Die sechs Diener

von Brüder Grimm

~13 Min

Vor Zeit­en lebte eine alte Köni­gin, die war eine Zauberin, und ihre Tochter war das schön­ste Mäd­chen unter der Sonne. Die Alte dachte aber auf nichts, als wie sie die Men­schen ins Verder­ben lock­en kön­nte, und wenn ein Freier kam, so sprach sie, wer ihre Tochter haben wollte, müsste zuvor eine Auf­gabe lösen, oder er müsste ster­ben. Viele waren von der Schön­heit der Jungfrau verblendet und wagten es wohl, aber sie kon­nten nicht voll­brin­gen, was die Alte ihnen auflegte, und dann war keine Gnade, sie mussten niederknien, und das Haupt ward ihnen abgeschlagen. 

Ein Königssohn, der hat­te auch von der grossen Schön­heit der Jungfrau gehört und sprach zu seinem Vater: Lasst mich hinziehen, ich will um sie werben.“ 

Nim­mer­mehr,“ antwortete der König, gehst du fort, so gehst du in deinen Tod.“ 

Da legte der Sohn sich nieder und ward ster­ben­skrank und lag sieben Jahre lang, und kein Arzt kon­nte ihm helfen. Als der Vater sah, dass keine Hoff­nung mehr war, sprach er voll Herzen­strau­rigkeit zu ihm: Zieh hin und ver­suche dein Glück, ich weiss dir son­st nicht zu helfen.“ Wie der Sohn das hörte, stand er auf von seinem Lager, ward gesund und machte sich fröh­lich auf den Weg. 

Es trug sich zu, als er über eine Hei­de zu reit­en kam, dass er von weit­em auf der Erde etwas liegen sah wie einen grossen Heuhaufen, und wie er sich näherte, kon­nte er unter­schei­den, dass es der Bauch eines Men­schen war, der sich dahingestreckt hat­te; der Bauch aber sah aus wie ein klein­er Berg. Der Dicke, wie er den Reisenden erblick­te, richtete sich in die Höhe und sprach: Wenn Ihr jemand braucht, so nehmt mich in Eure Dienste.“ 

Der Königssohn antwortete: Was soll ich mit einem so unge­fü­gen Mann anfangen?“ 

Oh,“ sprach der Dicke, das will nichts sagen, wenn ich mich recht auseinan­der tue, bin ich noch dre­itausend­mal so dick.“ 

Wenn das ist,“ sagte der Königssohn, so kann ich dich brauchen, komm mit mir.“ 

Da ging der Dicke hin­ter dem Königssohn her, und über eine Weile fan­den sie einen andern, der lag da auf der Erde und hat­te das Ohr auf den Rasen gelegt. Fragte der Königssohn: Was machst du da?“ 

Ich horche,“ antwortete der Mann. 

Wonach horchst du so aufmerksam?“ 

Ich horche nach dem, was eben in der Welt sich zuträgt, denn meinen Ohren ent­ge­ht nichts, das Gras sog­ar hör ich wachsen. 

Fragte der Königssohn: Sage mir, was hörst du am Hofe der alten Köni­gin, welche die schöne Tochter hat?“ 

Da antwortete er: Ich höre das Schw­ert sausen, das einem Freier den Kopf abschlägt.“ Der Königssohn sprach: Ich kann dich brauchen, komm mit mir.“ Da zogen sie weit­er und sahen ein­mal ein Paar Füsse da liegen und auch etwas von den Beinen, aber das Ende kon­nten sie nicht sehen. Als sie eine gute Strecke fort­ge­gan­gen waren, kamen sie zu dem Leib und endlich auch zu dem Kopf. Ei,“ sprach der Königssohn, was bist du für ein langer Strick!“ 

Oh,“ antwortete der Lange, das ist noch gar nichts, wenn ich meine Glied­massen erst recht ausstrecke, bin ich noch dre­itausend­mal so lang und bin gröss­er als der höch­ste Berg auf Erden. Ich will Euch gerne dienen, wenn Ihr mich annehmen wollt.“ 

Komm mit,“ sprach der Königssohn, ich kann dich brauchen.“ 

Sie zogen weit­er und fan­den einen am Weg sitzen, der hat­te die Augen zuge­bun­den. Sprach der Königssohn zu ihm: Hast du blöde Augen, dass du nicht in das Licht sehen kannst?“ 

Nein,“ antwortete der Mann, ich darf die Binde nicht abnehmen, denn was ich mit meinen Augen anse­he, das springt auseinan­der, so gewaltig ist mein Blick. Kann Euch das nützen, so will ich Euch gern dienen.“ 

