Die Schneekönigin

von Hans Christian Andersen

~50 Min

Erste Geschichte
Von dem Spiegel und den Scherben.

Ein bös­er Zauber­er hat­te einst einen Spiegel ange­fer­tigt, der die Eigen­schaft besaß, daß alles Gute und Schöne, das sich darin spiegelte, zusam­men­schrumpfte und häßlich grin­ste, während das, was nichts taugte, deut­lich her­vor­trat und sich gut aus­nahm. Das wäre lustig, mein­ten die, welche die Schule des Zauber­ers besucht­en, denn dieser gab Unter­richt im Zaubern. Sie liefen mit dem Spiegel umher und zulet­zt war wed­er ein Land noch ein Men­sch, die nicht ihr ver­dreht­es Bild gese­hen hätten.

Nun woll­ten sie zulet­zt sog­ar auch noch zum Him­mel empor­fliegen, um mit den Engeln und dem lieben Gott ihren Spott zu treiben. Je höher sie mit dem Spiegel flo­gen, desto stärk­er grin­ste er, daß sie ihn kaum fes­thal­ten kon­nten. Höher und höher flo­gen sie, Gott und seinen Engeln immer näher. Da erbebte der Spiegel in seinem Grin­sen so furcht­bar, daß er ihren Hän­den ent­glitt und auf die Erde hin­un­ter­stürzte, wo er in hun­dert Mil­lio­nen, Bil­lio­nen und noch mehr Stücke zer­brach. Aber ger­ade hie­nieden richtete er weit größeres Unglück an als zuvor, denn einige Stücke waren kaum so groß wie ein Sand­ko­rn, und diese ver­bre­it­eten sich über die ganze weite Welt. Wo sie den Leuten in die Augen kamen, da blieben sie sitzen, und dann sahen die Men­schen alles verkehrt oder hat­ten nur Augen für das Verkehrte bei ein­er Sache, denn jedes Spiegel­split­terchen hat­te diesel­ben Kräfte behal­ten, welche dem ganzen Spiegel eigen waren. Eini­gen Men­schen drang ein solch­er Spiegel­split­ter sog­ar in das Herz, und dann war es entset­zlich, das Herz wurde förm­lich ein Eisklumpen. Einige Scher­ben waren so groß, daß sie zu Fen­ster­scheiben benutzt wur­den, andere Stücke dien­ten als Bril­lengläs­er, was natür­lich eine große Ver­wirrung anrichtete. Und immer noch flo­gen kleine Glass­plit­ter in der Luft umher. Wir wer­den nun hören, was durch diesel­ben geschah. 

Zweite Geschichte
Ein klein­er Knabe und ein kleines Mädchen.

In der großen Stadt, wo so viel Leute beisam­men­wohnen, daß nicht alle ein Gärtchen haben kön­nen, son­dern viele sich mit Blu­men­töpfen beg­nü­gen müssen, lebten einst zwei arme Kinder, die einen etwas größeren Garten als einen Blu­men­topf besaßen. Sie waren nicht Brud­er und Schwest­er, hat­ten einan­der aber eben so lieb, als ob sie es wären. Ihre Eltern wohn­ten in unmit­tel­bar­er Nach­barschaft. Sie bewohn­ten zwei Dachkam­mern, da, wo das Dach des einen Nach­barhaus­es das des andern berührte und die Wasser­rinne zwis­chen den Däch­ern ent­lang lief. Dort hin­aus blick­te aus jedem Hause ein Fen­ster. Man brauchte nur über die Rinne zu schre­it­en, um von dem einen Fen­ster nach dem andern zu gelangen.

Jedes Eltern­paar hat­te draußen einen hölz­er­nen Kas­ten ange­bracht, in welchem die nötig­sten Küchenkräuter gezo­gen wur­den. Auch befand sich in jedem Kästchen ein klein­er Rosen­stock und bei­de wuch­sen und gediehen her­rlich. Nun geri­eten die Eltern auf den Gedanken, die Kästen quer über die Rinne so auszustellen, daß sie fast von dem einen Fen­ster bis zu dem andern reicht­en und sich völ­lig wie zwei Blu­men­wälle aus­nah­men. Erb­sen­ranken hin­gen über die Kästen hin­unter und die Rosen­stöcke trieben lange Zweige, rank­ten sich um die Fen­ster, neigten sich einan­der zu und bilde­ten fast eine Laube, und die Kinder erhiel­ten oft­mals die Erlaub­nis, hin­auszuk­let­tern und unter den Rosen miteinan­der zu spielen.

Im Win­ter war ja dies Vergnü­gen vorüber. Die Fen­ster waren dann oft ganz zuge­froren. Doch dann wärmten sie Kupfer­dreier auf dem Ofen, hiel­ten sie gegen die gefrorene Scheibe und dann bildete sich dort ein prächtiges Guck­loch, so rund, o so rund; dahin­ter strahlte ein glück­lich­es san­ftes Auge, eines hin­ter jedem Fen­ster. Das war der kleine Knabe und das kleine Mäd­chen. Er hieß Kay und sie hieß Ger­da. Im Som­mer kon­nten sie rasch bei einan­der sein, im Win­ter aber mußten sie die vie­len Trep­pen hin­unter und hin­auf. — Draußen wirbelte der Schnee.

Jet­zt schwär­men die weißen Bienen!“ sagte die alte Großmutter.

Haben sie auch eine Bienenköni­gin?“ fragte der kleine Knabe.

Die haben sie!“ sagte die Groß­mut­ter, sie fliegt immer dort, wo sie am dicht­esten schwär­men. Sie ist die größte von allen Schneeflock­en, und nie ist sie ruhig auf Erden, sie fliegt gle­ich wieder zu der schwarzen Wolke empor. Manche Win­ter­nacht fliegt sie durch die Straßen der Stadt und guckt zu den Fen­stern hinein, und dann gefrieren diese so wun­der­bar, als wären sie mit Blu­men besäet.“

Ja, das habe ich gese­hen!“ riefen bei­de Kinder, und nun wußten sie, daß es Wahrheit wäre.

Kann die Schneeköni­gin hereinkom­men?“ fragte das kleine Mädchen.

Laß sie nur kom­men,“ sagte der Knabe, dann set­ze ich sie auf den war­men Kach­e­lofen und sie muß zerschmelzen!“

Aber die Groß­mut­ter strich ihm das Haar glatt und erzählte andere Geschichten.

Des Abends, als der kleine Kay zu Hause und halb aus­ge­zo­gen war, klet­terte er auf den Stuhl am Fen­ster und guck­te zu dem kleinen Loch hin­aus. Ein paar Schneeflock­en fie­len draußen und eine der­sel­ben, die aller­größte, blieb auf dem Rande des einen Blu­menkas­tens hän­gen. Die Schneeflocke wuchs und wuchs, bis sie sich zulet­zt in eine voll­ständi­ge Frau ver­wan­delte, in den fein­sten weißen Flor gehüllt, der wie von Mil­lio­nen sternar­tiger Flock­en zusam­menge­set­zt war. Sie war schön und fein, aber von Eis, dem blenden­den, blink­enden Eis, doch war sie lebendig. Die Augen funkel­ten wie zwei helle Sterne, aber unstät roll­ten sie umher ohne Ruh und Rast. Sie nick­te nach dem Fen­ster zu und wink­te mit der Hand. Der kleine Knabe erschrak und sprang vom Stuh­le hin­unter. Da war es, als flöge ein großer Vogel draußen an dem Fen­ster vorüber.

Am fol­gen­den Tag war klares Frost­wet­ter — — und dann begann es zu thauen, der Lenz hielt seinen Einzug, die Sonne schien, die Spitzen der Grashälm­chen sproßten her­vor, die Schwal­ben baut­en Nester, die Fen­ster wur­den geöffnet, und die kleinen Kinder saßen wieder in ihrem Gärtchen hoch oben in der Dachrinne über allen Stockwerken.

Die Rosen blüht­en während dieses Som­mers beson­ders schön. Das kleine Mäd­chen hat­te ein Lied gel­ernt und sang es dem Knaben vor und er sang mit:

Ich liebe die Rosen in all ihrer Pracht, Doch mehr noch den Hei­land, der selig uns macht!“

Kay und Ger­da saßen und sahen sich das Bilder­buch mit den vie­len Tieren und Vögeln an, da war es — die Uhr auf dem großen Kirch­turme schlug ger­ade fünf — daß Kay sagte: Au! es ging mir wie ein Stich durch das Herz! Und jet­zt ist mir etwas ins Auge geflo­gen!“ Das kleine Mäd­chen faßte ihn um den Hals; er blinzelte mit den Augen: nein, es war dur­chaus nichts zu sehen.

