Die Wichtelmänner

von Brüder Grimm

~5 Min

ERSTES MÄRCHEN

Es war ein Schus­ter ohne seine Schuld so arm gewor­den, dass ihm endlich nichts mehr übrig blieb als Led­er zu einem einzi­gen Paar Schuhe. Nun schnitt er am Abend die Schuhe zu, die wollte er den näch­sten Mor­gen in Arbeit nehmen; und weil er ein gutes Gewis­sen hat­te, so legte er sich ruhig zu Bett, befahl sich dem lieben Gott und schlief ein. Mor­gens, nach­dem er sein Gebet ver­richtet hat­te und sich zur Arbeit nieder­set­zen wollte, so standen die bei­den Schuhe ganz fer­tig auf seinem Tisch. Er ver­wun­derte sich und wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er nahm die Schuhe in die Hand, um sie näher zu betra­cht­en: sie waren so sauber gear­beit­et, dass kein Stich daran falsch war, ger­ade als wenn es ein Meis­ter­stück sein sollte. Bald darauf trat auch schon ein Käufer ein, und weil ihm die Schuhe so gut gefie­len, so bezahlte er mehr als gewöhn­lich dafür, und der Schus­ter kon­nte von dem Geld Led­er zu zwei Paar Schuhen erhan­deln. Er schnitt sie abends zu und wollte den näch­sten Mor­gen mit frischem Mut an die Arbeit gehen, aber er brauchte es nicht, denn als er auf­s­tand, waren sie schon fer­tig, und es blieben auch nicht die Käufer aus, die ihm so viel Geld gaben, dass er Led­er zu vier Paar Schuhen einkaufen kon­nte. Er fand früh­mor­gens auch die vier Paar fer­tig; und so gings immer fort, was er abends zuschnitt, das war am Mor­gen ver­ar­beit­et, also dass er bald wieder sein ehrlich­es Auskom­men hat­te und endlich ein wohlhaben­der Mann ward. Nun geschah es eines Abends nicht lange vor Wei­h­nacht­en, als der Mann wieder zugeschnit­ten hat­te, dass er vor Schlafenge­hen zu sein­er Frau sprach wie wärs, wenn wir diese Nacht auf­blieben, um zu sehen, wer uns solche hil­fre­iche Hand leis­tet?‘ Die Frau wars zufrieden und steck­te ein Licht an; darauf ver­bar­gen sie sich in den Stube­neck­en, hin­ter den Klei­dern, die da aufge­hängt waren, und gaben acht. Als es Mit­ter­nacht war, da kamen zwei kleine niedliche nack­te Männlein, set­zten sich vor des Schus­ters T isch, nah­men alle zugeschnit­tene Arbeit zu sich und fin­gen an, mit ihren Fin­ger­lein so behend und schnell zu stechen, zu nähen, zu klopfen, dass der Schus­ter vor Ver­wun­derung die Augen nicht abwen­den kon­nte. Sie liessen nicht nach, bis alles zu Ende gebracht war und fer­tig auf dem Tis­che stand, dann sprangen sie schnell fort.

Am andern Mor­gen sprach die Frau die kleinen Män­ner haben uns reich gemacht, wir müssten uns doch dankbar dafür bezeigen. Sie laufen so herum, haben nichts am Leib und müssen frieren. Weisst du was? Ich will Hemdlein, Rock, Wams und Höslein für sie nähen, auch jedem ein Paar Strümpfe strick­en; mach du jedem ein Paar Schüh­lein dazu.‘ Der Mann sprach das bin ich wohl zufrieden,‘ und abends, wie sie alles fer­tig hat­ten, legten sie die Geschenke statt der zugeschnit­te­nen Arbeit zusam­men auf den Tisch und ver­steck­ten sich dann, um mit anzuse­hen, wie sich die Männlein dazu anstellen wür­den. Um Mit­ter­nacht kamen sie herange­sprun­gen und woll­ten sich gle­ich an die Arbeit machen, als sie aber kein zugeschnittenes Led­er, son­dern die niedlichen Klei­dungsstücke fan­den, ver­wun­derten sie sich erst, dann aber bezeigten sie eine gewaltige Freude. Mit der grössten Geschwindigkeit zogen sie sich an, strichen die schö­nen Klei­der am Leib und sangen

sind wir nicht Knaben glatt und fein?

