Die Prinzessin von Tiefental

von Johann Wilhelm Wolf

~19 Min

Zur Zeit als es noch schön­er in der Welt war wie heutzu­tage, geschah es, dass ein Wacht­meis­ter des Sol­daten­lebens müde wurde und desertierte. Im ersten Wirtshaus über der Gren­ze machte er Halt, denn er war scharf gerit­ten und müde, das war sein Pferd auch. Er saß nicht lange im Zim­mer, da tra­bte etwas über die Land­straße daher und hielt vor dem Wirtshaus: als er her­auss­chaute, waren es zwei Husaren. Nun war guter Rat teuer, denn er glaubte, die kämen ihn einz­u­fan­gen; er sagte rasch dem Wirt, dass er Deser­teur sei und der gute Wirt ver­steck­te ihn in die Nebenkam­mer. Die zwei Husaren trat­en here­in und fru­gen: Ist nicht ein Wacht­meis­ter von den Husaren hier eingekehrt?“ Dass ich nicht wüsste“ erwiderte der Wirt. Hier hil­ft kein Leug­nen“, sprachen die Husaren, wir haben sein Pferd im Stalle gese­hen und er muss hier sein, aber er mag nur her­vorkom­men, denn wir sind auch desertiert.“ Als der Wacht­meis­ter das hörte, sprang er aus der Kam­mer her­aus und rief: Dann seid willkom­men, ihr Brüder“ und sie waren alle drei lustig und guter Dinge. Endlich sprach der Wacht­meis­ter: Es ist nicht gut, dass wir drei zusam­men weit­er reit­en, geht ihr voraus, ich komme nach.“ Das geschah, die Husaren macht­en sich auf den Weg und eine Vier­tel­stunde nach­her fol­gte der Wachtmeister.

Er war schon eine Stunde weit gerit­ten da traf er auf zwei Holzhack­er und frug sie, ob nicht zwei Husaren vor­beigerit­ten wären? Ja wohl vor ein­er Stunde“ war die Antwort. Der Wacht­meis­ter ritt noch schär­fer zu und als er wiederum eine gute Strecke weit­er war, fand er ein paar Leute am Wege, welche Steine klopften. Sind nicht zwei Husaren hier vor­beigerit­ten?“ frug er. Ja wohl vor etwa zwei Stun­den“ sprachen die Leute. Da ritt er noch bess­er zu und sah bald einen Drei­weg vor sich. Was nun machen? Ich will mein Pferd gehen lassen“ dachte er, vielle­icht weiß das bess­er den recht­en Weg wie ich.“ Das Pferd lenk­te eben rechts in den Wald ein und ging immer und immer zu und es wurde immer dun­kler und dun­kler, so dass man keine Hand vor den Augen sah. Plöt­zlich stutzte das Pferd und wollte nicht weit­er. Der Wacht­meis­ter stieg ab und unter­suchte den Boden, da fand er, dass er am Rande eines tiefen Grabens stand. Er ging zurück, band den Gaul an den näch­sten Baum und legte sich nieder, um den Tag abzuwarten und dann zu sehn, was das sei. Nach einiger Zeit ging der Mond hin­ter den schw­eren schwarzen Wolken her­vor und siehe, da lag ein großes schwarzes Schloss vor ihm und an einem Fen­ster bran­nte ein helles Licht. Er set­zte sich wieder zu Ross und ritt um das Schloss herum. Als er an die Brücke kam, wurde dieselbe niederge­lassen und er tra­bte in den Schlosshof hinein. Alsobald trat­en viele schwarze Diener auf ihn zu, nah­men sein Ross und führten es in den Stall, ihn aber führten sie in das Schloss und in einen Saal, der war ganz schwarz aus­geschla­gen. Da war eine prächtige Tafel gedeckt und Speisen aller Art standen darauf, nur waren die Schüs­seln und Teller, Gabeln und Mess­er alle schwarz. Das küm­merte den Wacht­meis­ter nicht, denn er war müde und hat­te argen Hunger und so ließ er es sich ganz vortr­e­f­flich schmecken.

Gegen elf Uhr ging die Türe auf und here­in trat eine schöne Jungfrau in königlichen Klei­dern; sie war aber ganz schwarz und hat­te zwei Kam­mer­jungfern zu ihrer Seite, eine zur Recht­en die andere zur Linken. Sie grüßte ihn fre­undlich und sprach: Auf dich habe ich schon viele hun­dert Jahre gewartet, denn du sollst mein Erlös­er sein. Willst du drei Nächte hier schlafen und schweigen und dich nicht fürcht­en, was auch um dich vorge­hen mag, dann hast du das Schw­er­ste voll­bracht und wir wer­den glück­lich sein auf ewige Zeit.“ Ei das will ich schon“ sprach der Wacht­meis­ter. Wer so lange gedi­ent und so viel Pul­ver gerochen hat, wie ich der hat ver­lernt was Fürcht­en heißt.“ Rühme dich nicht zu früh“ sprach die Prinzessin, lächelte ihm hold­selig zu und ging mit ihren Kam­mer­jungfern fort. Der Wacht­meis­ter war aber im neun­ten Him­mel, denn die Prinzessin war gar zu schön und sein Herz in heller Liebe zu ihr ent­bran­nt. Er warf sich ganz glück­selig auf das schwarze Bett, welch­es nebe­nan in ein­er prächti­gen schwarzen Schlafkam­mer stand; ans Schlafen aber dachte er nicht.

