Die Schlange im brennenden Wald

von  Johann Wilhelm Wolf

~5 Min

Es war in einem heißen Som­mer, da zün­de­ten zwei Hirtenkn­aben ein Feuerchen im Walde an, um sich Kartof­feln zu brat­en. Aber das Feuer erfasste das dürre Laub, dann das dürre und endlich auch das grüne Holz, und da der Wind heftig wehte, so stand bald der ganze Wald in Flam­men. Am Rande des Waldes arbeit­ete ein Bauer auf seinem Felde. Als er dem Feuer so zusah, wie es an den Bäu­men empor­leck­te, das grüne Laub fraß und endlich Zweig um Zweig ergriff, hörte er plöt­zlich, wie eine Stimme aus dem Feuer ihn beim Namen rief. Er eilte darauf zu, da sah er ein Schlän­glein, welch­es sich auf einen Baum gerettet hat­te, das schaute ihn mit fle­hen­den Augen an und rief: ​„Ach hilf mir doch aus dem Feuer!“ Der Bauer nahm eine lange Stange und hielt sie ihm dar, da ver­ließ es den Baum und ringelte sich um die Stange. Der Bauer aber legte es ins Gras, machte eine Grube in die Erde und sprach: ​„Komm, dass ich dich in das Küh­le lege, das ist gut für Brandwunden.“ 

Da wand das Schlän­glein sich von der Stange los und kroch in die Grube und der Bauer deck­te es mit Erde zu, so dass ihm nur der Kopf her­auss­chaute. Als es eine Weile so dagele­gen hat­te, sprach es: ​„Ein Dienst ist des andern wert, plagt dich nicht ewiger Magen­schmerz?“ ​„Das weiß der Him­mel“, sprach der Bauer, ​„ich habe Tag und Nacht keine Ruhe davor.“ ​„Dann lege dich hier neben mich auf die Erde, drück die Augen zu und sperre den Mund auf“, sprach das Schlän­glein. Der Bauer tat es, husch schlüpfte das Schlän­glein aus der Grube her­aus, dem Bauern durch Mund und Schlund und holte aus seinem Magen sieben junge Eidech­sen her­aus, welche ihn schon Jahr und Tag geplagt hat­ten. Als der Mann die Tiere sah und seinen Magen so frei fühlte, wusste er vor lauter Dankbarkeit nicht, was machen. Da sprach das Schlän­glein: ​„Du kannst mir einen großen Dienst erweisen und es kostet dich gar nichts.“ ​„Ach so sag es doch schnell“, rief der glück­liche Bauer, ​„Alles was du willst, sag es nur.“ ​„Nun so nimm dein Beil und haue mir den Kopf ab“, sprach das Schlän­glein. ​„Gott behüte mich“, rief der Bauer, ​„das tue ich nun und nimmermehr.“ 

Da bat das Schlän­glein aber so fle­hentlich darum und hielt ihm vor, er solle doch nicht sein Glück ver­scherzen, bis er endlich sein Beil nahm, den Kopf herum­drehte und einen kräfti­gen Schlag tat. Da fuhr das Schlangen­haupt weit weg, aber aus dem Leib stieg die schön­ste Prinzessin her­aus, die sprach: ​„Hast du mich aus mein­er Ver­wün­schung erlöst, so will ich dich aus dein­er Armut erlösen.“ Der Bauer musste sie ins Schloss fahren, da war große Freude, als der König sie wieder­sa­hen. Zum Lohne wurde der Wagen, wom­it der Bauer sie heimge­bracht hat­te, mit Gold beladen, so schw­er als die Pferde ziehen kon­nten, da war der gute Bauer der reich­ste Mann im ganzen Königreich.

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