Die wahre Braut

von Brüder Grimm

~13 Min

Es war ein­mal ein Mäd­chen, das war jung und schön, aber seine Mut­ter war ihm früh gestor­ben, und die Stief­mut­ter tat ihm alles gebran­nte Herzeleid an. Wenn sie ihm eine Arbeit auftrug, sie mochte noch so schw­er sein, so ging es unver­drossen daran und tat, was in seinen Kräften stand. Aber es kon­nte damit das Herz der bösen Frau nicht rühren, immer war sie unzufrieden, immer war es nicht genug. Je fleis­siger es arbeit­ete, je mehr ward ihm aufgelegt, und sie hat­te keinen andern Gedanken, als wie sie ihm eine immer grössere Last auf­bür­den und das Leben recht sauer machen wollte.

Eines Tags sagte sie zu ihm: Da hast du zwölf Pfund Fed­ern, die sollst du abschleis­sen, und wenn du nicht heute abend damit fer­tig bist, so wartet eine Tra­cht Schläge auf dich. Meinst du, du kön­ntest den ganzen Tag faulen­zen?“ Das arme Mäd­chen set­zte sich zu der Arbeit nieder, aber die Trä­nen flossen ihm dabei über die Wan­gen herab, denn es sah wohl, dass es unmöglich war, mit der Arbeit in einem Tage zu Ende zu kom­men. Wenn es ein Häufchen Fed­ern vor sich liegen hat­te und es seufzte oder schlug in sein­er Angst die Hände zusam­men, so sto­ben sie auseinan­der, und es musste sie wieder aufle­sen und von neuem anfan­gen. Da stützte es ein­mal die Ell­bo­gen auf den Tisch, legte sein Gesicht in bei­de Hände und rief: Ist denn nie­mand auf Gottes Erd­bo­den, der sich mein­er erbarmt?“

Indem hörte es eine san­fte Stimme, die sprach: Tröste dich, mein Kind, ich bin gekom­men, um dir zu helfen.“ Das Mäd­chen blick­te auf, und eine alte Frau stand neben ihm. Sie fasste das Mäd­chen fre­undlich an der Hand und sprach: Ver­traue mir nur an, was dich drückt.“ Da sie so her­zlich sprach, so erzählte ihr das Mäd­chen von seinem trau­ri­gen Leben, dass ihm eine Last auf die andere gelegt würde und es mit den aufgegebe­nen Arbeit­en nicht mehr zu Ende kom­men könnte.

Wenn ich mit diesen Fed­ern heute abend nicht fer­tig bin, so schlägt mich die Stief­mut­ter; sie hat mir’s ange­dro­ht, und ich weiss, sie hält Wort.“ Ihre Trä­nen fin­gen wieder an zu fliessen, aber die gute Alte sprach: Sei unbe­sorgt, mein Kind, ruhe dich aus, ich will der­weil deine Arbeit ver­richt­en.“ Das Mäd­chen legte sich auf sein Bett und schlief bald ein. Die Alte set­zte sich an den Tisch bei die Fed­ern, hu! wie flo­gen sie von den Kie­len ab, die sie mit ihren dür­ren Hän­den kaum berührte. Bald war sie mit den zwölf Pfund fer­tig. Als das Mäd­chen erwachte, lagen grosse, schneeweisse Haufen aufgetürmt, und alles war im Zim­mer rein­lich aufgeräumt, aber die Alte war ver­schwun­den. Das Mäd­chen dank­te Gott und sass still, bis der Abend kam. Da trat die Stief­mut­ter here­in und staunte über die voll­brachte Arbeit.

Siehst du, Trulle,“ sprach sie, was man aus­richtet, wenn man fleis­sig ist? Hättest du nicht noch etwas anderes vornehmen kön­nen? Aber da sitzest du und legst die Hände in den Schoss.“ Als sie hin­aus­ging, sprach sie: Die Krea­tur kann mehr als Brot essen, ich muss ihr schw­erere Arbeit auflegen.“

Am andern Mor­gen rief sie das Mäd­chen und sprach: Da hast du einen Löf­fel, damit schöpfe mir den grossen Teich aus, der bei dem Garten liegt. Und wenn du damit abends nicht zu Rand gekom­men bist, so weisst du, was erfol­gt.“ Das Mäd­chen nahm den Löf­fel und sah, dass er durch­löchert war, und wenn er es auch nicht gewe­sen wäre, es hätte nim­mer­mehr damit den Teich aus­geschöpft. Es machte sich gle­ich an die Arbeit, kni­ete am Wass­er, in das seine Trä­nen fie­len, und schöpfte. Aber die gute Alte erschien wieder, und als sie die Ursache von seinem Kum­mer erfuhr, sprach sie: Sei get­rost, mein Kind, geh in das Gebüsch und lege dich schlafen, ich will deine Arbeit schon tun.“ Als die Alte allein war, berührte sie nur den Teich; wie ein Dun­st stieg das Wass­er in die Höhe und ver­mis­chte sich mit den Wolken. Allmäh­lich ward der Teich leer, und als das Mäd­chen vor Son­nenun­ter­gang erwachte und her­beikam, so sah es nur noch die Fis­che, die in dem Schlamm zap­pel­ten. Es ging zu der Stief­mut­ter und zeigte ihr an dass die Arbeit voll­bracht wäre.

