Die verzauberte Prinzessin

von Ludwig Bechstein

~8 Min

Es war ein­mal ein armer Handw­erks­mann, der hat­te zwei Söhne, einen guten, der hieß Hans, und einen bösen, der hieß Helmerich. Wie das aber wohl geht in der Welt, der Vater hat­te den bösen mehr lieb als den guten.

Nun begab es sich, daß das Jahr ein­mal ein mehr als gewöhn­lich teures war und dem Meis­ter der Beu­tel leer war. Ei! dachte er, man muß zu leben wis­sen. Sind die Kun­den doch so oft zu dir gekom­men, nun ist es an dir, höflich zu sein und dich zu ihnen zu bemühen. Gesagt, getan. Früh mor­gens zog er aus und klopfte an manch­er stat­tlichen Tür; aber wie es sich denn so trifft, daß die stat­tlich­sten Her­ren nicht die besten Zahler sind, die Rech­nung zu bezahlen hat­te nie­mand Lust. So kam der Handw­erks­mann müde und matt des Abends in seine Heimat, und trüb­selig set­zte er sich vor die Türe der Schenke ganz allein, denn er hat­te wed­er das Herz, mit den Zechgästen zu plaud­ern, noch freute er sich sehr auf das lange Gesicht seines Weibes. Aber wie er da saß in Gedanken ver­sunken, kon­nte er doch nicht lassen hinzuhören auf das Gespräch, das drin­nen geführt ward. Ein Fremder, der eben aus der Haupt­stadt ange­langt war, erzählte, daß die schöne Königstochter von einem bösen Zauber­er gefan­genge­set­zt sei und müsse im Kerk­er bleiben ihr Leben lang, wenn nicht jemand sich fände, der die drei Proben löse, die der Zauber­er geset­zt hat­te. Fände sich aber ein­er, so wäre die Prinzeß sein und ihr ganzes her­rlich­es Schloß mit all seinen Schätzen. Das hörte der Meis­ter an, zuerst mit halbem Ohr, dann mit dem ganzen und zulet­zt mit allen bei­den, denn er dachte: mein Sohn Heimerich ist ein aufgeweck­ter Kopf, der wohl den Ziegen­bock bar­bi­eren möchte, so das ein­er von ihm heis­chte; was gilt’s, er löst die Proben und wird der Gemahl der schö­nen Prinzeß und Herr über Land und Leute. Denn also hat­te der König, ihr Vater, verkündi­gen lassen.

Schle­u­nig kehrte er nach Haus und ver­gaß seine Schulden und Kun­den über der neuen Mär, die er eilig sein­er Frau hin­ter­brachte. Des andern Mor­gens schon sprach er zum Heimerich, daß er ihn mit Roß und Wehr aus­rüsten wolle zu der Fahrt, und wie schnell machte der sich auf die Reise! Als er Abschied nahm, ver­sprach er seinen Eltern, er wolle sie samt dem dum­men Brud­er Hans gle­ich holen lassen in einem sechsspän­ni­gen Wagen; denn er meinte schon, er wäre König. Über­mütig wie er dahin­zog, ließ er seinen Mutwillen aus an allem, was ihm in den Weg kam. Die Vögel, die auf den Zweigen saßen und den Her­rgott lobten mit Gesang, wie sie es ver­standen, scheuchte er mit der Gerte von den Ästen, und kein Geti­er kam ihm in den Weg, daran er nicht seinen Sch­aber­nack aus­ge­lassen hätte. Und zum ersten begeg­nete er einem Ameisen­haufen; den ließ er sein Roß zertreten, und die Ameisen, die erzürnt an sein Roß und an ihn selb­st krochen und Pferd und Mann bis­sen, erschlug und erdrück­te er alle. Weit­er kam er an einen klaren Teich, in dem schwammen zwölf Enten. Helmerich lock­te sie ans Ufer und tötete deren elf, nur die zwölfte entkam. Endlich traf er auch einen schö­nen Bienen­stock; da machte er es den Bienen, wie er es den Ameisen gemacht. Und so war seine Freude, die unschuldige Krea­tur nicht sich zum Nutzen, son­dern aus bloßer Tücke zu pla­gen und zu zerstören.

Als Helmerich nun bei sink­ender Sonne das prächtige Schloß erre­icht hat­te, darin die Prinzessin verza­ubert war, klopfte er gewaltig an die geschlossene Pforte. Alles war still; immer heftiger pochte der Reit­er. Endlich tat sich ein Schiebe­fen­ster auf, und her­vor sah ein altes Müt­ter­lein mit spin­neweb­far­bigem Gesichte, die fragte ver­drießlich, was er begehre. »Die Prinzeß will ich erlösen«, rief Helmerich, »geschwind macht mir auf. «

»Eile mit Weile, mein Sohn«, sprach die Alte, »mor­gen ist auch ein Tag, um neun Uhr werde ich dich hier erwarten.« Damit schloß sie den Schalter.

