Die vier kunstreichen Brüder

von Brüder Grimm

~8 Min

Es war ein armer Mann, der hat­te vier Söhne, wie die herangewach­sen waren, sprach er zu ihnen liebe Kinder, ihr müsst jet­zt hin­aus in die Welt, ich habe nichts, das ich euch geben kön­nte; macht euch auf und geht in die Fremde, lernt ein Handw­erk und seht, wie ihr euch durch­schlagt.‘ Da ergrif­f­en die vier Brüder den Wan­der­stab, nah­men Abschied von ihrem Vater und zogen zusam­men zum Tor hin­aus. Als sie eine Zeit­lang gewan­dert waren, kamen sie an einen Kreuzweg, der nach vier ver­schiede­nen Gegen­den führte. Da sprach der äIteste hier müssen wir uns tren­nen, aber heut über vier Jahre wollen wir an dieser Stelle wieder zusam­men­tr­e­f­fen und in der Zeit unser Glück versuchen.‘

Nun ging jed­er seinen Weg, und dem äItesten begeg­nete ein Mann, der fragte ihn, wo er hin­aus wollte und was er vorhätte. Ich will ein Handw­erk ler­nen,‘ antwortete er. Da sprach der Mann geh mit mir und werde ein Dieb.‘ Nein,‘ antwortete er, das gilt für kein ehrlich­es Handw­erk mehr, und das Ende vom Lied ist, dass ein­er als Schwen­gel in der Feld­glocke gebraucht wird.‘ O,‘ sprach der Mann, vor dem Gal­gen brauchst du dich nicht zu fürcht­en: ich will dich bloss lehren, wie du holst, was son­st kein Men­sch kriegen kann, und wo dir nie­mand auf die Spur kommt.‘ Da liess er sich überre­den, ward bei dem Manne ein gel­ern­ter Dieb und ward so geschickt, dass vor ihm nichts sich­er war, was er ein­mal haben wollte. Der zweite Brud­er begeg­nete einem Mann, der dieselbe Frage an ihn tat, was er in der Welt ler­nen wollte. Ich weiss es noch nicht,‘ antwortete er. So geh mit mir und werde ein Stern­guck­er: nichts bess­er als das, es bleibt einem nichts ver­bor­gen.‘ Er liess sich das gefall­en und ward ein so geschick­ter Stern­guck­er, dass sein Meis­ter, als er aus­gel­ernt hat­te und weit­erziehen wollte, ihm ein Fer­n­rohr gab und zu ihm sprach damit kannst du sehen, was auf Erden und am Him­mel vorge­ht, und kann dir nichts ver­bor­gen bleiben.‘ Den drit­ten Brud­er nahm ein Jäger in die Lehre und gab ihm in allem, was zur Jägerei gehört, so guten Unter­richt, dass er ein aus­gel­ern­ter Jäger ward. Der Meis­ter schenk­te ihm beim Abschied eine Büchse und sprach die fehlt nicht, was du damit aufs Korn nimmst, das triff­st du sich­er.‘ Der jüng­ste Brud­er begeg­nete gle­ich­falls einem Manne, der ihn anre­dete und nach seinem Vorhaben fragte. Hast du nicht Lust, ein Schnei­der zu wer­den?, Dass ich nicht wüsste,‘ sprach der Junge, das Krumm­sitzen von mor­gens bis abends, das Hin- und Her­fe­gen mit der Nadel und das Bügeleisen will mir nicht in den Sinn.‘ Ei was,‘ antwortete der Mann, du sprichst, wie dus ver­stehst: bei mir lernst du eine ganz andere Schnei­derkun­st, die ist anständig und ziem­lich, zum Teil sehr ehren­voll.‘ Da liess er sich überre­den, ging mit und lernte die Kun­st des Mannes aus dem Fun­da­ment. Beim Abschied gab ihm dieser eine Nadel und sprach damit kannst du zusam­men­nähen, was dir vorkommt, es sei so weich wie ein Ei oder so hart als Stahl; und es wird ganz zu einem Stück, dass keine Naht mehr zu sehen ist.‘

Als die bes­timmten vier Jahre herum waren, kamen die vier Brüder zu gle­ich­er Zeit an dem Kreuzwege zusam­men, herzten und küssten sich und kehrten heim zu ihrem Vater. Nun,‘ sprach dieser ganz vergnügt, hat euch der Wind wieder zu mir gewe­ht?‘ Sie erzählten, wie es ihnen ergan­gen war, und dass jed­er das Seinige gel­ernt hätte. Nun sassen sie ger­ade vor dem Haus unter einem grossen Baum, da sprach der Vater jet­zt will ich euch auf die Probe stellen und sehen, was ihr kön­nt.‘ Danach schaute er auf und sagte zu dem zweit­en Sohne oben im Gipfel dieses Baumes sitzt zwis­chen zwei Ästen ein Buchfinkennest, sag mir, wie viel Eier liegen darin?, Der Stern­guck­er nahm sein Glas, schaute hin­auf und sagte fünfe sinds.‘ Sprach der Vater zum äItesten hol du die Eier herunter, ohne dass der Vogel, der darauf sitzt und brütet, gestört wird.‘ Der kun­stre­iche Dieb stieg hin­auf und nahm dem Vöglein, das gar nichts davon merk­te und ruhig sitzen blieb, die fünf Eier unter dem Leib weg und brachte sie dem Vater herab. Der Vater nahm sie, legte an jede Ecke des Tis­ches eins und das fün­fte in die Mitte, und sprach zum Jäger du schiess­est mir mit einem Schuss die fünf Eier in der Mitte entzwei.‘ Der Jäger legte seine Büchse an und schoss die Eier, wie es der Vater ver­langt hat­te, alle fünfe, und zwar in einem Schuss. Der hat­te gewiss von dem Pul­ver, das um die Ecke schiesst. Nun kommt die Rei­he an dich,‘ sprach der Vater zu dem vierten Sohn, du nähst die Eier wieder zusam­men und auch die jun­gen Vöglein, die darin sind, und zwar so, dass ihnen der Schuss nichts schadet.‘ Der Schnei­der holte seine Nadel und nähte, wies der Vater ver­langt hat­te. Als er fer­tig war, musste der Dieb die Eier wieder auf den Baum ins Nest tra­gen und dem Vogel, ohne dass er etwas merk­te, wieder unter­legen. Das Tierchen brütete sie vol­lends aus, und nach ein paar Tagen k rochen die Jun­gen her­vor und hat­ten da, wo sie vom Schnei­der zusam­men­genäht waren, ein rotes Streifchen um den Hals.

