Die wilden Schwäne

von Hans Christian Andersen

~19 Min

Dort, wo die Schwal­ben im Win­ter hinziehen, wohnte einst ein König, der elf Söhne und eine Tochter mit dem Namen Elisa hat­te. Die elf Brüder waren Prinzen und gin­gen mit dem Stern auf der Brust und dem Säbel an der Seite in die Schule. Sie schrieben mit Dia­mant­grif­feln auf Goldtafeln und lern­ten eben­so gut auswendig, wie sie lasen. Man kon­nte gle­ich hören, dass sie echte Prinzen waren. Die Schwest­er Elisa aber saß auf einem kleinen Schemel aus Spiegel­glas und hat­te ein Bilder­buch, das mit dem hal­ben Kön­i­gre­ich erkauft war. Oh, die Kinder hat­ten es so gut, aber es sollte nicht immer so bleiben.

Der König ver­heiratete sich mit ein­er bösen Köni­gin, die den armen Kindern gar nicht wohl geson­nen war. Schon bald brachte man Elisa zu einem Bauern­paar aufs Land. Und es währte nicht lange, da redete die Köni­gin so viel schlecht­es über die Prinzen, dass der König sich gar nicht mehr um sie küm­mern wollte.

Fliegt hin­aus in die Welt und ernährt euch selb­st!”, rief die böse Köni­gin. Fliegt wie die großen Vögel ohne Stimme!” Aber sie kon­nte es doch nicht so weit brin­gen, denn die elf Prinzen ver­wan­del­ten sich in her­rliche wilde Schwäne. Mit einem son­der­baren Schrei flo­gen sie aus den Schloss­fen­stern hin­aus und zogen über den Park und den Wald dahin.

Es war noch ganz früh am Mor­gen, als sie dort vor­beika­men, wo die kleine Schwest­er Elisa nun lebte. Sie stand in der Stube des Bauern und spielte mit einem grü­nen Blatt, denn anderes Spielzeug gab es nicht. Sie stach ein Loch in das Blatt, sah hin­aus in den Him­mel. Es war ihr, als sähe sie die Augen ihre Brüder.

Als Elisa fün­fzehn Jahre alt gewor­den war, sollte sie wieder nach Hause. Die Köni­gin erkan­nte sogle­ich, wie schön ihre Stieftochter nun war, und has­ste sie aus ganzem Herzen. Gern hätte sie Elisa in einen wilden Schwan ver­wan­delt, aber das wagte sie nicht, weil der König seine Tochter sehen wollte.

Am frühen Mor­gen ging die Köni­gin in das große Bad, das aus Mar­mor erbaut und mit weichen Kissen und prächti­gen Deck­en geschmückt war. Sie nahm drei Kröten, küsste sie und sagte zu der einen: Set­ze dich auf Elisas Kopf, wenn sie in das Bad kommt, damit sie dumm wird, wie du selb­st!” Der zweit­en Kröte sagte sie: Set­ze dich auf ihre Stirn, damit sie hässlich wird, sodass ihr Vater sie nicht erken­nt!” Der drit­ten Kröte flüsterte sie zu: Ruhe an ihrem Herzen und gib ihr einen bösen Sinn, dass sie Schmerzen davon hat!”

Die Köni­gin set­zte die Kröten in das klare Wass­er, und es nahm sogle­ich eine grüne Farbe an. Dann rief sie Elisa, zog sie aus und ließ sie in das Wass­er hin­ab­steigen. Kaum war Elisa unter­ge­taucht, set­zte sich die eine Kröte in ihr Haar, die andere auf ihre Stirn und die dritte auf ihre Brust. Elisa schien es aber gar nicht zu bemerken. Sobald sie sich aufrichtete, schwammen drei rote Mohn­blu­men auf dem Wasser.

Die böse Köni­gin sah es, und rieb Elisa jet­zt mit Wal­nuss­saft ein, worauf sie ganz schwarzbraun wurde. Dann bestrich die Köni­gin ihr hüb­sches Antlitz mit ein­er stink­enden Salbe und zerzauste das her­rliche Haar. Es war unmöglich, die schöne Elisa wiederzuerkennen.

