Die Traumbuche

von Richard von Volkmann-Leander

~19 Min

Hun­dert Jahre oder mehr ist’s wohl her, daß der Blitz in sie ein­schlug und sie von oben bis unten auseinan­der­spellte, und eben­solange schon geht der Pflug über die Stätte; früher aber stand einige hun­dert Schritte vor dem ersten Hause des Dor­fes auf dem grü­nen Rasen­hügel eine alte mächtige Buche; so ein Baum, wie jet­zt gar keine mehr wach­sen, weil Tiere und Men­schen, Pflanzen und Bäume immer klein­er und erbärm­lich­er werden. 

Die Bauern sagten, sie stamme noch aus der Hei­den­zeit und ein heiliger Apos­tel sei unter ihr von den falschen Hei­den erschla­gen wor­den. Da hät­ten die Wurzeln des Baumes Apos­tel­blut getrunk­en, und wie es ihm in den Stamm und in die Äste gefahren, sei er davon so groß und kräftig gewor­den. Wer weiß, ob’s wahr ist? Eine eigene Bewandt­nis aber hat­te es mit dem Baum; das wußte jed­er, klein und groβ im Dorf. Wer unter ihm ein­schlief und träumte, des Traum ging unab­weis­lich in Erfül­lung. Deshalb hieß er schon seit unden­klichen Zeit­en die Traum­buche, und nie­mand nan­nte ihn anders. Eine beson­dere Bedin­gung war jedoch dabei: wer sich zum Schlaf legte unter die Traum­buche, durfte nicht daran denken, was er wohl träu­men würde. Tat er es doch, so träumte er nichts wie Krim­skrams und ver­wor­renes Zeug, aus dem kein vernün­ftiger Men­sch klug wer­den konnte. 

Das war nun allerd­ings eine sehr schwere Bedin­gung, weil die meis­ten Men­schen viel zu neugierig sind, und so mißlang es denn auch den aller­meis­ten, die es ver­sucht­en; und zu der Zeit, wo die fol­gende Geschichte sich zutrug, war im Dorf wohl kein einziger, wed­er Mann noch Weib, dem’s auch nur ein einziges Mal gelun­gen wäre. Aber seine Richtigkeit hat­te es mit der Traum­buche, das war sich­er. – Eines heißen Som­mertages also, da kein Lüftchen sich regte, kam auch ein­mal ein armer Handw­erks­bursche die Straße daher gewan­dert, dem war es in der Fremde viele Jahre hin­durch weh und übel gegan­gen. Als er vor dem Dorfe anlangte, drehte er zum Über­fluß noch ein­mal alle seine Taschen um, doch sie waren sämtlich leer. Was fängst du an? dachte er bei sich. Tod­müde bist du; umson­st nimmt dich kein Wirt auf, und das Fecht­en ist ein beschw­er­lich­es Handw­erk. Da erblick­te er die her­rliche Buche mit dem grü­nen Rasen­hügel davor; und da sie nur wenige Schritte abseits vom Wege stand, legte er sich unter sie ins Gras, um etwas auszu­ruhen. Doch der Baum hat­te ein selt­sames Rauschen, und wie er seine Zweige leise bewegte, ließ er bald hier, bald da einen feinen glitzern­den Son­nen­strahl durch­fall­en und bald hier, bald da ein Stückchen blauen Him­mel durch­scheinen: da fie­len ihm die Augen zu, und er schlief ein. Als er eingeschlafen war, warf die Buche einen Zweig mit drei Blät­tern herab, der fiel ihm ger­ade auf die Brust. Da träumte er, er säße in ein­er gar heim­lichen Stube am Tisch, und der Tisch wäre sein, und die Stube auch, und eben­so das Haus. Und vor dem Tisch stände eine junge Frau, stützte sich mit bei­den Hän­den auf den Tisch und sähe ihn gar fre­undlich an, und das wäre seine Frau. Und auf seinen Knien säße ein Kind, dem füt­terte er seinen Brei, und weil er zu heiß wäre, bliese er immer auf den Löf­fel. Und da sagte die Frau: Was du doch für eine gute Kin­der­muhme bist, Schatz!