Die Probestücke des Meisterdiebes

von Ludwig Bechstein

~15 Min

In einem Dorfe lebte einst ein armes altes Ehep­aar in einem kleinen Häuschen. Die bei­den Alten waren brav und fleißig, aber sie waren mut­tersee­le­nallein. Ihr einziger Sohn war ein unge­zo­gen­er Bursche gewe­sen. Heim­lich machte er sich auf und davon, und er hat­te auch sein Leb­tag nichts wieder von sich hören und sehen lassen. Die bei­den Alten glaubten nun, dass ihr Sohn schon lange tot und bei Gott gut aufge­hoben sei.

An einem Feiertag saßen die bei­den Alten vor ihrer Haustür. Da fuhr ein stat­tlich­er Wagen zum Dorfe here­in, gezo­gen von sechs schö­nen Rössern. Darin saß nur ein einzel­ner Herr, doch stand ein Diener auf, dessen Rock vor Gold und Sil­ber strotzte. Der Wagen fuhr durch das ganze Dorf, und die Bäuer­lein mein­ten, es fahre ein Her­zog oder gar ein König vor­bei. Denn solch eine Pracht kon­nte selb­st der Edel­mann nicht aufwen­den, der droben im alten Schlosse wohnte.

Da hielt der Wagen mit einem Male vor dem let­zten Häuslein an. Der Bedi­ente sprang vom Bocke und öffnete dem feinen Her­rn den Schlag. Der stieg aus und eilte ger­adewegs auf die bei­den Alten zu, die sich ganz bestürzt von ihrem Bänkchen erhoben. Der Herr bot ihnen fre­undlich guten Tag und fragte, ob er mit ihnen nicht Kartof­felk­löße essen könne? Darüber ver­wun­derte sich am meis­ten das Müt­ter­lein. Aber der junge, hüb­sche und vornehm gek­lei­dete Herr stillte als­bald ihr Staunen. Er sagte, dass ihm noch kein Koch diese Klöße habe recht machen kön­nen. Er wolle sie ein­mal von Landleuten zubere­it­et wis­sen, so wie in sein­er Jugend. Da luden die Alten ihn fre­undlich in ihre Hütte ein.

Der junge Herr ließ den Wagen mit Kutsch­er und Diener einst­weilen zum Wirtshaus fahren. Und das Müt­ter­lein holte eilends Kartof­feln aus dem kleinen Keller. Die schälte, rieb und presste sie, und ließ Wass­er im Topfe sieden. Nun ballte sie Klöße, zusam­men mit etwas Schmalz, und ließ sie im Wass­er ziehen.

Zu der Zeit, als die Alte das Mahl bere­it­ete, war ihr Mann mit dem Fremdling ins Haus­gärtchen gegan­gen. Der Alte wollte nach den jun­gen Bäu­men schauen, die er kurz zuvor gepflanzt hat­te. Die Hal­tepfäh­le, an welche die Stämm­chen mit Wei­de gebun­den waren, hiel­ten noch fest. Der Wind hat­te aber hier und da die Wei­de los­geris­sen. Wo dieses geschehen war, da band der Alte das Stämm­chen wieder fest.

Da fing der junge Fremde an zu fra­gen: Warum bindet Ihr dieses kleine Stämm­chen hier dreimal an?” Nun ja”, sprach der Alte, es ist dreimal krumm ger­at­en. Darum bind ich’s an, dass es bess­er ger­ade wachse.” Das ist recht, Alter!”, sprach der Fremde. Aber dort habt Ihr ja einen alten krum­men und knor­ri­gen Baum! Warum bindet Ihr den nicht auch an einen Pfahl?” Hoho”, lachte der Alte, alte Bäume wer­den nicht wieder ger­ade, wenn sie erst ein­mal krumm gewach­sen sind. Will man sie ger­ade haben, muss man sie in der Jugend gut ziehen.”

Habt Ihr denn auch Kinder?”, fragte der Fremde weit­er. Oh lieber Gott, Euer Gnaden!”, antwortete der alte Mann. Ich habe einen Jun­gen gehabt, der war ein arg­er Nicht­snutz. Wilde und böse Stre­iche hat er gemacht, und ist mir zulet­zt davon gelaufen. Sein Leb­tag ist er nicht wiedergekom­men. Wer weiß, wo ihn der liebe Gott hinge­führt hat, oder war es der Böse?”