Ich denke, es ist fort!“ sagte er, aber fort war es nicht. Es war ger­ade ein­er von diesen Glass­plit­tern, die von dem Spiegel abge­sprun­gen waren, dem Zauber­spiegel. Wir entsin­nen uns des­sel­ben wohl noch, der bewirk­te, daß alles Große und Gute, welch­es sich darin abspiegelte, klein und häßlich wurde, und jed­er Fehler an ein­er Sache sich sofort bemerk­bar machte. Der arme Kay, ihm war ein solch­es Split­terchen auch ger­ade in das Herz einge­drun­gen. Das sollte nun bald wie ein Eisklumpen wer­den. Nun that es zwar nicht mehr wehe, aber da war es.

Weshalb weinst du?“ fragte er. So siehst du häßlich aus. Mir fehlt ja dur­chaus nichts! Pfui!“ rief er plöt­zlich aus, die Rose da ist ja vom Wurme ange­fressen! Und sieh, jene ist gar nicht ger­ade gewach­sen. Das sind eigentlich recht häßliche Rosen. Sie sind eben­so garstig wie die Kas­ten, in denen sie ste­hen!“ Und dann stieß er heftig mit dem Fuße gegen den Kas­ten und riß die bei­den Rosen ab.

Kay, was thust du!“ rief das kleine Mäd­chen; und als er ihr heftiges Erschreck­en bemerk­te, riß er noch eine Rose ab und sprang dann in sein Fen­ster hinein.

Wenn sie später mit dem Bilder­buche kam, spot­tete er darüber und wenn die Groß­mut­ter Geschicht­en erzählte, kam er stets mit einem Aber dazwis­chen; zuweilen schlich er sich hin­ter ihr her, set­zte ihre Brille auf und ahmte ihre Stimme nach. Er kon­nte bald allen Leuten in der Straße Gang und Redeweise nachah­men und beson­ders das Unschöne wußte er tre­f­fend zu kopieren. Aber daran war das Glas schuld, welch­es ihm in die Augen geflo­gen war, das Glas, welch­es ihm in dem Herzen saß. Daher kam es, daß er sog­ar die kleine Ger­da neck­te, die ihn von ganz­er Seele lieb hatte.

Seine Spiele nah­men jet­zt einen ganz anderen Charak­ter an, sie wur­den mehr ver­ständig. An einem Win­tertage, als Schneegestöber einge­treten war, kam er mit einem Ver­größerungs­glase, hielt seine blauen Rockzipfel hin­aus und ließ die Schneeflock­en darauf fallen.

Sieh nun ein­mal in das Glas, Ger­da!“ sagte er, und jede Schneeflocke wurde ungle­ich größer und nahm sich wie eine prächtige Blume oder ein zehn­za­ck­iger Stern aus. Es gewährte einen her­rlichen Anblick.

Siehst du, wie kun­stre­ich!“ rief Kay aus; das bietet weit mehr Vergnü­gen und Stoff zum Nach­denken dar, als die wirk­lichen Blu­men! Auch ist kein einziger Fehler an ihnen, sie sind ganz regelmäßig; wenn sie nur nicht schmelzen würden!“

Nicht lange darauf kam Kay mit großen Fausthand­schuhen und seinem Schlit­ten auf dem Rück­en. Er flüsterte Ger­da in die Ohren: Ich habe Erlaub­nis bekom­men, auf den großen Platz zu fahren, wo die Andern spie­len!“ und fort war er.

Dort auf dem Platze ban­den mitunter die keck­sten Knaben ihre Schlit­ten an die Bauern­wa­gen und fuhren dann eine tüchtige Strecke mit. Das ging ger­ade recht lustig. Als das Spiel im vollen Gange war, kam ein großer, weiß angestrich­en­er Schlit­ten. Eine Per­son saß in dem­sel­ben, die in einen weißen, rauhen Pelz einge­hüllt und mit ein­er weißen Pelzmütze bedeckt war. Der Schlit­ten fuhr zweimal um den Platz herum und Kay gelang es, seinen kleinen Schlit­ten an densel­ben festzu­binden und nun fuhr er mit. Rasch­er und immer rasch­er ging es ger­ade in die näch­ste Straße hinein. Der Führer des Schlit­tens wandte den Kopf und nick­te ihm so fre­undlich zu, als ob sie mit einan­der bekan­nt wären. So oft Kay seinen kleinen Schlit­ten abbinden wollte, nick­te die Per­son aber­mals und dann blieb Kay sitzen; sie fuhren ger­ade zum Stadt­thore hin­aus. Da wurde das Schneegestöber so heftig, daß der kleine Knabe nicht die Hand vor den Augen mehr erken­nen kon­nte, während er gle­ich­wohl weit­er fuhr. Endlich ließ er den Strick fall­en, um sich von dem großen Schlit­ten los zu machen, aber es half nichts, sein kleines Fuhrw­erk hing fest und es ging mit Winde­seile. Da rief er ganz laut, aber nie­mand hörte ihn, und der Schnee wirbelte und der Schlit­ten flog vor­wärts. Mitunter gab es einen Stoß, als ob man über Gräben und Heck­en führe. Er war ganz entset­zt, wollte sein Vaterunser beten, kon­nte sich aber nur noch auf das große Ein­maleins besinnen.

Die Schneeflock­en wur­den größer und größer, zulet­zt sahen sie wie große weiße Hüh­n­er aus. Plöt­zlich sprangen die Pferde zur Seite, der Schlit­ten hielt und die Per­son, welche ihn fuhr, erhob sich; Pelz und Mütze waren von lauter Schnee. Es war eine Dame, hoch und schlank, blendend weiß, es war die Schneekönigin.

Wir sind wack­er vor­wärts gekom­men,“ sagte sie. Aber ist das etwa ein Wet­ter zum Frieren? Komm, krieche mit in meinen Bären­pelz hinein!“ und sie set­zte ihn in den Schlit­ten an ihre Seite und schlug den Pelz um ihn, daß es ihm vorkam, als ver­sänke er in einen Schneehaufen.

Frierst du noch?“ fragte sie und küßte ihn dann auf die Stirn. Huh, das war noch käl­ter als Eis, das ging ihm gle­ich bis ans Herz, welch­es ja schon halb und halb ein Eisklumpen war. Ihm war zu Mute, als sollte er ster­ben; — aber nur einen Augen­blick, dann that es ihm ger­ade gut. Er emp­fand nichts mehr von der Kälte um sich.

Meinen Schlit­ten! vergiß meinen Schlit­ten nicht!“ Dessen erin­nerte er sich zuerst. Er wurde auch auf eins der weißen Hüh­n­er gebun­den, welch­es mit dem Schlit­ten auf dem Rück­en hin­ter­her flog. Die Schneeköni­gin küßte Kay noch ein­mal und dann hat­te er die kleine Ger­da und die Groß­mut­ter und alle daheim vergessen.

Kay fürchtete sich gar nicht vor der Schneeköni­gin; er erzählte ihr, daß er im Kopfe rech­nen könne und sog­ar mit Brüchen, daß er die Größe und Ein­wohn­erzahl der Län­der wüßte und sie lächelte zu allem. Und sie flog mit ihm, flog hoch hin­auf zu der schwarzen Wolke und der Sturm sauste und brauste, als sänge er alte Lieder. Sie flo­gen über Wälder und Seen, über Meere und Län­der. Unten in der Tiefe sauste der kalte Wind, heul­ten die Wölfe, flim­merte der Schnee und über densel­ben flo­gen die schwarzen, schreien­den Krähen hin­weg, aber über ihnen glänzte der Mond groß und klar und zu ihm schaute Kay auf, die lange, lange Win­ter­nacht hin­durch. Am Tage schlief er zu den Füßen der Schneekönigin. 

Dritte Geschichte
Der Blu­men­garten bei der Frau, welche zaubern konnte.

Aber was wurde aus der kleinen Ger­da, als Kay nicht wiederkam? Wo in aller Welt befand er sich doch? — Nie­mand wußte es, nie­mand kon­nte Auskun­ft erteilen. Die Knaben erzählten nur, daß sie gese­hen, wie er seinen kleinen Schlit­ten an einen großen und prächti­gen ange­bun­den hätte, der in die Straßen hinein und dann zum Stadt­thore hin­aus­ge­fahren wäre. Nie­mand wußte, wo er war; viele Thrä­nen flossen, die kleine Ger­da weinte bit­ter­lich und lange. Dann hieß es, er wäre tot, er wäre in dem Flusse ertrunk­en, der nahe bei der Stadt vor­bei­floß. O, es waren recht lange dun­kle Wintertage.

Jet­zt erschien der Lenz mit wärmerem Sonnenscheine.

Kay ist tot und fort!“ sagte die kleine Gerda.

Das glaube ich nicht!“ sagte der Sonnenschein.

Er ist tot und fort!“ sagte sie zu den Schwalben.

Das glauben wir nicht!“ ent­geg­neten diesel­ben, und endlich glaubte die kleine Ger­da es auch nicht mehr.

Ich will meine neuen roten Schuhe anziehen!“ sagte sie eines Mor­gens, diejeni­gen, welche Kay noch nie gese­hen hat, und dann will ich zum Flusse hin­un­terge­hen und mich bei diesem erkundigen!“

Noch war es ganz früh, als sie sich erhob, die alte Groß­mut­ter, welche noch schlum­merte, küßte, die roten Schuhe anzog und dann ganz allein zum Thore hin­aus nach dem Flusse ging.

