Die sechs Schwäne

von Brüder Grimm

~10 Min

Es jagte ein­mal ein König in einem grossen Wald und jagte einem Wild so eifrig nach, dass ihm nie­mand von seinen Leuten fol­gen kon­nte. Als der Abend her­ankam, hielt er still und blick­te um sich, da sah er, dass er sich verir­rt hat­te. Er suchte einen Aus­gang, kon­nte aber keinen find­en. Da sah er eine alte Frau mit wack­el­n­dem Kopfe, die auf ihn zukam; das war aber eine Hexe.

Liebe Frau,“ sprach er zu ihr, kön­nt Ihr mir nicht den Weg durch den Wald zeigen?“

O ja, Herr König,“ antwortete sie, das kann ich wohl, aber es ist eine Bedin­gung dabei, wenn Ihr die nicht erfüllt, so kommt Ihr nim­mer­mehr aus dem Wald und müsst darin Hungers sterben.“

Was ist das für eine Bedin­gung?“ fragte der König.

Ich habe eine Tochter,“ sagte die Alte, die so schön ist, wie Ihr eine auf der Welt find­en kön­nt, und wohl ver­di­ent, Eure Gemahlin zu wer­den, wollt Ihr die zur Frau Köni­gin machen, so zeige ich Euch den Weg aus dem Walde.“

Der König in der Angst seines Herzens willigte ein, und die Alte führte ihn zu ihrem Häuschen, wo ihre Tochter beim Feuer sass. Sie empf­ing den König, als wenn sie ihn erwartet hätte, und er sah wohl, dass sie sehr schön war, aber sie gefiel ihm doch nicht, und er kon­nte sie ohne heim­lich­es Grausen nicht anse­hen. Nach­dem er das Mäd­chen zu sich aufs Pferd gehoben hat­te, zeigte ihm die Alte den Weg, und der König gelangte wieder in sein königlich­es Schloss, wo die Hochzeit gefeiert wurde.

Der König war schon ein­mal ver­heiratet gewe­sen und hat­te von sein­er ersten Gemahlin sieben Kinder, sechs Knaben und ein Mäd­chen, die er über alles auf der Welt liebte. Weil er nun fürchtete, die Stief­mut­ter möchte sie nicht gut behan­deln und ihnen gar ein Leid antun, so brachte er sie in ein ein­sames Schloss, das mit­ten in einem Walde stand. Es lag so ver­bor­gen und der Weg war so schw­er zu find­en, dass er ihn selb­st nicht gefun­den hätte, wenn ihm nicht eine weise Frau ein Knäuel Garn von wun­der­bar­er Eigen­schaft geschenkt hätte; wenn er das vor sich hin­warf, so wick­elte es sich von selb­st los und zeigte ihm den Weg.

Der König ging aber so oft hin­aus zu seinen lieben Kindern, dass der Köni­gin seine Abwe­sen­heit auffiel; sie ward neugierig und wollte wis­sen, was er draussen ganz allein in dem Walde zu schaf­fen habe. Sie gab seinen Dienern viel Geld, und die ver­ri­eten ihr das Geheim­nis und sagten ihr auch von dem Knäuel, das allein den Weg zeigen kön­nte. Nun hat­te sie keine Ruhe, bis sie her­aus­ge­bracht hat­te, wo der König das Knäuel auf­be­wahrte, und dann machte sie kleine weiss­sei­dene Hemd­chen, und da sie von ihrer Mut­ter die Hex­enkün­ste gel­ernt hat­te, so nähete sie einen Zauber hinein. Und als der König ein­mal auf die Jagd gerit­ten war, nahm sie die Hemd­chen und ging in den Wald, und das Knäuel zeigte ihr den Weg. Die Kinder, die aus der Ferne jemand kom­men sahen, mein­ten, ihr lieber Vater käme zu ihnen, und sprangen ihm voll Freude ent­ge­gen. Da warf sie über ein jedes eins von den Hemd­chen, und wie das ihren Leib berührt hat­te, ver­wan­del­ten sie sich in Schwäne und flo­gen über den Wald hin­weg. Die Köni­gin ging ganz vergnügt nach Haus und glaubte ihre Stiefkinder los zu sein, aber das Mäd­chen war ihr mit den Brüdern nicht ent­ge­gen­ge­laufen, und sie wusste nichts von ihm. Andern­tags kam der König und wollte seine Kinder besuchen, er fand aber nie­mand als das Mädchen.

Wo sind deine Brüder?“ fragte der König.

