Die törichte Liese

von Josef Haltrich

~10 Min

Ein Mann hat­te sich eine junge Frau genom­men, die war von Gesicht zwar schön, aber nicht sehr witzig von Reden und nichts weniger als geschickt und erfind­erisch in Arbeit­en. Als nun die Hochzeit vorüber war und man das Werk­tagskleid anlegte, fragte sie ihren Mann und sprach: Was soll ich arbeit­en?“ Der Mann wurde ein wenig stutzig und dachte: Das fängt gut an; wenn ihr Witz nicht so weit reicht, daß sie sich eine Arbeit im Hause zu suchen ver­ste­ht, so werde ich mit ihr meine Not haben!“ Allein er ver­barg seinen Unmut und sprach zu ihr schön und fre­undlich, wie das ja in den ersten Tagen zu geschehen pflegt: Gehe nur zur Nach­barin, mein Kind, und sieh, was die macht, und tue also!“ Damit nahm er die Türe in die Hand und fuhr ins Holz. Die junge Frau ging sogle­ich zur Nach­barin, um zu sehen, was sie arbeite. Diese hat­te eben ihren alten Ofen abge­brochen und war im Begriff, einen neuen aufzuset­zen. Eilig ging die junge Frau nach Hause, brach ihren neuen Ofen gle­ich­falls ab und ver­suchte ihn dann wieder aufzuset­zen; allein da sie nie der­gle­ichen gese­hen, so arbeit­ete sie ganz verkehrt und kon­nte es zu nichts brin­gen. Als ihr Mann nach Hause kam und sah, was seine junge Frau tat, schüt­telte er nur das Haupt und sprach: Aber Weib, was hast du gemacht?“ – Nu, wie du mich gelehrt hast, was die Nach­barin machte!“ Er merk­te, daß viel Reden hier nicht am Orte sei. Mit Mühe brachte er den Ofen wieder zusam­men; es war aber nur Flick­w­erk, denn sie hat­te die Ziegeln zer­schla­gen. Den andern Tag rühr der Mann wieder ins Holz, und da seine Frau nicht wußte, was sie arbeit­en sollte, und ihn fragte, so sagte er ihr wieder, sie solle sehen, was die Nach­barin mache. Die Nach­barin aber hat­te ger­ade Wäsche in der Boche“ und goß heiße Lauge darüber.

Die junge Frau nahm zu Hause auch einen Bod­ing und legte, da sie keine Wäsche hat­te, Pelz und Stiefel ihres Mannes in den Bod­ing und goß heiße Lauge darüber, also daß die Haare abgin­gen und das Led­er ver­bran­nte. Als sie die Sachen gewin­nen wollte, so zer­fie­len sie ihr in der Hand. Der Mann kam am Abend spät nach Hause, da sah er mit Schreck­en, was seine Frau getan. Er schüt­telte unmutig das Haupt: O Weib, Weib, das ist ja nicht gut! Was hast du gemacht!“ – Na, was die Nach­barin gemacht hat, wie du mir sagtest!“ Weil das Geschehene nicht zu ändern war, so schwieg er; allein er dachte bei sich: Wohin wird das kom­men, die Dummheit dein­er Frau ist doch unver­gle­ich­lich!“ Den andern Tag suchte er schnell fortzukom­men, denn er war miß­mutig. Seine Frau aber schrie ihm nach: Mann, was soll ich arbeit­en?“ – Nichts, nichts! Doch“ – da fiel ihm ein, die Nach­barin werde ja nicht immer Ofen abbrechen und böchen“ – siehe, was die Nach­barin macht!“ Die junge Frau lief hin, und die Nach­barin kochte eben Kraut, auf dem ein Schnittchen Speck lag. Die törichte Liese eilte nach Hause zurück, weil sie aber in keinem Topfe Kraut fand, so nahm sie einen Bachen“ (zwei ver­bun­dene Speck­seit­en), zer­schnitt ihn in kleine Stückchen, nahm diese, ging in den Garten und legte auf jeden Krautkopf ein Stückchen Speck. Ihr Haushund Karo freute sich dessen und machte sich dran, ein Stückchen nach dem anderen zu ver­schlin­gen. Als die törichte Liese das sah, sprach sie:

Ho, ho, das geht nicht“, pack­te den Hund am Hals­band, schleppte ihn hinein und band ihn im Keller an den Hahn am Wein­faß an; indes aber waren die Hunde der bei­den Nach­barn über den Zaun­frieden gesprun­gen und hat­ten die Speck­stückchen alle zu sich genom­men und unsicht­bar gemacht. Der arme Karo aber hat­te auch großen Appetit dar­nach, da er sie ein­mal gekostet; er riß und zog; nur ein­mal kam der Hahn aus dem Faß; der Hund sprang aus dem Keller hin­aus und schleppte den Hahn am Seil fort in den Garten. Jet­zt sah die Frau, wie der Wein aus dem Fasse her­auskam, und schlug die Hände zusam­men und rief: Ach, wenn das nur ein­mal aufhörte zu fließen!“ Das floß aber immer fort, bis kein Tropfen im Fasse war.