Ist es wahr, daß du mir meinen kleinen Spielka­m­er­aden genom­men hast? Ich will dir meine roten Schuhe schenken, wenn du mir ihn wiedergeben willst!“

Es kam ihr vor, als ob die Wellen ihr so eigen­tüm­lich zunick­ten. Dann nahm sie ihre roten Schuhe, das lieb­ste, was sie besaß, und warf sie bei­de in den Fluß, aber sie fie­len dicht an das Ufer, und die kleinen Wellen tru­gen sie wieder zu ihr an das Land, als wollte der Fluß sie ihres lieb­sten Eigen­tums nicht berauben, zumal er ja den kleinen Kay nicht hat­te. Nun aber glaubte sie, daß sie die Schuhe nicht weit genug hin­aus­ge­wor­fen hätte, und klet­terte deshalb in ein Boot, welch­es im Schil­fe lag. Sie ging bis an das äußer­ste Ende und warf die Schuhe von neuem in die Wellen. Das Boot war jedoch nicht befes­tigt, und bei der Bewe­gung, welche sie machte, glitt es vom Lande ab. Sie bemerk­te es zwar und beeilte sich zurück­zukom­men, aber ehe es ihr gelang, war das Boot schon ein Stück vom Ufer, und nun glitt es rasch­er den Fluß abwärts.

Da erschrak die kleine Ger­da gewaltig und begann zu weinen, allein nur die Sper­linge hörten sie und diese kon­nten sie nicht an das Land tra­gen, aber sie flo­gen das Ufer ent­lang und zwitscherten, als woll­ten sie sie trösten: Hier sind wir! Hier sind wir!“ Das Boot trieb mit dem Strome; die kleine Ger­da saß ganz still in bloßen Strümpfen. Ihre kleinen roten Schuhe schwammen hin­ter­her, kon­nten das Boot jedoch nicht erre­ichen, da das­selbe schneller vom Strome fort­geris­sen wurde.

Lieblich war es an bei­den Ufern; prächtige Blu­men, alte Bäume und die Abhänge mit Schafen und Kühen belebt, aber nicht ein Men­sch war zu sehen.

Vielle­icht trägt mich der Fluß zum kleinen Kay hin!“ dachte Ger­da und da wurde sie besser­er Laune, sie erhob sich und betra­chtete viele Stun­den lang die schö­nen grü­nen Ufer. Dann fuhr sie an einem großen Kirschgarten vorüber, in welchem ein Häuschen mit merk­würdig roten und blauen Fen­stern stand; übri­gens war es mit Stroh gedeckt und draußen standen zwei hölz­erne Sol­dat­en, welche vor den Vorübersegel­nden das Gewehr schulterten.

Ger­da rief sie an; sie hielt sie für lebendig, aber sie antworteten natür­lich nicht; sie kam ihnen ganz nahe, die Strö­mung trieb das Boot ger­ade auf das Land zu.

Ger­da rief noch lauter und da trat aus dem Hause eine alte, alte Frau, die sich auf einen Krück­stock stützte. Um sich gegen die Sonne zu schützen, hat­te sie einen großen Hut auf, der mit den schön­sten Blu­men bemalt war.

Du liebes armes Kind!“ sagte die alte Frau, wie bist du auf den großen starken Strom gekom­men und so fern in die weite Welt hin­aus­getrieben!“ Darauf ging die alte Frau bis an den Rand des Wassers, zog das Boot mit ihrem Krück­stock an das Land und hob die kleine Ger­da heraus.

Obgle­ich Ger­da froh war, auf das Trock­ene zu kom­men, fürchtete sie sich doch ein wenig vor der frem­den alten Frau.

Komme doch und erzäh­le mir, wer du bist und wie du hier­her kommst!“ sagte sie.

Ger­da erzählte ihr alles und fragte sie, ob sie den kleinen Kay nicht gese­hen hätte. Die alte Frau meinte, er käme wohl noch, sie möchte nur nicht betrübt sein und Kirschen essen und sich ihre Blu­men anse­hen. Dann nahm sie Ger­da bei der Hand, ging mit ihr in das kleine Häuschen und schloß die Thüre zu.

Die Fen­ster waren sehr hoch ange­bracht und die Scheiben waren rot, blau und gelb. Das Tages­licht fiel ganz eigen­tüm­lich here­in, aber auf dem Tis­che standen die köstlich­sten Kirschen und Ger­da aß nach Herzenslust davon, weil sie die Erlaub­nis dazu erhal­ten hat­te. Während sie aß, kämmte ihr die alte Frau das Haar mit einem gold­e­nen Kamme, und das Haar ringelte sich und schim­merte goldig um ihr liebes fre­undlich­es Gesichtchen, welch­es rund war und wie eine Rose blühte.

Nach einem so hold­en kleinen Mäd­chen habe ich mich schon lange gesehnt!“ sagte die Alte. Du wirst nun sehen, wie gut wir uns gegen­seit­ig gefall­en wer­den!“ Und je länger sie das Haupt der kleinen Ger­da kämmte, desto mehr ver­gaß dieselbe ihren Pflege­brud­er Kay, denn die alte Frau kon­nte zaubern, aber eine böse Zauberin war sie nicht. Sie ging in den Garten hin­aus, streck­te ihren Krück­stock über alle Rosen­stöcke aus und diese ver­sanken sofort in die schwarze Erde. Die Alte befürchtete, daß Ger­da beim Anblick der Rosen ihrer eige­nen gedenken, sich dadurch des kleinen Kay erin­nern und dann davon­laufen würde.

Jet­zt führte sie Ger­da in den Blu­men­garten hin­aus. Welch’ ein Duft, welch’ eine Pracht herrschte hier! Alle erden­kliche Blu­men, und zwar für jede Jahreszeit, standen hier in üppig­stem Flor. Ger­da hüpfte vor Freude und spielte, bis die Sonne hin­ter den hohen Kirschbäu­men unterg­ing. Dann bekam sie ein hüb­sches Bett mit rot­sei­de­nen Kissen, die mit blauen Veilchen gestopft waren, und schlief und träumte so her­rlich, wie eine Königin.

Am näch­sten Mor­gen durfte sie wieder mit den Blu­men in dem war­men Son­nen­scheine spie­len — und so ging es viele Tage. Ger­da kan­nte jede Blume, aber wie viele auch vorhan­den waren, so kam es ihr doch vor, als ob eine darunter fehlte, nur wußte sie nicht welche. Eines Tages sah sie aber auf dem Son­nen­hut der alten Frau eine gemalte Rose. Sie sprang zwis­chen den Beeten umher und suchte eine Rose unter den Blu­men, aber da war keine zu find­en. Da set­zte sie sich hin und weinte; aber ihre heißen Thrä­nen fie­len ger­ade auf eine Stelle, wo ein Rosen­stock ver­sunken war, und als die war­men Thrä­nen die Erde benet­zten, da schoß plöt­zlich der Stock eben­so blühend, wie er ver­sunken war, empor, und Ger­da umarmte ihn, küßte die Rosen und gedachte der hüb­schen Rosen daheim und dabei kam ihr auch der kleine Kay wieder in den Sinn.

O wie lange bin ich nun schon hier bei der alten Frau!“ sagte das kleine Mäd­chen. Ich wollte ja Kay suchen! — Wißt ihr nicht, wo er ist?“ fragte sie die Rosen. Glaubt ihr, daß er tot und fort ist?“

Tot ist er nicht!“ sagten die Rosen. Wir sind ja in der Erde gewe­sen, wo alle Tote sind, aber dort war Kay nicht!“

Dank, tausend Dank!“ erwiderte die kleine Ger­da und ging zu den andern Blu­men, schaute in ihren Kelch und fragte: Wißt ihr nicht, wo der kleine Kay ist?“

Aber jede Blume stand in der Sonne und träumte ihr eigenes Märchen oder Geschichtchen. Von diesen ver­nahm die kleine Ger­da viele, viele, aber keine wußte etwas von Kay.

Es ist vergebens, daß ich die Blu­men frage, sie wis­sen nur ihr eigenes Lied, sie erteilen mir keine Auskun­ft!“ sagte Ger­da, als ihr die Blu­men des Gartens ihre Geschicht­en erzählt hat­ten. Und dann schürzte sie ihr Röckchen auf, um bess­er laufen zu kön­nen und eilte nach dem Aus­gang des Gartens.

Die Thüre war zwar ver­schlossen, doch drück­te sie auf die ver­rostete Klinke, bis sie nach­gab und die Thüre auf­sprang, und nun lief die kleine Ger­da bar­fuß in die weite Welt hin­aus. Dreimal schaute sie zurück, aber nie­mand ver­fol­gte sie. Endlich kon­nte sie nicht mehr gehen und set­zte sich auf einen großen Stein. Als sie nun um sich schaute, war der Som­mer vor­bei; es war Spätherb­st, was man in dem schö­nen Garten, wo fortwährend Son­nen­schein herrschte und Blu­men aller Jahreszeit­en standen, gar nicht hat­te wahrnehmen können.

