Die tauben Hirten

von Josef Haltrich

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Ein tauber Geißhirt kam zu einem tauben Schaf­shirten und fragte ihn: Brud­er, hast du nicht meine Geiß[en] gese­hen?“ — Das Dorf liegt dort hin­ter dem Berg, gehe nur ger­adeaus, so kommst du hin!“ sprach der Schaf­shirt. Der Geißhirt lief und fand auf der andern Seite des Berges seine Geiß[en]. Er wollte sich aber dankbar beweisen und nahm sogle­ich eine tschut­tige“ Geiß, die er hat­te, denn er dachte, als Geschenk ist die schon gut genug, und lief zurück zum Schaf­shirten. Siehe, diese schenke ich dir“, rief er voller Atem, weil du mir den recht­en Weg gezeigt hat­test; denn einen hal­ben Tag schon hat­te ich die Herde umson­st gesucht.“ — Was?“ rief der Schaf­shirt zornig, ich habe ihr die Hörn­er nicht abge­hauen !“ und wollte eiligst fort; der Geißhirt aber ging hin­ter ihm her und rief: So nimm doch mein Geschenk! so nimm doch mein Geschenk!“ Da trafen sie auf einen tauben Roßhirten, der eben auf einem gestohle­nen Pferde for­tritt. Der Schaf­shirt ging gle­ich auf ihn zu, faßte die Halfter des Pfer­des und sprach: Siehe, dieser meint, ich hätte sein­er Geiß die Hörn­er abge­hauen!“ — Er will mein Geschenk nicht nehmen“, schrie der Geißhirt, und wenn er’s nicht tut, so habe ich kein Glück!“ — Ich habe sie wahrlich nicht gese­hen, eure Pferde!“ sprach der Roßhirt und wollte fortre­it­en, aber der Schaf­shirt ließ ihn nicht aus: Nein, sage du zuvor, bin ich schuldig oder nicht.“
Gut, wenn dies Pferd euer ist, so nehmt es; aber den Sat­tel lasse ich euch nicht, der ist mein!“ sagte der Roßhirt. Damit sprang er ab, nahm schnell den Sat­tel und ran­nte weg. Der Schaf­shirt ließ das Pferd aus; das wieherte ein­mal und lief dann zurück zur Herde. Der Schaf­shirt aber eilte hin­ter dem Roßhirten her und rief: So sag‘ mir’s doch! so sag‘ mir’s doch! und hin­ter ihm keuchte der Geißhirt mit der Geiß im Arm: Nimm doch die Geiß, wenn sie auch tschut­tig‘ ist; es ist eine gute Geiß!“ Also liefen die drei hin­tere­inan­der in einem fort bis ins Dorf. Die Leute hörten den Lärm und kamen her­aus auf die Gasse, und weil sie nicht wußten, was es gebe, dacht­en sie, es seien Räu­ber, faßten alle drei ab und führten sie vor den Han­nen. Da fragte sie dieser ganz zornig: Was habt ihr das ganze Dorf so in Schreck­en geset­zt ? Was gibt es ?“ Nun glaubte jed­er von den dreien, der Richter wisse schon alles; es sei am besten, ehrlich zu geste­hen.
Herr“, sprach der Geißhirt, ich will alles sagen, wie es ist. Ich habe in meinem Leben mehr als hun­dert Geiß[en] gestohlen und dieser ein­mal im Zorne die Hörn­er abge­hauen. Nun wollte ich sie diesem Manne geben, weil er mich zu mein­er Herde gewiesen hat­te; allein er wollte sie nicht nehmen; ich lief ihm nach, er solle sie doch nehmen, daß ich Glück hätte!“ Der Schaf­shirt sprach: Ich habe mehr als tausend Schafe in meinem Leben gestohlen; aber dieser Geiß habe ich die Hörn­er nicht abge­hauen, das ist eine Lüge; dieser Mann sollte mich freis­prechen; ich hielt ihm deshalb sein Pferd an; allein er wollte nicht, sprang ab, nahm seinen Sat­tel und lief fort, und so mußte ich ihm nach, denn ich kon­nte den falschen Ver­dacht nicht auf mir lassen!“
Der Roßhirt sprach: Ich kann die Zahl der Pferde nicht angeben, die ich in meinem Leben gestohlen habe; allein in diesem Falle bin ich unschuldig. Als der Mann da sagte, das Pferd gehöre ihm, so ließ ich es aus und nahm nur meinen Sat­tel!“ Der Hann und die ver­sam­melten Ältesten schlu­gen die Hände zusam­men über die wun­der­bare Fügung Gottes, wodurch so viele Ver­brechen auf ein­mal ans Tages­licht kamen. Die drei ergraut­en Diebe wur­den gle­ich ins Gefäng­nis gewor­fen und bald darauf zum Gal­gen geführt und gehenkt, wie sie es ver­di­ent hatten.