Da ward es ihr leichter ums Herz, und sie sprach: Gott sei Dank, daß nichts mehr her­auskommt!“ Aber wie sollte sie jet­zt den nassen Boden trock­en­le­gen? Das machte ihr Gedanken. Da fie­len ihr glück­licher­weise die zwei Säcke Mehl ein, die man ihnen gestern aus der Müh­le gebracht. Schnell leerte sie diesel­ben, indem sie das Mehl ausstreute, und der Boden war trock­en. Dein Mann kann froh sein, daß er eine so kluge Frau hat!“ sprach sie bei sich selb­st und war see­len­vergnügt. Als ihr Mann abends hun­grig nach Hause kam und wieder hörte, was geschehen war, da standen ihm eine Zeit­lang die Gedanken still; endlich schöpfte er wieder ein­mal lan­gen Atem und sprach: Frau, Frau, wie bist du so über­aus witzig, das kann ich nun bald nicht mehr aushal­ten, ich bin ja in kurzem ein ruiniert­er Mann!“ Am fol­gen­den Tage machte er sich frühe davon. Was soll ich machen ?“ schrie ihm die Frau nach. Der Mann war in großer Ver­legen­heit. Nichts“ wollte er nicht sagen, denn da würde sie, dachte er, am Ende noch auf größere Torheit­en ver­fall­en; auf die Nach­barin wollte er sie auch nicht mehr ver­weisen, denn daraus hat­te er immer nur Unheil gese­hen. Siehe“, sprach er, hin­ter dem Ofen ist ein Topf mit Kür­bisker­nen, sorge darauf, daß sie nicht ver­loren gehen!“ – Schon gut, schon gut!“ sprach sie. Der Mann ging wieder ins Holz. Er hat­te aber im Topfe sein ganzes ererbtes und erspartes Ver­mö­gen in lauter blanken Dukat­en, und nur oben lagen Kür­biskerne; er dachte: da suchen es die Diebe am wenig­sten, und Kür­biskerne wird kein­er nehmen, solange er Besseres findet.

Da geschah es aber, daß ein Szek­ler mit Palukestöpfen und der­gle­ichen ird­en­em Geschirre in das Dorf kam und seine Töpfe zum Tauschhan­del ausstellte. Da eil­ten die Dorfs­frauen von allen Seit­en her­bei, eine mit Korn, eine andere mit Roggen, eine andere mit Welschko­rn u.dgl. und füll­ten dem Szek­ler für je einen Topf densel­ben zur Hälfte oder ganz oder zweimal, je nach­dem man übereinkam und nach­dem man bessere oder schlechtere Frucht zu geben hat­te. Die junge Frau lief auch hin und sah, wie ihre Nach­barin­nen kauften; sie hätte auch gern etwas erhan­delt, allein sie hat­te keine Frucht zu Hause. Da fie­len ihr die Kür­biskerne ein; sie fragte den Szek­ler in wehmütigem Tone, ob er nicht auch gegen Kür­biskerne Töpfe gebe. Zuerst sprach er: Nein!“ Als sie ihm aber fort und fort in den Ohren lag, sagte er endlich: So bringt sie ein­mal her!“ Er gedachte damit seinen Kindern eine Freude zu machen, und da sie ihm ange­tra­gen wur­den, hoffte er, sie leicht­en Kaufes zu bekom­men. In vollem Laufe war die junge Frau nach Hause geeilt und war auch bald wieder mit ihren Kür­bisker­nen da. Der Szek­ler wühlte ein wenig mit der Hand in den Ker­nen, um zu fühlen, ob sie trock­en und gesund seien; da sah er die Gold­füchse her­vorschim­mern. Topp!“ schlug er gle­ich der Frau in die Hand, die Kerne gefall­en mir gut, und ich gebe Euch meine ganze Ware.“ Wer kon­nte jet­zt glück­lich­er sein als die junge Frau. Sie wollte nach Hause, um einen großen Korb zu holen. Es ist nicht nötig!“ sprach der Szek­ler fre­undlich, ich komme mit dem Wagen hin und führe Euch alles nach Hause.“ – Oh, Ihr seid ein guter Mann!“ rief sie entzückt, ich will, bis Ihr kommt, zu Hause aufräu­men!“ und damit lief sie fort. Der Szek­ler strich sich den Schnur­rbart und lachte in seinem Herzen, wie wenn er zehn Son­ntage hin­tere­inan­der zu feiern hätte, denn so einen Han­del hat­te er in seinem Leben nicht gemacht und gewiß auch kein­er sein­er Brüder, solange sie im Sach­sen­lande ihre Palukestöpfe ver­tauschhan­deln. Er span­nte schnell seine mageren kleinen Pferde an, fuhr zu dem Hause der Frau, lud alles ab und war wie der Wind als­bald über alle Berge; denn daß die Frau da oben nicht ganz bei Trost sei, hat­te er gemerkt, und er fürchtete mit Recht, daß ihr Mann, wenn er noch dazukomme, den Tausch aufheben würde.