“ und lachte darüber. In der Stube aber spränge noch ein anderes Kind herum, ein dick­er, paus­bäck­iger Junge, und er hätte an eine große Mohrrübe einen Bind­faden gebun­den und zöge sie hin­ter sich her und riefe immer hü und hott, als wär’s der beste Fuchs. Und alle bei­de Kinder wären eben­falls sein. So träumte er; und der Traum mußte ihm wohl sehr gefall­en, denn er lachte im Schlaf übers ganze Gesicht. Als er aufwachte, war es schon fast Abend gewor­den, und vor ihm stand der Schäfer mit seinen Schafen und strick­te. Da sprang er erquickt auf, dehnte und reck­te sich und sagte: Lieber Him­mel, wem’s so wüchse! Es ist aber doch hüb­sch, daß man nun wenig­stens weiß, wie’s ist.“ Da trat der Schäfer an ihn her­an und fragte ihn, woher er käme und wohin er wollte und ob er schon etwas von dem Baume gehört habe. Nach­dem er sich überzeugt, daß er so unschuldig war wie ein neuge­borenes Kind, rief er aus: Ihr seid ein Glück­spilz! Denn daß Ihr etwas Gutes geträumt habt, war ja doch auf Euerem Gesicht zu lesen; habe ich Euch doch schon lange betra­chtet, wie Ihr so dalagt!“ Darauf erzählte er ihm, was es für eine Bewandt­nis mit dem Baume habe: Was Ihr geträumt habt, geht in Erfül­lung; das ist so sich­er als wie, daß das hier ein Schaf und das dort ein Bock ist. Fragt nur die Leute im Dorf, ob ich nicht recht habe! Nun sagt aber auch ein­mal, was Ihr geträumt habt!“ Alterchen“, erwiderte der Handw­erks­bursche schmun­zel­nd, so fragt man die Bauern aus. Meinen schö­nen Traum behalte ich für mich; das kön­nt Ihr mir nun schon gar nicht ver­denken. Aber daraus wer­den tut doch nichts!“ Und das sagte er nicht bloß so, son­dern es war sein Ernst; denn als er nun auf das Dorf zug­ing, sprach er vor sich hin: Pap­per­la­papp, Schäfer­schnack! Möchte wohl wis­sen, wo der Baum die Wis­senschaft her­haben sollte.“ Als er in das Dorf kam, ragte am drit­ten Haus vom Giebel eine lange Stange her­aus, an der hing eine gold­ene Kro­ne, und unten vor der Haustüre stand der Kro­nen­wirt. Der war ger­ade sehr guter Laune, denn er hat­te schon zur Nacht gegessen und war rund­herum satt, und das war sein beste Stunde. Da zog er höflich den Hut und fragte, ob er ihn nicht um einen Gottes­lohn zur Nacht behal­ten wolle. Der Kro­nen­wirt besah sich den schmuck­en Burschen in seinen staubi­gen, abgeris­se­nen Klei­dern von oben bis unten. Dann nick­te er fre­undlich und sagte: Setz dich nur gle­ich hier in die Laube neben die Tür; es wird wohl noch ein Stück Brot und ein Krug Wein übrigge­blieben sein. Unter­dessen kön­nen sie dir eine Streu machen.“ Darauf ging er hinein und schick­te seine Tochter, die brachte Brot und Wein, set­zte sich zu ihm und ließ sich erzählen, wie es in der Fremde aussähe. Dann erzählte sie ihm auch wieder alles, was sie wußte, aus dem Dorf: wie der Weizen stände, und daß des Nach­bars Frau Zwill­inge bekom­men hätte, und wann das näch­ste Mal in der Kro­ne zu Tanz gespielt würde. Auf ein­mal aber stand sie auf, bog sich zu dem Handw­erks­burschen über den Tisch hinüber und sagte: Was hast du denn da für drei Blät­ter am Latz?“ Da sah der Handw­erks­bursche hin und fand den Zweig mit den drei Blät­tern, der während des Schlafes auf ihn her­abge­fall­en war. Er stak ihm ger­ade im Latz. Die müssen von der großen Buche dicht vorm Dorfe sein“, erwiderte er, unter der ich einen kleinen Nick gemacht habe.