Als der Vater Elisa so sah, erschrak er und sagte: Das ist nicht meine Tochter!” Da weinte die arme Elisa bit­ter­lich, machte sich aus dem Schloss davon und ging den ganzen Tag über Feld und Moor, bis in den großen Wald hinein. Sie wusste nicht, wohin sie jet­zt noch gehen kon­nte, aber sie sehnte sich nach ihren Brüdern. Müde schlief sie ein und träumte, wie sie als Kind mit ihren Brüdern spielte. Sie schrieben mit dem Dia­mant­grif­fel auf die Goldtafel und betra­chteten zusam­men das her­rliche Bilderbuch.

Als sie erwachte, stand die Sonne schon hoch am Him­mel. Die Hirsche hat­ten gar nicht weit weg eine große Lich­tung gemacht, und hier ging Elisa zum Wass­er. Sie erblick­te ihr eigenes Gesicht und erschrak, so braun und hässlich war es. Doch als sie ihre kleine Hand mit Wass­er benet­zte und die Augen und Stirne damit rieb, glänzte die weiße Haut so schön wie zuvor. Da entk­lei­dete sich Elisa und ging in das frische Wass­er hinein.

Als sie sich wieder angek­lei­det und ihr langes Haar geflocht­en hat­te, ging sie noch zur sprudel­nden Quelle. Dort trank sie aus der hohlen Hand und wan­derte dann tief in den Wald hinein, ohne zu wis­sen, wohin. Sie dachte an ihre Brüder und an den lieben Gott, der sie sich­er behüten würde.

Die Nacht wurde sehr dunkel. Nicht ein einziger Johan­niswurm leuchtete aus dem Moos. Betrübt legte sich Elisa nieder, um zu schlafen. Am näch­sten Mor­gen ging sie weit­er und begeg­nete schon bald ein­er alten Frau, die Beeren in ihrem Korb hat­te. Die Alte gab ihr einige davon. Elisa fragte auch, ob sie nicht elf Prinzen durch den Wald habe reit­en sehen.

Nein”, sagte die Alte, aber gestern sah ich elf Schwäne mit Gold­kro­nen auf dem Haupt, die den Fluss hin­ab­schwammen!” Die Alte führte Elisa ein Stück weit durch den Wald zu einem Abhang, unter dem der Fluss sich schlän­gelte. Elisa sagte der Alten Lebe­wohl und ging bis zu der Stelle, wo der Fluss ins große, offene Meer mündete.

Das ganze her­rliche Meer lag vor dem jun­gen Mäd­chen, aber nicht ein einziges Segel und kein Boot war zu sehen. Wie sollte sie nur weit­er kom­men? — Elisa betra­chtete die unzäh­li­gen Steinchen am Ufer. Das Wass­er hat­te sie alle rund geschlif­f­en. Glas, Eisen, Holzstückchen lagen da und dort zusam­menge­spült, und alles hat­te seine Form durch das Wass­er bekom­men. Das Wass­er rollt uner­müdlich her­an”, dachte Elisa, und es glät­tet die härtesten Dinge. Ich will eben­so uner­müdlich sein und meine Brüder find­en. Dank für eure Lehre, ihr klaren, rol­len­den Wogen.”

Elisa blieb noch eine ganze Weile am dem ein­samen Meer­esstrand, denn das Meer war so schön anzuse­hen. Als die Sonne unterg­ing, sah sie aber elf wilde Schwäne mit Gold­kro­nen auf dem Kopf her­anziehen. Da stieg Elisa geschwind den Strand hin­auf und ver­barg sich hin­ter einem Busch. Die Schwäne ließen sich in der Nähe bei ihr nieder und schlu­gen mit ihren großen, weißen Schwingen.