Ja,‘ sprach der Alte zu seinen Söh­nen, ich muss euch über den grü­nen Klee loben, ihr habt eure Zeit wohl benutzt und was Rechtschaf­fenes gel­ernt: ich kann nicht sagen, wem von euch der Vorzug gebührt. Wenn ihr nur bald Gele­gen­heit habt, eure Kun­st anzuwen­den, da wird sichs ausweisen.‘ Nicht lange danach kam gross­er Lärm ins Land, die Königstochter wäre von einem Drachen ent­führt wor­den. Der König war Tag und Nacht darüber in Sor­gen und liess bekan­nt­machen, wer sie zurück­brächte, sollte sie zur Gemahlin haben. Die vier Brüder sprachen untere­inan­der das wäre eine Gele­gen­heit, wo wir uns kön­nten sehen lassen,‘ woll­ten zusam­men ausziehen und die Königstochter befreien. Wo sie ist, will ich bald wis­sen,‘ sprach der Stern­guck­er, schaute durch sein Fer­n­rohr und sprach ich sehe sie schon, sie sitzt weit von hier auf einem Felsen im Meer, und neben ihr der Drache, der sie bewacht.‘ Da ging er zu dem König und bat um ein Schiff für sich und seine Brüder und fuhr mit ihnen über das Meer, bis sie zu dem Felsen hinka­men. Die Königstochter sass da, aber der Drache lag in ihrem Schoss und schlief. Der Jäger sprach ich darf nicht schiessen, ich würde die schöne Jungfrau zugle­ich töten.‘ So will ich mein Heil ver­suchen,‘ sagte der Dieb, schlich sich her­an und stahl sie unter dem Drachen weg, aber so leis und behend, dass das Untier nichts merk­te, son­dern fortschnar­chte. Sie eil­ten voll Freude mit ihr aufs Schiff und steuerten in die offene See: aber der Drache, der bei seinem Erwachen die Königstochter nicht mehr gefun­den hat­te, hin­ter ihnen her und schnaubte wütend durch die Luft. Als er ger­ade über dem Schiff schwebte und sich her­ablassen wollte, legte der Jäger seine Büchse an und schoss ihm mit­ten ins Herz. Das Untier fiel tot herab, war aber so gross und gewaltig, dass es im Her­ab­fall­en das ganze Schiff zertrüm­merte . Sie erhascht­en glück­lich noch ein paar Bret­ter und schwammen auf dem weit­en Meer umher. Da war wieder grosse Not, aber der Schnei­der, nicht faul, nahm seine wun­der­bare Nadel, nähte die Bret­ter mit ein paar grossen Stichen in der Eile zusam­men, set­zte sich darauf und sam­melte alle Stücke des Schiffs. Dann nähte er auch diese so geschickt zusam­men, dass in kurz­er Zeit das Schiff wieder segelfer­tig war und sie glück­lich heim­fahren konnten.

Als der König seine Tochter wieder erblick­te, war grosse Freude. Er sprach zu den vier Brüdern ein­er von euch soll sie zur Gemahlin haben, aber welch­er das ist, macht unter euch aus.‘ Da ent­stand ein heftiger Stre­it unter ihnen, denn jed­er machte Ansprüche. Der Stern­guck­er sprach hätt ich nicht die Königstochter gese­hen, so wären alle eure Kün­ste umson­st gewe­sen: darum ist sie mein.‘ Der Dieb sprach was hätte das Sehen geholfen, wenn ich sie nicht unter dem Drachen weggekolt hätte: darum ist sie mein.‘.‘ Der Jäger sprach ihr wärt doch samt der Königstochter von dem Untier zer­ris­sen wor­den, hätte es meine Kugel nicht getrof­fen: darum ist sie mein.‘ Der Schnei­der sprach und hätte ich euch mit mein­er Kun­st nicht das Schiff wieder zusam­menge­flickt, ihr wärt alle jäm­mer­lich ertrunk­en: darum ist sie mein.‘ Da tat der König den Ausspruch jed­er von euch hat ein gle­ich­es Recht, und weil ein jed­er die Jungfrau nicht haben kann, so soll sie kein­er von euch haben, aber ich will jedem zur Beloh­nung ein halbes Kön­i­gre­ich geben.‘ Den Brüdern gefiel diese Entschei­dung und sie sprachen es ist bess­er so, als dass wir uneins wer­den.‘ Da erhielt jed­er ein halbes Kön­i­gre­ich, und sie lebten mit ihrem Vater in aller Glück­seligkeit, solange es Gott gefiel.