“ Da horchte das Mäd­chen neugierig auf und wartete, was er wohl weit­er sagen würde. Als er schwieg, begann sie ihn gar vor­sichtig auszukund­schaften, bis sie sich­er war, daß er wirk­lich unter der Traum­buche geschlafen; und dann ging sie so lange wie die Katze um den heißen Brei, bis sie sich überzeugt zu haben glaubte, daß er nichts von der son­der­baren Kraft und Eigen­schaft der Traum­buche wisse; denn er war ein Schalk und tat so, als wüßte er gar nichts. Als sie auch damit fer­tig war, holte sie noch einen Krug Wein, sprach ihm fre­undlich zu, daß er noch trinken möge, und erzählte ihm alles Mögliche, was sie geträumt hätte und wie es doch gar schade wäre, daß nie etwas in Erfül­lung gin­ge. Indem kam der Schäfer vom Felde zurück und trieb die Schafe durch die Dorf­s­traße. Als er an der Kro­ne vor­beikam und das Mäd­chen mit dem Handw­erks­burschen in eifrigem Gespräch in der Laube sitzen sah, blieb er einen Augen­blick ste­hen und sagte: Ja, ja, Euch wird er schon den hüb­schen Traum erzählen; mir will er nichts sagen!“ Darauf trieb er seine Schafe weit­er. Da ward das Mäd­chen noch neugieriger, und wie er immer noch nichts von seinem Traume sagte, kon­nte sie es nicht mehr ver­winden und fragte ihn ganz offen, was er denn, während er unter der Buche geschlafen, geträumt habe. Da machte der Handw­erks­bursche, der ein arg­er Schalk und durch den schö­nen Traum über­mütig fröh­lich ges­timmte war, ein schlaues Gesicht, zwinkerte mit den Augen und sagte: Einen her­rlichen Traum habe ich gehabt, das muß wahr sein; aber ich getraue mich nicht zu sagen, wie er war.“ Aber sie drang immer weit­er in ihn und quälte, er möchte es doch sagen. Da rück­te er ganz nahe an sie her­an und sagte ern­sthaft: Denkt nur, mir hat geträumt, ich würde noch ein­mal des Kro­nen­wirts Töchter­lein heirat­en und später selb­st Kro­nen­wirt wer­den!“ Da wurde das Mäd­chen erst krei­deweiß und dann pur­purrot und ging ins Haus. Nach ein­er Weile kam sie wieder und fragte, ob er das wirk­lich geträumt habe und es sein Ernst sei. Gewiß, gewiß“, sagte er, ger­ade wie Ihr sah die aus, die mir im Traum erschienen ist!“ Da ging das Mäd­chen aber­mals ins Haus und kam nicht wieder. Sie ging in ihre Kam­mer, und die Gedanken liefen ihr übers Herz wie Wass­er übers Wehr: immer neue und immer andere, und immer wieder diesel­ben, so, daß es gar kein Ende hat­te. Er weiß nichts von dem Baume“, sagte sie. Er hat’s geträumt. Ich mag wollen oder nicht, es wird schon so kom­men. Es ist nichts daran zu ändern.“ Darauf legte sie sich zu Bett, und die ganze Nacht träumte sie von dem Handw­erks­burschen. Als sie am anderen Mor­gen aufwachte, kan­nte sie sein Gesicht ganz auswendg, so oft hat­te sie es über Nacht im Traum gese­hen – und ein schmuck­er Bursche war’s, das ist wahr. Der Handw­erks­bursche aber hat­te auf sein­er Streu wun­der­voll geschlafen; Traum­buche, Traum und was er am Abend zu der Wirt­stochter gesagt, längst vergessen. Er stand in der Wirtsstube an der Tür und wollte eben dem Kro­nen­wirt die Hand reichen zum Abschied. Da trat sie here­in, und wie sie ihn reise­fer­tig daste­hen sah, über­fiel sie eine son­der­bare Angst, als dürfe sie ihn nicht fort­lassen. Vater“, sagte sie, der Wein ist immer noch nicht gezapft, und der junge Bursch hat nichts zu tun; kön­nte er einen Tag hierbleiben, so möchte er sich seine Zeche ver­di­enen und ein Stückchen Reisegeld oben­drein.