Warum habt Ihr denn euern Sohn nicht bei Zeit­en ger­ade gezo­gen, wie diese da, eure Bäum­chen!”, sprach der Fremde betrübt und vor­wurfsvoll. Wenn er nun ein krum­mer Knorz und Wildling gewor­den ist, so ist es doch eure Schuld. — Aber wenn er euch nun wieder unter die Augen käme, würdet Ihr ihn über­haupt erken­nen?” Weiß auch nicht, lieber Herr!”, erwiderte der Alte. Er wird wohl in die Höhe geschossen sein, wenn er noch lebte. Doch hat­te er ein Mut­ter­mal am Leibe, daran ich ihn wohl ken­nen kön­nt´. Doch bis zum Sankt Nim­mer­le­in­stag kommt der nicht wieder heim.”

Da zog der Fremde seinen Rock aus, und zeigte dem Alten ein Mut­ter­mal. Der Alte schlug die Hände über dem Kopf zusam­men, und schrie: Herr Jesus! Du bist ja mein Sohn. — Aber nein, du kommst doch so schreck­lich vornehm daher. Bist du denn ein Graf oder gar ein Her­zog gewor­den?” Das nicht, Vater”, sprach der Sohn leise, aber etwas Anderes. Ein Spitzbub bin ich gewor­den, weil ihr mich nicht ger­ade gezo­gen habt. Doch lasst es gut sein, ich hab meine Kun­st tüchtig studiert und bin nicht etwa ein mis­er­abler Pfusch­er, wie es der­er viele gibt.”

Der alte Mann war ganz stumm vor Schreck und auch vor Freude. Er führte den Sohn zur Mut­ter, ger­ade als sie die Klöße fer­tig hat­te. Dann sagten sie ihr alles. Da fiel das Müt­ter­lein ihrem Sohn um den Hals, küsste ihn weinend und sagte: Dieb hin, Dieb her! Du bist doch mein lieber Sohn, den ich unterm Herzen getra­gen habe. Und mir hüpft das Herz in der Brust, dass ich dich auf meine alten Tage wieder­se­hen darf! — Ach, was wird dein Herr Pâté nur sagen, droben auf dem Schloss, der Edel­mann?” Ja”, sprach der Vater, als sie nun tapfer die Klöße teil­ten, dein Herr Pâté wird nichts von dir wis­sen wollen. Wenn er erfährt, wie es mit dir ste­ht, wird er dich zulet­zt am licht­en Gal­gen zap­peln lassen.” Da sagte der Sohn: Nun, besuchen will ich ihn aber doch, den Her­rn Paten!”

Der Schlossh­err war sehr erfreut, sein Patenkind so stat­tlich wieder vor sich zu sehen. Hat­te sich der Edel­mann doch in Gnaden erbarmt, das arme Kind zur Taufe zu heben. Die Freude währte aber nicht lange, als der Edel­mann erfuhr, was aus seinem Schüt­zling gewor­den war, näm­lich ein aus­gel­ern­ter Spitzbube. Da über­legte der Edel­mann schon bald, wie er mit guter Art einen so gefährlichen Men­schen bei Zeit­en los wer­den könnte.

Wohlan”, sprach der Edel­mann zu seinem Schüt­zling, wir wollen sehen, ob du das Deinige ordentlich gel­ernt hast. Bist du ein großer Dieb gewor­den, den man mit Ehren laufen lassen kann, oder nur ein klein­er, den man an den erst­besten Gal­gen henkt? Let­zteres werde ich in meinem Gerichts­bezirk mit dir sich­er tun, wenn du nicht die drei Proben bestehst, die ich dir aufer­legen werde!” Nur her damit, gestrenger Herr Pâté! Ich fürchte mich vor kein­er Arbeit.”

Der Edel­mann über­legte eine kleine Weile und sprach: Höre an! Dieses sind die drei Proben:

Als erstes stiehl mir mein Lieblingspferd aus dem Stalle. Ich werde alles gut von Stall­burschen und Sol­dat­en bewachen lassen, die jeden totschla­gen, der sich dem Stalle nähert.

Als zweites stiehl mir das Bet­tuch unterm Leibe weg, wenn ich mit mein­er Frau im Bette liege. Und zieh auch mein­er Frau den Trau­r­ing vom Fin­ger. Doch wisse, dass ich geladene Pis­tolen zur Hand haben werde.

Als drittes und let­ztes kommt das schw­er­ste Stück: Stiehl mir Pfar­rer und Schul­meis­ter aus der Kirche. Steck sie bei­de in einem Sack und hänge sie lebend in meinen Schorn­stein. Tor und Türen sollen dir dazu im Schlosse offen stehen.”