Gott, wie viel Zeit habe ich ver­säumt!“ sagte die kleine Ger­da. Es ist ja Herb­st gewor­den, da darf ich nicht ras­ten!“ und sie erhob sich, um weit­er zu gehen.

O wie wund und müde ihre kleinen Füße waren, und wie rauh und kalt es ring­sumher aus­sah! Die lan­gen Wei­den­blät­ter waren gelb und in großen Perlen träufelte der Tau herab. Ein Blatt nach dem andern fiel ab, nur der Schle­hen­dorn trug noch Früchte, die freilich herb genug waren und den Mund zusam­men­zo­gen. O, wie grau und schw­er es in der weit­en Welt doch war! 

Vierte Geschichte
Prinz und Prinzessin

Ger­da mußte sich wieder aus­ruhen. Da hüpfte auf dem Schnee ger­ade vor ihr eine große Krähe, die schon dage­sessen, sie aufmerk­sam angeschaut und mit dem Kopfe gewack­elt hat­te. Nun sagte sie: Kra, kra! — gut’ Tag, gut’ Tag!“ Bess­er kon­nte sie es nicht aussprechen, aber trotz­dem meinte sie es mit dem kleinen Mäd­chen sehr gut und fragte, wohin sie so allein in die weite Welt hin­aus­gin­ge. Das Wort allein ver­stand Ger­da nur zu wohl und fühlte den ganzen Inhalt des­sel­ben gar tief, und dann erzählte sie der Krähe ihr ganzes Leben und Schick­sal und fragte, ob sie Kay nicht gese­hen hätte.

Und die Krähe nick­te ganz bedächtig und sagte: Es kön­nte sein, es kön­nte sein!“

Wie? Glaub­st du?“ rief das kleine Mäd­chen und küßte die Krähe so ungestüm, daß sie dieselbe fast tot gedrückt hätte.

Vernün­ftig, vernün­ftig!“ ent­geg­nete die Krähe. Ich denke, es wird der kleine Kay sein! Aber jet­zt hat er dich wohl schon vergessen. Doch es macht mir Mühe, deine Sprache zu reden. Allein, wenn du die Krähen­sprache ver­stehst, dann kann ich bess­er erzählen!“

Nein, die habe ich nicht gel­ernt!“ sagte Ger­da, doch die Groß­mut­ter kon­nte sie recht geläu­fig. Hätte ich sie nur gelernt!“

Thut nichts, thut nichts!“ sagte die Krähe, ich werde erzählen, so gut ich kann,“ und dann erzählte sie, was sie wußte:

In dem Kön­i­gre­iche, in welchem wir hier sitzen, wohnt eine unge­heuer kluge Prinzessin. Eines Tages fiel es dieser ein, sich zu ver­mählen. Sie wollte jedoch einen Mann haben, der zu antworten ver­stand, wenn man ihn anre­dete, einen, der nicht nur das­tand und vornehm aus­sah, denn das ist höchst lang­weilig. Nun ließ sie alle Hof­damen zusam­men­trom­meln, und als diese ihre Wil­lens­mei­n­ung ver­nah­men, wur­den sie sehr froh. So hab ichs gern!“ rief eine jede, daran hab’ ich neulich auch schon gedacht!“

Die Zeitun­gen erschienen sofort mit einem Rande von Herzen und den Namen­szü­gen der Prinzessin. Man­niglich kon­nte darin schwarz auf weiß lesen, daß es einem jeden jun­gen Manne von hüb­schem Äußeren frei stände, auf das Schloß zu kom­men und mit der Prinzessin zu sprechen, und den, welch­er so zu reden ver­stände, daß er sich trotz des ihn umgeben­den Glanzes unbe­fan­gen äußerte und zugle­ich am besten spräche, den wollte die Prinzessin zum Manne nehmen! — Ja, ja!“ sagte die Krähe, du kannst es mir glauben, es ist so wahr, wie ich hier sitze. Die Leute strömten herzu, da war ein Gedränge und Gelaufe, aber den­noch glück­te es nie­mand, wed­er den ersten noch den zweit­en Tag. Wenn sie draußen auf der Straße waren, kon­nten alle vortr­e­f­flich plaud­ern, sobald sie aber zum Schloß­por­tale here­in­trat­en und die sil­ber­strotzen­den Leib­wächter und die Trep­pen hin­auf die Diener in Gold und die großen erleuchteten Säle erblick­ten, dann wur­den sie ver­wirrt. Standen sie nun vor dem Throne, auf welchem die Prinzessin saß, so ver­mocht­en sie nur ihr let­ztes Wort nachzus­prechen, und diese Wieder­hol­ung flößte ihr kein Inter­esse ein. In ganzen Rei­hen standen sie vom Stadt­thore bis zum Schlosse. Ich war selb­st drin­nen, um es mit anzuse­hen!“ ver­sicherte die Krähe.

Aber Kay, der kleine Kay!“ fragte Ger­da. Wann kam er? Befand er sich unter der Menge?“

Eile mit Weile! nun sind wir ger­ade bei ihm! Am drit­ten Tage kam eine kleine Per­son, wed­er mit Pferd, noch mit Wagen, ganz lustig und guter Dinge ger­ade auf das Schloß hin­auf­s­paziert. Seine Augen blitzten wie deine, er hat­te prächtiges langes Haar, aber son­st ärm­liche Kleider.“

Das war Kay!“ jubelte Ger­da. O, dann habe ich ihn gefun­den!“ und dabei klatschte sie in die Hände.

Er hat­te einen kleinen Ranzen auf seinem Rück­en!“ sagte die Krähe.

Nein, das war sicher­lich sein Schlit­ten!“ sagte Ger­da, denn damit ging er fort!“

Das ist wohl möglich!“ ent­geg­nete die Krähe; ich sah nicht so genau hin! Aber so viel weiß ich, daß er, als er in das Schloßthor hinein­trat und die sil­ber­strotzen­den Leib­wachen und die Trep­pen hin­auf die Diener in Gold erblick­te, nicht im Ger­ing­sten in Ver­legen­heit geri­et. Er nick­te ihnen flüchtig zu und sagte: Das muß lang­weilig sein, auf der Treppe zu ste­hen. Ich gehe lieber hinein!“ Drin­nen erglänzten die Säle in hellem Kerzen­scheine. Geheimeräte und Exzel­len­zen gin­gen auf bloßen Füßen und tru­gen gold­ene Gefäße; man kon­nte wohl bek­lom­men wer­den. Seine Stiefel knar­rten entset­zlich laut, doch schien er sich darüber gar nicht zu beunruhigen.“

Das ist ganz gewiß Kay!“ rief Ger­da, ich weiß, er hat­te neue Stiefel; ich habe sie in der Stube der Groß­mut­ter knar­ren hören!“

Ja, gek­nar­rt haben sie!“ ver­set­zte die Krähe, und munter und guter Dinge ging er ger­ade zur Prinzessin hinein; dieselbe saß auf ein­er Per­le, die so groß wie ein Spin­nrad war. Alle Hof­damen mit ihren Zofen, und den Zofen ihre Zofen, und alle Kava­liere mit ihren Dienern, und den Dienern ihrer Diener, die sich auch einen Burschen hiel­ten, standen ring­sherum aufgestellt.“

Das muß fürchter­lich sein!“ sagte die kleine Ger­da. Und Kay hat die Prinzessin doch bekommen?“

Ja, er hat sie bekom­men,“ sagte die Krähe, da er so gut zu reden verstand.“

Ja, sich­er! das war Kay!“ sagte Ger­da, er war so klug, er kon­nte mit Brüchen im Kopfe rech­nen! — O, willst du mich nicht auf dem Schlosse einführen!“

Ja, das ist leicht gesagt!“ meinte die Krähe. Aber wie machen wir das? Denn das will ich dir nur sagen, so ein kleines Mäd­chen, wie du bist, erhält nie Erlaub­nis zum Eintritt!“

Ja, die bekomme ich!“ rief Ger­da aus. Wenn Kay von mein­er Ankun­ft hört, kommt er gle­ich her­aus und holt mich!“

Erwarte mich dort am Zaune!“ erwiderte die Krähe, wack­elte mit dem Kopfe und flog davon.

Es war schon dunkel, als die Krähe zurück­kehrte. Rar, rar!“ sagte sie. Es ist für dich unmöglich, in das Schloß zu gelan­gen, weil du bar­fuß bist. Die sil­ber­strotzen­den Leib­wachen und Diener in Gold wür­den es nicht ges­tat­ten. Weine jedoch nicht, du sollst doch schon hin­aufkom­men. Ich habe näm­lich eine Base, die im Schlosse Kam­mer­jungfer ist, die ken­nt eine kleine Hin­tertreppe, die zum Schlafz­im­mer hin­auf­führt, und sie weiß, wo sie den Schlüs­sel holen kann!“

Sie gin­gen in den Garten hinein, in den großen Baum­gang, wo schon ein Blatt nach dem andern abfiel, und als auf dem Schlosse nach und nach die Lichter aus­gelöscht wur­den, führte die Krähe die kleine Ger­da zu ein­er Hin­terthür, die nur angelehnt war.

