Die schöne junge Braut

von Ludwig Bechstein

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Es ging ein­mal ein hüb­sches Land­mäd­chen in den Wald, um Fut­ter für ihre Kuh zu holen. Wie sie nun in Gottes Namen Gras schnitt und an gar nichts Arges dachte, kamen auf ein­mal vier Räu­ber, umringten sie und führten sie ohne Gnad und Barmherzigkeit mit sich fort. Da mochte sie schreien und zap­peln, bit­ten und bet­teln, so viel sie wollte.

Weit ab von des Mäd­chens Heimat, in einem fin­steren Walde, hat­ten die Räu­ber ein Haus. Immer blieben wenig­stens einige daheim, wenn die andern zum Raub aus­zo­gen. Dem Mäd­chen tat­en die Räu­ber aber weit­er nichts zu Lei­de, als sie in dem Hause gefan­gen zu hal­ten. Sie musste den Haushalt besor­gen, kochen, back­en und waschen und wurde immer scharf bewacht. Anson­sten hat­te sie es aber gut, und die Räu­ber gaben ihr sog­ar einen Namen: Schöne junge Braut.

So war nun das Mäd­chen schon einige Jahre in der Räu­ber­her­berge. Da traf es sich ein­mal, dass ein großer Raub aus­ge­führt wer­den sollte, an dem die ganze helle Bande teil­nehmen musste. Das Mäd­chen schien sich an das Leben in der Räu­ber­höh­le gewöh­nt zu haben und hat­te auch noch keinen Fluchtver­such gewagt. Und weil sie auch schw­er­lich den Weg durch den wilden Wald find­en würde, dachte der Haupt­mann: Dieses Mal muss es eben ohne Wache gehen”. So blieb das Mäd­chen allein und unbe­wacht im Wald­hause zurück.

Kaum waren die Räu­ber aber fort, da sann die schöne Braut nach, wie sie unerkan­nt ent­fliehen könne. Sie machte geschwind eine Gestalt aus Stroh, zog der­sel­ben ihre Klei­der an, und set­zte dieser noch ihre Haube auf. Dann bestrich sich das Mäd­chen von Kopf bis zu den Füßen mit Honig und wälzte sich über und über in Fed­ern, so dass sie unerkennbar wie ein selt­samer Vogel aus­sah. Die Gestalt in ihren Klei­dern lehnte sie an ein Fen­ster über der Haustür und ließ sie mit verdeck­tem Gesicht hin­auss­chauen. Und weil sie für die Räu­ber gut gear­beit­et hat­te, nahm sie sich auch noch einen Jahres­lohn vom ver­steck­ten Räu­ber­schatz, den sie beim Haus­putz gefun­den hat­te. Nun kon­nte sie endlich von dan­nen eilen.

Mag sein, dass die Räu­ber eine Ahnung von der beab­sichtigten Flucht beka­men oder ein­fach nur etwas vergessen hat­ten. Der Haupt­mann schick­te jeden­falls einige sein­er Räu­ber nach Hause zurück. Und wie sie so mit schnellen Schrit­ten ihres Weges gin­gen, fiel ihnen das selt­sam fiedrige Käu­zlein auf. Sie dacht­en aber, es wäre ein Räu­berkumpan von der anderen Seite des Waldes, der sich unken­ntlich zu machen suchte. Lachend riefen sie die bedauern­swerte Gestalt an:

Wohin, wohin, Herr Fed­er­sack?
Was macht die schöne junge Braut?”

Diese, die es selb­st war, war zwar sehr erschrock­en, doch fasste sie sich ein Herz und antwortete mit tiefer ver­stell­ter Stimme:

Sie fegt und säu­bert euer Haus,
und schaut wohl auch zum Fen­ster ´raus!”

Dann beeilte sich das Mäd­chen, damit sie den Räu­bern aus dem Gesichte kam. Kaum war sie dem Walde glück­lich entron­nen, sah sie auch schon ein Dorf, nicht weit. Dort nahm sie erst ein­mal ein heißes Bad, um die Fed­ern und den Honig abzus­treifen. Dann kaufte sie sich hüb­sche Klei­der und gelangte so wohlbe­hal­ten nach langer Wan­derung in die Heimat zurück. Dort hat­te sie noch genug von ihrem Jahres­lohn, um wohl zu leben und einen wack­eren Burschen zu heiraten.

Als die Räu­ber aber von ihrem Raubzug nach Hause kamen, sahen sie schon von weit­em die Gestalt der schö­nen jun­gen Braut am Fen­ster ste­hen und riefen ihr fröh­lich zu:

Grüß Gott, O schöne junge Braut,
die fre­undlich uns entgegenschaut.”

Da der Gruß aber keine Antwort fand, wun­derten sich die Räu­ber schon sehr. Und als sie dann näher kamen, ver­mein­ten sie, die schöne junge Braut sei eingeschlafen. Vergebens riefen sie noch ein­mal und geboten ihr zu öff­nen. Doch selb­st ihr Pochen und Schreien, Rufen und Schel­ten zeit­igte keine Wirkung. Da trat­en sie wütend die Türe entzwei, stürmten die Treppe hin­auf und pack­ten die schöne junge Braut, um sie zur Rede zu stellen. Doch nur eine Stro­hgestalt fiel ihnen leb­los in die Arme, und sie riefen voller Zorn:

Fahre wohl, du schöne junge Braut!
Ein Tor ist, wer auf Weiber baut!”