Die weisse Schlange

von Brüder Grimm

~8 Min

Es ist nun schon lange her, da lebte ein König, dessen Weisheit im ganzen Lande berühmt war. Nichts blieb ihm unbekan­nt und es war, als ob ihm Nachricht von den ver­bor­gen­sten Din­gen durch die Luft zuge­tra­gen würde. Er hat­te aber eine selt­same Sitte. Jeden Mit­tag, wenn von der Tafel alles abge­tra­gen und nie­mand mehr zuge­gen war, musste ein ver­trauter Diener noch eine Schüs­sel brin­gen. Sie war aber zugedeckt, und der Diener wusste selb­st nicht, was darin­lag, und kein Men­sch wüsste es, denn der König deck­te sie nicht eher auf und ass nicht davon, bis er ganz allein war. 

Das hat­te schon lange Zeit gedauert, da überkam eines Tages den Diener, der die Schüs­sel wieder wegtrug, die Neugierde, dass er nicht wider­ste­hen kon­nte, son­dern die Schüs­sel in seine Kam­mer brachte. Als er die Tür sorgfältig ver­schlossen hat­te, hob er den Deck­el auf und da sah er, dass eine weisse Schlange darin­lag. Bei ihrem Anblick kon­nte er die Lust nicht zurück­hal­ten, sie zu kosten; er schnitt ein Stückchen davon ab und steck­te es in den Mund. Kaum aber hat­te es seine Zunge berührt, so hörte er vor seinem Fen­ster ein selt­sames Gewis­per von feinen Stim­men. Er ging und horchte, da merk­te er, dass es die Sper­linge waren, die miteinan­der sprachen und sich aller­lei erzählten, was sie im Felde und Walde gese­hen hat­ten. Der Genuss der Schlange hat­te ihm die Fähigkeit ver­liehen, die Sprache der Tiere zu verstehen.

Nun trug es sich zu, dass ger­ade an diesem Tage der Köni­gin ihr schön­ster Ring fortkam und auf den ver­traut­en Diener, der über­all Zugang hat­te, der Ver­dacht fiel, er habe ihn gestohlen. Der König liess ihn vor sich kom­men und dro­hte ihm unter hefti­gen Schelt­worten, wenn er bis mor­gen den Täter nicht zu nen­nen wüsste, so sollte er dafür ange­se­hen und gerichtet wer­den. Es half nichts, dass er seine Unschuld beteuerte, er ward mit keinem besseren Bescheid ent­lassen. In sein­er Unruhe und Angst ging er hinab auf den Hof und bedachte, wie er sich aus sein­er Not helfen könne. Da sassen die Enten an einem fliessenden Wass­er friedlich nebeneinan­der und ruht­en, sie putzten sich mit ihren Schnä­beln glatt und hiel­ten ein ver­traulich­es Gespräch. Der Diener blieb ste­hen und hörte ihnen zu. Sie erzählten sich, wo sie heute mor­gen all herumgewack­elt wären und was für gutes Fut­ter sie gefun­den hät­ten. Da sagte eine ver­driesslich: Mir liegt etwas schw­er im Magen, ich habe einen Ring, der unter der Köni­gin Fen­ster lag, in der Hast mit hin­un­tergeschluckt.“ Da pack­te sie der Diener gle­ich beim Kra­gen, trug sie in die Küche und sprach zum Koch: Schlachte doch diese ab, sie ist wohlgenährt.“ – Ja,“ sagte der Koch und wog sie in der Hand; die hat keine Mühe gescheut sich zu mästen und schon lange darauf gewartet, gebrat­en zu wer­den.“ Er schnitt ihr den Hals ab, und als sie ausgenom­men ward, fand sich der Ring der Köni­gin in ihrem Magen. Der Diener kon­nte nun leicht vor dem Könige seine Unschuld beweisen, und da dieser sein Unrecht wieder gut­machen wollte, erlaubte er ihm, sich eine Gnade auszu­bit­ten und ver­sprach ihm die grösste Ehren­stelle, die er sich an seinem Hofe wünschte.

Der Diener schlug alles aus und bat nur um ein Pferd und Reisegeld. Denn er hat­te Lust, die Welt zu sehen und eine Weile darin herumzuziehen. Als seine Bitte erfüllt war, machte er sich auf den Weg und kam eines Tages an einem Teich vor­bei, wo er drei Fis­che bemerk­te, die sich im Rohr gefan­gen hat­ten und nach Wass­er schnappten. Obgle­ich man sagt, die Fis­che wären stumm, so ver­nahm er doch ihre Klage, dass sie so elend umkom­men müssten. Weil er ein mitlei­di­ges Herz hat­te, so stieg er vom Pferde ab und set­zte die drei Gefan­genen wieder ins Wass­er. Sie zap­pel­ten vor Freude, steck­ten die Köpfe her­aus und riefen ihm zu: Wir wollen dir’s gedenken und dir’s vergel­ten, dass du uns erret­tet hast!“ Er ritt weit­er, und nach einem Weilchen kam es ihm vor, als hörte er zu seinen Füssen in dem Sand eine Stimme. Er horchte und ver­nahm, wie ein Ameisenkönig klagte: Wenn uns nur die Men­schen mit den ungeschick­ten Tieren vom Leib blieben! Da tritt mir das dumme Pferd mit seinen schw­eren Hufen meine Leute ohne Barmherzigkeit nieder!“ Er lenk­te auf einen Seit­en­weg ein, und der Ameisenkönig rief ihm zu: Wir wollen dir’s gedenken und dir’s vergel­ten!“ Der Weg führte ihn in einen Wald, und da sah er einen Raben­vater und eine Raben­mut­ter, die standen bei ihrem Nest und war­fen ihre Jun­gen her­aus. Fort mit euch, ihr Gal­gen­schwen­gel!“ riefen sie, wir kön­nen euch nicht mehr satt machen, ihr seid gross genug und kön­nt euch selb­st ernähren.“ Die armen Jun­gen lagen auf der Erde, flat­terten und schlu­gen mit ihren Fit­tichen und schrien: Wir hil­flosen Kinder, wir sollen uns selb­st ernähren und kön­nen noch nicht fliegen! Was bleibt uns übrig, als hier Hungers zu ster­ben!“ Da stieg der gute Jüngling ab, tötete das Pferd mit seinem Degen und über­liess es den jun­gen Raben zum Fut­ter. Die kamen her­beige­hüpft, sät­tigten sich und riefen: Wir wollen dir’s gedenken und dir’s vergelten!“