O, wie Ger­das Herz vor Angst und Sehn­sucht klopfte! Ihr war zu Mute, als ob sie etwas Bös­es thun wollte, und sie wollte doch nur erfahren, ob der kleine Kay da wäre. Ja, er mußte es sein! Sie stellte sich ganz lebendig seine klu­gen Augen, sein langes Haar vor; sie sah ihn ordentlich lächeln, wie damals, als sie daheim unter den Rosen saßen. Er würde sich gewiß freuen, sie zu sehen und dann von ihr zu hören, einen wie weit­en Weg sie um seinetwe­gen zurück­gelegt hätte, und wie betrübt sie alle zu Hause gewe­sen wären, als er nicht wieder heimkehrte. O, das war eine Furcht und eine Freude!

Nun waren sie auf der Treppe. Dort bran­nte eine kleine Lampe auf einem Schranke. Mit­ten auf dem Fuß­bo­den stand die Base der Krähe und betra­chtete Ger­da, die sich vor ihr verneigte.

Ich werde vor­ange­hen,“ begann die Schloßkrähe. Wir gehen hier den ger­aden Weg, denn da begeg­nen wir niemand!“

Mir ist, als ob jemand hin­ter uns kommt!“ sagte Ger­da, und es sauste wirk­lich etwas an ihr vorüber. Es war, als ob Schat­ten über die Wand hin glit­ten, Pferde mit flat­tern­den Mäh­nen und schlanken Beinen, Jäger­burschen, Her­ren und Damen zu Pferde.

Das sind nur Träume!“ sagte die Krähe, sie kom­men und holen die Gedanken der hohen Herrschaft zur Jagd ab.“

Nun trat­en sie in den ersten Saal hinein; er war mit rosen­rotem Atlas behängt und kün­stliche Blu­men zogen sich an allen Wän­den hin­auf. Hier sausten die Träume schon an ihnen vorüber, flo­gen aber so schnell, daß Ger­da die hohe Herrschaft nicht zu sehen bekam. Ein Saal war immer prächtiger als der andere; der Anblick der vie­len Kost­barkeit­en kon­nte einen förm­lich betäuben. Jet­zt waren sie in dem Schlafz­im­mer. Die Decke des­sel­ben glich ein­er großen Palme mit Blät­tern vom her­rlich­sten Glase, und mit­ten auf dem Fuß­bo­den hin­gen an einem dick­en Sten­gel von Gold zwei Bet­ten, deren jedes die Gestalt ein­er Lilie hat­te. Das eine, in welchem die Prinzessin lag, war weiß; das andere war rot, und in diesem sollte Ger­da den kleinen Kay suchen. Sie bog eines der roten Blät­ter zur Seite und da erblick­te sie einen braunen Nack­en. Ja, das war Kay! Sie rief ganz laut seinen Namen, hielt die Lampe, daß das Licht auf ihn fiel — die Träume sausten zu Pferde wieder in die Stube hinein — er erwachte, wandte das Haupt — — — und es war nicht der kleine Kay.

Der Prinz ähnelte ihm nur im Nack­en, war aber jung und schön. Und aus dem weißen Lilien­bette guck­te die Prinzessin her­vor und fragte, was das wäre. Da weinte die kleine Ger­da und erzählte ihre ganze Geschichte und alles, was die Krähen für sie geth­an hätten.

Du arme Kleine!“ sagten der Prinz und die Prinzessin und lobten die Krähen und sagten, sie wären gar nicht böse auf sie, sie soll­ten es aber doch ja nicht öfter thun. Indes soll­ten sie eine Beloh­nung erhalten.

Wollt ihr frei fliegen?“ sagte die Prinzessin, oder wollt ihr eine feste Anstel­lung als Hofkrähen haben, mit allem, was aus der Küche abfällt?“

Und bei­de Krähen verneigten sich und bat­en um feste Anstel­lung, denn sie dacht­en an ihr Alter und sagten, es wäre so schön, im Alter sor­gen­frei leben zu können.

Der Prinz erhob sich aus seinem Bette und ließ Ger­da in dem­sel­ben schlafen, und mehr kon­nte er doch nicht thun. Sie fal­tete ihre keinen Händ­chen und dachte: Wie gut Men­schen und Tiere doch sind!“ und dann schloß sie die Augen und entschlum­merte sanft.

Am näch­sten Mor­gen wurde sie von Kopf bis zu Fuß in Sam­met und Sei­de gek­lei­det. Sie wurde fre­undlich aufge­fordert, auf dem Schlosse zu bleiben und her­rlich und in Freuden zu leben, aber sie bat lediglich um einen kleinen Wagen mit einem Pferde und um ein Paar Stiefelchen, dann wollte sie wieder in die weite Welt hin­aus­fahren und Kay suchen.

Sie erhielt sowohl Stiefelchen als auch einen Muff und ward niedlich gek­lei­det. Als sie fort wollte, hielt vor der Thüre ein neues Wägelchen aus reinem Golde, das Wap­pen des Prinzen und der Prinzessin leuchtete wie ein Stern auf dem­sel­ben. Kutsch­er, Diener und Vor­re­it­er saßen da mit gold­e­nen Kro­nen auf dem Kopfe. Der Prinz und die Prinzessin halfen Ger­da in den Wagen und wün­scht­en ihr alles Glück. Lebe­wohl, lebe­wohl!“ riefen ihr bei­de nach, und die kleine Ger­da weinte und die Krähen auch. Die Wald­krähe begleit­ete sie die ersten drei Meilen; sie saß ihr zur Seite, weil sie das Fahren auf dem Rück­sitz nicht ver­tra­gen kon­nte. Inwendig war der Wagen mit Zucker­bret­zeln gefüt­tert und die Sitzkas­ten waren mit Frücht­en und Pfef­fer­nüssen angefüllt.

So ging es die ersten drei Meilen, dann sagte auch die Krähe Lebe­wohl, und das war der schw­er­ste Abschied. Sie flog auf einen Baum und schlug mit ihren schwarzen Flügeln, solange sie noch den Wagen, der wie der helle Son­nen­schein glänzte, sehen konnte. 

Fün­fte Geschichte
Das kleine Räubermädchen.

Sie fuhren durch den dun­klen Wald, aber der Wagen leuchtete wei­thin. Das ist Gold!“ riefen die Räu­ber, stürzten her­vor, fie­len den Pfer­den in die Zügel, erschlu­gen die kleinen Vor­re­it­er, den Kutsch­er und die Diener und zogen nun die kleine Ger­da aus dem Wagen.

Sie ist fett, sie ist reizend, sie ist mit Nußk­er­nen gemästet!“ sagte das alte Räu­ber­weib, welch­es einen lan­gen strup­pi­gen Bart und Augen­brauen hat­te, die ihr bis über die Augen her­ab­hin­gen. Das ist eben­so gut wie ein kleines fettes Lamm! Nun, wie soll sie schmeck­en.“ Bei diesen Worten zog sie ihr blankes Mess­er her­aus und das blitzte, daß es Angst ein­ja­gen konnte.

Au!“ schrie das Weib zu gle­ich­er Zeit. Kein Wun­der! der Frau wilde und unge­berdi­ge Tochter, die auf ihrem Rück­en hing, hat­te sie in das Ohr gebis­sen und so kon­nte sie nicht gle­ich dazu kom­men, Ger­da zu schlachten.

Sie soll mit mir spie­len!“ sagte das kleine Räu­ber­mäd­chen her­risch. Sie soll mir ihren Muff, ihr schönes Kleid geben, sie soll neben mir in meinem Bette schlafen!“

Ich will in den Wagen hinein!“ sagte das kleine Räu­ber­mäd­chen, und es mußte und wollte seinen Willen haben, denn es war gar ver­hätschelt und gar halsstar­rig. Es set­zte sich mit Ger­da hinein und dann fuhren sie über Stock und Stein immer tiefer in den Wald. Das kleine Räu­ber­mäd­chen war eben so groß wie Ger­da, aber kräftiger, bre­itschul­triger und gebräunter. Seine Augen waren ganz schwarz, sie sahen fast trau­rig aus. Es faßte die kleine Ger­da um den Leib und sagte: Sie sollen dich nicht schlacht­en, so lange ich nicht böse auf dich werde! Du bist gewiß eine Prinzessin?“

Nein,“ erwiderte die kleine Ger­da, und erzählte ihr alles, was sie erlebt hat­te und wie lieb sie den kleinen Kay hätte.

