Die verwünschte Stadt

von Ludwig Bechstein

~5 Min

Auf hohem Alpenge­birge lag eine große blühende Stadt, umgeben von hochra­gen­den Bergza­ck­en­hörn­ern, die ewiger Schnee bedeck­te, die Stadt aber lag auf ein­er wei­thinge­bre­it­eten son­ni­gen Mat­te, auf welch­er zahllos­es Vieh wei­dete, denn das Volk, das jene Alpen­stadt bewohnte, war ein Hirten­volk, das fast ganz abgeson­dert lebte von den Bewohn­ern der tief­er­en Gegen­den. Sel­ten zog ein Wan­der­er oder ein Saum­roß die Gebirgsp­fade, die über jene Hochalpen hin­weg nach Welsch­land führten, sel­ten sahen die Bewohn­er jen­er Gebirgsstadt einen Fremdling.

Eines Tages aber sahen sie einen frem­den Wan­der­er durch ihren Ort schre­it­en, eine hohe ern­ste Gestalt; sein Gesicht war bräun­lich von Farbe, aber ble­ich, mit langem Barte, sein Haar schwarz mit grau gemis­cht, sein Gewand ein langer brauner Talar, mit einem Stück umgürtet, seine Fußbek­lei­dung starke Schuhe, mit Riemen um die Knöchel befes­tigt. Müde schien der Mann und der Ruhe sehr bedürftig, aber er trug einen Fluch, daß er sich nicht set­zen und weilen durfte, bevor ihn jemand sitzen und ver­weilen hieß. Die Bewohn­er der Hochge­birgsstadt sahen den frem­den Mann mit ein­er eige­nen Scheu an, und er flößte ihnen ein selt­sames Grauen ein. Und der Mann ging von Haus zu Haus und stand vor jed­er Türe und har­rte, daß jemand zu ihm sage: »Sitze nieder und raste« ‑aber nie­mand sprach solche Worte, wohl aber sam­melte sich des Volkes mehr und mehr und gaffte ihn neugierde­voll an. Und der müde Mann stand und seufzete.

Da trat der Stadtäl­teste her­an, der zugle­ich ein Priester war, der sprach zu ihm: »Höre, du fremder Mann, wer du bist, das wis­sen wir und sehen es dir an. Du bist kein ander­er als der ewige Jude. Du bist ver­dammt, zu wan­dern ewiglich, weil du den Hei­land der Welt auf seinem Gange zum bit­tern Kreuzestode die kurze Ruhe auf der Stein­bank vor deinem Hause zu Jerusalem ver­sagt hast – darum so hebe dich von hin­nen aus unser­er Stadt, denn du kannst all­da nicht weilen und darf­st nicht weilen, und wir kön­nen und dür­fen dich nicht hegen und beherber­gen, zu unserem eige­nen Leid. Gehe mit Gott!«

Da öffnete der ewige Jude seine ble­ichen Lip­pen und sprach: »Ich werde gehen jet­zt und ihr bleibt, ihr aber werdet verge­hen, und ich werde bleiben. Wann ich werde wiederkom­men an diesen Ort, so werde ich hier find­en zwar eine Stätte, aber keine Stadt – und wann ich werde kom­men zum drit­ten­male, so werde ich auch nicht mehr find­en die Stätte, da eure Stadt ges­tanden hat.«

Alle, die das Wort hörten, erschrak­en und trat­en scheu zur Seite, als der fin­stere Mann seinen Stab schüt­telte und durch ihre gedrängten Rei­hen schritt und müden Ganges aus dem Orte wan­derte, hoch hin­auf in das unwirt­bare Gebirge. Kein­er von allen sah in wieder.

Seit diesem Tage wurde kein neues Haus mehr errichtet in jen­er Stadt – keine Herde mehrte sich – kein Kindlein wurde geboren – manch­es Haus starb bald aus – nach ein­er Rei­he von Jahren standen viele Häuser ganz leer und verfielen.

Von den Bergen stürzten Law­inen herab und zer­schmetterten die Häuser. Bergstürze ereigneten sich, und mächtige Fels­blöcke lagen jet­zt da, wo früher in den Straßen der Stadt ein reges fröh­lich­es Leben war. Die große Stadt war noch fün­fzig Jahr ein Alp­den­dorf mit weit und zer­treut voneinan­der liegen­den Häusern, mit dürftiger Nahrung, magern Her­den, siechen Bewohn­ern. Sie kamen nicht mehr herab zu den tiefer gele­ge­nen Ortschaften, und nie­mand stieg aus let­zteren zu ihnen hin­auf – und so wurde endlich alles droben wüst und leer – und über die let­zten Toten wölbte sich kein Grabeshügel, son­dern die brechen­den Häuser begruben sie unter Trüm­mern, dann begruben Stein­rutschen, welche im Alpen­lande Muren heißen, wiederum jene Trüm­mer, oder Schlamm­bäche von den Berggipfeln quollen nieder und deck­ten alles zu.

Nach hun­den Jahren kam der Wan­der­er wieder; an der Lage der Bergrück­en umher erkan­nte er die Stätte, hohe Bäume waren gewach­sen aus den Trüm­mern, hie und da stand noch ein Mauer­rest, man kon­nte aber nicht mehr recht unter­schei­den, ob es Felsen waren oder Werke von Men­schen­hand. Mächtige Sträuch­er mit bun­ten Alpen­blu­men waren da emporgeschossen, wo vordessen Straße war, und Gras stand da, wo son­st der Men­schen friedliche Wohn­stätte gewesen.

Und der ewige Jude seufzete unnd sprach: »Was hat gesun­gen einst David, der König über Israel? Er hat gesun­gen: Wenn Du nach des Got­t­losen Stätte sehen wirst, wird er weg sein.’«

Und hob den Fuß und wan­delte wieder rast- und ruh­e­los über das Hochgebirge.

Und die Stätte jen­er Stadt blieb nicht dieselbe, wie sie gewe­sen, sie wurde immer öder, kahler, schau­riger, doch ganz allmäh­lich und so langsam, Jahr um Jahr. Die Alpen­sträuch­er gin­gen aus, das Gras ver­dor­rte, es fiel in dieser hohen Bergre­gion kein Regen mehr hin­weg, auch wenn die Som­mer­son­ne am höch­sten stand. Die Quellen, die von den höheren Spitzen des Gebirgs früher als reizende Wasser­fälle nieder­rauscht­en, gefroren und bilde­ten über sich Deck­en von grün­lichem Eis; sie wur­den zu Gletsch­ern, und diese Gletsch­er wur­den größer und größer und schoben sich über die einst so her­rlich grü­nen son­ni­gen Mat­ten mehr und mehr und bedeck­ten sie ganz.

Als der ruh­elose Wan­der­er, nach­dem aber­mals hun­dert Jahre ver­gan­gen waren, wieder hin­auf kam auf das Gebirge, da fand und erkan­nte er die Stätte nicht mehr, auf welch­er einst die blühende Stadt ges­tanden hat­te, und tat seinen Mund auf und sprach: »Erfüllt ist nun das Wort des Her­rn, das er tat durch den Mund des Propheten, seines Knechts: Ich will meine Hand über sie ausstreck­en und das Land wüst und öde machen.’«