Du hättest längst fer­tig sein sollen,“ sagte sie und ward blass vor Ärg­er, aber sie sann etwas Neues aus.

Am drit­ten Mor­gen sprach sie zu dem Mäd­chen: Dort in der Ebene musst du mir ein schönes Schloss bauen, und zum Abend muss es fer­tig sein.“ Das Mäd­chen erschrak und sagte: Wie kann ich ein so gross­es Werk vollbringen?“

Ich dulde keinen Wider­spruch,“ schrie die Stief­mut­ter, kannst du mit einem durch­löcherten Löf­fel einen Teich auss­chöpfen, so kannst du auch ein Schloss bauen. Noch heute will ich es beziehen, und wenn etwas fehlt, sei es das Ger­ing­ste in Küche und Keller, so weisst du, was dir bevorste­ht.“ Sie trieb das Mäd­chen fort, und als es in das Tal kam, so lagen da die Felsen übere­inan­der aufgetürmt; mit aller sein­er Kraft kon­nte es den kle­in­sten nicht ein­mal bewe­gen. Es set­zte sich nieder und weinte, doch hoffte es auf den Bei­s­tand der guten Alten. Sie liess auch nicht lange auf sich warten, kam und sprach ihm Trost ein: Lege dich nur dort in den Schat­ten und schlaf, ich will dir das Schloss schon bauen. Wenn es dir Freude macht, so kannst du selb­st darin wohnen.“

Als das Mäd­chen wegge­gan­gen war, rührte die Alte die grauen Felsen an. Als­bald regten sie sich, rück­ten zusam­men und standen da, als hät­ten Riesen die Mauer gebaut; darauf erhob sich das Gebäude, und es war, als ob unzäh­lige Hände unsicht­bar arbeit­eten und Stein auf Stein legten. Der Boden dröh­nte, grosse Säulen stiegen von selb­st in die Höhe und stell­ten sich nebeneinan­der in Ord­nung. Auf dem Dach legten sich die Ziegeln zurecht, und als es Mit­tag war, drehte sich schon die grosse Wet­ter­fahne wie eine gold­ene Jungfrau mit fliegen­dem Gewand auf der Spitze des Turms. Das Innere des Schloss­es war bis zum Abend vol­len­det. Wie es die Alte anf­ing, weiss ich nicht, aber die Wände der Zim­mer waren mit Sei­de und Sam­met bezo­gen, bunt­ge­stick­te Stüh­le standen da und reichverzierte Arm­ses­sel an Tis­chen von Mar­mor, kristallne Kro­n­leuchter hin­gen von der Bühne herab und spiegel­ten sich in dem glat­ten Boden; grüne Papageien sassen in gold­e­nen Käfi­gen und fremde Vögel, die lieblich san­gen; über­all war eine Pracht, als wenn ein König da einziehen sollte.

Die Sonne wollte eben unterge­hen, als das Mäd­chen erwachte und ihm der Glanz von tausend Lichtern ent­ge­gen­leuchtete. Mit schnellen Schrit­ten kam es her­an und trat durch das geöffnete Tor in das Schloss. Die Treppe war mit rotem Tuch belegt und das gold­ene Gelän­der mit blühen­den Bäu­men beset­zt. Als es die Pracht der Zim­mer erblick­te, blieb es wie erstar­rt ste­hen. Wer weiss, wie lang es so ges­tanden hätte, wenn ihm nicht der Gedanke an die Stief­mut­ter gekom­men wäre. Ach, sprach es zu sich selb­st, wenn sie doch endlich zufriedengestellt wäre und mir das Leben nicht länger zur Qual machen wollte. Das Mäd­chen ging und zeigte ihr an, dass das Schloss fer­tig wäre.

