Die Rosenkönigin

von Ludwig Bechstein

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Es war ein­mal ein König, der lebte sehr glück­lich mit sein­er schö­nen, tugend­samen Gemahlin; ein einziges Söhn­lein war ihnen vom Him­mel geschenkt, und dieses war die Lust der Eltern. Doch nicht nur in des Königs hoher Fam­i­lie war es so fried­sam, son­dern in seinem ganzen Lande; über­all, auch in dem kle­in­sten Dör­flein war Ver­di­enst und Wohl­stand, und das Volk war zufrieden und fre­undlich. Ein­er weisen, milden Regierung ent­blüht Ord­nung; Ord­nung aber bringt Wohl­stand Wohl­stand Zufrieden­heit, Freundlichkeit.

Der gute König mußte jedoch ein gar herbes Schick­sal erfahren; seine liebe Gemahlin starb und ließ ihn ein­sam zurück, mit dem nun mut­ter­losen Prinzen. Tief trauerte der König und das ganze Land mit ihm. Auch das kleine fromme Kindesh­erz des Prinzen war sehr betrübt, denn es hat­te mit aller kindlichen Liebe an sein­er Mut­ter gehangen. Auf dem Ster­be­bette hat­te sie ihn geseg­net, und ihn noch schei­dend zu allem Guten ermah­nt, zum treuen Glauben an Gott, zur Liebe und Milde gegen alle Menschen.

»Und wenn du ein Jüngling wor­den bist«, waren ihre let­zten Worte, »so wäh­le dir nur ein Mägdlein from­men, guten Herzens zu dein­er Gemahlin, und ehre das Andenken dein­er Mut­ter und ihrer let­zten Worte.« Dieses hat­te einen tiefen Ein­druck in das weiche Herz des Knaben gemacht, immer­dar gedachte der Prinz sein­er ster­ben­den Mut­ter, und es kam ihm oft vor, als umschwebe sie ihn und läch­le ihm selig zu. So wuchs der Prinz in from­mer Sitte empor und wurde ein schön­er, blühen­der Jüngling.

Doch das königliche Vat­er­auge war verblendet wor­den von ein­er fürstlichen, listi­gen Dame, die den Herrsch­er gar bald mit ihren erkün­stel­ten Reizen also schlau zu fes­seln wußte, daß er ihr nach­gab und sie ihn völ­lig beherrschte. Bald fand das glänzende Hochzeit­ge­lag statt. Der bejahrte König, son­st so gut und milde, war zum alten Toren gewor­den und hat­te sein Leben an ein listiges, bös­es Schlangen­herz geket­tet; nur zu bald mußte er die bit­tere Frucht sein­er Torheit kosten; das böse Weib stiftete allen­thal­ben Unheil an, erregte den Vater wider den Sohn, den Sohn wider den Vater und die Herrschaft wider die Diener, und übte ihre frevle Verblendungskun­st immer fort, so daß sie die Herzen alter und junger Män­ner für sich ent­flammte. Eine kurze Zeit, und das reuevolle Leben des Königs hat­te geen­det. Der Prinz wurde König und beherrschte das Volk mit der Klugheit und Milde, die über­all zum wahren Wohle des Lan­des dient. Aber an ihm übte die arge Stief­mut­ter ihre Kün­ste vergebens, er ver­achtete sie im stillen und suchte sich immer in heil­samer Ent­fer­nung von ihr zu halten.

Da wün­schte das Land, daß der jugendliche König sich ver­mäh­le; auch er in seinem Innern trug das stille Ver­lan­gen, sein Glück mit einem würdi­gen Frauen­bilde zu teilen, aber nicht Stand und Reich­tum oder eine Kro­ne soll­ten diejenige schmück­en, die er sich wählen wollte, son­dern ein gutes, frommes Herz, wie es seine ster­bende Mut­ter gewün­scht. Und ein solch­es hat­te er gefun­den, zwar nur das eines armen, schlicht­en Gärt­ner­mäd­chens, das aber voll war von rein­er Liebe und from­mem Glauben. Diese Jungfrau war dem Königssohn bald so innig befre­un­det, daß der Jüngling ihr zu Füßen sank und ihr ewige Liebe und Treue schwur. Zärtlich und in Trä­nen schmiegte sich das liebliche Mäd­chen an die Brust des Jünglings und lispelte: »Ach, du darf­st mich ja nicht zur Gemahlin nehmen, siehe ich bin ja arm, bin keine Prinzessin.«

