Die Schnecke und der Rosenstock

von Johann Wilhelm Wolf

~5 Min

Rings um den Garten zog sich eine Hecke von Hasel­büschen,
außer­halb der­sel­ben war Feld und Wiese mit Kühen und Schafen,
aber mit­ten in dem Garten stand ein blühen­der Rosen­stock;
unter diesem saß eine Sch­necke,
die hat­te vieles in sich, sie hat­te sich selb­st.
Wartet nur bis meine Zeit kommt!“ sagte sie,
ich werde mehr aus­richt­en, als Rosen anset­zen,
Nüsse tra­gen oder Milch geben wie Kühe und Schafe!“
Icher­warte sehr viel von Ihr!“ sagte der Rosen­stock.
Darf ich fra­gen: wann wird es zum Vorschein kommen?“

Ih lasse mir Zeit!“ sagte die Sch­necke.
Sie haben nun solche Eile! Das span­nt die Erwartun­gen nicht!“
Im darauf­fol­gen­den Jahr lag die Sch­necke unge­fähr auf der­sel­ben Stelle
im Son­nen­schein unter dem Rosen­stock,
der wieder Knospen trieb und Rosen ent­fal­tete, immer frische, immer neue.
Und die Sch­necke kroch halb aus ihrem Haus her­aus,
steck­te die Fühlhörn­er aus und zog sie wieder ein.
Alles sieht aus wie im vorigen Jahr!
Gar keinen Fortschritt; der Rosen­stock bleibt bei den Rosen,
weit­er kommt er nicht!“
Der Som­mer, der Herb­st ver­strich, der Rosen­stock trug Rosen und Knospen,
bis der Schnee fiel,
bis das Wet­ter rauh und naß wurde;
der Rosen­stock beugte sich zur Erde,
die Sch­necke kroch in die Erde.
Es begann ein neues Jahr;
die Rosen kamen zum Vorschein, die Sch­necke kam zum Vorschein.
Sie sind jet­zt ein alter Rosen­stock!“
sagte die Sch­necke. Sie müssen machen, daß Sie bald einge­hen.
Sie haben der Welt alles gegeben,
was Sie in sich gehabt haben, ob es von Belang war,
das ist eine Frage, über die nachzu­denken ich keine Zeit gehabt habe;
so viel ist aber klar und deut­lich,
daß Sie nicht das Ger­ing­ste für Ihre innere Entwick­lung getan haben,
son­st wäre wohl etwas anderes aus Ihnen her­vorge­gan­gen.
Kön­nen Sie das ver­ant­worten?
Sie wer­den jet­zt bald ganz und gar nur Stock sein!
Begreifen Sie, was ich sage?“
Sie erschreck­en mich!“ sagte der Rosen­stock.
Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“
Nein, Sie haben sich wohl über­haupt nie mit Denken abgegeben!
Haben Sie sich jemals Rechen­schaft gegeben,
weshalb Sie blühen, und wie der Her­gang beim Blühen ist;
wie und warum nicht anders!“
Nein!“ sagte der Rosen­stock.
Ich blühte in Freude, weil ich nicht anders kon­nte.
Die Sonne schien und wärmte, die Luft erfrischte,
ich trank den klaren Tau und den kräfti­gen Regen;
ich atmete, ich lebte!
Aus der Erde stieg eine Kraft in mich hin­auf, von oben kam eine Kraft,
und deshalb mußte ich immer blühen;
das war mein Leben, ich kon­nte nicht anders!“
Sie haben ein sehr gemäch­lich­es und angenehmes Leben geführt!
sagte die Sch­necke.
Gewiß! Alles wurde mir gegeben!“ sagte der Rosen­stock.
Doch Ihnen wurde noch mehr gegeben!
Sie sind eine dieser denk­enden, tief­sin­ni­gen Naturen,
eine dieser Hochbe­gabten,
welche die Welt in Erstaunen set­zen wer­den!“
Das fällt mir nicht im ent­fer­n­testen ein!“ sagte die Sch­necke.
Die Welt geht mich nichts an! Was habe ich mit der Welt zu schaf­fen?
Ich habe genug mit mir selb­st und genug in mir selb­st!“
Aber müssen wir alle hier auf Erden
nicht unser bestes Teil den anderen geben, das dar­brin­gen,
was wir eben ver­mö­gen? Freilich, ich habe nur Rosen gegeben!
Doch Sie? Sie, die so reich begabt sind, was schenken Sie der Welt?
Was wer­den Sie geben?“
Was ich gab? Was ich gebe? – Ich spucke sie an! Sie taugt nichts!
Sie geht mich nichts an. Set­zen Sie Rosen an, meinetwe­gen,
Sie kön­nen es nicht weit­er­brin­gen!
Mag die Hasel­staude Nüsse tra­gen, die Kühe und Schafe Milch geben,
die haben jedes ihr Pub­likum, ich habe das meine in mir selb­st!
Ich gehe in mich selb­st hinein, und dort bleibe ich.
Die Welt geht mich nichts an!“
Und damit begab die Sch­necke sich in ihr Haus hinein und verkit­tete das­selbe.
Das ist recht trau­rig!“ sagte der Rosen­stock.
Ich kann mit dem besten Willen nicht hineinkriechen,
ich muß immer her­aus, immer Rosen auss­chla­gen.
Die ent­blät­tern nun gar, ver­we­hen im Winde!
Doch ich sah, wie eine Rose in das Gesang­buch der Haus­frau gelegt wurde,
eine mein­er Rosen bekam ein Plätzchen
an dem Busen eines jun­gen schö­nen Mäd­chens,
und eine ward geküßt von den Lip­pen eines Kindes in lebens­fro­her Freude.
Das tat mir so wohl, das war ein wahrer Segen.
Das ist meine Erin­nerung, mein Leben!“
Und der Rosen­stock blühte in Unschuld,
und die Sch­necke lag und faulen­zte in ihrem Haus.
Die Welt ging sie nichts an.
Und Jahre ver­strichen.
Die Sch­necke war Erde in der Erde,
der Rosen­stock war Erde in der Erde;
auch die Erin­nerungsrose in dem Gesang­buch war ver­welkt –
aber im Garten blüht­en neue Rosen­stöcke,
im Garten wuch­sen neue Sch­neck­en;
sie krochen in ihre Häuser hinein, spuck­ten aus – die Welt ging sie nichts an.
Ob wir die Geschichte wieder von vorne zu lesen anfan­gen?
Sie wird doch nicht anders…