Die Störche

von Hans Christian Andersen

~9 Min

Auf dem let­zten Hause in einem kleinen Dorfe stand ein Storchnest. Die Storch­mut­ter saß im Neste bei ihren vier kleinen Jun­gen, welche den Kopf mit dem kleinen schwarzen Schn­abel, denn der war noch nicht roth gewor­den, her­vorsteck­ten. Eine kleine Strecke davon ent­fer­nt, stand auf dem Dachrück­en ganz stramm und steif der Storch­vater; er hat­te das eine Bein unter sich aufge­zo­gen, um doch nicht ganz müßig zu sein, während er Schildwache stände. Man sollte glauben, er wäre aus Holz geschnitzt gewe­sen, so stille stand er. Es sieht gewiß recht vornehm aus, daß meine Frau eine Schildwache beim Neste hat!” dachte er. Sie kön­nen ja nicht wis­sen, daß ich ihr Mann bin. Sie glauben sich­er, daß ich com­mandirt wor­den bin, hier zu ste­hen. Das sieht so nobel aus!” Und er fuhr fort, auf einem Beine zu stehen.

Unten auf der Straße spielte eine ganze Schaar Kinder; und als sie die Störche gewahr wur­den, sang ein­er der muthig­sten Knaben, und später alle zusam­men, den alten Vers von den Störchen. Aber sie san­gen ihn nun, wie er sich dessen entsin­nen konnte:

Storch, Storch, fliege heim,
Ste­he nicht auf einem Bein;
Deine Frau im Neste liegt,
Wo sie ihre Jun­gen wiegt.
Das eine wird gehängt,
Das andere wird versen­gt,
Das dritte man erschießt,
Das vierte wird gespießt.”

Höre nur, was die Knaben sin­gen!” sagten die kleinen Storchkinder; sie sin­gen, wir sollen gehängt und versen­gt werden!”

Daran sollt Ihr Euch nicht kehren!” sagte die Storch­mut­ter. Hört nur nicht darauf, so schadet es gar nichts!”

Aber die Knaben fuhren fort zu sin­gen, und sie ätscht­en den Storch mit den Fin­gern aus; nur ein Knabe, welch­er Peter hieß, sagte, daß es eine Sünde sei, die Thiere zum besten zu haben, und wollte auch gar nicht mit dabei sein. Die Storch­mut­ter tröstete ihre Jun­gen. Küm­mert euch nicht darum,” sagte sie; seht nur, wie ruhig Euer Vater ste­ht, und zwar auf einem Beine!”

Wir fürcht­en uns sehr!” sagten die Jun­gen und zogen die Köpfe tief in das Nest zurück.

Am näch­sten Tage, als die Kinder wieder zum Spie­len zusam­men kamen und die Störche erblick­ten, san­gen sie ihr Lied:

Das eine wird gehängt
Das andere wird versengt.” -

Wer­den wir wohl gehängt und versen­gt wer­den?” fragten die jun­gen Störche.

Nein, sich­er nicht!” sagte die Mut­ter. Ihr sollt fliegen ler­nen; ich werde Euch schon exer­ciren! Dann fliegen wir hin­aus auf die Wiese und stat­ten den Fröschen Besuch ab; die verneigen sich vor uns im Wass­er und sin­gen: ““Koax! koax!”” Und dann essen wir sie auf; das wird ein recht­es Vergnü­gen abgeben!”

Und was dann?” fragten die Storchjungen.

Dann ver­sam­meln sich alle Störche, die hier im ganzen Lande sind, und es begin­nt das Herb­st­manöver; da muß man gut fliegen; das ist von großer Wichtigkeit. Denn wer dann nicht ordentlich fliegen kann, wird vom Gen­er­al mit dem Schn­abel todt­gestochen; deshalb gebt wohl Acht, etwas zu ler­nen, wenn das Exer­ciren anfängt!”

So wer­den wir ja doch gespießt, wie die Knaben sagten, und höre nur, jet­zt sin­gen sie wieder.”

Hört auf mich und nicht auf sie,” sagte die Storch­mut­ter. Nach dem großen Manöver fliegen wir nach den war­men Län­dern, weit von hier, über Berge und Wälder. Nach Aegypten fliegen wir, wo es dreieck­ige Stein­häuser gibt, die, in eine Spitze aus­laufend, bis über die Wolken ragen; sie wer­den Pyra­mi­den genan­nt und sind älter, als ein Storch es sich denken kann. Dort ist ein Fluß, welch­er aus seinem Bette tritt; dann wird das ganze Land zu Schlamm. Man geht in Schlamm und ißt Frösche.”