“ Und der Kro­nen­wirt hat­te nichts dage­gen, denn er hat­te schon seinen Mor­gen­trunk gemacht und gefrüh­stückt und war so satt, so daß es seine beste Stunde war. Doch das Zapfen ging sehr langsam, und das Mäd­chen hat­te immer dies oder jenes, weshalb der Handw­erks­bursche ein­mal aus dem Keller her­aufge­holt wer­den mußte. Als das Faß endlich leer und die Flaschen gefüllt waren, meinte sie, es wäre doch ganz gut, wenn er erst noch etwas im Feld hülfe; und als er damit auch fer­tig war, fand sich noch mancher­lei im Garten zu tun, woran vorher nie­mand gedacht hat­te. So verg­ing Woche um Woche, und jed­wede Nacht träumte sie von ihm. Am Abend aber saß sie mit ihm in der Laube vor dem Haus, und wenn er erzählte, wie es ihm weh und übel unter den frem­den Leuten ergan­gen sei, kam ihr immer eine Schnake ins Auge oder ein Haar, so daß sie sich die Augen mit der Schürze reiben mußte. Und nach einem Jahr war der Handw­erks­bursche immer noch im Hause; und alles war gescheuert, weißer Sand in allen Zim­mern gestreut und darauf kleine grüne Tan­nen­zweige, und das ganze Dorf hielt Feiertag. Denn der junge Handw­erks­bursch hielt Hochzeit mit dem Kro­nen­wirt­skind, und alle Leute freuten sich; und wer sich nci­ht freute, weil er ein Nei­d­ham­mel war, der tat wenig­stens so. Bald darauf hat­te der Kro­nen­wirt auch wieder ein­mal seine beste Stunde, weil er näm­lich rund­herum satt war, und saß, die Tabaks­dose auf dem Schoß, im Lehn­stuhl und schlief. Als er gar nicht wieder erwachte, woll­ten sie ihn weck­en; da war er tot – mause­tot. Da war nun der junge Handw­erks­bursch wirk­lich Kro­nen­wirt, wie er es im Scherze gesagt, und son­st traf alles ein, wie er es unter der Buche geträumt. Denn sehr bald hat­te er auch zwei Kinder, und wahrschein­lich nahm er auch ein­mal das eine von ihnen auf den Schoß und füt­terte es und blies dabei auf den Löf­fel, und sich­er fuhr gle­ichzeit­ig der andere Knabe mit der Mohrrübe im Zim­mer umher, obwohl der, von dem ich diese Geschichte weiß, mir es nicht gesagth­at und ich es selb­st vergessen habe, ihn expreß danach zu fra­gen. Aber es wird schon so gewe­sen sein, weil das, was man unter der Traum­buche träumte, stets aufs Haar ein­traf. Eines Tages nun, es mocht­en wohl an die vier Jahre seit der Hochzeit ver­flossen sein, saß der junge Kro­nen­wirt – denn das war er ja jet­zt – auch ein­mal in der Wirtsstube. Da kam sene Frau here­in, stellte sich vor ihn hin und sagte: Denke dir, gestern unter Mit­tag ist ein­er von unsern Mäh­ern unter der Traum­buche eingeschlafen und hat nicht daran gedacht. Weißt du, was er geträumt hat? Er hat geträumt, er wäre stein­re­ich. Und wer ist’s? Der alte Kas­par, der so dumm ist, daß er einen dauert, und den wir nur aus Mitleid behal­ten. Was der wohl mit dem vie­len Gelde anfan­gen wird?“ Da lachte der Mann und sagte: Wie kannst du nur an das dumme Zeug glauben und bist son­st eine so kluge Frau? Über­lege dir doch selb­st, ob ein Baum, und wenn er noch so schön und alt ist, die Zukun­ft wis­sen kann.“ Da sah die Frau ihren Mann mit großen Augen an, schüt­telte den Kopf und sprach ern­sthaft: Mann, ver­sündi­ge dich nicht! Über solche Dinge soll man nicht scherzen.“ Ich scherze nicht, Frau!