Jet­zt hielt der Wagen still; sie befan­den sich mit­ten auf dem Hofe eines Räu­ber­schloss­es. Von oben bis unten war es geborsten, Raben und Krähen flo­gen aus den offe­nen Löch­ern, und die großen Bul­len­beißer, die aus­sa­hen, als kön­nte jed­er einen Men­schen ver­schlin­gen, sprangen hoch empor, aber ohne zu bellen, denn das war verboten.

Mit­ten auf dem stein­er­nen Fuß­bo­den des großen, alten, ver­räucherten Saales bran­nte ein großes Feuer. Der Rauch zog unter der Decke hin und drang durch die zahlre­ichen Risse und Sprünge ins Freie. In einem großen Braukessel wurde Suppe gekocht und Hasen wie Kan­inchen wur­den am Spieße gedreht.

Du sollst diese Nacht mit mir bei allen meinen lieben Tierchen schlafen!“ sagte das Räu­ber­mäd­chen. Sie erhiel­ten nun zu essen und zu trinken und gin­gen dann nach ein­er Ecke, wo Stroh und Deck­en lagen. Oben drüber saßen auf Lat­ten und Stan­gen wohl an hun­dert Tauben, die alle zu schlafen schienen, sich aber doch ein wenig bewegten, als die kleinen Mäd­chen kamen.

Die gehören samt und son­ders mir!“ sagte das kleine Räu­ber­mäd­chen und ergriff schnell eine der näch­sten, hielt sie an den Beinen und schüt­telte sie, bis sie mit den Flügeln schlug.

Dort sitzt das Wald­gesin­del!“ fuhr sie fort und deutete auf eine Menge Stäbe, die hoch oben vor einem Loche in die Mauer eingeschla­gen waren. Das ist mein Wald­gesin­del und hier ste­ht mein altes, lieb­stes Bä!“ Dabei zog sie ein Ren­ntier am Gewei­he her­vor, welch­es einen blanken Kup­fer­ring um den Hals hat­te und ange­bun­den war. Jeden Abend kit­zle ich es mit meinem schar­fen Mess­er am Halse, wovor es sich sehr fürchtet!“ Das kleine Mäd­chen zog ein langes Mess­er aus ein­er Spalte in der Mauer und ließ es über den Hals des Ren­ntieres hingleiten.

Willst du das Mess­er während des Schlafes bei dir behal­ten?“ fragte Ger­da und sah sie etwas ängstlich an.

Ich schlafe immer mit dem Mess­er!“ sagte das kleine Räu­ber­mäd­chen. Man weiß nicht, was sich ereignen kann. Aber nun lass mich’s noch ein­mal hören, was du mir vorhin von dem kleinen Kay erzähltest, und weshalb du in die weite Welt hin­aus­ge­gan­gen bist.“ Und Ger­da begann ihre Geschichte wieder von vorn, und die Wald­tauben gir­rten oben in ihrem Käfig, die andern Tauben aber schliefen. Das kleine Räu­ber­mäd­chen legte einen Arm um Gerda’s Hals, hielt das Mess­er in der andern Hand und schnar­chte, daß man es hören kon­nte, Ger­da jedoch war nicht imstande, ein Auge zu schließen, wußte sie doch nicht, ob sie leben bleiben oder ster­ben sollte. Die Räu­ber saßen rund um das Feuer, san­gen und tranken und das Räu­ber­weib schlug Purzel­bäume. O, es war dem kleinen Mäd­chen wahrhaft entset­zlich, dies mit anse­hen zu müssen.

Da sagten die Wald­tauben: Kurre, kurre! wir haben den kleinen Kay gese­hen. Ein weißes Huhn trug seinen Schlit­ten, er saß auf dem Wagen der Schneeköni­gin, welche unmit­tel­bar über den Wald hin­fuhr, als wir im Neste lagen. Sie blies uns junge Tauben an und mit Aus­nahme von uns bei­den star­ben alle; kurre, kurre!“

Was sagt ihr dort oben?“ rief Ger­da. Wohin reiste die Schneeköni­gin? Ist euch etwas davon bekannt?“

Sie reiste ver­mut­lich nach Lap­p­land, denn dort ist immer Schnee und Eis! Frage nur das Ren­ntier, welch­es dort ange­bun­den steht!“

Dort ist Eis und Schnee, dort ist ein geseg­netes und her­rlich­es Land!“ ver­set­zte das Ren­ntier. Dort springt man in den großen, glitzern­den Thälern frei umher. Dort hat die Schneeköni­gin ihr Som­merzelt, aber ihr festes Schloß hat sie oben nach dem Nord­pole zu, auf der Insel, die Spitzber­gen genan­nt wird!“

O, Kay, lieber Kay!“ seufzte Gerda.

Nun mußt du still liegen!“ sagte das Räu­ber­mäd­chen, son­st stoße ich dir das Mess­er in den Leib!“

Am Mor­gen erzählte Ger­da ihr alles, was die Wald­tauben gesagt hat­ten, und das kleine Räu­ber­mäd­chen sah ganz ern­sthaft aus, nick­te jedoch mit dem Kopfe und sagte: Das ist ganz gle­ich! — Weißt du, wo Lap­p­land liegt?“ fragte sie das Renntier.

Wer sollte es wohl bess­er wis­sen, als ich,“ sagte das Tier, und die Augen leuchteten ihm im Kopfe. Dort bin ich geboren und aufgewach­sen, dort habe ich mich auf den Schneefeldern umhergetummelt.“

Höre!“ sagte das Räu­ber­mäd­chen zu Ger­da. Wie du siehst, sind unsere Mannsleute sämtlich fort, aber Mut­ter ist noch hier und bleibt auch zu Hause. Zum Früh­stück trinkt sie jedoch aus der großen Flasche und entschlum­mert bald darauf. Dann will ich etwas für dich thun.“

Als nun die Mut­ter aus ihrer Flasche getrunk­en hat­te und einen kleinen Nick­kopf machte, ging das Räu­ber­mäd­chen zum Ren­ntiere und sagte: Ich hätte zwar ganz beson­dere Lust, dich noch manch­mal mit dem schar­fen Mess­er zu kitzeln, denn das ist außeror­dentlich belusti­gend, aber gle­ichviel, ich will trotz­dem deinen Strick lösen und dir hin­aushelfen, daß du nach Lap­p­land laufen kannst, aber du mußt laufen wie noch nie und mir dieses kleine Mäd­chen nach dem Schlosse der Schneeköni­gin brin­gen, wo sich ihr Spielka­m­er­ad aufhält. Du hast wohl gehört, was sie erzählte, denn sie schwatzte laut genug, und du pflegst zu lauschen!“

Das Ren­ntier sprang vor Freude hoch auf. Das Räu­ber­mäd­chen hob die kleine Ger­da hin­auf und war vor­sichtig genug, sie festzu­binden und ihr sog­ar ein kleines Sitzkissen zu geben. Das ist ein­er­lei!“ sagte sie, da hast du deine Pelzstiefelchen wieder, denn es wird kalt wer­den, den Muff behalte ich aber, er ist doch gar zu niedlich! Gle­ich­wohl sollst du nicht frieren. Hier hast du mein­er Mut­ter große Fausthand­schuhe, sie reichen dir ger­ade bis an die Ell­bo­gen! Zieh sie an!“

Ger­da weinte vor Freude.

Solch’ Gejam­mer kann ich nicht ausste­hen!“ sagte das kleine Räu­ber­mäd­chen. Nun mußt du ger­ade vergnügt ausse­hen! Hier hast du noch zwei Brote und einen Schinken, damit du nicht zu hungern brauchst!“ Bei­des wurde hin­ten auf das Ren­ntier gebun­den; das kleine Räu­ber­mäd­chen öffnete die Thüre, lock­te alle die großen Hunde here­in, zer­schnitt dann den Strick mit ihrem Mess­er und sagte zum Ren­ntiere: Lauf nun, aber gieb wohl auf das kleine Mäd­chen acht!“

Und Ger­da streck­te die Hände mit den großen Fausthand­schuhen gegen das Räu­ber­mäd­chen aus, sagte Lebe­wohl und dann flog das Ren­ntier vor­wärts über Gebüsch und Gestrüpp, durch den großen Wald, über Sümpfe und Step­pen, so schnell es ver­mochte. Die Wölfe heul­ten und die Raben schrieen. Schwach­es Knis­tern ließ sich aus weit­er Ferne vernehmen und starkes Wet­ter­leucht­en zeigte sich auf allen Seiten.

Das sind meine alten Nordlichter!“ sagte das Ren­ntier, sieh, wie sie leucht­en!“ und dann lief es noch hur­tiger vor­wärts, Tag und Nacht. Die Brote wur­den verzehrt, der Schinken dazu und dann waren sie in Lappland. 

Sech­ste Geschichte
Die Lap­pin und die Finnin.

