Die Schwanenfrau

von Josef Haltrich

~7 Min

Eine arme Frau hat­te einen Sohn, der war nun groß und stark und wollte in die Fremde gehen, um etwas zu ver­di­enen. Er verd­ingte sich bei einem Her­rn auf ein Jahr und sollte dessen Schafe hüten. Als er ein­mal zur Zeit der Ernte auf dem Felde war, sah er einen schö­nen weißen Vogel im Korn­felde; er lief hin, um ihn zu fan­gen; der Vogel aber erhob sich langsam und flog in einen Wald; der Junge lief ihm immer nach, doch es war umson­st, er kon­nte ihn nicht erre­ichen. Er wollte umkehren; aber er wußte sich aus dem Wald nicht mehr her­auszufind­en. Schon fing es an dunkel zu wer­den, da sah er in der Ferne ein Licht; er ging darauf los und kam in ein Schloß; da saß ein alter Mann am Feuer und kochte sich eine Suppe. Der Junge bat um Her­berge und erzählte dem Alten, wie er in den Wald gekom­men sei. Wenn du mir ein Jahr treu dienst, so will ich dir zu dem Vogel ver­helfen!“ Der Junge willigte gern ein, um den Vogel zu bekommen.

Am fol­gen­den Mor­gen sprach der Alte: Jet­zt gehe ich aus und kehre nur spät abends heim; sorge du hier; da hast du alle Schlüs­sel, in jedes Zim­mer darf­st du gehen, nur in das let­zte nicht!“ Der Junge fol­gte genau dem Gebot, und als der alte Mann abends heimkehrte, war er mit ihm zufrieden; so geschah es auch den andern und alle fol­gen­den Tage, daß der Alte aus­ging und dem Jun­gen den näm­lichen Auf­trag machte. Lange Zeit dachte der Junge nicht ein­mal an das ver­botene Zim­mer; aber in der let­zten Woche des Jahres kam ihn doch die Neugierde an: Du bist ein ganzes Jahr hier gewe­sen und ziehst nun bald von dan­nen und sollst nicht wis­sen, was für Schätze dort sind“, sprach er bei sich, und es ließ ihm keine Ruhe. Am let­zten Tage ging er bis zur Türe und wollte auch nicht. Endlich steck­te er den Schlüs­sel ein und öffnete.

Da war ein großer Saal und in der Mitte ein blauer Teich und darüber der freie Him­mel; im Teiche aber waren drei wun­der­schöne Schwa­nen­jungfrauen, die bade­ten. Kaum hat­ten sie den Jun­gen erblickt, husch, flo­gen sie alle drei als weiße Schwäne auf und fort. Voll Angst kehrte der Junge zurück und hat­te keine Ruhe. Als der alte Mann heimkam, fiel er gle­ich vor ihm nieder und sprach: Herr, strafe mich, ich habe dein Gebot übertreten!“ Der Alte sagte fre­undlich: Weil du deinen Fehler ges­tanden hast und bereuest, will ich dir verzei­hen; aber du mußt jet­zt noch ein Jahr treu dienen, willst du den Vogel haben.“ Da fiel es dem Jun­gen wie ein Stein vom Herzen; gern willigte er ein, und |von nun an hat­te die Neugierde keine Gewalt mehr über ihn.

Als das Jahr ver­gan­gen war, trat der Alte zu ihm und sprach: Jet­zt folge mir!“ Er führte ihn in das ver­botene Zim­mer, da waren die drei wun­der­schö­nen Jungfrauen und bade­ten. Als­bald aber ver­wan­del­ten sie sich in weiße Schwäne, hoben sich aufwärts und flo­gen fort. Der alte Mann fragte den Jun­gen, welche ihm am besten gefall­en habe. Die Jüng­ste!“ sprach er. Wohlan, so gehe heute abends in jenes Zim­mer; da find­est du unter dem Bett drei Schachteln; bringe die, welche in der Ecke liegt, dann zu mir.“ Der Junge kon­nte den Abend kaum erwarten, eilte dann hin und brachte sie. So nimm jet­zt diese Schachtel und gehe damit nach Hause, die auser­wählte Jungfrau wird dir auf dem Fuße fol­gen; aber siehe ja nicht hin­ter dich, bis du zu Hause ange­langt bist; dann magst du mit der Jungfrau bei dein­er Mut­ter Hochzeit hal­ten; aber besorge die Schachtel wie deinen Augapfel, und nicht unter­ste­he dich und gib sie dein­er Braut in die Hand, wie sehr sie dich auch bit­tet, son­st ver­lierst du sie auf immer!“ Der Junge ver­sprach alles so zu machen. Das erste wurde ihm leicht; er sah nicht zurück, obgle­ich er gern gewollt hätte; denn er hat­te ja für die Neugierde hart gebüßt, und daran dachte er jetzt.