Der Meis­ter­dieb bedank­te sich fre­undlich bei seinem Her­rn Pat­en, dass er so leichte Stück­lein aufgegeben hat­te, und ging sein­er Wege. Der Edel­mann aber traf alle Anstal­ten, sein Lieblingsross gut zu bewachen. Sein erster Reitknecht musste sich darauf set­zen, ein ander­er Diener musste das Zaumzeug fassen, und ein drit­ter den Schwanz. Damit nicht genug ord­nete der Herr eine Sol­datenwache vor der Türe an.

Die wacht­en und wacht­en nun, bis sie froren und flucht­en. Denn es war kalt, und alle waren durstig. Da zeigte sich ein altes müdes Müt­ter­lein. Sie trug ein Fässlein auf einem Korbe, hüstelte schw­er und keuchte müh­sam zum Schlosshof hinein. Das Fässlein aber weck­te wohlige Gedanken bei den Sol­dat­en, sollte es vielle­icht ein schön­er Bran­ntwein sein? Und war der Bran­ntwein nicht eine gute Medi­zin gegen Nacht­frost und den bösen Nebel?

Kurz entschlossen riefen die Sol­dat­en das alte Müt­ter­lein zum Feuer, auf dass sie sich gut wärme. Nun forscht­en sie mit Fra­gen nach, was denn da wohl im Fässlein sei. Und richtig, ein zün­ftiger Bran­ntwein war darin, noch dazu vere­delt. Auch ein Hähn­lein war am Fässlein ange­bracht, was den Auss­chank sehr erle­ichterte. Da kauften die Sol­dat­en ein Becher­lein ums andere, und sie sagten es auch den Wächtern im Stalle. Da hat­te das alte Frauchen gar alle Händ voll zu tun, und das Fässlein leerte sich schnelle.

Noch wusste kein­er, dass die Alte in Wahrheit der verklei­dete Meis­ter­dieb war, und dass er den Bran­ntwein mit einen bar­barischen Schlaftrunk gemis­cht hat­te. Es währte also nicht lange, da fiel ein Sol­dat nach dem andern in tiefen Schlaf. Dann fie­len auch den Wächtern im Stalle die Augen zu.

Darauf hat­te der Meis­ter­dieb nur gewartet. Er stand schon bei dem Pferd im Stall, als der Reitknecht ger­ade her­abglitt. Der Meis­ter­dieb fing ihn auf, set­zte ihn auf einen Holzbock und band ihn fest. Sollte der arme betrunk­ene Men­sch doch nicht gle­ich zu Boden fall­en und wom­öglich Schaden erlei­den. Dem Kutsch­er aber, der das Zaumzeug hielt, und in der Ecke schnar­chte, lieh der Dieb einen Strick für die Hand. Und der Stal­lknecht bekam statt Rosss­chweif ein dick­es Stroh­seil in die Hand gedrückt. Dann nahm der Dieb eine Pferd­edecke, schnitt sie in Stücke, wick­elte sie um des Ross­es Füße und schwang sich in den Sat­tel. Und hast du nicht gese­hen, war der Dieb schon zum Stall hinaus.

Als es heller Tag war, schaute der Edel­mann zum Fen­ster hin­aus. Ein stat­tlich­er Reit­er kam geschwind daher. Das Ross, auf dem er saß, war nicht min­der stat­tlich und schien dem Edel­mann wohl bekan­nt. Der Reit­er hielt an und rief: Guten Mor­gen, Herr Pâté! Euer Pferd ist Goldes wert!” Ei, dass dich der Teufel hole!”, rief der Edel­mann. Du bist ein arg­er Pferdedieb! Nur zu, nur zu, lass mich deine Kun­st weit­er sehen!”

Der Edel­mann nahm seine Reit­peitsche und ging voller Zorn zum Stalle. Als er da die wun­der­lichen Gestal­ten der schlaftrunk­e­nen Wächter sah, musste er laut lachen. Ins­ge­heim dachte er aber: Wenn der Gauner diese Nacht kommt, mir das Bet­tuch zu stehlen, will ich ihm eine Kugel ver­passen. Denn solch einen gefährlichen Kerl möchte ich nicht in mein­er Nähe wissen.”