Vor einem kleinen, unansehn­lichen Häuschen macht­en sie Halt. Das Dach ging bis zur Erde hin­unter, und die Thüre war so niedrig, daß die Bewohn­er nur auf dem Bauche kriechend sich durch den Ein­gang zwän­gen kon­nten. Mit Aus­nahme ein­er Lap­pin, welche neben ein­er Thran­lampe stand und Fis­che bri­et, war nie­mand daheim. Das Ren­ntier erzählte ihr Ger­das ganze Geschichte, zuerst jedoch seine eigene, welche ihm ungle­ich wichtiger erschien, und Ger­da war vor Kälte so erstar­rt, daß sie nicht zu reden vermochte.

Ach, ihr Armen!“ sagte die Lap­pin, da habt ihr noch weit zu laufen! Ihr müßt über hun­dert Meilen weit in das Innere der Finn­mark hinein, denn dort hat die Schneeköni­gin ihre Som­mer­woh­nung und läßt jeden Abend blaue Flam­men auflodern. Ich werde in Erman­gelung des Papiers ein paar Worte auf einen trock­nen Stock­fisch schreiben, den werde ich euch an die Finnin dort oben mit­geben, welche euch bessere Auskun­ft erteilen kann, als ich!“

Als sich Ger­da nun wieder erwärmt und zu essen und zu trinken bekom­men hat­te, schrieb die Lap­pin ein paar Worte auf einen trock­nen Klipp­fisch, bat Ger­da, densel­ben wohl zu ver­wahren, band sie wieder auf das Ren­ntier und dieses sprang davon. Oben in der Luft knis­terte es und die ganze Nacht bran­nten die schön­sten blauen Nordlichter; und dann kamen sie nach Finn­mark und klopften an den Schorn­stein der Finnin, denn sie hat­te nicht ein­mal eine Thür.

Es herrschte eine Hitze darin, daß sog­ar die Finnin nur eine ganz dünne Bek­lei­dung trug. Sie war klein und star­rte von Schmutz. Sie löste sofort die Klei­der der kleinen Ger­da auf, zog ihr die Fausthand­schuhe und Stiefel aus, weil sie die Hitze son­st nicht hätte ertra­gen kön­nen, legte dem Ren­ntiere ein Stück Eis auf den Kopf und las dann, was auf dem Klipp­fis­che geschrieben stand.

Du bist sehr klug!“ sagte das Ren­ntier; ich weiß, du kannst alle Winde der Welt mit einem Zwirns­faden zusam­men­binden. Wenn der Schif­fer den einen Knoten löst, erhält er guten Wind, löst er den andern, dann bläst ein schar­fer Wind, und löst er den drit­ten und vierten, dann stürmt es, daß die Wälder nieder­stürzen. Willst du dem kleinen Mäd­chen nicht einen Trank geben, daß sie die Kraft von zwölf Män­nern erhält und die Schneeköni­gin überwindet?“

Die Kraft von zwölf Män­nern!“ sagte die Finnin, die würde sich­er nicht aus­re­ichen!“ Dann ging sie nach einem Gestell, holte ein großes zusam­mengerolltes Fell her­vor und entrollte es. Selt­same Buch­staben waren darauf geschrieben, und die Finnin las, daß ihr dicke Schweißtropfen von der Stirn rieselten.

Aber das Ren­ntier bat so beweglich für die kleine Ger­da und diese schaute die Finnin mit so bit­ten­den, thrä­nen­feucht­en Augen an, daß dieselbe das Ren­ntier in eine Ecke zog, wo sie dem­sel­ben zuflüsterte, während sie ihm frisches Eis auf den Kopf legte:

Der kleine Kay ist wirk­lich bei der Schneeköni­gin, find­et dort alles nach seinem Wun­sche und Beha­gen und meint, ihm sei das beste Los in der Welt zuge­fall­en. Das rührt aber davon her, daß ihm ein Glass­plit­ter in das Herz und ein Glaskörnchen in das Auge gedrun­gen ist. Bei­des muß erst her­aus, son­st wird er nie wieder ein tüchtiger Men­sch und die Schneeköni­gin behält Gewalt über ihn.“

Aber kannst du der kleinen Ger­da nichts eingeben, daß sie Macht über das Ganze erhält?“

Ich kann ihr keine größere Macht geben, als sie schon besitzt! Siehst du nicht, wie groß diese ist? Siehst du nicht, wie Men­schen und Tiere ihr dienen müssen, wie sie auf bloßen Füßen so gut in der Welt vor­wärts gekom­men ist? Von uns darf sie ihre Macht nicht erfahren, die sitzt in ihrem Herzen und beste­ht darin, daß sie ein süßes, unschuldiges Kind ist. Kann sie nicht selb­st in das Schloß der Schneeköni­gin ein­drin­gen und den kleinen Kay von dem Glase befreien, dann kön­nen wir nicht helfen! Zwei Meilen von hier begin­nt der Garten der Schneeköni­gin; dor­thin kannst du das kleine Mäd­chen brin­gen; set­ze sie neben dem großen Busche ab, der mit roten Beeren bedeckt im Schnee ste­ht. Halte dich nicht mit langem Geschwätz auf und beeile dich, hier­her zurück­zukom­men!“ Dann hob die Finnin die kleine Ger­da auf das Ren­ntier, welch­es aus Leibeskräften davon eilte.

Meine Stiefelchen! Meine Fausthand­schuhe!“ rief die kleine Ger­da, der sich die schnei­dende Kälte fühlbar machte. Aber das Ren­ntier wagte nicht anzuhal­ten, es lief, bis es den großen Busch mit den roten Beeren erre­ichte. Dort set­zte es Ger­da ab, küßte sie auf den Mund, wobei dem Tiere große heiße Thrä­nen über die Back­en hinabroll­ten, und dann lief es, so schnell es kon­nte, wieder zurück. Da stand nun die arme Ger­da, ohne Stiefelchen, ohne Hand­schuhe, mit­ten in der unwirt­baren, kalten Finnmark.

Sie lief vor­wärts, so schnell sie ver­mochte. Da zeigte sich plöt­zlich ein ganzes Reg­i­ment Schneeflock­en. Sie fie­len aber nicht etwa vom Him­mel herab, der war ganz klar und strahlte von Nordlichtern, die Schneeflock­en flo­gen vielmehr ger­ade über die Ober­fläche der Erde hin und nah­men, je näher sie kamen, an Größe zu. Ger­da erin­nerte sich noch, wie groß und kun­stvoll sie unter dem Bren­n­glase aus­ge­se­hen hat­ten. Aber hier zeigten sie sich wahrlich noch in ganz ander­er Größe und Schreck­ens­gestalt; es waren lebendi­ge Wesen, es waren die Vor­posten der Schneeköni­gin. Sie hat­ten die selt­sam­sten Gestal­ten; einige sahen aus wie häßliche, große Stachelschweine, andere wie ganze Schlangenknäuel, aus denen die Köpfe her­vor­ragten, und andere wie kleine dicke Bären, auf welchen sich die Haare sträubten; alle aber schim­merten weiß, alle aber waren lebendi­ge Schneeflocken.

Da betete die kleine Ger­da ihr Vaterunser. Die Kälte war so stark, daß sie ihren eige­nen Atem sehen kon­nte, welch­er ihr wie Rauch vor dem Munde stand. Der Atem wurde dichter und dichter und ver­wan­delte sich in lauter kleine Engel, die, sobald sie die Erde berührten, mehr und mehr wuch­sen, und alle Helme auf dem Kopfe und Spieß und Schild in den Hän­den hat­ten. Ihre Anzahl ver­mehrte sich, und als Ger­da ihr Vaterunser been­det hat­te, war eine ganze Legion um sie ver­sam­melt. Sie stachen mit ihren Spießen nach den schreck­lichen Schneeflock­en, daß diesel­ben in hun­dert Stücke zer­sprangen, und die kleine Ger­da sich­er und fröh­lich vor­wärts schre­it­en kon­nte. Die Engel stre­ichel­ten ihre Füße und Hände und da fühlte sie die Kälte weniger und ging rasch auf das Schloß der Schneeköni­gin zu.

Aber nun müssen wir erst sehen, wie es Kay geht. Er dachte wahrlich nicht an die kleine Ger­da und am aller­wenig­sten, daß sie draußen vor dem Schlosse stände. 

Siebente Geschichte Von dem Schlosse der Schneeköni­gin und was sich später darin zutrug.

Die Mauern des Schloss­es waren von dem wirbel­nden Schnee aufgetürmt und schnei­dende Winde hat­ten die Thüren und Fen­ster gebildet. Über hun­dert Säle rei­ht­en sich aneinan­der, wie sie ger­ade ein Schnee­treiben zusam­mengewe­ht hat­te; der größte erstreck­te sich viele Meilen weit. Alle aber waren von starken Nordlichtern erleuchtet und waren groß, leer, eisig kalt und schim­mernd. Nie herrschte hier eine Lust­barkeit, nicht ein­mal ein klein­er Bären­ball, wobei der Sturm hätte die Blasin­stru­mente spie­len kön­nen; leer, weit und kalt war es in den Sälen der Schneeköni­gin. Die Nordlichter flammten so regelmäßig, daß man berech­nen kon­nte, wann sie am höch­sten und wann sie am niedrig­sten standen. Mit­ten in dem leeren und unendlichen Schneesaale war ein gefroren­er See. Er war in tausend Stücke geborsten, aber jedes Stück glich dem andern auf das Genaueste, so daß es ein wahres Kunst­werk war. Mit­ten auf dem­sel­ben saß die Schneeköni­gin, so oft sie zu Hause war, und dann sagte sie, sie säße im Spiegel des Ver­standes, und dieser wäre der beste in dieser Welt.