was sollen wir länger Schus­ter sein!‘

Dann hüpften und tanzten sie, und sprangen über Stüh­le und Bänke. Endlich tanzten sie zur Tür hin­aus. Von nun an kamen sie nicht wieder, dem Schus­ter aber ging es wohl, solang er lebte, und es glück­te ihm alles, was er unternahm.

ZWEITES MÄRCHEN

Es war ein­mal ein armes Dien­st­mäd­chen, das war fleis­sig und rein­lich, kehrte alle Tage das Haus und schüt­tete das Kehricht auf einen grossen Haufen vor die Türe. Eines Mor­gens, als es eben wieder an die Arbeit gehen wollte, fand es einen Brief darauf, und weil es nicht lesen kon­nte, so stellte es den Besen in die Ecke und brachte den Brief sein­er Herrschaft, und da war es eine Ein­ladung von den Wichtelmän­nern, die bat­en das Mäd­chen, ihnen ein Kind aus der Taufe zu heben. Das Mäd­chen wusste nicht, was es tun sollte, endlich auf vieles Zure­den, und weil sie ihm sagten, so etwas dürfte man nicht abschla­gen, so willigte es ein. Da kamen drei Wichtelmän­ner und führten es in einen hohlen Berg, wo die Kleinen lebten. Es war da alles klein, aber so zier­lich und prächtig, dass es nicht zu sagen ist. Die Kind­bet­terin lag in einem Bett von schwarzem Eben­holz mit Knöpfen von Perlen, die Deck­en waren mit Gold gestickt, die Wiege war von Elfen­bein, die Bad­wanne von Gold. Das Mäd­chen stand nun Gevat­ter und wollte dann wieder nach Haus gehen, die Wichtelmännlein bat­en es aber inständig, drei Tage bei ihnen zu bleiben. Es blieb also und ver­lebte die Zeit in Lust und Freude, und die Kleinen tat­en ihm alles zuliebe. Endlich wollte es sich auf den Rück­weg machen, da steck­ten sie ihm die Taschen erst ganz voll Gold und führten es her­nach wieder zum Berge her­aus. Als es nach Haus kam, wollte es seine Arbeit begin­nen, nahm den Besen in die Hand, der noch in der Ecke stand, und fing an zu kehren. Da kamen fremde Leute aus dem Haus, die fragten, wer es wäre und was es da zu tun hätte. Da war es nicht drei Tage, wie es gemeint hat­te, son­dern sieben Jahre bei den kleinen Män­nern im Berge gewe­sen, und seine vorige Herrschaft war in der Zeit gestorben.

DRITTES MÄRCHEN

Ein­er Mut­ter war ihr Kind von den Wichtelmän­nern aus der Wiege geholt, und ein Wech­sel­balg mit dick­em Kopf und star­ren Augen hinein­gelegt, der nichts als essen und trinken wollte. In ihrer Not ging sie zu ihrer Nach­barin und fragte sie um Rat. Die Nach­barin sagte, sie sollte den Wech­sel­balg in die Küche tra­gen, auf den Herd set­zen, Feuer anmachen und in zwei Eier­schalen Wass­er kochen: das bringe den Wech­sel­balg zum Lachen, und wenn er lache, dann sei es aus mit ihm. Die Frau tat alles, wie die Nach­barin gesagt hat­te. Wie sie die Eier­schalen mit Wass­er über das Feuer set­zte, sprach der Klotzkopf nun bin ich so alt wie der West­er­wald, und hab nicht gese­hen, dass jemand in Schalen kocht.‘

Und fing an darüber zu lachen. Indem er lachte, kam auf ein­mal eine Menge von Wichtelmän­nerchen, die bracht­en das rechte Kind, set­zten es auf den Herd und nah­men den Wech­sel­balg wieder mit fort.