Die versteckte Königstochter

von Josef Haltrich

~7 Min

Es war ein­mal ein junger Kauf­mannssohn, den schick­te sein Vater, weil er zum Geschäft nichts taugte und den ganzen Tag immer nur geigen wollte, fort. Als der Junge weg­zog, sah er auf der Gasse einen Knaben, der mit zwei Hölzchen immer geigte. Das gefiel ihm. Willst du vielle­icht auch geigen ler­nen?“ – O ja!“ sprach der Knabe, wenn nur jemand mich lehrte!“ – So komme mit mir!“ sprach der Kauf­mannssohn, ich will dich lehren!“ und so tat er’s auch. Bei­de gin­gen nun in die Welt und ergeigten sich ihr Brot. Auf der Straße aber trafen sie ein­mal einen Mann mit einem Bären. Der Kauf­mannssohn gab ihm all sein Geld für den Bären. Da sagte sein Schüler: Warum hast du das getan, wovon sollen wir jet­zt leben?“ – Warte nur, wir wollen geigen, und der Bär soll tanzen; so bekom­men wir schon wieder Geld! „. Als aber der Bär nicht recht tanzen wollte, schlug ihn der Kauf­mannssohn tot und ließ sich selb­st in die Haut nähen, und zwar so, daß man ihn für einen recht­en Bären hal­ten sollte. Darauf kamen sie auch in die Res­i­denz; der Schüler geigte, und der Kauf­mannssohn als Bär tanzte, und zwar so schön und kün­stlich, daß alle Leute her­beika­men und zusa­hen. Und wenn der Fiedler falsch griff und schlecht geigte, schlug ihn der Bär; denn er kon­nte ja selb­st bess­er geigen, da er den Knaben gelehrt hat­te; allein das wußten die Leute nicht; sie glaubten, es sei ein rechter Bär, und deshalb lacht­en sie dann so sehr, wenn er das Geigen bess­er ver­ste­hen wollte.

Nun bekam auch der König Kunde davon und ließ bei­de vor sich kom­men und den Knaben geigen und den Bären tanzen; da mußte er über die lustige Gestalt des Bären auch lachen. Er hat­te aber auch eine sehr schöne Tochter, die war nun groß, und er wollte sie nie­man­dem zum Weibe geben, damit er selb­st sich immer­fort an ihrer Schön­heit erfreue. Er hat­te sie aber in einen Berg ver­steckt, wo außer ihm und einem treuen Diener keine Seele den Zugang wußte; und er hat­te auss­chreiben lassen, wer sich um seine Tochter bewerbe, müsse sie suchen, und wer es dann unternähme und fände sie nicht, der ver­liere sein Leben. Dadurch hat­te er gehofft, alle Freier abzuschreck­en; allein es hat­ten doch einige Königssöhne das Wagstück unter­nom­men, alle aber ihren Tod gefun­den; jet­zt kam lange kein­er mehr, und das war dem König recht. Nun, da er den drol­li­gen Bären gese­hen, dachte er bei sich: Deine Tochter hat so wenig Freude im Berge, du mußt ihr doch auch ein­mal ein Vergnü­gen gön­nen!“ und er ließ durch seinen treuen Diener den Bären zu ihr hin­geleit­en. Es führten aber dahin drei Türen. Zu der ersten fand sich der Schlüs­sel unter einem Felsstein; der Diener nahm ihn und sper­rte auf; vor der zweit­en aber stand ein alter Jude mit einem lan­gen Bart; der Diener zupfte ihn am Bart, und es fiel daraus der Schlüs­sel zur Türe. Darauf kamen sie an die dritte; hier hielt ein wilder Löwe Wache; der Diener zupfte ihn an den Mäh­nen, und der Schlüs­sel zur Türe fiel herunter; er öffnete und führte den Bären hinein. Die Königstochter saß eben in Gedanken, sang vor sich hin und spielte die Zither. Als der Bär die Musik hörte, fing er sogle­ich an zu tanzen, und die Königstochter mußte über die Maßen lachen, und der Bär machte ihr so viel Spaß, daß sie ihren Vater bit­ten ließ, er möge ihn län­gere Zeit bei ihr lassen. Kaum war der getreue Diener fort, so fing nur ein­mal der Bär an zu reden und sprach: O schöne Königstochter, ich bin kein Bär, son­dern ein Men­sch wie du und ein junger Kauf­mannssohn; komme nur und schnüre mir das Gesicht auf, so wirst du es sehen!“ Da pochte der Königstochter das Herz vor Freude, denn sie hat­te außer ihrem alten Vater und dem alten Diener lange keinen Men­schen gese­hen. Sie schnürte ihn schnell auf und sah den schö­nen Jun­gen, und weil er ihr gefiel, so schnürte sie schnell wieder zu, noch ehe der Diener kom­men kon­nte, und sagte ihm, wie er sie von ihrem grausamen Vater erwer­ben könne. Er wußte aber schon alles. Als der Diener zurück­kam und die Erlaub­nis brachte, daß der Bär noch länger dableiben könne, sagte die Königstochter: Führe ihn nur gle­ich hin­aus, ich bin sein­er schon satt!“