O!” sagten alle Jungen.

Ja! dort ist es her­rlich! Man thut den ganzen Tag nichts Anderes als essen; und während wir es dort so gut haben, ist in diesem Lande hier nicht ein grünes Blatt auf den Bäu­men; hier ist es so kalt, daß die Wolken in Stücke frieren und in kleinen weißen Lap­pen herun­ter­fall­en!” Es war der Schnee, den sie meinte, aber sie kon­nte es ja nicht deut­lich­er erklären.

Frieren dann auch die unar­ti­gen Knaben in Stücke?” fragten die jun­gen Störche.

Nein, in Stücke frieren sie nicht; aber sie sind nahe daran und müssen in der dunkeln Stube sitzen und duck­mäusern. Ihr kön­nt dage­gen in frem­den Län­dern herum­fliegen, wo es Blu­men und war­men Son­nen­schein gibt.”

Nun war schon einige Zeit ver­strichen, und die Jun­gen waren so groß gewor­den, daß sie im Neste aufrecht­ste­hen und weit umherse­hen kon­nten; und der Storch­vater kam jeden Tag mit schö­nen Fröschen, kleinen Schlangen und allen Storch­leck­ereien, die er find­en kon­nte. O, das sah lustig aus, wie er ihnen Kun­st­stücke vor­ma­chte! Den Kopf legte er ger­ade herum auf den Schwanz; mit dem Schn­abel klap­perte er, als wäre es eine kleine Knarre; und dann erzählte er ihnen Geschicht­en, alle ins­ge­sammt vom Sumpfe.

Hört, nun müßt Ihr fliegen ler­nen!” sagte eines Tages die Storch­mut­ter; und dann mußten alle vier Junge hin­aus auf den Dachrück­en. O, wie sie schwank­ten, wie sie mit den Flügeln bal­an­cirten; und doch waren sie nahe daran, herunterzufallen.

Seht nur auf mich!” sagte die Mut­ter. So müßt Ihr den Kopf hal­ten! So müßt Ihr die Füße stellen! Eins, zwei! Eins, zwei! Das ist es, was Euch in der Welt forthelfen wird!” Dann flog sie ein kleines Stück, und die Jun­gen macht­en einen kleinen, unbe­holfe­nen Sprung. Bums! da lagen sie, denn ihr Kör­p­er war zu schwerfällig.

Ich will nicht fliegen!” sagte das eine Junge und kroch wieder in das Nest hin­auf; mir liegt nichts daran, nach den war­men Län­dern zu kommen!”

Willst Du denn hier erfrieren, wenn es Win­ter wird? Sollen die Knaben kom­men, Dich zu hän­gen, zu sen­gen und zu brat­en? Nun werde ich sie rufen!”

O nein!” sagte der junge Storch und hüpfte dann wieder auf das Dach, wie die andern. Am drit­ten Tage kon­nten sie schon ordentlich ein bis­chen fliegen, und da glaubten sie, daß sie auch schweben und auf der Luft ruhen kön­nten; das woll­ten sie, aber bums! da purzel­ten sie: darum mußten sie schnell die Flügel wieder rühren. Nun kamen die Knaben unten auf der Straße und san­gen ihr Lied:

Storch, Storch, fliege heim!”

Wollen wir nicht hin­un­ter­fliegen und ihnen die Augen ausstechen?” fragten die Jungen.

Nein, laßt das sein!” sagte die Mut­ter. Hört nur auf mich, das ist weit wichtiger: Eins, zwei, drei! nun fliegen wir rechts herum; Eins, zwei, drei! nun links um den Schorn­stein. — Seht, das war sehr gut! Der let­zte Schlag mit den Flügeln war so niedlich und richtig, daß Ihr die Erlaub­niß erhal­ten sollt, mor­gen mit mir in den Sumpf zu fliegen. Da kom­men mehrere nette Storch­fam­i­lien mit ihren Kindern hin; zeigt mir nun, daß die meinen die niedlich­sten sind, und daß Ihr recht ein­her­stolzirt; das sieht gut aus und ver­schafft Ansehen!”