Sobald die Sonne hin­ter dem Wass­er war, fie­len plöt­zlich die Schwa­nenge­fieder herab, und elf schöne Prinzen standen da. Elisa stieß einen laut­en Schrei aus, denn sie erkan­nte sofort, dass es ihre Brüder waren. Sie lief ihnen mit offe­nen Armen ent­ge­gen und rief ihre Namen. Die Prinzen waren sehr glück­lich, als sie ihre kleine Schwest­er sahen, und sie erkan­nten jet­zt, wie böse die Stief­mut­ter mit ihnen umge­gan­gen war.

Wir Brüder”, sagte der älteste, fliegen als wilde Schwäne, solange die Sonne am Him­mel ste­ht. Wenn sie unterge­gan­gen ist, erhal­ten wir unsere men­schliche Gestalt zurück. Deshalb müssen wir immer darauf acht­en, dass wir bei Son­nenun­ter­gang eine Ruh­estätte für die Füße haben. Wür­den wir zu dieser Zeit in den Wolken fliegen, müssten wir als Men­schen in die Tiefe stürzen.

Höre Schwest­er, es liegt ein schönes Land jen­seits der See, aber der Weg ist weit. Wir müssen über das große Meer, und es find­et sich keine Insel auf unserem Wege. Nur eine ein­same, kleine Klippe ragt in der Mitte her­vor. Sie ist ger­ade so groß, dass wir dicht nebeneinan­der ruhen kön­nen. Dort über­nacht­en wir in unser­er Men­schengestalt. Ohne die Klippe kön­nten wir nie unser liebes Vater­land besuchen, denn wir brauchen zwei lange Tage für den Flug. Es ist uns aber nur ein­mal im Jahr vergön­nt, unsere Heimat zu besuchen. Zwei Tage kön­nen wir bleiben, dann müssen wir wieder fort über das Meer. — Wie kön­nen wir dich mit­nehmen? Wir haben wed­er Schiff noch Boot!” Kann ich euch denn nicht erlösen?”, fragte die Schwest­er. Und sie rede­ten bis in die späte Nacht.

Am näch­sten Mor­gen erwachte Elisa von dem Rauschen der Schwa­nen­flügel, denn ihre Brüder waren wieder ver­wan­delt. Sie flo­gen in großen Kreisen und zulet­zt weit weg, aber der jüng­ste blieb bei Elisa zurück. Er legte seinen Kopf in ihren Schoß, und sie stre­ichelte seine Flügel. Gegen Abend kehrten die anderen heim, und als die Sonne unterg­ing, hat­ten sie wieder ihre natür­liche Gestalt.

Mor­gen fliegen wir fort von hier und kön­nen vor Ablauf eines ganzen Jahres nicht zurück­kehren”, sagte der älteste Brud­er. Aber wir kön­nen dich nicht so ver­lassen! Hast du Mut, mitzukom­men? Mein Arm ist stark genug, um dich durch den Wald zu tra­gen. Soll­ten wir da nicht alle so starke Flügel haben, um mit dir über das Meer zu fliegen?” Ja, nehmt mich mit!”, rief Elisa.

Fast die ganze Nacht bracht­en sie damit zu, aus geschmei­di­ger Wei­den­rinde ein Netz zu flecht­en. Es wurde groß und fest. Auf dieses Netz legte sich Elisa zum Schlafen. Als dann die Sonne her­vor­trat und die Brüder sich in wilde Schwäne ver­wan­del­ten, ergrif­f­en sie mit ihren Schnä­beln das Netz und flo­gen hoch in die Wolken.

Sie waren schon weit vom Lande ent­fer­nt, als Elisa erwachte. Sie glaubte noch zu träu­men, so son­der­bar kam es ihr vor, über das Meer getra­gen zu wer­den. Doch es zog ein bös­es Wet­ter auf. Ängstlich sah Elisa die Sonne sinken, aber die ein­same Klippe im Meer war noch nicht zu erblick­en. Die schwarzen Wolken kam immer näher, und die starken Wind­stöße verkün­de­ten einen wüten­den Sturm.