Am andern Mor­gen um neun Uhr, als Helmerich wieder erschien, stand das Müt­terchen schon sein­er gewär­tig mit einem Fäßchen voll Lein­samen, den sie ausstreute auf eine schöne Wiese. »Lies die Körn­er zusam­men«, sprach sie zu dem Reit­er, »in ein­er Stunde komme ich wieder, da muß die Arbeit getan sein.« Helmerich aber dachte, das sei ein albern­er Spaß und es lohne nicht, sich darum zu bück­en; er ging der­weil spazieren, und als die Alte wiederkam, war das Fäßchen so leer wie vorher. »Das ist nicht gut«, sagte sie. Darauf nahm sie zwölf gold­ene Schlüs­selchen aus der Tasche und warf sie einzeln in den tiefen, dun­klen Schloßte­ich. »Hole die Schlüs­sel her­auf«, sprach sie, »in ein­er Stunde komme ich wieder, da muß die Arbeit getan sein.« Helmerich lachte und tat wie vorher. Als die Alte wiederkam und auch diese Auf­gabe nicht gelöst war, da rief sie zweimal: »Nicht gut! nicht gut!« Doch nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn die Treppe hin­auf in den großen Saal des Schloss­es; da saßen drei Frauen­bilder, alle drei in dichte Schleier ver­hüllt. »Wäh­le, mein Sohn«, sprach die Alte, »aber sieh dich vor, daß du recht wählst. In ein­er Stunde komme ich wieder.«

Helmerich war nicht klüger, da sie wiederkam, als da sie weg­ging; über­mütig aber rief er aufs Ger­ate­wohl: »Die zur Recht­en wähl ich.« Da war­fen alle drei die Schleier zurück; in der Mitte saß die hold­selige Prinzeß, rechts und links zwei scheußliche Drachen, und der zur Recht­en pack­te den Helmerich in seine Krallen und warf ihn durch das Fen­ster in den tiefen Abgrund.

Ein Jahr war ver­flossen, seit Helmerich aus­ge­zo­gen, die Prinzeß zu erlösen, und noch immer war bei den Eltern kein sechsspän­niger Wagen ange­langt. »Ach!« sprach der Vater, »wäre nur der ungeschick­te Hans aus­ge­zo­gen statt unsres besten Buben, da wäre das Unglück doch geringer.«

»Vater«, sagte Hans, »laß mich hinziehn, ich will’s auch pro­bieren.« Aber der Vater wollte nicht, denn was dem Klu­gen mißlingt, wie führte das der Ungeschick­te zu Ende? Da der Vater ihm Roß und Wehr ver­sagte, machte Hans sich heim­lich auf und wan­derte wohl drei Tage densel­ben Weg zu Fuß, den der Brud­er an einem gerit­ten war. Aber er fürchtete sich nicht und schlief des Nachts auf dem weichen Moos unter den grü­nen Zweigen so san­ft wie unter dem Dach sein­er Eltern; die Vögel des Waldes scheuten sich nicht vor ihm, son­dern san­gen ihn in den Schlaf mit ihren besten Weisen. Als er nun an die Ameisen kam, die beschäftigt waren, ihren neuen Bau zu vol­len­den, störte er sie nicht, son­dern wollte ihnen helfen, und die Tierchen, die an ihm hin­aufkrochen, las er ab, ohne sie zu töten, wenn sie ihn auch bis­sen. Die Enten lock­te er auch ans Ufer, aber um sie mit Brosamen zu füt­tern; den Bienen warf er die frischen Blu­men hin, die er am Wege gepflückt hat­te. So kam er fröh­lich an das Königss­chloß und pochte beschei­den am Schal­ter. Gle­ich tat die Türe sich auf, und die Alte fragte nach seinem Begehr. »Wenn ich nicht zu ger­ing bin, möchte ich es auch ver­suchen, die schöne Prinzeß zu erlösen«, sagte er.

»Ver­suche es, mein Sohn«, sagte die Alte, »aber wenn du die drei Proben nicht bestehst, kostet es dein Leben.«

»Wohlan, Müt­ter­lein«, sprach Hans, »sage, was ich tun soll.«

Jet­zt gab die Alte ihm die Probe mit dem Lein­samen. Hans war nicht faul, sich zu bück­en, doch schon schlug es drei Vier­tel, und das Fäßchen war noch nicht halb voll. Da wollte er schi­er verza­gen; aber auf ein­mal kamen schwarze Ameisen mehr als genug, und in weni­gen Minuten lag kein Körn­lein mehr auf der Wiese.

Als die Alte kam, sagte sie: »Das ist gut!« und warf die zwölf Schlüs­sel in den Teich, die sollte er in ein­er Stunde her­aus­holen. Aber Hans brachte keinen Schlüs­sel aus der Tiefe; so tief er auch tauchte, er kam nicht an den Grund. Verzweifel­nd set­zte er sich ans Ufer; da kamen die zwölf Entchen herangeschwom­men, jede mit einem gold­e­nen Schlüs­selchen im Schn­abel, die war­fen sie ins feuchte Gras.

So war auch diese Probe gelöst, als die Alte wiederkam, um ihn nun in den Saal zu führen, wo die dritte und schw­er­ste Probe sein­er har­rte. Verza­gend sah Hans auf die drei gle­ichen Schleiergestal­ten; wer sollte ihm hier helfen? Da kam ein Bienen­schwarm durchs offene Fen­ster geflo­gen, die kreis­ten durch den Saal und summten um den Mund der drei Ver­hüll­ten. Aber von rechts und links flo­gen sie schnell wieder zurück, denn die Drachen rochen nach Pech und Schwe­fel, wovon sie leben; die Gestalt in der Mitte umkreis­ten sie alle und sur­rten und schwirrten leise: »Die Mit­tle, die Mit­tle.« Denn da duftete ihnen der Geruch ihres eige­nen Honigs ent­ge­gen, den die Königstochter so gern aß.

Also, da die Alte wiederkam nach ein­er Stunde, sprach Hans ganz get­rost: »Ich wäh­le die Mit­tle.« Und da fuhren die bösen Drachen zum Fen­ster hin­aus, die schöne Königstochter aber warf ihren Schleier ab und freute sich der Erlö­sung und ihres schö­nen Bräutigams. Und Hans sandte dem Vater der Prinzeß den schnell­sten Boten und zu seinen Eltern einen gold­e­nen Wagen mit sechs Pfer­den bespan­nt, und sie alle lebten her­rlich und in Freuden, und wenn sie nicht gestor­ben sind, leben sie heute noch.