Komm mit,“ antwortete der Königssohn, ich kann dich brauchen.“ Sie zogen weit­er und fan­den einen Mann, der lag mit­ten im heis­sen Son­nen­schein und zit­terte und fror am ganzen Leibe, so dass ihm kein Glied still­stand. Wie kannst du frieren?“ sprach der Königssohn, und die Sonne scheint so warm.“ 

Ach,“ antwortete der Mann, meine Natur ist ganz ander­er Art, je heiss­er es ist, desto mehr frier ich, und der Frost dringt mir durch alle Knochen. Und je käl­ter es ist, desto heiss­er wird mir. Mit­ten im Eis kann ich’s vor Hitze und mit­ten im Feuer vor Kälte nicht aushalten.“ 

Du bist ein wun­der­lich­er Kerl,“ sprach der Königssohn, aber wenn du mir dienen willst, so komm mit.“ Nun zogen sie weit­er und sahen einen Mann ste­hen, der machte einen lan­gen Hals, schaute sich um und schaute über alle Berge hin­aus. Sprach der Königssohn: Wonach siehst du so eifrig?“ 

Der Mann antwortete: Ich habe so helle Augen, dass ich über alle Wälder und Felder, Täler und Berge hin­aus und durch die ganze Welt sehen kann.“ Der Königssohn sprach: Willst du, so komm mit mir, denn so ein­er fehlte mir noch.“ 

Nun zog der Königssohn mit seinen sechs Dienern in die Stadt ein, wo die alte Köni­gin lebte. Er sagte nicht, wer er wäre, aber er sprach: Wollt Ihr mir Eure schöne Tochter geben, so will ich voll­brin­gen, was Ihr mir aufer­legt.“ Die Zauberin freute sich, dass ein so schön­er Jüngling wieder in ihre Net­ze fiel, und sprach: Dreimal will ich dir eine Auf­gabe aufgeben, lös­est du sie jedes­mal, so sollst du der Herr und Gemahl mein­er Tochter werden.“ 

Was soll das erste sein?“ fragte er. 

Dass du mir einen Ring her­beib­ringst, den ich ins Rote Meer habe fall­en lassen.“ Da ging der Königssohn heim zu seinen Dienern und sprach: Die erste Auf­gabe ist nicht leicht, ein Ring soll aus dem Roten Meer geholt wer­den, nun schafft Rat.“ Da sprach der mit den hellen Augen: Ich will sehen, wo er liegt,“ schaute in das Meer hinab und sagte: Dort hängt er an einem spitzen Stein.“ Der Lange trug sie hin und sprach: Ich wollte ihn wohl her­aus­holen, wenn ich ihn nur sehen könnte.“ 

Wenn’s weit­er nichts ist,“ rief der Dicke, legte sich nieder und hielt seinen Mund ans Wass­er. Da fie­len die Wellen hinein wie in einen Abgrund, und er trank das ganze Meer aus, dass es trock­en ward wie eine Wiese. Der Lange bück­te sich ein wenig und holte den Ring mit der Hand her­aus. Da ward der Königssohn froh, als er den Ring hat­te, und brachte ihn der Alten. 

Sie erstaunte und sprach: Ja, es ist der rechte Ring. Die erste Auf­gabe hast du glück­lich gelöst, aber nun kommt die zweite. Siehst du, dort auf der Wiese vor meinem Schlosse, da wei­den drei­hun­dert fette Ochsen, die musst du mit Haut und Haar, Knochen und Hörn­ern verzehren. Und unten im Keller liegen drei­hun­dert Fäss­er Wein, die musst du dazu aus­trinken, und bleibt von den Ochsen ein Haar und von dem Wein ein Tröpfchen übrig, so ist mir dein Leben verfallen.“ 

Sprach der Königssohn: Darf ich mir keine Gäste dazu laden? Ohne Gesellschaft schmeckt keine Mahlzeit.“ 

Die Alte lachte boshaft und antwortete: Einen darf­st du dir dazu laden, damit du Gesellschaft hast, aber weit­er keinen.“ 

Da ging der Königssohn zu seinen Dienern und sprach zu dem Dick­en: Du sollst heute mein Gast sein und dich ein­mal satt essen.“ Da tat sich der Dicke voneinan­der und ass die drei­hun­dert Ochsen, dass kein Haar übrig­blieb, und fragte, ob weit­er nichts als das Früh­stück da wäre. Den Wein aber trank er gle­ich aus den Fässern, ohne dass er ein Glas nötig hat­te, und trank den let­zten Tropfen vom Nagel herunter. 