Er musste jet­zt seine Beine gebrauchen, und als er lange Wege gegan­gen war, kam er in eine grosse Stadt. Da war gross­er Lärm und Gedränge in den Strassen und kam ein­er zu Pferde und machte bekan­nt: Die Königstochter suche einen Gemahl, wer sich aber um sie bewer­ben wolle, der müsse eine schwere Auf­gabe voll­brin­gen, und könne er es nicht glück­lich aus­führen, so habe er sein Leben ver­wirkt. Viele hat­ten es schon ver­sucht, aber verge­blich ihr Leben daran geset­zt. Der Jüngling, als er die Königstochter sah, ward von ihrer grossen Schön­heit so verblendet, dass er alle Gefahr ver­gass, vor den König trat und sich als Freier meldete.

Als­bald ward er hin­aus ans Meer geführt und vor seinen Augen ein gold­en­er Ring hineinge­wor­fen. Dann hiess ihn der König diesen Ring aus dem Meeres­grund wieder her­vorzu­holen, und fügte hinzu: Wenn du ohne ihn wieder in die Höhe kommst, so wirst du immer aufs neue hin­abgestürzt, bis du in den Wellen umkommst.“ Alle bedauerten den schö­nen Jüngling und liessen ihn dann ein­sam am Meer zurück. Er stand am Ufer und über­legte, was er wohl tun sollte. Da sah er auf ein­mal drei Fis­che daher­schwim­men, und es waren keine andern als jene, welchen er das Leben gerettet hat­te. Der mit­tel­ste hielt eine Muschel im Munde, die er an den Strand zu den Füssen des Jünglings hin­legte, und als dieser sie aufhob und öffnete, so lag der Goldring darin. Voll Freude brachte er ihn dem Könige und erwartete, dass er ihm den ver­heis­se­nen Lohn gewähren würde. Die stolze Königstochter aber, als sie ver­nahm, dass er ihr nicht eben­bür­tig war, ver­schmähte ihn und ver­langte, er sollte zuvor eine zweite Auf­gabe lösen. Sie ging hinab in den Garten und streute selb­st zehn Säcke voll Hirse ins Gras. Die muss Er mor­gen, eh die Sonne her­vorkommt, aufge­le­sen haben,“ sprach sie, und es darf kein Körnchen fehlen.“ Der Jüngling set­zte sich in den Garten und dachte nach, wie es möglich wäre, die Auf­gabe zu lösen; aber er kon­nte nichts ersin­nen, sass da ganz trau­rig und erwartete bei Anbruch des Mor­gens, zum Tode geführt zu wer­den. Als aber die ersten Son­nen­strahlen in den Garten fie­len, so sah er die zehn Säcke alle wohlge­füllt nebeneinan­der ste­hen, und kein Körnchen fehlte darin. Der Ameisenkönig war mit seinen tausend und tausend Ameisen in der Nacht angekom­men, und die dankbaren Tiere hat­ten die Hirse mit gross­er Emsigkeit gele­sen und in die Säcke gesam­melt. Die Königstochter kam selb­st in den Garten herab und sah mit Ver­wun­derung, dass der Jüngling voll­bracht hat­te, was ihm aufgegeben war. Aber sie kon­nte ihr stolzes Herz noch nicht bezwin­gen und sprach: Hat er auch die bei­den Auf­gaben gelöst, so soll er doch nicht eher mein Gemahl wer­den, bis er mir einen Apfel vom Baume des Lebens gebracht hat.“ Der Jüngling wusste nicht, wo der Baum des Lebens stand. Er machte sich auf und wollte immer zuge­hen, solange ihn seine Beine trü­gen, aber er hat­te keine Hoff­nung, ihn zu find­en. Als er schon durch drei Kön­i­gre­iche gewan­dert war und abends in einen Wald kam, set­zte er sich unter einen Baum und wollte schlafen. Da hörte er in den Ästen ein Geräusch und ein gold­en­er Apfel fiel in seine Hand. Zugle­ich flo­gen drei Raben zu ihm herab, set­zten sich auf seine Knie und sagten: Wir sind die drei jun­gen Raben, die du vom Hunger­tod erret­tet hast. Als wir gross gewor­den waren und hörten, dass du den gold­e­nen Apfel sucht­est, so sind wir über das Meer geflo­gen bis ans Ende der Welt, wo der Baum des Lebens ste­ht, und haben dir den Apfel geholt.“ Voll Freude machte sich der Jüngling auf den Heimweg und brachte der schö­nen Königstochter den gold­e­nen Apfel, der nun keine Ausrede mehr übrig blieb. Sie teil­ten den Apfel des Lebens und assen ihn zusam­men. Da ward ihr Herz mit Liebe zu ihm erfüllt, und sie erre­icht­en in ungestörtem Glück ein hohes Alter.