“ erwiderte der Mann. Darauf schwieg die Frau wieder eine Weile, als wenn sie ihn nicht recht ver­stünde, und sagte dann: Wozu das nur alles ist! Ich dächte, du hättest alle Ursache, dem alten heili­gen Baume dankbar zu sein. Ist nicht alles so eingetrof­fen, wie du es geträumt?“ Als sie dies gesagt, machte der Mann das fre­undlich­ste Gesicht der Welt und ent­geg­nete: Gott weiß es, daß ich dankbar bin, Gott und dir. Ja, ein schön­er Traum war’s! Ist mir’s doch, als wenn es erst gestern gewe­sen wäre, so genau erin­nere ich mich noch daran. Und doch ist alles noch tausend­mal schön­er gewor­den, als ich es geträumt; und du bist auch noch tausend­mal lieber und hüb­sch­er als die junge Frau, die mir damals im Traume erschienen war.“ Und die Frau sah ihn wieder mit großen Augen an; darauf fuhr er fort: Was nun aber den Baum anbe­langt und den Traum, Herzenss­chatz, so denke ich: wer gern tanzt, dem ist leicht gep­fif­f­en; und: wie man in den Wald schre­it, so schallt es wieder her­aus. War es mir die vie­len Jahre weh und übel gegan­gen, so war’s wohl kein Wun­der, wenn ich auch ein­mal von was Liebem träumte.“ Daß du aber ger­ade geträumt hast, du würdest mich heirat­en!“ Das hab‘ ich nie geträumt! Bloß eine junge Frau sah ich mit zwei Kindern, und sie war lange nicht so hüb­sch wie du und die Kinder auch nicht.“ Pfui“, erwiderte die Frau. Willst du mich ver­leug­nen oder den Baum? Hast du mir nicht am ersten Tag, wo wir uns sahen – es war schon Abend und draußen in der Laube –, hast du mir da nicht gle­ich gesagt, du hättest geträumt, du würdest mich heirat­en und Kro­nen­wirt wer­den?“ Da fiel dem Manne zum ersten Male wieder der Schw­erz ein, den er sich damals mit sein­er jet­zi­gen Frau erlaubt hat­te, und er sagte: Es kann nichts helfen, liebe Frau! Ich habe wirk­lich damals nicht von dir geträumt; und wenn ich es gesagt, so war es nur ein Scherz. Du warst so neugierig; da wollte ich dich neck­en!“ Da brach die Frau in heftiges Weinen aus und ging hin­aus. Nach ein­er Weile ging er ihr nach. Sie stand im Hof am Brun­nen und weinte immer noch. Er ver­suchte sie zu trösten, doch verge­blich. Du hast mir meine Liebe gestohlen und mich um mein Herz bet­ro­gen!“ sagte sie. Ich wede nie wieder froh wer­den!“ Da fragte er sie, ob sie ihn denn nicht lieb­hätte, so lieb wie keinen andern Men­schen auf der Welt, und ob sie nicht zufrieden und glück­lich miteinan­der gelebt hät­ten wie nie­mand weit­er im Dorf. Sie mußte alles zugeben, aber sie blieb trau­rig wie zuvor, trotz allem Zure­den. Da dachte er: Laß sie ausweinen! Über Nacht kom­men andere Gedanken; mor­gen ist sie die alte. Doch er täuschte sich; denn am andern Mor­gen weinte die Frau zwar nicht mehr, aber sie war ernst und trau­rig und ging ihrem Mann aus dem Wege. Jed­er Ver­such, sie zu trösten, scheit­erte wie am Abend zuvor. Den größten Teil des Tages saß sie in ein­er Ecke und grü­belte, und wenn ihr Mann here­in­trat, schrak sie zusam­men. Als dies mehrere Tage gedauert, ohne daß eine Änderung ein­trat, befiel auch ihn eine große Trau­rigkeit; denn er fürchtete, er hätte die Liebe sein­er Frau auf immer ver­loren. Er ging still im Hause umher und sann auf Abhil­fe, doch es wollte ihm nichts ein­fall­en. Da ging er eines Mit­tags zum Dorfe hin­aus und schlen­derte durchs Feld. Es war ein heißer Julitag; keine Wolke am Him­mel. Die reife Saat wogte wie ein gold­ner See, und die Vögel san­gen; doch sein Herz war voller