Als die Mahlzeit zu Ende war, ging der Königssohn zur Alten und sagte ihr, die zweite Auf­gabe wäre gelöst. Sie ver­wun­derte sich und sprach: So weit hat’s noch kein­er gebracht, aber es ist noch eine Auf­gabe übrig,“ und dachte: Du sollst mir nicht ent­ge­hen und wirst deinen Kopf nicht oben behal­ten. Heute abend,“ sprach sie, bring ich meine Tochter zu dir in deine Kam­mer, und du sollst sie mit deinem Arm umschlin­gen. Und wenn ihr da beisam­men sitzt, so hüte dich, dass du nicht ein­schläf­st. Ich komme Schlag zwölf Uhr, und ist sie dann nicht mehr in deinen Armen, so hast du ver­loren.“ Der Königssohn dachte: Der Bund ist leicht, ich will wohl meine Augen offen behal­ten, doch rief er seine Diener, erzählte ihnen, was die Alte gesagt hat­te, und sprach: Wer weiss, was für eine List dahin­ter­steckt, Vor­sicht ist gut, hal­tet Wache und sorgt, dass die Jungfrau nicht wieder aus mein­er Kam­mer kommt.“ 

Als die Nacht ein­brach, kam die Alte mit ihrer Tochter und führte sie in die Arme des Königssohns, und dann schlang sich der Lange um sie bei­de in einen Kreis, und der Dicke stellte sich vor die Türe, also dass keine lebendi­ge Seele here­in kon­nte. Da sassen sie bei­de, und die Jungfrau sprach kein Wort, aber der Mond schien durchs Fen­ster auf ihr Angesicht, dass er ihre wun­der­bare Schön­heit sehen kon­nte. Er tat nichts als sie anschauen, war voll Freude und Liebe, und es kam keine Müdigkeit in seine Augen. 

Das dauerte bis elf Uhr, da warf die Alte einen Zauber über alle, dass sie ein­schliefen, und in dem Augen­blick war auch die Jungfrau entrückt. 

Nun schliefen sie hart bis ein Vier­tel vor zwölf, da war der Zauber kraft­los, und sie erwacht­en alle wieder. 

O Jam­mer und Unglück,“ rief der Königssohn, nun bin ich ver­loren!“ Die treuen Diener fin­gen auch an zu kla­gen, aber der Horcher sprach: Seid still, ich will horchen,“ da horchte er einen Augen­blick, und dann sprach er: Sie sitzt in einem Felsen drei­hun­dert Stun­den von hier und bejam­mert ihr Schick­sal. Du allein kannst helfen, Langer, wenn du dich aufricht­est, so bist du mit ein paar Schrit­ten dort.“ 

Ja,“ antwortete der Lange, aber der mit den schar­fen Augen muss mit­ge­hen, damit wir den Felsen wegschaf­fen.“ Da huck­te der Lange den mit den ver­bun­de­nen Augen auf, und im Augen­blick, wie man eine Hand umwen­det, waren sie vor dem ver­wün­scht­en Felsen. Als­bald nahm der Lange dem andern die Binde von den Augen, der sich nur umschaute, so zer­sprang der Felsen in tausend Stücke. Da nahm der Lange die Jungfrau auf den Arm, trug sie in einem Nu zurück, holte eben­soschnell auch noch seinen Kam­er­aden, und eh es zwölfe schlug, sassen sie alle wieder wie vorher und waren munter und guter Dinge. 

Als es zwölf schlug, kam die alte Zauberin her­beigeschlichen, machte ein höh­nis­ches Gesicht, als wollte sie sagen: Nun ist er mein,“ und glaubte, ihre Tochter sässe drei­hun­dert Stun­den weit im Felsen. Als sie aber ihre Tochter in den Armen des Königssohns erblick­te, erschrak sie und sprach: Da ist ein­er, der kann mehr als ich.“ Aber sie durfte nichts ein­wen­den und musste ihm die Jungfrau zusagen. Da sprach sie ihr ins Ohr: Schande für dich, dass du gemeinem Volk gehorchen sollst und dir einen Gemahl nicht nach deinem Gefall­en wählen darfst.“ 