Da es nun Nacht war, legte sich der Edel­mann mit sein­er Frau zu Bette. Neben sich tat er eine geladene Pis­tole und noch andere Waf­fen. Dann stellte er sich schlafend und horchte, ob sich nichts rege. Lange blieb alles still, doch endlich schien es ihm, als würde eine Leit­er an die Außen­mauer gestellt. Bald darauf trat draußen am Fen­ster die Gestalt eines Men­schen her­vor. Erschrick nicht, Frau!”, warnte der Edel­mann. Er nahm die Pis­tole zur Hand, drück­te ab, und schoss den Räu­ber von der Leit­er. Der ste­ht nicht wieder auf”, sprach der Edel­mann, doch möchte’ ich Auf­se­hen ver­mei­den. Ich will geschwind die Leit­er hin­ab­steigen, und ihn in der alten Grube bei Seite schaffen.”

Das war der Edel­frau ganz recht, und ihr Mann tat, wie er gesagt. Bald darauf kam er wieder die Leit­er hin­auf und sprach: Der Räu­ber ist wirk­lich mause­tot. Ich will den armen Teufel aber noch in ein Lak­en hüllen, bevor ich ihn in die Grube werfe. Und da er um deines Ringes willen sein Leben gelassen hat, so wollen wir ihm diesen ansteck­en. Gib mir also den Ring und auch das Bet­tuch.” Die Frau gehorchte, und ihr ver­meintlich­er Mann stieg wieder eilends hinab.

In der dun­klen Nacht hat­te der wahre Edel­mann aber nicht erkan­nt, wer da gestor­ben war. Der Meis­ter­dieb hat­te just einen frisch Gehenk­ten vom Gal­gen abgeschnit­ten und sich auf die Schul­ter geladen. So stieg er die Leit­er bis zum Fen­ster empor. Kaum war der Schuss gefall­en, warf er die Leiche flink herab und stieg rasch von der Leit­er. Nun kam auch der Edel­mann herunter, um die Leiche fortzuschaf­fen. Da schlich sich der Dieb wieder zur Kam­mer hin­auf, machte den Edel­mann nach und forderte Ring und Bet­tuch von der Frau.

Am anderen Mor­gen sah der Edel­mann wieder zum Fen­ster hin­aus. Ein Mann ging unten auf und ab. Ein großes weißes Bün­del hing über seine Schul­ter, und er ließ einen schö­nen Ring in der Mor­gen­sonne blitzen. Mit einem Male rief der Mann hin­auf: Schön­sten guten Mor­gen, Herr Pâté! Ich wün­sche Ihnen und der Frau Patin recht wohl geruht zu haben!” Der Edel­mann war wie vom Don­ner gerührt, als er den Meis­ter­dieb leib­haftig vor sich ste­hen sah. Hastig fragte er seine Frau nach Ring und Tuch. Nun, du hast es mir doch diese Nacht abver­langt!,” erwiderte sie. Der Satans­brat­en! Aber nicht mit mir!”, tobte der Edel­mann. Er ballte dem Patenkind eine Faust zum Fen­ster hin­aus und rief: Erz­gauner! Jet­zt das Dritte! Das bringt dich sicher­lich an den Galgen!”

In der fol­gen­den Nacht begab sich nun etwas Selt­sames auf dem Gotte­sack­er. Der Schul­meis­ter, der in der Nähe wohnte, merk­te es zuerst und meldete es dem Her­rn Pfar­rer. Über den Gräbern wan­del­ten kleine bren­nende Lichtlein gar unruhig umher. Das sind die armen See­len, Schul­meis­ter”, flüsterte der Pfar­rer mit Grausen.

Und plöt­zlich erschien eine große schwarze Gestalt auf den Stufen der Kirche, die mit hohlem Tone rief: Kommt alle zu mir, kommt alle zu mir, der Jüng­ste Tag ist vor der Tür! O Men­schenkinder, betet still, die Toten sam­meln schon ihre Gebeine. Wer mit mir in den Him­mel will, der krieche in diesen Sack hier still!”

Wollen wir?”, fragte der Schul­meis­ter den Pfar­rer mit Zäh­neklap­pern. Jet­zt ist noch Zeit”, antwortete dieser. Der heilige Apos­tel Petrus ruft uns, das ist keine Frage.” Aber was ist mit Reisegeld? Ich habe mir doch müh­sam zwanzig Kro­nen ges­part”, flüsterte das Schul­meis­ter­lein. Darauf der Pfar­rer: Auch ich habe hun­dert Taler für den Not­fall zurück­gelegt! Wir holen das Geld und nehmen es bess­er mit!”