Die Frau in ihrem Glücke aber nahm die einzel­nen Töpfe und hing sie an die Rah­men und machte die ganze Wand voll; zulet­zt blieb ihr noch ein kleines Töpfchen in der Hand, und da kein Nagel mehr leer war, rief sie den andern Töpfen zu: Macht ein wenig Platz diesem armen Kleinen!“ Aber die Töpfe hörten auf die wieder­holte Auf­forderung nicht. Da ward sie zornig, nahm einen Stock und schlug alle herunter, hing das kleine Töpfchen sofort auf und tanzte froh auf dem Boden herum: Da habt ihr’s nun! So geht es, wenn man nicht fol­gt! Das kleine soll es dafür nun gut haben!“
Als sie noch so mit sich und den zer­schell­ten Töpfen sprach, kam ihr Mann nach Hause. Ganz froh erzählte sie ihm, wie sie um die schlecht­en Kür­biskerne Töpfe erhan­delt und diese dann, weil sie nicht gefol­gt und dem armen kleinen da nicht Platz gemacht hät­ten, bestraft habe. Weib, Weib!“ schrie der Mann, das ist zum Wahnsin­nig­w­er­den! O weh, mein sauer erwor­benes und ererbtes Gut ist hin! Wowärts ist der Mann gefahren?“ – Dawärts!“ zeigte die Frau. Wowärts?“ – Dawärts !“ rief sie wieder und zeigte nach ein­er anderen Rich­tung Wowärts?“ – Dawärts!“ und zeigte auch jet­zt ander­swohin. Ach, sage mir doch bes­timmt, wowärts?“ – Dawärts!“ und zeigte auch dies­mal nach ein­er anderen Gegend. Dem armen Manne war’s, als sollte die Erde unter ihm einsinken; es bran­nte unter seinen Füßen, er wäre gern dem Szek­ler nach, aber welchen Weg sollte er ein­schla­gen? Komme mit, daß wir den Mann suchen!“ rief er sein­er Frau und lief, wohin ihn seine Nase und Augen führten, und seine Frau hin­ter ihm her. Auf dem näch­sten Berge wandte er sich ein­mal um und rief sein­er Frau ent­ge­gen: Eile zurück, die Türe ist ja offen geblieben, sperre zu, son­st kom­men wir nachger­ade um all unser Gut!“ Die Frau ging; allein da sie den Schlüs­sel immer verkehrt ein­steck­en wollte und nicht zus­per­ren kon­nte, nahm sie zulet­zt die ganze Türe auf den Rück­en und lief keuchend ihrem Manne nach, so daß ihr unter der Last der Schweiß troff. Als sie ihren Mann von weit­em sah, rief sie ihm zu: Warte doch, lieber Mann, und sperre die Türe zu, denn ich ver­ste­he das nicht!“ Da kon­nte sich der Unglück­liche nicht mehr bezwin­gen, seine Ungeduld war aufs höch­ste gestiegen. Gehe, du törichter Men­sch!“ sprach er, wohin du willst, ich will nichts mehr von dir wis­sen!“ – Ja, nun glaube ich!“ sprach er zu sich, daß es wahr ist, was mein Groß­vater immer sagte: ein töricht­es Weib ist wie die Pest und kann mehr Unheil anricht­en als Wass­er und Feuer! Der Him­mel bewahre einen jeden vor solchem Unglück!“

Damit lief er in einem fort, um von seinem töricht­en Weibe freizuw­er­den; diese aber lief ihm nach mit der Türe auf dem Rück­en und läuft bis heute noch, wenn sie nicht bei den klu­gen Frauen, die stets Wass­er im Sieb zur Küche tra­gen, um das Feuer damit anzuzün­den, in Dumm­liesendorf ange­langt ist und sich da seßhaft niederge­lassen hat.