Die schlimme Nachtwache

von Ludwig Bechstein

~5 Min

Es war ein­mal eine Gast­wirtin, die taugte sehr wenig; sie wog falsch, sie maß falsch, sie log und trog. Wer in ihr Haus kam, kam nicht ungerupft wieder her­aus. Nach Geld stand all ihr Sinn, um Geld hätte sie dem Bösen ihre Seele verkauft, wenn dieser sie gemocht. Manche Untat geschah in dem Hause dieser Wirtin, die nicht an den Tag kam. Endlich war das Maß ihrer Sün­den voll.

Ein vornehmer Herr kam zugereist, der über Nacht bleiben wollte. Er aß und trank und sagte vor dem Schlafenge­hen zur Kell­ner­in: Es muß jemand vor mein­er Türe wachen; ich zahle dafür hun­dert Gulden und mehr. Magst du die ver­di­enen, Kellnerin?“

Nein!“ antwortete die Kell­ner­in. Zur Nacht schlaf ich, am Tage wach ich, und abends bin ich müde genug. Ich will’s aber mein­er Frau sagen, daß die dem Her­rn jemand zur Nachtwache anschafft.“

Den­ket Euch, Frau!“ sprach zur Wirtin die Kell­ner­in: Der fremde Herr will hun­dert Gulden und mehr zahlen, wenn jemand vor sein­er Türe wacht. Ich hab mich dafür bedankt.“

So?“ sagte die Wirtin. Nun, so gehe du schlafen, ich will schon jemand anschaffen.“

Die Wirtin gön­nte aber sel­biges Wacht­geld nie­man­dem als sich selb­st. Sie ging zum Frem­den und sagte ihm: Es ist nie­mand da, der Euch wachen will; ich muß es schon selb­st tun, Ihr müßt aber noch was darauf legen.“

Schon recht, Frau Wirtin! Ich lege noch etwas darauf. Wachet nur fein.“ Dann ver­schloß er sein Zim­mer, und die Wirtin blieb draußen auf dem Flur und wachte und zählte in Gedanken schon das leicht ver­di­ente viele Geld. Um Mit­ter­nacht war es der Kell­ner­in, als höre sie ein win­sel­ndes Gestöhne auf dem Vor­saal, aber es gruselte sie darob, und sie blieb hüb­sch unter ihrer Bettdecke.

Als es Tag war, saß die Frau Wirtin vor des Frem­den Türe und hat­te einen Beu­tel voll Geld in der Hand; sie sah aber jäm­mer­lich aus, und mit Entset­zen sah das Gesinde, daß nur die Klei­der und die Haut der Wirtin noch da waren. Das andere hat­te der Teufel mitgenommen.