Das tat­en die bei­den denn auch und näherten sich der schwarzen Gestalt mit Furcht und Zit­tern. Diese war aber in Wahrheit der Meis­ter­dieb. Der hat­te Kreb­se gekauft und ihnen bren­nende Wach­slichter auf den Rück­en gek­lebt. Das waren die armen See­len auf den Gräbern.

Der Dieb hat­te sich auch einen Mönchs­bart, eine Mönch­skutte und einen großen Hopfen­sack gekauft, in den er die bei­den Schwarzröcke nun steck­te. Das Ersparte nahm er ihnen jedoch weg. Jet­zt schnürte er den Sack zu, und schleifte ihn hin­ter sich her. So ging es durch das ganze Dorf und durch einen seicht­en Tüm­pel, wobei er rief: Hab Acht, jet­zt geht es durch das Rote Meer!” Dann schleifte er den Sack durch den Bach und rief: Jet­zt geht es durch den Bach Kidron.” Dann weit­er über die Schloss­güter, wo es schon ziem­lich kühl war. Der Dieb rief nun: Aufgepasst, jet­zt geht es durch das Tal Jos­aphat.” Dann schleifte er den Sack zur Schlosstreppe hin­auf: Dieses ist schon die Him­mel­sleit­er.” Und endlich hängte er den Sack im Schorn­stein auf einen Hak­en, daran man die Schinken räuchert. Der Dieb machte auch noch einen ziem­lichen Qualm darunter und rief mit schreck­lich­er Stimme: Dieses ist das Fege­feuer, welch­es etliche Jahre dauert.” Dann machte er sich von dannen.

Da schrien der Pfar­rer und der Schul­meis­ter Zeter und Mor­dio, bis das ganze Haus­gesinde zusam­men­lief. Der Meis­ter­dieb aber trat keck vor den Edel­mann: Herr Pâté, meine dritte Probe habe ich auch bestanden. Pfar­rer und Schul­meis­ter hän­gen im Schorn­stein, und wenn es euch gefäl­lig ist, kön­nt Ihr sie sel­ber zap­peln und schreien sehen!” O du Erz­schalk und Erz­gauner, du Erzbösewicht und Meis­ter aller Meis­ter­diebe!”, rief da der Edel­mann, und gab gle­ich Befehl, die bei­den Schwarzröcke aus dem Fege­feuer zu erlösen. Dann wandte sich der Edel­mann wieder an den Dieb und sprach : Du hast mich über­wun­den, hebe dich von dan­nen! Hier hast du ein Gold­stück. Hebe dich von dan­nen, und komme mir nicht wieder vor Augen. Lass dich doch irgend­wo henken, wo es dir gefäl­lig ist.”

Aller­lieb­sten Dank, gestrenger Herr Pâté, so will ich’s tun”, antwortete der Spitzbub, aber wollt Ihr nicht den Pfand aus­lösen, den ich redlich von euch erwor­ben habe? Euer Lieblingsross samt all dem Sat­telzeug, eur­er Gemahlin Trau­r­ing und das Tuch mit den 100 Talern vom Her­rn Pfar­rer und mit des Schul­meis­ters Geld! Wenn nicht, so fahr ich damit von dannen.”

Da traf den Edel­mann fast der Schlag, und er sprach: Liebes Patenkind, das war ja alles nur ein Spaß. Du wirst diese Güter nicht bei dir behal­ten wollen, schenke ich dir doch das Leben.” Nun so will ich gehen und alles holen”, sprach der Meis­ter­dieb, ging und ließ seinen Wagen anspan­nen. Dann ließ er seinen alten Vater und seine Mut­ter ein­steigen, set­zte sich selb­st auf des Edel­manns Ross und steck­te den prächti­gen Ring an den Fin­ger. Dem Edel­mann schick­te er aber das Bet­tuch mit einem Brieflein, darin stand: Gebt dem Pfar­rer und dem Schul­meis­ter ihr Geld zurück, son­st stiehlt es euch eure Frau. Hochachtungsvoll, der Meisterdieb.”

Da bekam der Edel­mann große Furcht, trug den Schaden mit Fas­sung und wollte for­t­an nichts mehr von seinem Patenkind wis­sen. Auch erfuhr er nichts mehr von ihm, denn der war mit seinen Eltern in ein fernes Land gezo­gen und ein ehrlich­er und ange­se­hen­er Mann geworden.