Als er endlich daheim war bei sein­er Mut­ter, wandte er sich rasch um und sah die Jungfrau, fiel ihr um den Hals und küßte sie. Sie aber hat­te ein schneeweißes Kleid an und war schön wie der heit­ere Tag, und der Junge kon­nte sich nicht sattse­hen an ihr. Da wurde die Ver­lobung gehal­ten, und der Junge war ganz selig; aber die Jungfrau war trau­rig und niedergeschla­gen. Der Junge gab sich alle erden­kliche Mühe, sie zu erheit­ern, doch umson­st. 0 was gäbe ich nicht dafür, wenn ich dich jet­zt fröh­lich sähe!“ sprach er zulet­zt. So gib mir meine schö­nen Klei­der, die in der Schachtel sind!“

Da wurde der Junge ble­ich vor Schreck­en; wie hat­te er so unbeson­nen und töricht ver­sprochen, was zu seinem Unglück führen sollte. Er zögerte lange, lange; endlich siegte die Treue und über­große Liebe zu sein­er Braut. Er überre­dete und tröstete sich auch: Das wird doch nicht gle­ich ihr Tod sein!“ sprach er bei sich, und fort soll sie mir auch nicht kön­nen“, denn er ver­schloß vor­sichtig alle Türen und Fen­ster. Kaum hat­te er die Schachtel geöffnet und sie das Kleid hastig ergrif­f­en und umge­wor­fen, so war sie sogle­ich ein Schwan und flog durch den Ofen zum Schorn­stein hin­aus. Da ergriff den Jun­gen ein unendlich­er Schmerz; er lief hin­aus, sah dem Vogel nach und eilte in einem fort bis in den Wald zu dem alten Manne und klagte ihm seinen Jam­mer. Ist sie nicht hier“, sprach er zulet­zt, so sage mir, wo ich sie find­en kann; ich will sie suchen bis ans Wel­tende, denn ich habe sie gar zu lieb!“ Da sagte der Alte; Sie ist weit weg auf ein­er Insel über dem Meer und wird von einem sieben­häupti­gen Drachen bewacht, und dahin ist schw­er hinzukom­men; wenn du aber auch hin­ge­lan­gen soll­test, wird dich der Drache umbrin­gen!“ Aber der Junge ließ sich nicht abschreck­en; er nahm alle seine Klei­der und Schuhe mit und wan­derte sieben Jahre lang in einem fort und hat­te schon alle Klei­der und Schuhe zer­ris­sen und kon­nte vor Müdigkeit nicht weit­er; aber noch war weit und bre­it kein Meer zu sehen. Er fiel an einem Hügel nieder und gedachte schon da zu ster­ben. Da hörte er nur ein­mal in der Ferne einen Lärm, der kam immer näher und näher; endlich sah er drei mächtige Hünen, welche einan­der hin und herz­er­rten. Er fragte sie als­bald, was Ursache ihr Stre­it hätte. 0h“, sagten sie, es han­delt sich um das Kost­barste in der Welt, um einen Man­tel, der unsicht­bar macht den, der ihn trägt, um einen Hut, der über­all hin­führt den, der ihn auf­set­zt, und um ein Schw­ert, wom­it der alles besiegen kann, der es schwingt. Wer diese drei Stücke besitzt, kann die schön­ste Jungfrau, die auf der Insel über dem Meer gefan­gen liegt, erret­ten und mit ihr das größte Kön­i­gre­ich erwer­ben.“ Der Junge freute sich auf diese Nachricht wieder in seinem Herzen und hegte Hoff­nung. Wenn es euch recht ist, so will ich den Stre­it entschei­den; bringt her jene Stücke und kämpfet ihr dann miteinan­der.“ Die ein­fälti­gen Hünen bracht­en sogle­ich Man­tel, Hut und Schw­ert zu ihm hin und fie­len nun einan­der in die Haare. Der Junge ergriff schnell das Schw­ert, warf den Man­tel um und set­zte den Hut auf und sprach: Wäre ich doch nur gle­ich auf der Insel!“ Husch! war er fort, und die dum­men Hünen hat­ten das Nachsehen.

Als der Junge auf der Insel ankam, legte er Hut und Man­tel ab, nahm nur das Schw­ert und ging auf die Burg los. Der Drache son­nte sich eben vor der­sel­ben, und die schöne Jungfrau mußte ihn lausen. Nur ein­mal roch der Drache Men­schen­fleisch, da brauste er auf und ringelte sich vor Wut. Aber der Junge kam uner­schrock­en her­an und hieb ihm auf ein­mal alle Häupter ab. Er hüllte sich darauf schnell wieder in seinen Man­tel, eilte ins Schloß, nahm die Schachtel mit den Klei­dern und warf sie ins Meer, dann legte er den Man­tel ab und zeigte sich der Jungfrau, sein­er Braut, und die erkan­nte ihn auch gle­ich und war nun über die Maßen froh. Der Junge zog mit­telst des Wun­schhutes schnell zu sein­er Mut­ter und brachte sie auch nach der fer­nen Insel in die Drachen­burg; dann feierte er mit sein­er Braut in Lust die Hochzeit und war König und Herr über alles Land und alle Schätze, welche der Drache besessen hatte.