Die Reise zum Vogel Greif

von Josef Haltrich

~9 Min

Es war ein­mal ein reich­er Graf, der reiste für sein Leben gerne in der Welt umher. Dabei musste sein Lieblings­di­ener ihn stets begleit­en, der schon sieben Jahre treu und fleißig Dien­ste tat. Ein­mal aber, als sie wieder fern der Heimat waren, ließ sich der Diener ein Verse­hen zuschulden kom­men. Darüber geri­et der Graf in einen solchen Zorn, dass er den Burschen nicht mehr sehen wollte. Er schick­te ihn heim, gab ihm aber noch einen Brief an seine Frau mit. Darin stand, sie solle den Diener in den Turm sper­ren und ihm den Kopf abschla­gen lassen, sobald er auf der Burg ein­tr­e­ffe. Der Bursche wusste nicht, was in dem Briefe stand, und er war sehr trau­rig, weil der Graf plöt­zlich so böse und ungnädig zu ihm war. Er kon­nte sich auch schon denken, dass in dem Brief wohl nicht viel Gutes ste­hen werde.

Als der Bursche nur noch eine Tagereise vom Schloss des Grafen ent­fer­nt war, blieb er in einem Wirtshaus über Nacht. Weil er nach dem Aben­dessen aber so schweigsam und niedergeschla­gen dasaß, fragte der Wirt, was ihn so. Da erzählte er, was sich zuge­tra­gen hat­te, und zeigte ihm auch den Brief des Grafen. Der Wirt war ein pfif­figer Mann und. sagte: Wenn ich in deinen Schuhen steck­te, würde ich den Brief nicht abgeben, bevor ich nicht wüsste, was darin ste­ht.” Der Bursche, der immer ein treuer Diener gewe­sen war, wollte nichts davon hören. Der Wirt redete aber auf ihn bis er den Brief zulet­zt doch noch auf­brach. Er las den Brief und wurde toten­ble­ich. Da nahm der Wirt ihn an sich und las ihn Wort für Wort. Hab’ ich doch gle­ich richtig geah­nt!” sagte er. Dein Herr will dich einen Kopf kürz­er machen lassen. Das wäre doch schade, aber sei nur ohne Sorge! Hat der Graf so Übles mit dir im Sinn, so wollen wir ihm einen Stre­ich spie­len. Lass mich nur machen.”

Darauf holte der Wirt einen Fed­erkiel, Tinte und Papi­er. Er machte die Hand­schrift des Grafen bis aufs Tüpfelchen genau nach und schrieb an die Gräfin, sie solle den treuen Diener sogle­ich mit ihrer Tochter ver­heirat­en. Dem Diener schien dieser Plan zwar gefährlich, aber je mehr er darüber nach­dachte, desto vergnügter wurde er. Und am anderen Mor­gen kon­nte er nicht früh genug auf­brechen, um zur Gräfin zu kommen.

Die Gräfin las den Brief und tat sogle­ich, wie ihr Mann befohlen hat­te. Denn sie wusste, dass ihr Mann ein strenger Herr war, der keine Widerrede duldete. Wäre dem nicht so gewe­sen, hätte sie schon Ein­wende erhoben, dass man die einzige Tochter doch nicht mit einem armen Diener ver­heirat­en dürfe. Die Tochter war mit dem Wun­sch ihres Vaters aber wohl zufrieden, denn sie mochte den Burschen schon immer gerne. Und so wurde sie noch an sel­ben Tag die Frau des Dieners.

Nach einiger Zeit kam der Graf zurück und erfuhr, was seine Frau angerichtet hat­te. Vor Ärg­er und Zorn hätte er sich am lieb­sten alle Haare aus­geris­sen und sein Weib aus dem Hause gejagt oder in den Turm gewor­fen. Doch die Schrift des Briefes schien so täuschend echt, dass er geste­hen musste: Für­wahr, diesen Brief hätte ich sel­ber für echt gehal­ten, wenn ich es nicht bess­er wüsste!” Und darum machte er sein­er Frau keine weit­eren Vor­würfe. Der Diener aber, der nun sein Schwiegersohn war, war ihm von Stund an noch mehr verhasst.

