich eilig fort, wenn dir dein Leben lieb ist.“ Die Leber­wurst besann sich nicht lang, schlich zur Thür hin­aus und lief, was sie kon­nte; sie stand auch nicht eher still, bis sie aus dem Haus mit­ten auf der Strasse war. Da blick­te sie sich um, und sah die Blutwurst oben im Boden­loch ste­hen mit einem lan­gen, lan­gen Mess­er, das blink­te, als wärs frisch gewet­zt, und damit dro­hte sie, und rief herab: Hätt ich dich, so wollt ich dich!“