Die weisse und die schwarze Braut

von Brüder Grimm

~7 Min

Eine Frau ging mit ihrer Tochter und Stieftochter über Feld, Fut­ter zu schnei­den. Da kam der liebe Gott als ein armer Mann zu ihnen gegan­gen und fragte wo führt der Weg ins Dorf?‘ Wenn Ihr ihn wis­sen wollt,‘ sprach die Mut­ter, so sucht ihn sel­ber,‘ und die Tochter set­zte hinzu habt Ihr Sorge, dass Ihr ihn nicht find­et, so nehmt Euch einen Weg­weis­er mit.‘ Die Stieftochter aber sprach armer Mann, ich will dich führen, komm mit mir.‘ Da zürnte der liebe Gott über die Mut­ter und Tochter, wen­dete ihnen den Rück­en zu und ver­wün­schte sie, dass sie soll­ten schwarz wer­den wie die Nacht und hässlich wie die Sünde. Der armen Stieftochter aber war Gott gnädig und ging mit ihr, und als sie nahe am Dorf waren, sprach er einen Segen über sie und sagte wäh­le dir drei Sachen aus, die will ich dir gewähren.‘ Da sprach das Mäd­chen ich möchte gern so schön und rein wer­den wie die Sonne;‘ als­bald war sie weiss und schön wie der Tag. Dann möchte ich einen Geld­beu­tel haben, der nie leer würde;‘ den gab ihr der liebe Gott auch, sprach aber ver­giss das Beste nicht.‘ Sagte sie ich wün­sche mir zum drit­ten das ewige Him­mel­re­ich nach meinem Tode.‘ Das ward ihr auch gewährt, und also schied der liebe Gott von ihr.

Als die Stief­mut­ter mit ihrer Tochter nach Hause kam und sah, dass sie bei­de kohlschwarz und hässlich waren, die Stieftochter aber weiss und schön, so stieg die Bosheit in ihrem Herzen noch höher, und sie hat­te nichts anders im Sinn, als wie sie ihr ein Leid antun kön­nte. Die Stieftochter aber hat­te einen Brud­er namens Regin­er, den liebte sie sehr und erzählte ihm alles, was geschehen war. Nun sprach Regin­er ein­mal zu ihr liebe Schwest­er, ich will dich abmalen, damit ich dich beständig vor Augen sehe, denn meine Liebe zu dir ist so gross, dass ich dich immer anblick­en möchte.‘ Da antwortete sie aber ich bitte dich, lass nie­mand das Bild sehen.‘ Er malte nun seine Schwest­er ab und hing das Bild in sein­er Stube auf; er wohnte aber in des Königs Schloss, weil er bei ihm Kutsch­er war. Alle Tage ging er davor ste­hen und dank­te Gott für das Glück sein­er lieben Schwest­er. Nun war aber ger­ade dem König, bei dem er diente, seine Gemahlin ver­stor­ben, die so schön gewe­sen war, dass man keine find­en kon­nte, die ihr gliche, und der König war darüber in tiefer Trauer. Die Hof­di­ener bemerk­ten aber, dass der Kutsch­er täglich vor dem schö­nen Bilde stand, miss­gön­ntens ihm und melde­ten es dem König. Da liess dieser das Bild vor sich brin­gen, und als er sah, dass es in allem sein­er ver­stor­be­nen Frau glich, nur noch schön­er war, so ver­liebte er sich sterblich hinein. Er liess den Kutsch­er vor sich kom­men und fragte, wen das Bild vorstellte. Der Kutsch­er sagte, es wäre seine Schwest­er, so entschloss sich der König, keine andere als diese zur Gemahlin zu nehmen, gab ihm Wagen und Pferde und prächtige Gold­klei­der und schick­te ihn fort, seine erwählte Braut abzu­holen. Wie Regin­er mit der Botschaft ankam, freute sich seine Schwest­er, allein die Schwarze war eifer­süchtig über das Glück, ärg­erte sich über alle Massen und sprac h zu ihrer Mut­ter was helfen nun all Eure Kün­ste, da Ihr mir ein solch­es Glück doch nicht ver­schaf­fen kön­nt.‘ Sei still,‘ sagte die Alte, ich will dirs schon zuwen­den.‘ Und durch ihre Hex­enkün­ste trübte sie dem Kutsch­er die Augen, dass er halb blind war, und der Weis­sen ver­stopfte sie die Ohren, dass sie halb taub war. Darauf stiegen sie in den Wagen, erst die Braut in den her­rlichen königlichen Klei­dern, dann die Stief­mut­ter mit ihrer Tochter, und Regin­er sass auf dem Bock, um zu fahren. Wie sie eine Weile unter­wegs waren, rief der Kutscher

deck dich zu, mein Schwesterlein,

dass Regen dich nicht nässt,

dass Wind dich nicht bestäubt,

dass du fein schön zum König kommst.‘

Die Braut fragte was sagt mein lieber Brud­er?‘ Ach,‘ sprach die Alte, er hat gesagt, du soll­test dein gülden Kleid ausziehen und es dein­er Schwest­er geben.‘ Da zog sies aus und tats der Schwarzen an, die gab ihr dafür einen schlecht­en grauen Kit­tel. So fuhren sie weit­er: über ein Weilchen rief der Brud­er abermals