»Sei ruhig, lieb Herz«, sprach der Jüngling, »du sollst meine Gemahlin, meine Köni­gin wer­den, du und keine andere.«

Der Wun­sch nach der Ver­mäh­lung des Königs wurde lauter und drin­gen­der; von allen Seit­en her began­nen die Väter fürstlich­er Töchter dem Könige Vorschläge zu machen. Die böse Stief­mut­ter wäh­nte den so jun­gen König gän­zlich unter ihrer Herrschaft, daß sie sich anmaßte, eine Gemahlin für ihn zu wählen. Sie ord­nete glänzende Fes­tlichkeit­en an, wozu viele Prinzessin­nen geladen waren, die reich geschmückt und voll Hoff­nung zur Schau kamen. Acht Tage hat­ten die Feste schon gewährt, und der König hat­te noch keine Prinzessin zur Braut erwählt und hat­te auch alle Vorschläge sein­er Stief­mut­ter unbeachtet gelassen. Am neun­ten und let­zten Fest­tag sollte sich’s entschei­den, so hat­te der König selb­st ver­heißen. Die Stief­mut­ter glaubte voll Zuver­sicht, daß der König in ihre Wahl einge hen werde, denn sie hat­te eine hohe Prinzessin, zwar häßlich von Gesicht und Gestalt, aber unsäglich reich an Gut und Geld für ihn auser­wählt. Ein glänzen­der Ball sollte die Feste beschließen, und dies­mal waren alle Prinzessin­nen dop­pelt mit Juwe­len und Schmuck beladen, da eine jede glaubte, den Sieg davonzu­tra­gen. Doch wie alle in ges­pan­ntester Erwartung dem König ent­ge­gen har­rten, tat sich die Flügeltüre auf, und der König trat lächel­nd mit seinem lieblichen Gärt­ner­mäd­chen here­in, die so sit­tig und beschei­den in einem weißen Klei­d­chen und völ­lig ohne Schmuck erschien. Da sprüht­en manche Augen im Kreise der Prinzessin­nen voll Arg­er und Wut, doch die der Stief­mut­ter roll­ten am wildesten und schleud­erten grim­mige Blitze nach dem glück­lichen Liebe­spaar. Jet­zt naht­en sich diese bei­den der königlichen Stief­mut­ter, die in der Mitte des Saales, von boshaft lächel­nden Prinzessin­nen umgeben, weilte; und der König sprach mild und fre­undlich: »Hohe, verehrte Mut­ter, hier bringe ich Euch meine liebe, fromme Braut und bitte mit ihr um Euren Segen.«

Aber die Dame sprach voll Zorn und Wut: »König, soll­tet Ihr also Eur­er Ehre vergessen und eine gemeine Dirne freien? O schämet Euch, mich so tief zu kränken und um meinen Segen für eine schlechte Magd zu bit­ten.« Und sie wandte ihm den Rück­en und schritt voll Grimm und Bosheit einem Nebengemach zu.

Aber der König fol­gte ihr nach und sprach mit einem stren­gen, dro­hen­den Ernst: »Weib, das Wort soll Euch schw­er wiegen. Wahrlich, ich will Euch zeigen, daß dieses arme Mäd­chen würdi­ger ist, Köni­gin zu heißen, als Ihr und alle eitlen Prinzessin­nen. Eine Kun­st habe ich ein­st­mals von einem alten Ein­siedler erlernt: die Men­schen zu verza­ubern, ihre Herzen zu prüfen, ob sie gut oder böse sind. Schwört, hohe Frau, mir dann die schön­ste zu wählen, wenn alle hier anwe­senden Jungfrauen verza­ubert, in Gestalt ein­er Blume, ste­hen, so will ich Euch gehor­sam sein. Aber trifft Eure Wahl dann mein armes Gärt­ner­mäd­chen, so falle der Zauber auf Euch, daß Ihr ewig darin­nen ver­strickt bleibet. «

Der König schwieg; und die stolze Dame grin­ste voll Zuver­sicht ob ihres Sieges. »Ach mein hoher Kün­stler«, ent­geg­nete sie, »verza­ubert immer­hin alle anwe­senden Jungfrauen, ich will Euch die schön­ste wählen und bin gewiß, daß ich nicht Eur­er Dro­hung teil­haftig werde. Euere selt­same Laune soll mir ein ergöt­zlich­er Scherz sein.«

Und sie ließ sich auf einem samte­nen Ses­sel nieder und har­rte der Dinge, die da kom­men sollten.