Da ward das stolze Herz der Jungfrau mit Zorn erfüllt und sann auf Rache. Sie liess am andern Mor­gen drei­hun­dert Mal­ter Holz zusam­men­fahren und sprach zu dem Königssohn, die drei Auf­gaben wären gelöst, sie würde aber nicht eher seine Gemahlin wer­den, bis ein­er bere­it wäre, sich mit­ten in das Holz zu set­zen und das Feuer auszuhal­ten. Sie dachte, kein­er sein­er Diener würde sich für ihn ver­bren­nen und aus Liebe zu ihr würde er sel­ber sich hinein­set­zen und dann wäre sie frei. Die Diener aber sprachen: Wir haben alle etwas getan, nur der Frostige noch nicht, der muss auch daran,“ set­zten ihn mit­ten auf den Holzs­toss und steck­ten ihn an. Da begann das Feuer zu bren­nen und bran­nte drei Tage, bis alles Holz verzehrt war, und als die Flam­men sich legten, stand der Frostige mit­ten in der Asche, zit­terte wie ein Espen­laub und sprach: Einen solchen Frost habe ich mein Leb­tage nicht aus­ge­hal­ten, und wenn er länger gedauert hätte, so wäre ich erstarrt.“ 

Nun war keine Aus­flucht mehr zu find­en, die schöne Jungfrau musste den unbekan­nten Jüngling zum Gemahl nehmen. Als sie aber nach der Kirche fuhren, sprach die Alte: Ich kann die Schande nicht ertra­gen,“ und schick­te ihr Kriegsvolk nach, das sollte alles nie­der­ma­chen, was ihm vorkäme, und ihr die Tochter zurück­brin­gen. Der Horcher aber hat­te die Ohren gespitzt und die heim­lichen Reden der Alten vernommen. 

Was fan­gen wir an?“ sprach er zu dem Dick­en, aber der wusste Rat, spie ein­mal oder zweimal hin­ter dem Wagen einen Teil von dem Meereswass­er aus, das er getrunk­en hat­te, da ent­stand ein gross­er See, worin die Kriegsvölk­er steck­en­blieben und ertranken. Als die Zauberin das ver­nahm, schick­te sie ihre gehar­nischt­en Reit­er, aber der Horcher hörte das Ras­seln ihrer Rüs­tung und band dem einen die Augen auf, der guck­te die Feinde ein biss­chen scharf an, da sprangen sie auseinan­der wie Glas. Nun fuhren sie ungestört weit­er, und als die bei­den in der Kirche einge­seg­net waren, nah­men die sechs Diener ihren Abschied und sprachen zu ihrem Her­rn: Eure Wün­sche sind erfüllt. Ihr habt uns nicht mehr nötig, wir wollen weit­er ziehen und unser Glück versuchen. 

Eine halbe Stunde vor dem Schloss war ein Dorf, vor dem hütete ein Schweine­hirt seine Herde. Wie sie dahin kamen, sprach er zu sein­er Frau: Weisst du auch recht, wer ich bin? Ich bin kein Königssohn, son­dern ein Schweine­hirt, und der mit der Herde dort, das ist mein Vater. Wir zwei müssen auch daran und ihm helfen hüten.“ Dann stieg er mit ihr in das Wirtshaus ab und sagte heim­lich zu den Wirt­sleuten, in der Nacht soll­ten sie ihr die königlichen Klei­der weg­nehmen. Wie sie nun am Mor­gen aufwachte, hat­te sie nichts anzu­tun, und die Wirtin gab ihr einen alten Rock und ein Paar alte, wol­lene Strümpfe, dabei tat sie noch, als wär’s ein gross­es Geschenk, und sprach: Wenn nicht Eur­er Mann wäre, hätt ich’s Euch gar nicht gegeben.“ Da glaubte sie, er wäre wirk­lich ein Schweine­hirt, und hütete mit ihm die Herde und dachte: Ich habe es ver­di­ent mit meinem Über­mut und Stolz. Das dauerte acht Tage, da kon­nte sie es nicht mehr aushal­ten, denn die Füsse waren ihr wund gewor­den. Da kamen ein paar Leute und fragten, ob sie wüsste, wer ihr Mann wäre. 

Ja,“ antwortete sie, er ist ein Schweine­hirt und ist eben aus­ge­gan­gen, mit Bän­dern und Schnüren einen kleinen Han­del zu treiben.“ Sie sprachen aber: Kommt ein­mal mit, wir wollen Euch zu ihm hin­führen,“ und bracht­en sie ins Schloss hin­auf; und wie sie in den Saal kam, stand da ihr Mann in königlichen Klei­dern. Sie erkan­nte ihn aber nicht, bis er ihr um den Hals fiel, sie küsste und sprach: Ich habe so viel für dich gelit­ten, da hast du auch für mich lei­den sollen.“ Nun ward erst die Hochzeit gefeiert, und der’s erzählt hat, wollte, er wäre auch dabeigewesen.