Vor den Leuten und beson­ders vor sein­er Tochter, die sehr glück­lich war, tat der Graf zwar so, als ob er mit der Heirat ein­ver­standen wäre. In Wahrheit tra­chtete er aber danach, seinen Schwiegersohn aus dem Weg zu räu­men. Der Graf sagte zu ihm: Ich will mit eur­er Ehe ein­ver­standen sein, wenn du mir eine Fed­er aus dem Schwanz des Vogels Greif ver­schaffst.” — Und für mich”, sagte die Gräfin, sollst du den Vogel Greif fra­gen, wo mein Trau­r­ing geblieben ist. Ich kann ihn nicht mehr find­en.” Das wolle er gerne tun, antwortete der Schwiegersohn, nahm Abschied von sein­er jun­gen Frau und machte sich auf den Weg.

Vom Turm­fen­ster aus sah der Graf ihn fortziehen und freute sich diebisch. Vogel Greif würde den ver­has­sten Schwiegersohn schon bei Zeit­en zer­reißen und auffressen.

Der war nun schon eine gute Wegstrecke gewan­dert und kam zu einem Dorf. Die Leute fragten, wohin er wolle. Und als er es ihnen sagte, bat­en sie ihn: Oh, frage doch den Vogel Greif, warum unser Dorf­brun­nen gar nicht mehr laufen will.” Das will ich gerne tun”, sagte der Schwiegersohn und ging weiter.

Nach­dem er wieder eine ordentliche Strecke gewan­dert war, kam er an einen bre­it­en Fluss. Es führte aber keine Brücke hinüber. Am Ufer stand ein Mann, der seit unden­klichen Zeit­en jeden hinüber­tra­gen musste, der des Weges kam. Der Mann nahm sogle­ich den jun­gen Burschen auf die Schul­ter, trug ihn über den Fluss und fragte dann, wohin es denn gehe. Zum Vogel Greif!”, antwortete er. Oh, dann ver­giss nicht zu fra­gen, wie lange ich noch hier die Men­schen tra­gen muss, und wann ich endlich abgelöst werde.” Ich werde ihn fra­gen”, antwortete er und ging weiter.

Unser junger Bursche war schon durch aller­lei Län­der gezo­gen, als er endlich an eine Hütte kam, wo ein uraltes Müt­terchen wohnte. Er fragte nach, ob hier vielle­icht der Vogel Greif wohne. Ja, so ist es”, sprach die Alte. Er ist aber aus­ge­flo­gen, und das ist dein Glück, son­st würde er dich in Stücke reißen und auf­fressen. Siehe zu, dass du weit­er kommst!” Der Bursche ließ sich aber nicht so rasch ein­schüchtern und erzählte, was er den Vogel Greif alles fra­gen müsse. Er sagte auch, dass der Graf eine schöne Schwanzfed­er haben wolle. Da ver­sprach das Müt­terchen, ihm beizuste­hen und ihm zu helfen. Sie ver­steck­te ihn unter dem Bett und sagte: So, nun rühre dicht nicht und halte die Ohren steif!”

Bald darauf kam der Vogel Greif nach Hause. Kaum hat­te er das Zim­mer betreten, rief er: Ich wit­tere Men­schen­fleisch! Belüg mich nicht!” Beruhige dich”, sagte das Müt­terchen. Ein junger Bursche ist hier gewe­sen. Der hat­te aller­lei Fra­gen, die du ihm ja doch nicht beant­worten kön­ntest.” Ha, das wäre ja gelacht!”, rief der Vogel Greif. Was wollte der Bursche denn wis­sen?” Ach”, antwortete das Müt­terchen, eine Frau Gräfin lässt dich fra­gen, wo ihr Brautring geblieben sei. Sie kann ihn nicht find­en und meint, du wüsstest es.” Da hat sie wohl recht”, sagte der Vogel Greif. Die dumme Frau muss nur die Türschwelle auf­brechen lassen, so würde sie den Ring auch finden!

Aber was hat er son­st noch wis­sen wollen?” Nun ja”, über­legte das Müt­terchen, er fragte, warum der Dorf­brun­nen schon so lange nicht mehr laufen will? Das weiß doch jed­er”, sagte der Vogel Greif. Die dum­men Dorf­be­wohn­er müssen nur den Frosch fan­gen, der die Quelle ver­stopft, dann würde der Brun­nen gle­ich wieder laufen.” Was du nicht alles weißt!”, staunte das Mütterchen.