Jet­zt war die Sonne ger­ade am Rande des Meeres. Da schossen die Schwäne hinab, so schnell, dass Elisa zu fall­en glaubte. Ihr Herz bebte, aber dann schwebten sie dicht über dem Meer dahin. Die Sonne war nun schon halb unter dem Wass­er, da erblick­te sie die kleine Klippe unter sich. Die Sonne sank immer schneller, da berührte ihr Fuß endlich den fes­ten Grund! Kaum war die Sonne aber erloschen, da standen die Brüder Arm in Arm um sie herum.

Die See schlug gegen die Klippe und ging wie Staubre­gen über sie hin. Der Him­mel leuchtete in einem fortwähren­den Feuer, und Schlag auf Schlag rollte der Don­ner. Erst in der Mor­gendäm­merung war die Luft wieder rein und still. Und als die ersten Son­nen­strahlen den Him­mel erleuchteten, flo­gen die Schwäne mit Elisa wieder von der Insel fort.

Die Sonne stieg höher, und Elisa sah vor sich ein Berg­land mit glänzen­den Eis­massen auf den Felsen. Sie fragte, ob es das Land sei, wo sie hin woll­ten. Die Schwäne schüt­tel­ten die Köpfe, denn das, was sie sahen, war nur eine Fata Mor­gana. Dann sah sie das wirk­liche Land, zu dem sie woll­ten. Dort erhoben sich her­rliche blaue Berge mit Zed­ern­wäldern, Städten und Schlössern. Lange bevor die Sonne unterg­ing, saß Elisa sich­er auf dem Felsen vor ein­er großen Höh­le, die mit feinen grü­nen Schlingpflanzen bewach­sen war. Es sah fast so aus, als seien es gestick­te Teppiche.

Nun wollen wir sehen, was du diese Nacht hier träumst”, sprach der jüng­ste Brud­er und zeigte ihr die Schlafkam­mer. Gebe der Him­mel, dass ich träu­men möge, wie ich euch erret­ten kann”, sagte Elisa. Sie betete zu Gott, bat um seine Hil­fe und schlief ein. Da kam es ihr so vor, als ob sie sich hoch in die Luft zu einem Wolken­schloss erheben würde. Eine Fee kam ihr ent­ge­gen, die das Antlitz der alten Frau hat­te, die ihr im Walde Beeren gegeben und von den Schwä­nen mit Gold­kro­nen erzählt hatte.

Deine Brüder kön­nen erlöst wer­den”, sprach die Fee, aber hast du Mut und Aus­dauer? Siehe die Brennnes­sel, die ich in mein­er Hand halte! Von dieser Art wach­sen viele rings um die Höh­le. Nur diese, sowie die vom Fried­hof, sind tauglich. Merke dir das! Du musst sie pflück­en, obgle­ich sie deine Hand voll Blasen bren­nen wer­den. Brich die Nes­seln mit deinen Füßen, so erhältst du einen Flachs zum Spin­nen. Daraus musst du elf Panz­er­hem­den mit lan­gen Ärmeln flecht­en. Wirf sie über die elf Schwäne, so ist der Zauber gelöst. Aber bedenke wohl, dass du von dem Augen­blick an, wo du diese Arbeit beginnst, nicht mehr sprechen darf­st. Das erste Wort, welch­es du sprichst, geht als töten­der Dolch in das Herz dein­er Brüder! An dein­er Zunge hängt ihr Leben. Merke dir das alles!” Die Fee berührte zugle­ich die Hand von Elisa mit der Nes­sel. Es war einem bren­nen­den Feuer gle­ich, und sie erwachte.

