Die ungleichen Kinder Evas

von Brüder Grimm

~3 Min

Als Adam und Eva aus dem Paradies ver­trieben waren, so mussten sie auf unfrucht­bar­er Erde sich ein Haus bauen und im Schweisse ihres Angesichts ihr Brot essen. Adam hack­te das Feld und Eva spann Wolle. Eva brachte jedes Jahr ein Kind zur Welt, die Kinder waren aber ungle­ich, einige schön, andere hässlich. 

Nach­dem eine ger­aume Zeit ver­laufen war, sendete Gott einen Engel an die bei­den und liess ihnen ent­bi­eten, dass er kom­men und ihren Haushalt schauen wollte. Eva, freudig, dass der Herr so gnädig war, säu­berte emsig ihr Haus, schmück­te es mit Blu­men und streute Bin­sen auf den Estrich. Dann holte sie ihre Kinder her­bei, aber nur die schö­nen. Sie wusch und badete sie, kämmte ihnen die Haare, legte ihnen neuge­wasch­ene Hem­den an und ermah­nte sie, in der Gegen­wart des Her­rn sich anständig und züchtig zu betra­gen. Sie soll­ten sich vor ihm sit­tig neigen, die Hand dar­bi­eten und auf seine Fra­gen beschei­den und ver­ständig antworten. Die hässlichen Kinder aber soll­ten sich nicht sehen lassen. Das eine ver­barg sie unter das Heu, das andere unter das Dach, das dritte in das Stroh, das vierte in den Ofen, das fün­fte in den Keller, das sech­ste unter eine Kufe, das siebente unter das Wein­fass, das achte unter ihren alten Pelz, das neunte und zehnte unter das Tuch, aus dem sie ihnen Klei­der zu machen pflegte, und das elfte und zwölfte unter das Led­er, aus dem sie ihnen die Schuhe zuschnitt. 

Eben war sie fer­tig gewor­den, als es an die Haustüre klopfte. Adam blick­te durch eine Spalte und sah, dass es der Herr war. Ehrerbi­etig öffnete er, und der himm­lis­che Vater trat ein. Da standen die schö­nen Kinder in der Rei­he, neigten sich, boten ihm die Hände dar und kni­eten nieder. Der Herr aber fing an sie zu seg­nen, legte auf den ersten seine Hände und sprach du sollst ein gewaltiger König wer­den,‘ eben­so zu dem zweit­en du ein Fürst,‘ zu dem drit­ten du ein Graf,‘ zu dem vierten du ein Rit­ter,‘ zu dem fün­ften du ein Edel­mann,‘ zu dem sech­sten du ein Bürg­er,‘ zum sieben­ten du ein Kauf­mann,‘ zu dem acht­en du ein gelehrter Mann.‘ Er erteilte ihnen also allen seinen reichen Segen. 

Als Eva sah, dass der Herr so mild und gnädig war, dachte sie ich will meine ungestal­ten Kinder her­bei­holen, vielle­icht, dass er ihnen auch seinen Segen gibt.‘ Sie lief also und holte sie aus dem Heu, Stroh, Ofen, und wo sie son­st hin ver­steckt waren, her­vor. Da kam die ganze grobe, schmutzige, grindi­ge und rus­sige Schar. Der Herr lächelte, betra­chtete sie alle und sprach auch diese will ich seg­nen.‘ Er legte auf den ersten die Hände und sprach zu ihm du sollst wer­den ein Bauer,‘ zu dem zweit­en du ein Fis­ch­er,‘ zu dem drit­ten du ein Schmied,‘ zu dem vierten du ein Lohger­ber,‘ zu dem fün­ften du ein Weber,‘ zu dem sech­sten du ein Schuh­mach­er,‘ zu dem sieben­ten du ein Schnei­der,‘ zu dem acht­en du ein Töpfer,‘ zu dem neun­ten du ein Kar­ren­führer,‘ zu dem zehn­ten du ein Schif­fer,‘ zu dem elften du ein Bote,‘ zu dem zwölften du ein Hausknecht dein lebelang.‘ 

Als Eva das alles mit ange­hört hat­te, sagte sie Herr, wie teilst du deinen Segen so ungle­ich! Es sind doch alle meine Kinder, die ich geboren habe: deine Gnade sollte über alle gle­ich erge­hen.‘ Gott aber erwiderte Eva, das ver­stehst du nicht. Mir gebührt und ist not, dass ich die ganze Welt mit deinen Kindern verse­he: wenn sie alle Fürsten und Her­ren wären, wer sollte Korn bauen, dreschen, mahlen und back­en? Wer schmieden, weben, zim­mern, bauen, graben, schnei­den und mähen? Jed­er soll seinen Stand vertreten, dass ein­er den andern erhalte und alle ernährt wer­den wie am Leib die Glieder.‘ Da antwortete Eva ach Herr, vergib, ich war zu rasch, dass ich dir einre­dete, Dein göt­tlich­er Wille geschehe auch an meinen Kindern.‘