Aber weißt du denn auch, warum der Mann am Fluss die Leute übers Wass­er tra­gen muss, und wann er endlich abgelöst wird?” Oh, dieser Narr!”, rief der Vogel Greif. Er soll doch den ersten besten, den er hinüberträgt, ins Wass­er wer­fen und sagen: Jet­zt nimm du meinen Platz ein!’, dann ist er frei.

War das schon alles, mein kleines Erd­würm­chen?” Oh nein”, erwiderte das Müt­terchen, der Bursche wollte für einen Grafen etwas von dir geschenkt haben. Das war aber gar zu dumm, und ich mag es gar nicht sagen.” Sag’s nur!”, rief der Vogel Greif, Das möchte ich jet­zt wis­sen.” Gib­st du es mir, wenn ich es sage?”, fragte das Müt­terchen. Ei, warum nicht? Her­aus mit der Sprache!” Denk dir nur, er wollte eine von deinen Schwanzfed­ern!” Da machte der Vogel Greif ein grim­miges Gesicht. Weil er es aber ver­sprochen hat­te, riss er sich eine Fed­er aus und gab sie dem Müt­terchen. Darauf legte er sich nieder und schlief ein.

Am anderen Mor­gen, als der Vogel Greif aus­ge­flo­gen war, holte das alte Müt­terchen den Burschen unter dem Bett her­vor und fragte ihn, ob er alles ver­standen habe? Natür­lich, liebes Müt­terchen”, sagte er, kein Wort ist mir ent­gan­gen.” Dann ist es ja gut”, sagte das Müt­terchen und gab ihm zum Abschied die Fed­er, die sich der Vogel Greif aus­gerupft hat­te. Da bedank­te sich der Bursche viel­mals und trat vergnügt die Rück­reise an.

Als er an den Fluss kam, fragte ihn der Mann, was der Vogel Greif gesagt habe. Trag mich nur erst hinüber”, antwortete der Bursche, dann will ich es dir sagen.” Als sie dann am andern Ufer waren, sagte der Bursche: Wenn wieder jemand kommt, den du tra­gen musst, wirf ihn ein­fach ins Wass­er und sage: Jet­zt nimmst du meinen Platz ein!’ Dann bist du frei und für alle Zeit­en abgelöst.” Das hätte ich eher wis­sen sollen”, brummte der Alte und tappte wieder durch das Wass­er zurück.

Der Bursche aber ging tapfer weit­er und kam bald in das Dorf, wo die Bauern schon auf ihn warteten. Er ver­ri­et ihnen, was er vom Vogel Greif erfahren hat­te, und siehe, als sie den Frosch aus dem Brun­nen geholt hat­ten, sprudelte das Wass­er wieder reich­lich. Da waren die Leute froh und schenk­ten ihm drei­hun­dert Gulden für seine Mühe.

Nach vie­len Wochen kam er endlich wieder zur Burg des Grafen. Wo ist mein Trau­r­ing?”, fragte sogle­ich die Gräfin, die ihn neugierig am Tor erwartete. Unter der Schwelle hier”, gab er zur Antwort. Da musste sogle­ich ein Zim­mer­mann kom­men und die Schwelle auf­brechen. Und wahrhaftig, da lag der Ring. Zum Grafen aber sagte der Bursche: Der Vogel Greif lässt euch fre­undlich grüßen und schickt euch eine sein­er gold­e­nen Fed­ern. Und er lässt euch sagen, wenn ihr sel­ber zu ihm kommt, so wird er euch wie königlich beschenken.” Als der Graf diese Kunde ver­nahm, wollte er keine einzige Stunde ver­lieren und trat sogle­ich die Reise zum Vogel Greif an.

Er kam glück­lich bis an den Fluss, wo keine Brücke war. Der alte Mann am Ufer fragte ihn, ob er ihn hinüber­tra­gen solle. Ja, das ist mir recht”, sagte der Graf ich habe es eilig, denn ich gehe meinem Glück ent­ge­gen! Wenn ich wiederkomme, wirst du mich nicht mehr tra­gen müssen!” Das will ich gerne glauben”, sagte der alte Mann, nahm den Grafen auf den Rück­en, und trug ihn bis zur Mitte des Flusses. Dann warf er den Grafen Plumps” ins Wass­er und sagte: Jet­zt nimm du meinen Platz ein!” Der alte Mann schüt­telte sich vor Lachen und ging vor. Da musste der Graf nun bleiben und die Leute durch den Fluss tra­gen. Und wenn ihn kein­er abgelöst hat, so tut er es noch heute.