Da bre­it­ete der königliche Jüngling ein großes weißes Tuch aus, führte schweigend eine Prinzessin um die andere in das Nebengemach und ver­hüllte sie damit, wo sie alle sobald ein­schlum­merten. Dann schnitt er ein­er jeglichen das Herz aus. zulet­zt auch seinem lieben Gärt­ner­mäd­chen. Der Ball­saal ver­wan­delte sich in eine grü­nende Garten­flur, von einem gold­e­nen Zaun umschlossen, von sin­gen­den Vögeln durch­flat­tert. Da ver­grub der Jüngling die Herzen und sprach bei einem jeglichen:

»Blühe, blühe, blühe Aus der Erde auf! Bist du rein, Wirst du hold gedei­hn. Aber treibe wilde Dor­nen, Wenn du bös wirst sein.«

Bald keimten und sprossen Zwei­glein und Blät­tlein empor Wilde Dorn­sträuche wuch­sen rasch aus der Erde; nur hie und da erschloß sich eine far­bige Blüte.

Aber in des Gartens Mitte stand ein Blüten­sten­gel, dessen zartem Kelch ent­fal­tete sich eine her­rliche Rose, eine Rosenköni­gin. Glänzen­der Tau träufte auf sie nieder, und das grüne Laub schmiegte sich zärtlich an die Blüten. Jet­zt kam eine Schar Nachti­gallen geflo­gen, die die Rosenköni­gin umkreiseten und sangen:

»Holde Rose, holde Rose, Hehre Blu­menköni­gin! Du die schön­ste unter allen, Du die rein­ste unter allen Sollst die ganze Welt bezwin­gen Mit der from­men Liebe Sinn. Hehre Rosenkönigin ! «

Aber um die Dor­nen­sträuche flo­gen schwarze Raben und krächzten auch ihr Lied.

»Wilde Dor­nen, wilde Dor­nen, Schwarz wie unser Nacht­ge­wand. Sollt am besten uns gefall­en Mit den tausend­fachen Krallen. Sol­let dienen in der Höllen, In der ewgen Pein, zum Brand. Schwarze Dor­nen, Nachtgewand. «

Da führte der König die stolze Dame here­in in den Garten, auf daß sie die schön­ste der Blüten für ihn wäh­le, und als sie die zauber­schöne Rose sah und die Nachti­gallen sin­gen hörte, die über ihr im Kreise flat­terten, als sie das liebliche Liedlein ver­nahm – da stand sie beschämt und war von der Rose zauber­voller Macht ergrif­f­en und gerührt, ihr war, als füh­le sie eine warme Liebe, und sie gedachte in diesem Augen­blick reuevoll an ihre verübten Bosheit­en und Ränke. Und als sie nun die Dor­nen­sträuche sah, darüber die schwarzen Raben ein Höhen­lied krächzten, da über­lief sie eine Angst, ein Todes­grauen; und sie sprach: »Mein Königssohn, ich muß Euch die holde Rose wählen, sie ist die Schön­ste.« Nun bewegten sich als­bald der Rose Zweige und Blät­ter und Blüten und ver­schmolzen san­ft zum Kör­p­er eines lieblichen Mäd­chens, das keine andere war als das fromme Gärt­ner­mäd­chen. Und es schien noch schön­er und beschei­den­er als zuvor.

Aus den anderen Blu­men und Dor­nen­sträuchen bilde­ten sich wieder Prinzessin­nen, die wie aus einem schw­eren Traum erwacht­en. Aber des Königs Stief­mut­ter war vor Scham und Reue niederge­sunken und lag in Betäubung. Und die schwarzen Raben­vögel hack­ten ihr das Herz aus, und sie wurde zu Stein, von wilden Dor­nen umstar­rt. Die Prinzessin­nen eil­ten scheu davon, wur­den aber bess­er und demütiger in ihren Herzen.

Und der König lebte glück­lich und fromm mit sein­er Gemahlin, dem Gärt­ner­mäd­chen, und des Him­mels Segen war mit ihnen.