deck dich zu, mein Schwesterlein‘

dass Regen dich nicht nässt,

dass Wind dich nicht bestäubt,

und du fein schön zum König kommst.‘

Die Braut fragte was sagt mein lieber Brud­er?‘ Ach,‘ sprach die Alte, er hat gesagt, du soll­test deine güldene Haube abtun und dein­er Schwest­er geben.‘ Da tat sie die Haube ab und tat sie der Schwarzen auf und sass im blossen Haar. So fuhren sie weit­er: wiederum über eine Weile rief der Bruder

deck dich zu, mein Schwesterlein,

dass Regen dich nicht nässt

dass Wind dich nicht bestäubt,

und du fein schön zum König kommst.‘

Die Braut fragte was sagt mein lieber Brud­er?‘ Ach,‘ sprach die Alte, er hat gesagt, du möcht­est ein­mal aus dem Wagen sehen.‘ Sie fuhren aber ger­ade auf ein­er Brücke über ein tiefes Wass­er. Wie nun die Braut auf­s­tand und aus dem Wagen sich her­aus­bück­te, da stiessen sie die bei­den hin­aus, dass sie mit­ten ins Wass­er stürzte. Als sie ver­sunken war, in dem­sel­ben Augen­blick stieg eine schneeweisse Ente aus dem Wasser­spiegel her­vor und schwamm den Fluss hinab. Der Brud­er hat­te gar nichts davon gemerkt und fuhr den Wagen weit­er, bis sie an den Hof kamen. Da brachte er dem König die Schwarze als seine Schwest­er und meinte, sie wärs wirk­lich, weil es ihm trübe vor den Augen war und doch die Gold­klei­der schim­mern sah. Der König, wie er die grund­lose Hässlichkeit an sein­er ver­mein­ten Braut erblick­te, ward sehr bös und befahl, den Kutsch­er in eine Grube zu wer­fen, die voll Ottern und Schlangengezücht war. Die alte Hexe aber wusste den König doch so zu bestrick­en und durch ihre Kün­ste ihm die Augen zu verblenden, dass er sie und ihre Tochter behielt, ja dass sie ihm ganz lei­dlich vorkam und er sich wirk­lich mit ihr verheiratete.

Ein­mal abends, während die schwarze Braut dem König auf dem Schosse sass, kam eine weisse Ente zum Gossen­stein in die Küche geschwom­men und sagte zum Küchenjungen

Jün­gelchen, mach Feuer an‘

dass ich meine Fed­ern wär­men kann.‘

Das tat der Küchen­junge und machte ihr ein Feuer auf dem Herd: da kam die Ente und set­zte sich daneben, schüt­telte sich und strich sich die Fed­ern mit dem Schn­abel zurecht. Während sie so sass und sich wohltat, fragte sie

was macht mein Brud­er Reginer?‘

Der Küchen­junge antwortete

liegt in der Grube gefangen

bei Ottern und bei Schlangen.‘

Fragte sie weiter

was macht die schwarze Hexe im Haus?‘

Der Küchen­junge antwortete

die sitzt warm

ins Königs Arm.‘

Sagte die Ente

dass Gott erbarm!‘

und schwamm den Gossen­stein hinaus.

Den fol­gen­den Abend kam sie wieder und tat diesel­ben Fra­gen und den drit­ten Abend noch ein­mal. Da kon­nte es der Küchen­junge nicht länger übers Herz brin­gen, ging zu dem König und ent­deck­te ihm alles. Der König aber wollte es salb­st sehen, ging den andern Abend hin, und wie die Ente den Kopf durch den Gossen­stein here­in­streck­te, nahm er sein Schw­ert und hieb ihr den Hals durch, da ward sie auf ein­mal zum schön­sten Mäd­chen, und glich genau dem Bild, das der Brud­er von ihr gemacht hat­te. Der König war voll Freuden; und weil sie ganz nass das­tand, liess er köstliche Klei­der brin­gen und liess sie damit bek­lei­den. Dann erzählte sie ihm, wie sie durch List und Falschheit wäre bet­ro­gen und zulet­zt in den Fluss hin­abge­wor­fen wor­den; und ihre erste Bitte war, dass ihr Brud­er aus der Schlangen­höh­le her­aus­ge­holt würde. Und als der König diese Bitte erfüllt hat­te, ging er in die Kam­mer, wo die alte Hexe sass, und fragte was ver­di­ent die, welche das und das tut?‘ und erzählte, was geschehen war. Da war sie so verblendet, dass sie nichts merk­te und sprach die ver­di­ent, dass man sie nackt auszieht und in ein Fass mit Nägeln legt, und dass man vor das Fass ein Pferd span­nt und das Pferd in alle Welt schickt.‘ Das geschah alles an ihr und ihrer schwarzen Tochter. Der König aber heiratete die weisse und schöne Braut und belohnte den treuen Brud­er, indem er ihn zu einem reichen und ange­se­henen Mann machte.