Ein heller Tag kündigte sich an und dicht neben Elisa lag eine Nes­sel, wie die im Traum. Da fiel sie auf ihre Knie, dank­te dem lieben Gott und ging aus der Höh­le hin­aus, um ihre Arbeit zu begin­nen. Mit ihren feinen Hän­den griff sie hin­unter in die hässlichen Nes­seln, die wie Feuer bran­nten. Große Blasen zeigten sich an ihren Hän­den und Armen. Elisa wollte es aber erdulden, kon­nte sie doch die lieben Brüder befreien. Stück für Stück brach sie jede Nes­sel mit ihren bloßen Füßen und flocht den grü­nen Flachs.

Als die Sonne unterge­gan­gen war, kamen die Brüder und erschrak­en, weil Elisa kein Wort sagte. Sie glaubten, es sei ein neuer Zauber der bösen Stief­mut­ter. Aber als sie ihre Hände erblick­ten, begrif­f­en sie, was sie da tat. Der jüng­ste Brud­er weinte in ihren Armen, und wohin seine Trä­nen auch fie­len, fühlte sie keine Schmerzen, und die bren­nen­den Blasen verschwanden.

Am näch­sten Tag ertönte ein Jagdhorn zwis­chen den Bergen. Elisa wurde von Furcht ergrif­f­en, denn der Ton kam immer näher, und sie hörte Hunde bellen. Erschrock­en floh sie in die Höh­le, band die Nes­seln, die sie gesam­melt und gebrochen hat­te und set­zte sich drauf. Sogle­ich kam ein großer Hund aus der Schlucht gesprun­gen, und gle­ich darauf wieder ein­er und noch ein­er. Sie bell­ten laut, liefen zurück und kamen wieder vor. Es dauerte auch nicht lange, da standen die Jäger vor der Höh­le. Der schön­ste unter ihnen war der König des Lan­des. Er ging auf Elisa zu, denn nie zuvor hat­te er ein schöneres Mäd­chen gesehen.

Wie bist du hier­her gekom­men, du her­rlich­es Kind?”, fragte er. Elisa schüt­telte den Kopf, denn sie durfte ja nicht sprechen. Und sie ver­barg auch ihre Hände unter der Schürze, damit der König nicht sah, was sie erlei­den musste.

Kommt mit mir”, sagte der König, hier soll­test du nicht bleiben. Bist du so gut, wie ich glaube, so will ich dich in Sei­de und Samt klei­den. Ich werde dir eine Gold­kro­ne auf das Haupt set­zen, und du sollst in meinem schön­sten Schlosse wohnen!” Dann hob er sie auf sein Pferd. Sie weinte und hob fle­hend die Hände, aber der König sagte: Ich will nur dein Glück! Einst wirst du mir dafür danken”. Dann jagte er fort durch die Berge und hielt sie vorne auf dem Pferd.

Der König führte Elisa in sein Schloss, wo große Spring­brun­nen in den hohen Mar­morsälen plätscherten und wo die Wände und Deck­en mit Gemälden prangten. Aber sie hat­te keine Augen dafür und weinte. Willig ließ sie sich von den Frauen königliche Klei­der anle­gen, Perlen in ihre Haar flecht­en und feine Hand­schuhe über die ver­bran­nten Fin­ger ziehen. Sie war so blendend schön, dass der Hof sich noch tiefer verneigte.

Der König wählte sie nun vor aller Augen zu sein­er Braut, obgle­ich der Erzbischof mit dem Kopf schüt­telte. Der König über­sah es ein­fach, ließ die köstlich­sten Gerichte auf­tra­gen und die Musik zum Tanze auf­spie­len. Dann wurde Elisa durch duf­tende Gärten in prächtige Säle geführt, aber nicht ein einziges Lächeln zeigte sich auf ihren Lip­pen. Wie ein Bild der Trauer stand sie da.

Jet­zt öffnete der König eine kleine Kam­mer dicht neben dem Gemach, wo Elisa schlafen sollte. Die Kam­mer war mit grü­nen Tep­pichen geschmückt und glich ganz der Höh­le, in der sie zulet­zt gewe­sen war. Auf dem Fuß­bo­den lag das Bund Flachs, welch­es sie aus den Nes­seln gespon­nen hat­te, und unter der Decke hing das Panz­er­hemd, welch­es schon fer­tig gestrickt war. Das alles hat­te ein Jäger mitgenom­men, weil es so ungewöhn­lich war.