Kaum war der Bär draußen dem Geiger übergeben wor­den, so zogen bei­de in den Wald; der Kauf­mannssohn legte das Bären­fell ab und zog schöne Klei­der an, ging darauf am andern Mor­gen in die Stadt und meldete sich beim König, er wolle seine Tochter suchen. Der König lachte und sprach: Wenn du ein Narr sein und dein Leben ver­lieren willst, meinetwe­gen!“ Es war aber die zwölfte Stunde mit­tags bes­timmt, bis zu der er sie find­en sollte; son­st koste es sein Leben. Der Junge war lustig und guter Dinge, nahm eine Büchse und ging auf die Jagd, um sich die Zeit zu vertreiben. Da sah er ein Wild­schwein und wollte gle­ich schießen: Lasse das gut sein; ich will dir dafür ein­mal beis­te­hen! Nimm hier diese Borste, und wenn du in Not bist, so drehe sie nur, und gle­ich bin ich da!“ Er set­zte ab, nahm die Borste und ging weit­er. Nun sah er bald einen Adler, der fraß an einem Hasen, gle­ich zielte er und wollte los­drück­en; da rief der Adler: Lasse das gut sein; ich will dir dafür helfen! Nimm hier diese Fed­er, und wenn du in Not bist, so drehe sie, und gle­ich bin ich bei dir!“ Er set­zte ab, nahm die Fed­er und ging seines Weges. Nur ein­mal sah er den Tod, der lag nahe an einem tiefen Abgrund und schlief: Ha!“ dachte er, der Men­schen­verder­ber soll endlich doch mein Blei schmeck­en!“ Er legte an und wollte los­drück­en; indem erwachte der Tod und sah die Gefahr, in der er schwebte. Um des Him­mels willen, schieße nicht, welch ein Unglück würde es sein auf Erden, wenn ich nicht mehr wäre! Siehe aber, ich will dir’s vergel­ten; nimm hier diesen Knochen, und wenn du in Not bist, so drehe ihn ein­mal, und gle­ich bin ich da!“ Er set­zte ab, nahm den Knochen und ging. Er sah nach der Zeit, da fehlte nur eine halbe Stunde noch; da eilte er schnell zu dem Berg. Er holte den Schlüs­sel zur ersten Türe gle­ich unter dem Felsstein her­vor und öffnete; er zupfte den Juden am Bart und schloß die zweite Türe auf; er schüt­telte dem Löwen die Mäh­nen und nahm den drit­ten Schlüs­sel und kam zur Königstochter, die schon lange auf ihn gewartet hat­te. Er nahm sie züchtig bei der Hand und führte sie zu ihrem Vater und sprach: Das Meinige habe ich getan, jet­zt ist es an Euch, Herr König, zu erfüllen, was Ihr ver­sprochen habt!“

Aber der Alte wollte seine Tochter nicht ver­lieren und sagte daher zum Kauf­mannssohn ganz zornig: Noch nicht! Erst mußt du ein Zim­mer voll ver­schim­melten Brotes in ein­er Nacht aufessen, wenn du meine Tochter haben willst!“ Der Kauf­mannssohn wußte sich lange nicht zu helfen; er nahm die Borste und drehte. Als­bald war das Wild­schwein da und eine ganze Menge ander­er Schweine, und das Brot war auf ein­mal fort und auch der Boden noch geleckt. Am andern Mor­gen ver­wun­derte sich der König sehr, daß dem Jun­gen auch dies gelun­gen war; aber voll Ärg­er rief er: Noch bekommst du sie nicht; erst mußt du ein Zim­mer voll Erb­sen in ein­er Nacht aufle­sen, daß nicht eine einzige dableibt!“ In der Nacht nahm der Junge gle­ich die Fed­er her­vor und drehte; sogle­ich war der Adler da und brachte alle Vögel mit, und in einem Augen­blick war keine einzige Erb­se zu sehen. Als am fol­gen­den Mor­gen der alte König sah, daß auch diese Auf­gabe vollführt war, stieg sein Zorn auf das höch­ste und er rief: Nein, ich gebe sie dir doch nicht, nie und nim­mer­mehr!“ Da nahm der Kauf­mannssohn den Knochen her­vor und drehte. Als­bald kann der Tod und schleppte den alten König fort.

Die Königstochter aber reichte dem Jun­gen die Hand, und sie hiel­ten eine fröh­liche Hochzeit. Der Kauf­mannssohn ward nun König; er wollte seinen Geiger zum Min­is­ter machen, aber dem gefiel das nicht; er gab ihm nun viel Geld, und so zog der in ein anderes Land und wurde da ein reich­er Mann.