Beküm­mer­nis. Da sah er von fern die alte Traum­buche ste­hen: wie eine Köni­gin der Bäume ragte sie hoch in den Him­mel hinein. Es kam ihm vor, als wenn sie ihm mit ihren grü­nen Zweigen zuwink­te und wie eine alte Fre­undin zu sich riefe. Er ging hin und set­zte sich unter sie und dachte an die ver­gan­gene Zeit. Fünf Jahre waren ziem­lich genau ver­flossen, seit er als ein armer Teufel zum ersten Male unter ihr geruht und so schön geträumt hat­te. Ach so wun­der­schön! Und der Traum hat­te fünf Jahre gedauert. – Und nun? Alles vor­bei! Alles vor­bei? Auf immer? – Da fing die Buche wieder zu rauschen an, wie vor fünf Jahren, und bewegte ihre mächti­gen Zweige. Und wie sie diesel­ben bewegte, ließ sie wie damals bald hier, bald dort einen feinen glitzern­den Son­nen­strahl durch­fall­en und bald hier, bald da ein Stückchen blauen Him­mel durch­scheinen. Da wurde sein Herz stiller, und er schlief ein; denn er hat­te vor Sorge die vorherge­hen­den Nächte nicht geschlafen. Und nicht lange, so träumte er densel­ben Traum wie vor fünf Jahren, und die Frau am Tisch und die spie­len­den Kinder hat­ten die alten, lieben Gesichter von sein­er Frau und von seinen Kindern. Und die Frau sah ihn so fre­undlich an – ach, so fre­undlich. Da wachte er auf, und als er sah, daß es nur ein Traum war, ward er noch trau­riger. Er brach sich einen grü­nen Zweig ab von der Buche, ging nach Haus und legte ihn ins Gesang­buch. Als die Frau am näch­sten Tage – es war ger­ade Son­ntag – in die Kirche gehen wollte, fiel der Zweig her­aus. Da wurde der Mann, der daneben­stand, rot, bück­te sich und wollte ihn in die Tasche steck­en. Doch die Frau sah es und fragte, was es für ein Blatt sein. Es ist von der Traum­buche; sie meint es bess­er mit mir wie du!“ erwiderte der Mann. Denn als ich gestern draußen war und unter ihr saß, schlief ich ein. Da wollte sie mich wohl trösten; denn mir träumte, du wärest wieder gut und hättest alle vergessen. Aber es ist nicht wahr! Es ist nichts mit der alten guten Buche. Ein schön­er her­rlich­er Baum ist sie schon, aber von der Zukun­ft weiß sie nichts.“ Da star­rte ihn die Frau an, und dann ging es wie ein Son­nen­schein über ihr Gesicht: Mann, hast du das wirk­lich geträumt?“ Ja!“ ent­geg­nete er fest, und sie merk­te, daß es die Wahrheit war; denn er zuck­te mit dem Gesicht, weil er nicht weinen wollte. Und ich war wirk­lich deine Frau?“ Als er auch dies bejahte, fiel ihm die Frau um den Hals und küßte ihn so oft, daß er sich ihrer gar nicht erwehren kon­nte. Gelobt sei Gott“, sagte sie, nun ist alles wieder gut! Ich habe dich ja so lieb –so lieb, wie du es gar nicht weißt! Und ich habe die Tage solche Angst gehabt, ob ich dich denn auch wirk­lich lieb­haben dürfte, und ob mir nicht Gott eigentlich einen anderen Mann bes­timmt hat­te. Denn mein Herz gestohlen hast du mir doch, du bös­er Mann, und ein bißchen Betrug war doch dabei! – Ja, gestohlen hast du mir’s; aber nun weiß ich doch, daß es dir nichts geholfen hat und daß es auch ohne­dem so gekom­men wäre.“ Darauf schwieg sie eine Weile und fuhr dann fort: Nicht wahr, du sprichst nie wieder schlecht von der Traum­buche?“ Nein, niemals; denn ich glaube an sie; vielle­icht etwas anders wie du, aber darum doch nicht weniger fest. Ver­laß dich darauf! Und den Zweig wollen wir vorn ins Gesang­buch heften, damit er nicht verlorengeht.“