Ach, lieber Vater,“ antwortete es, die sind fort und haben mich allein zurück­ge­lassen,“ und erzählte ihm, dass es aus seinem Fen­ster­lein mit ange­se­hen habe, wie seine Brüder als Schwäne über den Wald wegge­flo­gen wären, und zeigte ihm die Fed­ern, die sie in dem Hof hat­ten fall­en lassen und die es aufge­le­sen hat­te. Der König trauerte, aber er dachte nicht, dass die Köni­gin die böse Tat voll­bracht hätte, und weil er fürchtete, das Mäd­chen würde ihm auch ger­aubt, so wollte er es mit fort­nehmen. Aber es hat­te Angst vor der Stief­mut­ter und bat den König, dass es nur noch diese Nacht im Wald­schloss bleiben dürfte.

Das arme Mäd­chen dachte: Meines Bleibens ist nicht länger hier, ich will gehen und meine Brüder suchen. Und als die Nacht kam, ent­floh es und ging ger­ade in den Wald hinein. Es ging die ganze Nacht durch und auch den andern Tag in einem fort, bis es vor Müdigkeit nicht weit­erkon­nte. Da sah es eine Wild­hütte, stieg hin­auf und fand eine Stube mit sechs kleinen Bet­ten, aber es getraute nicht, sich in eins zu leg­en, son­dern kroch unter eins, legte sich auf den harten Boden und wollte die Nacht da zubrin­gen. Als aber die Sonne bald unterge­hen wollte, hörte es ein Rauschen und sah, dass sechs Schwäne zum Fen­ster hereinge­flo­gen kamen. Sie set­zten sich auf den Boden und bliesen einan­der an und bliesen sich alle Fed­ern ab, und ihre Schwa­nen­haut streifte sich ab wie ein Hemd. Da sah sie das Mäd­chen an und erkan­nte ihre Brüder, freute sich und kroch unter dem Bett her­vor. Die Brüder waren nicht weniger erfreut, als sie ihr Schwest­erchen erblick­ten, aber ihre Freude war von kurz­er Dauer.

Hier kann deines Bleibens nicht sein,“ sprachen sie zu ihm, das ist eine Her­berge für Räu­ber, wenn die heimkom­men und find­en dich, so ermor­den sie dich.“

Kön­nt ihr mich denn nicht beschützen?“ fragte das Schwesterchen.

Nein,“ antworteten sie, denn wir kön­nen nur eine Vier­tel­stunde lang jeden Abend unsere Schwa­nen­haut able­gen und haben in dieser Zeit unsere men­schliche Gestalt, aber dann wer­den wir wieder in Schwäne ver­wan­delt.“ Das Schwest­erchen weinte und sagte: Kön­nt ihr denn nicht erlöst werden?“

Ach nein,“ antworteten sie, die Bedin­gun­gen sind zu schw­er. Du darf­st sechs Jahre lang nicht sprechen und nicht lachen und musst in der Zeit sechs Hemd­chen für uns aus Ster­nen­blu­men zusam­men­nähen. Kommt ein einziges Wort aus deinem Munde, so ist alle Arbeit ver­loren.“ Und als die Brüder das gesprochen hat­ten, war die Vier­tel­stunde herum, und sie flo­gen als Schwäne wieder zum Fen­ster hinaus.

Das Mäd­chen aber fasste den fes­ten Entschluss, seine Brüder zu erlösen, und wenn es auch sein Leben kostete. Es ver­liess die Wild­hütte, ging mit­ten in den Wald und set­zte sich auf einen Baum und brachte da die Nacht zu. Am andern Mor­gen ging es aus, sam­melte Stern­blu­men und fing an zu nähen. Reden kon­nte es mit nie­mand, und zum Lachen hat­te es keine Lust; es sass da und sah nur auf seine Arbeit. Als es schon lange Zeit da zuge­bracht hat­te, geschah es, dass der König des Lan­des in dem Wald jagte und seine Jäger zu dem Baum kamen, auf welchem das Mäd­chen sass. Sie riefen es an und sagten: Wer bist du?“ Es gab aber keine Antwort. Komm herab zu uns,“ sagten sie, wir wollen dir nichts zuleid tun.“ Es schüt­telte bloss mit dem Kopf. Als sie es weit­er mit Fra­gen bedrängten, so warf es ihnen seine gold­ene Hals­kette herab und dachte sie damit zufrieden­zustellen. Sie liessen aber nicht ab, da warf es ihnen seinen Gür­tel herab, und als auch dies nicht half, seine Strumpf­bän­der, und nach und nach alles, was es anhat­te und ent­behren kon­nte, so dass es nichts mehr als sein Hemdlein behielt. Die Jäger liessen sich aber damit nicht abweisen, stiegen auf den Baum, hoben das Mäd­chen herab und führten es vor den König.

