Die Wochentage

von Johann Wilhelm Wolf

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Die Wochen­t­age woll­ten auch ein­mal sich freimachen, zusam­menkom­men und ein Festmahl abhal­ten. Jed­er Tag war übri­gens so in Anspruch genom­men, dass sie, während des ganzen Jahres, nicht freie Zeit hat­ten, um darüber zu ver­fü­gen; sie mussten einen beson­deren ganzen Tag haben, aber den hat­ten sie doch auch jedes vierte Jahr: den Schalt­tag, der wurde in den Feb­ru­ar belegt, um Ord­nung in die Zeitrech­nung zu bringen.

Auf den Schalt­tag woll­ten sie also zusam­menkom­men zum Festmahl, und da der Feb­ru­ar der Fast­nachtsmonat ist, woll­ten sie karnevalsmäs­sig angek­lei­det kom­men nach eines jeden Empfind­ung und Bes­tim­mung; gut essen, gut trinken, Reden hal­ten und einan­der Annehm­lichkeit­en sagen und Unan­nehm­lichkeit­en in unge­niert­er Kam­er­ad­schaft. Die Helden der alten Zeit war­fen einan­der bei den Mahlzeit­en die abge­nagten Fleis­chknochen an den Kopf, die Wochen­t­age woll­ten einan­der über­häufen mit Leck­ereien von alber­nen Späßen und schelmis­chen Witzen, wie sie zu den unschuldigen Fast­nachtss­cherzen gehören mögen.

Dann war es Schalt­tag, und dann kamen sie zusammen.

Der Son­ntag, der Vor­mann der Wochen­t­age, trat auf in schwarzem Sei­den­man­tel, fromme Men­schen wür­den glauben, dass er einen Talar trug, um in die Kirche zu gehen; die Weltkinder sahen, dass er im Domi­no war, um auf ein Vergnü­gen zu gehen und dass die flam­mende Nelke, die er im Knopfloch trug, des The­aters kleine rote Lat­er­ne war, die sagte: Alles ist ausverkauft, seht nun zu, dass ihr euch amüsiert!“

Der Mon­tag, ein junger Men­sch, dem Son­ntag nah ver­wandt und beson­ders dem Vergnü­gen hingegeben, fol­gte nach. Er ver­lasse die Werk­statt, sagte er, wenn die Wacht­pa­rade aufzieht. Ich muss hin­aus, um Offen­bachs Musik zu hören; sie geht mir nicht zu Kopf und nicht zu Herzen, sie kitzelt mich in den Bein­muskeln, ich muss tanzen, ein Gelage haben, ein blaues Auge kriegen, um darauf zu schlafen, und dann packe ich am näch­sten Tag die Arbeit an. Ich bin das Neue in der Woche!“

Dien­stag, das ist Tyrs Tag, der Tag der Kraft. – Ja, das bin ich!“ sagte der Dien­stag. Ich packe die Arbeit an, spanne Merkurs Flügel an des Kauf­manns Schuhe, sehe in die Fab­riken, ob die Räder geschmiert sind und sich drehen, sorge dafür, dass der Schnei­der auf der Bank und der Pflaster­er auf den Pflaster­steinen hockt; jed­er achte auf sein Gewerbe: Ich halte mein Auge auf das Ganze, deshalb trage ich Polizeiu­ni­form und nenne mich Polizis­tentag. Ist das ein schlechter Kalauer, so ver­sucht ihr anderen, einen besseren zu machen!“

Da komme ich!“ sagte der Mittwoch. Ich ste­he mit­ten in der Woche, darum nen­nen mich die Deutschen so. Ich ste­he wie der Kom­mis hin­ter dem Laden­tisch, als Blume zwis­chen den andern geehrten Wochen­t­a­gen! Marschieren wir alle auf, dann habe ich drei Tage vor, drei Tage hin­ter mir, das ist wie eine Ehrenwache, ich darf glauben, dass ich der ansehn­lich­ste Tag bin!“

Der Don­ner­stag stellte sich ein, gek­lei­det als Kupfer­schmied mit Ham­mer und Kupfer­kessel, das war sein Adel­sat­trib­ut. Ich bin von höch­ster Geburt“, sagte er, hei­d­nisch, göt­tlich! In Nor­dens Lan­den werde ich nach Thor genan­nt, in denen des Südens nach Jupiter, die bei­de ver­standen zu don­nern und zu blitzen, das ist in der Fam­i­lie geblieben.“

Und dann schlug er auf den Kupfer­kessen und bewies seine hohe Geburt.

Fre­itag war gek­lei­det wie ein junges Mäd­chen und nan­nte sich Freya, auch zur Abwech­slung Venus, das kam auf den Sprachge­brauch im Lande an, wo sie auf­trat. Sie sei übri­gens von stillem, ern­sten Charak­ter, sagte sie, aber heute flott und frei; es war ja Schalt­tag, und der gibt der Frau Frei­heit, da darf sie nach altem Brauch sel­ber freien und muss sich nicht freien lassen.

Sonnabend trat auf als alte Haushäl­terin mit Besen und Sauberkeit­sat­tribut­en. Ihr Leibgericht war Bier­brot­suppe, doch ver­langte sie nicht, dass diese bei dieser fes­tlichen Gele­gen­heit für alle mit aufgetis­cht wer­den sollte, son­dern nur, dass sie bekom­men könne – und sie bekam sie.