Gle­ich will ich einziehen,“ sagte sie und erhob sich von ihrem Sitz. Als sie in das Schloss ein­trat, musste sie die Hand vor die Augen hal­ten, so blendete sie der Glanz. Siehst du,“ sagte sie zu dem Mäd­chen, wie leicht dir’s gewor­den ist, ich hätte dir etwas Schw­er­eres aufgeben sollen.“ Sie ging durch alle Zim­mer und spürte in allen Eck­en, ob etwas fehlte oder man­gel­haft wäre, aber sie kon­nte nichts auffind­en. Jet­zt wollen wir hin­ab­steigen,“ sprach sie und sah das Mäd­chen mit boshaften Blick­en an, Küche und Keller muss noch unter­sucht wer­den, und hast du etwas vergessen, so sollst du dein­er Strafe nicht ent­ge­hen.“ Aber das Feuer bran­nte auf dem Herd, in den Töpfen kocht­en die Speisen, Kluft und Schippe waren angelehnt und an den Wän­den das blanke Geschirr von Mess­ing aufgestellt. Nichts fehlte, selb­st nicht der Kohlenkas­ten und die Wassereimer. Wo ist der Ein­gang zum Keller?“ rief sie. Wo der nicht mit Wein­fässern reich­lich ange­füllt ist, so wird dir’s schlimm erge­hen.“ Sie hob selb­st die Falltüre auf und stieg die Treppe hinab, aber kaum hat­te sie zwei Schritte getan, so stürzte die schwere Falltüre, die nur angelehnt war, nieder. Das Mäd­chen hörte einen Schrei, hob die Türe schnell auf, um ihr zu Hil­fe zu kom­men, aber sie war hin­abgestürzt, und es fand sie entseelt auf dem Boden liegen.

Nun gehörte das prächtige Schloss dem Mäd­chen ganz allein. Es wusste sich in der ersten Zeit gar nicht in seinem Glück zu find­en, schöne Klei­der hin­gen in den Schränken, die Truhen waren mit Gold und Sil­ber oder mit Perlen und Edel­steinen ange­füllt, und es hat­te keinen Wun­sch, den es nicht erfüllen kon­nte. Bald ging der Ruf von der Schön­heit und dem Reich­tum des Mäd­chens durch die ganze Welt. Alle Tage melde­ten sich Freier, aber kein­er gefiel ihr. Endlich kam auch der Sohn eines Königs, der ihr Herz zu rühren wusste, und sie ver­lobte sich mit ihm. In dem Schloss­garten stand eine grüne Linde, darunter sassen sie eines Tages ver­traulich zusam­men, da sagte er zu ihr: Ich will heimziehen und die Ein­willi­gung meines Vaters zu unser­er Ver­mäh­lung holen; ich bitte dich, harre mein hier unter dieser Linde, in weni­gen Stun­den bin ich wieder zurück.“ Das Mäd­chen küsste ihn auf den linken Back­en und sprach: Bleib mir treu, und lass dich von kein­er andern auf diesen Back­en küssen. Ich will hier unter der Linde warten, bis du wieder zurückkommst.“

Das Mäd­chen blieb unter der Linde sitzen, bis die Sonne unterg­ing, aber er kam nicht wieder zurück. Sie sass drei Tage von Mor­gen bis Abend und erwartete ihn, aber verge­blich. Als er am vierten Tag noch nicht da war, so sagte sie: Gewiss ist ihm ein Unglück begeg­net, ich will aus­ge­hen und ihn suchen und nicht eher wiederkom­men, als bis ich ihn gefun­den habe.“ Sie pack­te drei von ihren schön­sten Klei­dern zusam­men, eins mit glänzen­den Ster­nen gestickt, das zweite mit sil­ber­nen Mon­den, das dritte mit gold­e­nen Son­nen, band eine Hand­voll Edel­steine in ihr Tuch und machte sich auf. Sie fragte allerorten nach ihrem Bräutigam, aber nie­mand hat­te ihn gese­hen, nie­mand wusste von ihm. Weit und bre­it wan­derte sie durch die Welt, aber sie fand ihn nicht. Endlich ver­mi­etete sie sich bei einem Bauer als Hirtin und ver­grub ihre Klei­der und Edel­steine unter einem Stein.

Nun lebte sie als eine Hirtin, hütete ihre Herde, war trau­rig und voll Sehn­sucht nach ihrem Geliebten. Sie hat­te ein Käl­bchen, das gewöh­nte sie an sich, füt­terte es aus der Hand, und wenn sie sprach:

Käl­bchen, Käl­bchen, knie nieder, 
ver­giss nicht deine Hirtin wieder, 
wie der Königssohn die Braut vergass, 
die unter der grü­nen Linde sass,“ 

so kni­ete das Käl­bchen nieder und ward von ihr gestreichelt.