Der kleine Kay war ganz blau vor Kälte, ja fast schwarz, aber er merk­te es doch nicht, denn sie hat­te ihm den Frostschauer weggeküßt, und sein Herz war so gut wie ein Eisklumpen. Er ging und schleppte einige scharfe, flache Eis­stücke her­bei, die er auf alle mögliche Weise zusam­men­legte, um ein gegebenes Muster nachzu­bilden, ger­ade so, wie wenn wir kleine Holzstückchen zu bes­timmten Fig­uren zusam­men­passen, was das chi­ne­sis­che Spiel genan­nt wird. Kay ging auch und legte Fig­uren, es waren die allerkun­stre­ich­sten, es war das Eis­spiel des Ver­standes“. In seinen Augen waren diese Fig­uren ganz aus­geze­ich­net und von der aller­höch­sten Wichtigkeit; das bewirk­te das Glaskörnchen, welch­es ihm im Auge saß; er legte ganze Fig­uren, die ein geschriebenes Wort bilde­ten, aber immer scheit­erte er an der Zusam­menset­zung des Wortes, welch­es er ger­ade wün­schte, des Wortes: Ewigkeit“, und die Schneeköni­gin hat­te gesagt. Kannst du mir diese Fig­ur zu stande brin­gen, dann sollst du dein eigen­er Herr sein, und ich schenke dir die ganze Welt und noch ein Paar neue Schlittschuhe!“ Aber er kon­nte es nicht.

Nun sause ich fort nach den war­men Län­dern!“ sagte die Schneeköni­gin. Ich will in meine schwarzen Töpfe hinein­guck­en!“ Das waren die feuer­speien­den Berge Aet­na und Vesuv, wie man sie nen­nt. Ich werde sie ein wenig mit Weiß überziehen, das gehört dazu und thut den Zitro­nen und Wein­trauben gut!“ Darauf flog die Schneeköni­gin fort und Kay saß ganz allein in dem viele Meilen weit­en, leeren Eis­saale, betra­chtete die Eis­stücke und dachte und dachte, daß es in ihm ordentlich knack­te. Ganz steif und still saß er da, man hätte glauben kön­nen, er wäre erfroren.

In diesem Augen­blicke trat die kleine Ger­da durch die große Ein­gangsp­forte in das Schloß. Schnei­dende Winde weht­en ihr ent­ge­gen, aber sie betete ihr Abendge­bet und da legten sich die Winde, als ob sie schlafen woll­ten. Sie trat in die großen leeren, kalten Säle — da gewahrte sie Kay; sie erkan­nte ihn, sie flog ihm um den Hals, hielt ihn fest umschlun­gen und rief: Kay! süßer, lieber Kay! so habe ich dich endlich gefunden!“

Er aber saß ganz still, steif und kalt; — da weinte die kleine Ger­da heiße Thrä­nen, sie fie­len auf seine Brust, sie drangen in sein Herz, sie taut­en den Eisklumpen auf und verzehrten das kleine Spiegel­split­terchen in dem­sel­ben. Er blick­te sie an und sie sang:

Ich liebe die Rosen in all’ ihrer Pracht, Doch mehr noch den Hei­land, der selig uns macht!“

Da brach Kay in Thrä­nen aus; er weinte so, daß ihm das Spiegelkörnchen aus den Augen geschwemmt wurde, er erkan­nte sie und jubelte: Ger­da! süße, liebe Ger­da! — Wo bist du doch so lange gewe­sen und wo bin ich gewe­sen?“ Und er schaute rings um sich her. Wie kalt es hier ist! Wie leer und weit es hier ist!“ Und er umfaßte Ger­da und sie lachte und weinte vor Freude. Das war ein so lieblich­er Anblick, daß sog­ar die Eis­stücke vor Freude ring­sumher tanzten. Als sie nun müde waren, legten sie sich ger­ade auf die Buch­staben, von denen die Schneeköni­gin gesagt hat­te, wenn er sie aus­find­ig machen kön­nte, sollte er sein eigen­er Herr sein und sie wollte ihm die ganze Welt und noch ein Paar neue Schlittschuhe schenken.

Ger­da küßte ihm die Wan­gen und sie wur­den wieder blühend; sie küßte ihn auf die Augen und sie glänzten wie die ihri­gen; sie küßte ihn auf Hände und Füße und er war gesund und munter. Nun mochte die Schneeköni­gin dreist nach Hause kom­men, sein Freib­rief stand mit flim­mern­den Eis­stück­en geschrieben da.

Sie reicht­en einan­der die Hände und wan­derten aus dem großen Schlosse hin­aus. Auch sprachen sie von der Groß­mut­ter und von den Rosen oben auf dem Dache, und wo sie gin­gen, legten sich die Winde und die Sonne brach her­vor. Als sie den Busch mit den roten Beeren erre­icht­en, stand das Ren­ntier da und wartete. Es hat­te ein zweites Ren­ntier mit­ge­bracht und bei­de tru­gen Ger­da und Kay erst zu der Finnin, in deren heißer Stube sie sich wärmten, und dann zur Lap­pin, welche ihnen neue Klei­der genäht und ihren Schlit­ten in stand geset­zt hat­te. Die Ren­ntiere und die Lap­pin begleit­eten sie bis zur Lan­des­gren­ze, dort nah­men sie Abschied. Lebt wohl!“ sagten sie sämtlich. Die ersten kleinen Vögel began­nen zu zwitsch­ern, der Wald trieb grüne Knospen und aus dem­sel­ben her­aus kam auf einem prächti­gen Pferde, welch­es Ger­da kan­nte (es war näm­lich vor den gold­e­nen Wagen ges­pan­nt gewe­sen), ein junges Mäd­chen angerit­ten mit ein­er wei­thin leuch­t­en­den roten Mütze auf dem Kopfe und Pis­tolen im Gür­tel. Es war das kleine Räu­ber­mäd­chen. Sie erkan­nte Ger­da sofort und Ger­da erkan­nte sie auch, das war eine Freude. Ger­da stre­ichelte ihr die Wan­gen und fragte nach dem Prinzen und der Prinzessin.

Die sind nach frem­den Län­dern gereist!“ sagte das Räubermädchen.

Aber die Krähe?“ fragte die kleine Gerda.

Ach, die Krähe ist tot!“ antwortete sie; ihre Base trauert um sie mit einem schwarz­wol­lenen Lap­pen um das Bein. Doch nun erzäh­le mir, wie es dir ergan­gen ist und wie du sein­er hab­haft gewor­den bist!“

Und Ger­da und Kay erzählten alle beide.

Das Räu­ber­mäd­chen reichte bei­den die Hand, nahm Abschied und ritt dann in die weite Welt hinaus.

Aber Kay und Ger­da gin­gen Hand in Hand, und während sie dahin­schrit­ten, war es ein her­rlich­es Früh­lingswet­ter und die Blu­men dufteten. Die Kirchen­glock­en läuteten und sie erkan­nten die hohen Türme, die große Stadt, es war ihre Geburtsstätte, und sie gin­gen in dieselbe hinein und hin zu der Thüre der Groß­mut­ter, die Treppe hin­auf, in die Stube hinein, wo noch alles auf der­sel­ben Stelle wie früher stand. Die alte Uhr sagte: Tick, tack!“ und die Zeiger dreht­en sich. Während sie aber durch die Thüre schrit­ten, bemerk­ten sie, daß sie erwach­sene Men­schen gewor­den waren. Die Rosen blüht­en von der Dachrinne her zu den offe­nen Fen­stern here­in, und da standen die kleinen Kinder­stühlchen, und Kay und Ger­da set­zten sich, ein jedes auf den seini­gen, und hiel­ten einan­der bei den Hän­den. Wie einen schw­eren Traum hat­ten sie die kalte leere Her­rlichkeit bei der Schneeköni­gin vergessen. Groß­mut­ter saß in Gottes klarem Son­nen­scheine und las laut aus der Bibel: Es sei denn, daß ihr umkehrt und werdet wie die Kinder, so kön­net ihr nicht in das Reich Gottes kommen!“

Und Kay und Ger­da schaut­en einan­der in die Augen und ver­standen auf ein­mal das alte Lied:

Ich liebe die Rosen in all’ ihrer Pracht, Doch mehr noch den Hei­land, der selig uns macht!“

Da saßen die bei­den, Erwach­sene und doch Kinder, Kinder im Herzen; und es war Som­mer, warmer, erquick­ender Sommer.