Der König fragte: Wer bist du? Was machst du auf dem Baum?“ Aber es antwortete nicht. Er fragte es in allen Sprachen, die er wusste, aber es blieb stumm wie ein Fisch. Weil es aber so schön war, so ward des Königs Herz gerührt, und er fasste eine grosse Liebe zu ihm. Er tat ihm seinen Man­tel um, nahm es vor sich aufs Pferd und brachte es in sein Schloss. Da liess er ihm reiche Klei­der antun, und es strahlte in sein­er Schön­heit wie der helle Tag, aber es war kein Wort aus ihm her­auszubrin­gen. Er set­zte es bei Tisch an seine Seite, und seine beschei­de­nen Mienen und seine Sittsamkeit gefie­len ihm so sehr, dass er sprach: Diese begehre ich zu heirat­en und keine andere auf der Welt,“ und nach eini­gen Tagen ver­mählte er sich mit ihr.

Der König aber hat­te eine böse Mut­ter, die war unzufrieden mit dieser Heirat und sprach schlecht von der jun­gen Köni­gin. Wer weiss, wo die Dirne her ist,“ sagte sie, die nicht reden kann: Sie ist eines Königs nicht würdig“ Über ein Jahr, als die Köni­gin das erste Kind zur Welt brachte, nahm es ihr die Alte weg und bestrich ihr im Schlafe den Mund mit Blut. Da ging sie zum König und klagte sie an, sie wäre eine Men­schen­fresserin. Der König wollte es nicht glauben und litt nicht, dass man ihr ein Leid antat. Sie sass aber beständig und nähete an den Hem­den und achtete auf nichts anderes. Das näch­ste Mal, als sie wieder einen schö­nen Knaben gebar, übte die falsche Schwiegermut­ter densel­ben Betrug aus, aber der König kon­nte sich nicht entschliessen, ihren Reden Glauben beizumessen. Er sprach: Sie ist zu fromm und gut, als dass sie so etwas tun kön­nte, wäre sie nicht stumm und kön­nte sie sich vertei­di­gen, so würde ihre Unschuld an den Tag kom­men.“ Als aber das dritte Mal die Alte das neuge­borne Kind raubte und die Köni­gin anklagte, die kein Wort zu ihrer Vertei­di­gung vor­brachte, so kon­nte der König nicht anders, er musste sie dem Gericht übergeben, und das verurteilte sie, den Tod durchs Feuer zu erleiden.

Als der Tag her­ankam, wo das Urteil sollte vol­l­zo­gen wer­den, da war zugle­ich der let­zte Tag von den sechs Jahren herum, in welchen sie nicht sprechen und nicht lachen durfte, und sie hat­te ihre lieben Brüder aus der Macht des Zaubers befre­it. Die sechs Hem­den waren fer­tig gewor­den, nur dass an dem let­zten der linke Ärmel noch fehlte. Als sie nun zum Scheit­er­haufen geführt wurde, legte sie die Hem­den auf ihren Arm, und als sie oben stand und das Feuer eben sollte angezün­det wer­den, so schaute sie sich um, da kamen sechs Schwäne durch die Luft daherge­zo­gen. Da sah sie, dass ihre Erlö­sung nahte, und ihr Herz regte sich in Freude.

Die Schwäne rauscht­en zu ihr her und senk­ten sich herab, so dass sie ihnen die Hem­den über­w­er­fen kon­nte; und wie sie davon berührt wur­den, fie­len die Schwa­nen­häute ab, und ihre Brüder standen leib­haftig vor ihr und waren frisch und schön; nur dem Jüng­sten fehlte der linke Arm, und er hat­te dafür einen Schwa­nen­flügel am Rück­en. Sie herzten und küssten sich, und die Köni­gin ging zu dem Könige, der ganz bestürzt war, und fing an zu reden und sagte: Lieb­ster Gemahl, nun darf ich sprechen und dir offen­baren, dass ich unschuldig bin und fälschlich angeklagt,“ und erzählte ihm von dem Betrug der Alten, die ihre drei Kinder weggenom­men und ver­bor­gen hätte. Da wur­den sie zu gross­er Freude des Königs her­beige­holt, und die böse Schwiegermut­ter wurde zur Strafe auf den Scheit­er­haufen gebun­den und zu Asche ver­bran­nt. Der König aber und die Köni­gin mit ihren sechs Brüdern lebten lange Jahre in Glück und Frieden.