Aber sollen wir denn nicht an den unar­ti­gen Buben Rache nehmen?” fragten die jun­gen Störche.

Laßt sie schreien, so viel sie wollen! Ihr fliegt doch zu den Wolken auf und kommt nach dem Lande der Pyra­mi­den, wenn sie frieren müssen und kein grünes Blatt, keinen süßen Apfel haben!”

Ja, wir wollen uns rächen!” zis­chel­ten sie einan­der zu, und dann wurde wieder exercirt.

Von allen Knaben auf der Straße war kein­er ärg­er darauf erpicht, das Spot­tlied zu sin­gen, als ger­ade der, welch­er damit ange­fan­gen hat­te, und das war ein ganz klein­er; er war wohl nicht mehr als sechs Jahr alt. Die jun­gen Störche glaubten freilich, daß er hun­dert Jahr zäh­le, denn er war ja so viel größer, als ihre Mut­ter und ihr Vater, und was wußten sie davon, wie alt Kinder und große Men­schen sein kön­nten! Ihre ganze Rache sollte diesen Knaben tre­f­fen; er hat­te ja zuerst begonnen und er blieb auch immer dabei. Die jun­gen Störche waren sehr aufge­bracht, und als sie größer wur­den, woll­ten sie es noch weniger dulden; die Mut­ter mußte ihnen zulet­zt ver­sprechen, daß sie gerächt wer­den soll­ten, aber erst am let­zten Tage ihres Aufenthalts.

Wir müssen ja erst sehen, wie Ihr Euch bei dem großen Manöver benehmen werdet! Beste­ht Ihr schlecht, sodaß der Gen­er­al Euch den Schn­abel durch die Brust ren­nt: dann haben ja die Knaben Recht, wenig­stens in ein­er Weise! Laßt uns nun sehen!”

Ja, das sollst Du!” sagten die Jun­gen, und so gaben sie sich recht Mühe; sie übten sich jeden Tag und flo­gen so niedlich und leicht, daß es ordentlich eine Lust war.

Nun kam der Herb­st: alle Störche began­nen sich zu sam­meln und nach den war­men Län­dern fortzuziehen, während wir Win­ter hat­ten. Das war ein Manöver! Ueber Wälder und Dör­fer mußten sie, nur um zu sehen, wie gut sie fliegen kön­nten, denn es war ja eine große Reise, die ihnen bevor­stand. Die jun­gen Störche macht­en ihre Sachen so brav, daß sie Aus­geze­ich­net gut, mit Frosch und Schlangen”, erhiel­ten. Das war das allerbeste Zeug­niß, und den Frosch und die Schlange kon­nten sie essen; das that­en sie auch.

Nun wollen wir uns rächen!” sagten sie.

Ja, gewiß!” sagte die Storch­mut­ter. Was ich mir aus­gedacht, ist ger­ade das Richtig­ste! Ich weiß, wo der Teich ist, in dem alle die kleinen Men­schenkinder liegen, bis der Storch kommt und sie den Eltern bringt. Die niedlichen kleinen Kinder schlafen und träu­men so lieblich, wie sie später nie mehr träu­men. Alle Eltern wollen gerne solch ein kleines Kind haben, und alle Kinder wollen eine Schwest­er oder einen Brud­er haben. Nun wollen wir nach dem Teiche hin­fliegen und eins für jedes der Kinder holen, welche nicht das böse Lied gesun­gen und die Störche zum besten gehabt haben!”

Aber der, welch­er zu sin­gen ange­fan­gen, der schlimme, häßliche Knabe!” schrieen die jun­gen Störche; was machen wir mit ihm?”

Da liegt im Teich ein kleines todtes Kind, das sich todt geträumt hat: das wollen wir für ihn nehmen; da wird er weinen, weil wir ihm einen todten kleinen Brud­er gebracht. haben; aber dem guten Knaben — ihn habt Ihr doch nicht vergessen, ihn, der da sagte: Es sei Unrecht, die Thiere zum besten zu haben! — ihm wollen wir sowohl einen Brud­er als eine Schwest­er brin­gen. Und da der Knabe Peter hieß, so sollt Ihr auch alle­sammt Peter heißen!”

Und es geschah, wie sie sagte; und es hießen alle Störche Peter, und so wer­den sie noch genannt.