Die sieben Raben

von Ludwig Bechstein

~7 Min

Wie in der Welt gar viele wun­der­liche Dinge geschehen, so trug es sich auch ein­mal zu, dass eine arme Frau sieben Knäblein auf ein­mal gebar. Diese lebten alle und gediehen gar prächtig. Nach etlichen Jahren bekam die Frau dann auch noch ein Töchterchen.

Ihr Mann war gar fleißig und tüchtig in sein­er Arbeit. Gerne nah­men ihn die Leute in Dien­sten, wenn sie einen Han­dar­beit­er braucht­en. So kon­nte der Mann seine ganze Fam­i­lie auf ehrliche Weise ernähren. Und meis­tens war es auch genug, um davon einen Notpfen­nig zurückzulegen.

Doch dieser treue Vater starb in seinen besten Jahren, und die arme Witwe geri­et bald in Not. Denn sie kon­nte nicht so viel schaf­fen, um ihre acht Kinder zu ernähren und zu klei­den. Auch wur­den die sieben Knaben immer größer und braucht­en immer mehr. Zur größten Betrüb­nis ihrer Mut­ter gebärde­ten sie sich aber immer unar­tiger, ja sie wur­den sog­ar wild und böse. Die arme Frau ver­mochte kaum zu ertra­gen, was sie alles beküm­merte und drück­te. Sie wollte doch ihre Kinder gut und fromm erziehen. Doch ihre Strenge und Milde fruchtete nichts, sodass die Herzen der Knaben ver­stockt waren und blieben.

Da sprach die Mut­ter eines Tages, als ihre Geduld zu Ende war: O, ihr bösen Jun­gen! Ich wollte, ihr wäret sieben schwarze Raben und flöget fort, auf dass ich euch nim­mer wieder­se­he.” Und als­bald wur­den die sieben Knaben zu Raben­vögeln, fuhren zum Fen­ster hin­aus und verschwanden.

Nun lebte die Mut­ter mit ihrem einzi­gen Töchter­lein recht stille und zufrieden. Sie ver­di­en­ten sich mehr noch, als sie braucht­en. Und die Tochter wurde ein hüb­sches, gutes und sittsames Mäd­chen. Doch nach etlichen Jahren beka­men bei­de gar her­zliche Sehn­sucht nach den sieben Brüdern. Sie sprachen oft von ihnen und wein­ten auch. Wenn doch die Brüder wiederkä­men und brave Burschen wären. Wie kön­nten sie doch alle durch gemein­same Arbeit gut ste­hen und untere­inan­der viel Freude haben. Und weil die Sehn­sucht nach ihren Brüdern im Herzen des Mägdeleins immer heftiger ward, sprach sie einst zur Mut­ter: Liebe Mut­ter, lass mich fort­wan­dern und die Brüder suchen, dass ich sie umlenke von ihrem bösen Wesen und sie dir zuführe, zur Ehre und Freude deines Alters.”

Die Mut­ter antwortete: Du gute Tochter, ich kann und will dich nicht abhal­ten, die fromme Tat zu vollführen. Wan­dere nur fort, und Gott geleite dich!” Darauf gab sie ihr noch ein kleines goldnes Ringelein, das sie schon als kleines Kind am Fin­ger getra­gen hat­te, als die Brüder sich zu Raben verwandelten.

Da machte sich das Mäd­chen sogle­ich auf und wan­derte gar weit, weit fort. Lange fand sich keine Spur von ihren Brüdern. Aber dann kam sie an einen hohen Berg, auf dessen Höhe ein kleines Häuschen stand. Das Mäd­chen set­zte sich am Fuße des Berges nieder, um auszu­ruhen, und blick­te nach­den­klich hin­auf zu dem Häuschen. Dieses kam ihr bald vor wie ein Vogelnest, denn es sah grau aus, als ob es von Steinchen und Kot zusam­menge­fügt wäre. Dann kam es ihr vor wie eine men­schliche Woh­nung, und sie dachte: Ob nicht da droben deine Brüder wohnen?” Und als sie endlich sieben schwarze Raben aus dem Häuschen fliegen sah, fand sie sich bestätigt.

Das Mägdelein machte sich freudig auf den Weg, den Berg zu ersteigen. Doch der Weg, der hin­auf­führte, war mit selt­samen, spiegel­glat­ten Steinen gepflastert. Immer wenn sie mit großer Mühe eine Strecke hin­aufge­laufen war, glitt sie aus und fiel wieder herunter. Da wurde sie betrübt und wusste nicht, wie sie nun hin­aufkom­men sollte.

Doch da sah sie eine schöne weiße Gans und dachte: Wenn ich nur deine Flügel hätte, so wollte ich bald droben sein.” Dann dachte sie wieder: Kann ich mir denn ihre Flügel nicht abschnei­den? Ei, dann wäre mir ja geholfen!” Und sie fing rasch die schöne Gans, schnitt ihr die Flügel ab, auch die Beine und nähte sich diesel­ben an. Und siehe, wie sie das Fliegen pro­bierte, ging es so schön, so leicht und so gut. Und wenn sie müde war vom Fliegen, lief sie ein wenig mit den Gänse­füßen und glitt nicht wieder aus.