Hier kannst du dich in deine frühere Heimat zurück­träu­men”, sagte der König. Hier ist auch die Arbeit, die dich so arg beschäftigt hat. — Hier, in all dieser Pracht, wird es dich vielle­icht erfreuen, an die alten Zeit­en zu denken.” Als Elisa das sah, spielte ein Lächeln um ihren Mund, und das Blut kehrte in ihre Wan­gen zurück. Sie hoffte wieder, ihre Brüder erlösen zu können.

Nun sollte aber auch die Hochzeit sein. Der Erzbischof selb­st musste Elisa die Kro­ne auf das Haupt set­zen, und er drück­te den engen Ring so fest auf ihre Stirn, dass es schmerzte. Doch ihr Mund blieb stumm. Ein einziges Wort hätte ja den Brüdern das Leben gekostet.

In der Nacht schlich sich Elisa von der Seite des Königs, ging in die kleine Kam­mer und strick­te ein Panz­er­hemd nach dem anderen fer­tig. Aber als sie das siebente begann, hat­te sie keinen Flachs mehr. Nun wuch­sen auf dem Fried­hof die bren­nen­den Nes­seln, die sie brauchen kon­nte. Nur wie sollte sie dor­thin gelan­gen? — Ich muss es wagen”, dachte sie. Der liebe Gott wird seine Hand über mich hal­ten!” Also schlich sie sich in der mond­heller Nacht in den Garten hin­unter und ging durch die ein­samen Straßen zum Fried­hof hinaus.

Dort sah sie auf einem der bre­itesten Grab­steine Lamien im Kreise sitzen. Diese hässlichen Hex­en nah­men ihre Lumpen ab, als ob sie sich baden woll­ten. Dann gruben sie mit den lan­gen, mageren Fin­gern frische Gräber auf, holten Leichen her­aus und aßen von ihrem Fleisch. Elisa musste nahe an ihnen vor­bei, und die Hex­en hefteten ihre bösen Blicke auf sie. Elisa betete aber still vor sich hin, sam­melte die bren­nen­den Nes­seln und trug sie zu dem Schlosse. Nur ein einziger Men­sch hat­te sie dabei gese­hen: der Erzbischof. Er war immer noch munter, wenn alle anderen schon schliefen.

Der Erzbischof sagte dem König im Beicht­stuhl, was er gese­hen hat­te und was er fürchtete. Da roll­ten zwei schwere Trä­nen über die Wan­gen des Königs. Er ging mit Zweifel im Herzen nach Hause und tat so, als ob er in der Nacht fest schliefe. So merk­te er es, wenn Elisa auf­s­tand. Jede Nacht wieder­holte sich das, und jedes Mal fol­gte der König ihr und sah, wie sie in ihrer Kam­mer ver­schwand. Tag für Tag wurde seine Miene fin­ster­er. Elisa sah es, wusste aber nicht, weshalb.

Inzwis­chen war sie mit ihrer Arbeit bald fer­tig. Es fehlte nur noch ein einziges Panz­er­hemd. Aber Flachs hat­te sie auch nicht mehr, nicht eine einzige Nes­sel. Deshalb musste sie ein let­ztes Mal zum Fried­hof gehen und einige Hand voll pflück­en. Elisa tat es in der Nacht, doch der König und der Erzbischof fol­gten ihr. Sie sahen sie an der Git­terp­forte zum Fried­hof ver­schwinden, und als sie sich näherten, saßen die Lamien wieder auf dem Grab­stein. Der König wen­dete sich ab, denn er dachte, unter ihnen wäre auch Elisa. Das Volk muss sie verurteilen”, sagte er leise zum Erzbischof. Und das Volk verurteilte sie wirk­lich, in lodern­den Flam­men ver­bran­nt zu werden.