Als sie ein paar Jahre ein­sam und kum­mer­voll gelebt hat­te, so ver­bre­it­ete sich im Lande das Gerücht, dass die Tochter des Königs ihre Hochzeit feiern wollte. Der Weg nach der Stadt ging an dem Dorf vor­bei, wo das Mäd­chen wohnte, und es trug sich zu, als sie ein­mal ihre Herde aus­trieb, dass der Bräutigam vorüber­zog. Er sass stolz auf seinem Pferd und sah sie nicht an, aber als sie ihn ansah, so erkan­nte sie ihren Lieb­sten. Es war, als ob ihr ein schar­fes Mess­er in das Herz schnitte.

Ach,“ sagte sie, ich glaubte, er wäre mir treu geblieben, aber er hat mich vergessen.“

Am andern Tag kam er wieder des Wegs. Als er in ihrer Nähe war, sprach sie zum Kälbchen:

Käl­bchen, Käl­bchen, knie nieder, 
ver­giss nicht deine Hirtin wieder, 
wie der Königssohn die Braut vergass, 
die unter der grü­nen Linde sass.“ 

Als er die Stimme ver­nahm, blick­te er herab und hielt sein Pferd an. Er schaute der Hirtin ins Gesicht, hielt dann die Hand vor die Augen, als wollte er sich auf etwas besin­nen, aber schnell ritt er weit­er und war bald ver­schwun­den. Ach,“ sagte sie, er ken­nt mich nicht mehr,“ und ihre Trauer ward immer grösser.

Bald darauf sollte an dem Hofe des Königs drei Tage lang ein gross­es Fest gefeiert wer­den, und das ganze Land ward dazu ein­ge­laden. Nun will ich das Let­zte ver­suchen, dachte das Mäd­chen, und als der Abend kam, ging es zu dem Stein, unter dem es seine Schätze ver­graben hat­te. Sie holte das Kleid mit den gold­nen Son­nen her­vor, legte es an und schmück­te sich mit den Edel­steinen. Ihre Haare, die sie unter einem Tuch ver­bor­gen hat­te, band sie auf, und sie fie­len in lan­gen Lock­en an ihr herab. So ging sie nach der Stadt und ward in der Dunkel­heit von nie­mand bemerkt. Als sie in den heller­leuchteten Saal trat, wichen alle voll Ver­wun­derung zurück, aber nie­mand wusste, wer sie war. Der Königssohn ging ihr ent­ge­gen, doch er erkan­nte sie nicht. Er führte sie zum Tanz und war so entzückt über ihre Schön­heit, dass er an die andere Braut gar nicht mehr dachte. Als das Fest vorüber war, ver­schwand sie im Gedränge und eilte vor Tage­san­bruch in das Dorf, wo sie ihr Hirten­kleid wieder anlegte.

Am andern Abend nahm sie das Kleid mit den sil­ber­nen Mon­den her­aus und steck­te einen Halb­mond von Edel­steinen in ihre Haare. Als sie auf dem Fest sich zeigte, wen­de­ten sich alle Augen nach ihr, aber der Königssohn eilte ihr ent­ge­gen, und ganz von Liebe erfüllt, tanzte er mit ihr allein und blick­te keine andere mehr an. Ehe sie weg­ging, musste sie ihm ver­sprechen, den let­zten Abend nochmals zum Fest zu kommen.

Als sie zum drit­ten­mal erschien, hat­te sie das Ster­nen­kleid an, das bei jedem ihrer Schritte funkelte, und Haar­band und Gür­tel waren Sterne von Edel­steinen. Der Königssohn hat­te schon lange auf sie gewartet und drängte sich zu ihr hin.

Sage mir nur, wer du bist,“ sprach er, mir ist, als wenn ich dich schon lange gekan­nt hätte.“

Weisst du nicht,“ antwortete sie, was ich tat, als du von mir schiedest?“ Da trat sie zu ihm her­an und küsste ihn auf den linken Back­en; in dem Augen­blick fiel es wie Schup­pen von seinen Augen, und er erkan­nte die wahre Braut.

Komm,“ sagte er zu ihr, hier ist meines Bleibens nicht länger,“ reichte ihr die Hand und führte sie hinab zu dem Wagen. Als wäre der Wind vorges­pan­nt, so eil­ten die Pferde zu dem Wun­der­schloss. Schon von weit­em glänzten die erleuchteten Fen­ster. Als sie bei der Linde vor­bei­fuhren, schwärmten unzäh­lige Glüh­würmer darin, sie schüt­telte ihre Äste und sendete ihre Düfte herab. Auf der Treppe blüht­en die Blu­men, aus dem Zim­mer schallte der Gesang der frem­den Vögel, aber in dem Saal stand der ganze Hof ver­sam­melt, und der Priester wartete, um den Bräutigam mit der wahren Braut zu vermählen.