So kam sie schnell und gut an das lang ersehnte Ziel. Droben ging sie hinein in das Häuschen, doch war es sehr klein. Drin­nen standen sieben winzig kleine Tis­chchen, sieben Stühlchen, und sieben Bettchen. In der Stube waren auch sieben Fen­sterchen, und in dem Ofen standen sieben Schüs­selchen, darauf gebratene Vögelchen und gesot­tene Vogeleier.

Die gute Schwest­er war von der weit­en Reise müde gewor­den und freute sich nun, ein­mal ordentlich aus­ruhen zu kön­nen. Und weil sie der Hunger plagte, nahm sie die sieben Schüs­selchen aus dem Ofen und aß aus jed­er ein wenig. Sie set­zte sich auch ein wenig auf jedes Stühlchen, legte sich in jedes Bettchen ein wenig und schlief in dem let­zten Bettchen schließlich ein.

Als die Brüder zurück­ka­men, flo­gen sie durch die sieben Fen­ster in die Stube here­in, nah­men ihre Schüs­seln aus dem Ofen und woll­ten essen. Da merk­ten sie, dass schon davon gegessen war. Nun woll­ten sie sich schlafen leg­en und fan­den ihre Bettchen ver­rückt. Ein­er der Brüder tat einen laut­en Schrei und sprach: Oh, was liegt für ein Mägdelein in meinem Bett!” Die andern Brüder liefen schnell her­bei und sahen mit Erstaunen, wer hier im Bette lag. Da sprach ein­er zu den anderen: Wenn es doch unser Schwest­erchen wäre!” Und wieder rief ein­er zu den andern voll Freude: Ja, das ist unser Schwest­erchen, ja, das ist sie! Solche Haare hat­te sie, und solch ein Mündlein. Und solch ein Ringlein trug sie damals an ihrem größten Fin­ger, wie es jet­zt am kle­in­sten ist!” Die sieben Raben jauchzten und küssten ihr Schwest­erchen alle, aber sie schlief tief und fest.

Endlich schlug das Mäd­chen die Äuglein auf und sah die sieben schwarzen Brüder um sich sitzen. Da sagte sie: Oh, seid her­zlich gegrüßt, meine lieben Brüder. Gott sei gedankt, dass ich euch endlich gefun­den habe. Euretwe­gen habe ich eine lange und mühevolle Reise gemacht. Ich will euch aus eur­er Ver­ban­nung holen, wenn ihr fleißig mit uns arbeit­et und die Ehre und Freude eur­er alten Mut­ter wer­den wollet.”

Bei dieser Rede hat­ten die Brüder bit­ter­lich geweint und sprachen nun: Ja, herzige Schwest­er, wir wollen gut sein und nie wieder die Mut­ter belei­di­gen. Ach, als Raben haben wir nur ein elen­des Leben. Und ehe wir dieses Häuschen hat­ten, sind wir oft vor Hunger und Pein bald umgekom­men. Dazu kam die Reue, die uns Tag und Nacht folterte, denn wir mussten am Gal­gen die Leichen von armen gerichteten Sün­dern fressen. Dies hat uns stets daran erin­nert, zu welch schauer­lichem Ende die Boshaftigkeit führen kann.”

Die Schwest­er weinte und war doch froh, dass ihre Brüder sich bekehrt hat­ten und solch fromme Worte sprachen. Oh!” rief sie aus. Nun ist alles gut. Wenn ihr nach Hause kommt und die Mut­ter vern­immt, dass ihr bess­er gewor­den seid, wird sie euch her­zlich verzei­hen und euch wieder zu Men­schen machen.”

Als nun die Brüder mit dem Schwest­erchen heim­reisen woll­ten, gaben sie ihr zuerst ein hölz­ernes Kästchen und sagten: Liebe Schwest­er, nimm diese gold­e­nen Ringe und blitzen­den Steinchen hier, die wir draußen nach und nach fan­den. Nimm sie in dein Schürzchen und trage sie mit nach Hause, denn dadurch kön­nen wir als Men­schen reich wer­den. Als Raben haben wir sie nur um des schö­nen Glanzes willen zusammengetragen.”

Das Schwest­erchen tat so, wie die Brüder es woll­ten, und hat­te selb­st Freude an dem schö­nen Schmuck. Auf der Heim­reise tru­gen die Raben­brüder ein­er nach den andern das Schwest­erchen auf ihren Flügeln, bis sie an die Woh­nung ihrer Mut­ter kamen. Dort flo­gen sie zum Fen­ster hinein, bat­en ihre Mut­ter um Verzei­hung und gelobten, for­t­an stets gute Kinder zu sein. Auch die Schwest­er half bit­ten und fle­hen, darauf die Mut­ter voller Freude und Liebe für ihre sieben Söhne war.

Da wur­den diese wieder Men­schen und gar prächtige Jünglinge, ein­er so groß und anmutsvoll wie der andre. Mit großem Dank herzten und küssten sie alle die Mut­ter und die liebevolle Schwester.

Bald darauf nah­men sich alle sieben Brüder junge sittsame Frauen und hiel­ten sieben­fache Hochzeit. Und sie baut­en sich ein großes schönes Haus mit dem Geld, dass sie für die Goldringe und Edel­steine beka­men. Dann nahm sich auch die Schwest­er einen braven Mann. Doch die Arme musste auf der Brüder Fle­hen und Bit­ten bei ihnen wohnen bleiben. So hat­te die gute Mut­ter aber noch viele Freude an all ihren Kindern und wurde von densel­ben bis in ihr spätes Alter liebevoll gepflegt und kindlich verehrt.