Aus den prächti­gen Königssälen wurde Elisa in ein dun­kles, feucht­es Loch geführt, wo der Wind durch das Git­ter pfiff. Statt Samt und Sei­de gab man ihr das Bund Nes­seln, welch­es sie gesam­melt hat­te. Darauf sollte sie ihr Haupt bet­ten. Die harten Panz­er­hem­den gab man ihr statt warmer Decken.

Da schwirrte gegen Abend dicht am Git­ter ein Schwa­nen­flügel vor­bei. Es war der jüng­ste der Brüder. Er hat­te die Schwest­er lange gesucht und endlich gefun­den. Und nun war auch die Arbeit an dem let­zten Panz­er­hemd fast been­det, jet­zt, wo ihre Brüder doch so nahe waren.

Am Abend kam der Erzbischof zu Elisa, um in der let­zten Stunde bei ihr zu sein. Das hat­te er dem König ver­sprochen. Sie schüt­telte aber nur das Haupt und bat ihn mit Blick­en, er möge doch gehen. In dieser Nacht musste sie ja ihre Arbeit vol­len­den, son­st wären die Brüder ver­loren gewe­sen. Der Erzbischof ent­fer­nte sich schließlich mit bösen Worten, worauf Elisa gle­ich wieder ihre Arbeit aufnahm.

Es wurde Tag und das ganze Volk strömte aus dem Stadt­tor, denn es wollte die Hexe bren­nen sehen. Ein alter Gaul zog den Kar­ren, auf dem Elisa saß. Man hat­te ihr einen Kit­tel aus grobem Sack­leinen ange­zo­gen. Ihr her­rlich­es Haar hing aufgelöst herunter und ihre Wan­gen waren toten­ble­ich. Leise bewegten sich ihre Lip­pen, während die Fin­ger noch den grü­nen Flachs zurichteten. Selb­st auf dem Weg zu ihrem Tode unter­brach sie die ange­fan­gene Arbeit nicht. Die zehn Panz­er­hem­den lagen zu ihren Füßen, und das elfte war beina­he fer­tig. Der Pöbel aber ver­höh­nte sie.

Seht nur die rote Hexe, wie sie murmelt!”, riefen die Leute und woll­ten die Panz­er­hem­den in tausend Stücke zer­reißen. Doch plöt­zlich kamen elf wilde Schwäne geflo­gen. Sie set­zten sich rings um Elisa auf den Kar­ren und schlu­gen mit ihren großen Schwin­gen. Nun wichen die Leute erschrock­en zur Seite, und einige flüsterten: Das ist ein Zeichen des Him­mels! Sich­er ist sie unschuldig!” Aber sie wagten nicht, es laut zu sagen.

Schon wollte der Henker Elisa ergreifen, da warf sie hastig die Panz­er­hem­den über die Schwäne. Und siehe, sogle­ich standen elf schöne Prinzen da! Nur der jüng­ste hat­te einen Schwa­nen­flügel statt des einen Armes, denn es fehlte noch ein Ärmel an seinem Panz­er­hemd. Jet­zt darf ich sprechen!”, rief Elisa laut. Ich bin unschuldig!”

Das Volk sah, was geschehen war, und verneigte sich wie vor ein­er Heili­gen. Ja, unschuldig ist sie”, sagte auch der älteste Brud­er, und erzählte dem Volke die ganze Geschichte. Und während er noch sprach, strömte ein Duft wie von Mil­lio­nen Rosen durch die Lüfte, denn jedes Stück Brennholz im Scheit­er­haufen hat­te Wurzeln geschla­gen und trieb Zweige. Eine duf­tende Hecke mit roten Rosen wuchs empor, und ganz oben saß eine Blume, weiß und glänzend, so hell wie ein Stern. Die pflück­te der König und gab sie Elisa in die Hand. Da läuteten alle Kirchen­glock­en wie von selb­st, und die Vögel kamen in großen Scharen. Es wurde ein Hochzeit­szug, wie ihn noch kein König gese­hen hatte!