Als es zwölf Uhr schlug tat es einen Schlag, als sollte die Welt unterge­hen. Zugle­ich flog die Türe auf und drei schwarze Män­ner trat­en here­in und set­zten sich an den Tisch. Ein­er von ihnen zog Karten aus dem Sack mis­chte sie und sprach: Drei sind wir, aber zum Spiel gehören vier.“ Der vierte ist der Wacht­meis­ter, der dort in der Kam­mer auf dem Bette liegt“ sprach der Andre. Ich will ihn holen, er muss mit spie­len“ sagte der Dritte, ging zu dem Bette und lud den Wacht­meis­ter zum Spiele ein. Der stand auf, set­zte sich zu ihnen und spielte mit, schlug kräftig mit der Faust auf den Tisch, wenn er auftrumpfte, gewann und ver­lor, aber er sprach kein Wort. Die Andern gaben sich zwar alle Mühe, ihn zum Sprechen zu brin­gen, sie fru­gen ihn aller­hand, schimpften ihn, tat­en als ob sie ihn schla­gen woll­ten, er aber hielt sich ganz ruhig und schwieg. Da schlug es ein Uhr, die drei Män­ner rafften in aller Eil ihre Karten zusam­men und fort waren sie. Der Wacht­meis­ter legte sich aber zu Bett und schlief bis zum hellen Tage. Die Diener bracht­en ihm, sobald er auf­s­tand, sein Früh­stück; sie hat­ten jet­zt alle Gesichter weiß und rot, wie andere Men­schen, die Schüs­seln und Tassen weiße Rän­der und die Mess­er und Löf­fel weiße Stiele; auch die Decke seines Zim­mers war weiß gewor­den und die Lak­en und Kissen auf seinem Bette. Da öffnete sich die Tür und die Prinzessin trat ein, grüßte ihn noch viel fre­undlich­er als das Erstemal und er bemerk­te, dass auch sie einen weißen Schleier trug, der wollte ihr bis auf die Brust herab. Nun halte nur noch zwei Nächte aus, mein Erlös­er“, sprach sie, und Alles ist gut. Lass dich nichts anfecht­en, was auch um dich herum vorge­hen mag, es geschieht dir nichts zu Lei­de.“ Als­dann reichte sie ihm hold­selig lächel­nd ihre Hand und ver­schwand wieder mit ihren bei­den Kammerjungfern.

Dem Wacht­meis­ter hüpfte das Herz im Leibe wie ein Eich­hörnchen und er ver­gaß Him­mel und Erde über der wun­der­schö­nen Prinzessin. Wo mag die nur ihren Aufen­thalt haben?“ dachte er und da ihm ohnedies nichts als das Sprechen bei der Nacht ver­boten war, so ging er ein­mal im Schlosse herum, von einem Zim­mer ins andre. Nein, was das eine Pracht und Her­rlichkeit war! Gold und Sil­ber und Samt und Sei­de über­all wohin man blick­te, so dass man sich gar nicht satt genug daran sehen kon­nte. Wenn der Wacht­meis­ter mit dem let­zten Zim­mer fer­tig war, fing er wieder mit dem ersten an und tat nichts anderes als sehen. Mit­tags stand sein köstlich­es Mahl auf dem Tisch und Abends wiederum. Gegen zwölf Uhr tat es wiederum einen Schlag, dass die Schin­deln auf dem Dach ras­sel­ten und die Fen­ster und Türen fast aus den Angeln flo­gen. Der Wacht­meis­ter, welch­er sich schon zu Bette gelegt hat­te, richtete sich auf und schaute auf die Türe hin. Da kam ein­er der Män­ner vom vorigen Abend und brachte eine lange Tis­ch­plat­te, die bei­den andern hat­ten Schlacht­beile . Sie legten die Plat­te über ein paar Tis­che und fin­gen an ihre Mess­er zu wet­zen und die Beile zu schleifen. Dazwis­chen unterre­de­ten sie sich, wie sie den Wacht­meis­ter schlacht­en woll­ten. Da wurde es dem Wacht­meis­ter zwar ein wenig schwül, aber er biss sich die Zunge und hielt aus, er gab auch keinen Laut von sich, als sie kamen ihn zu pack­en. Ehe sie aber noch an seinem Bette waren, schlug es eins und da liefen sie was gib­st du, was hast du, pack­ten ihre Sieben­sachen zusam­men und waren weg, ehe man eine Hand umdreht. Der Wacht­meis­ter atmete frisch auf und schlief auf den aus­ge­s­tande­nen Schreck­en wie ein Prinz. Als er wieder aufwachte, da war es gar fre­undlich und hell um ihn her, das ganze Zim­mer war weiß gewor­den und nur das Schloss an der Tür noch schwarz. Als die Diener ihm das Früh­stück bracht­en, tru­gen sie weiße Klei­der und hat­ten nur noch schwarze Krä­gen und Hand­schuhe. Eben­so die Prinzessin und ihre Kam­mer­jungfern. Wie war die jet­zt so schön und wie war sie erst jet­zt so fre­undlich! Sie sprang ordentlich ins Zim­mer here­in vor lauter Freude und drück­te dem Wacht­meis­ter die Hand und sprach: Jet­zt halte nur noch eine Nacht aus, mein Erlös­er, und fürchte dich nicht; dir kann nichts geschehen; dann ist das Schw­er­ste über­standen und wir sind glück­lich auf ewig.“ Der Wacht­meis­ter war ganz außer sich vor Glück und schwur ihr hoch und teuer, er wolle sie erlösen und sollte er auch in Stücke zer­hackt werden.

Nach­dem die Prinzessin fort war, ging der Wacht­meis­ter wiederum durch die Zim­mer des Schloss­es und betra­chtete sie eins nach dem andern. Er wusste die Zeit nicht bess­er tot zu schla­gen, als dass er sie alle abmalte, denn sein Vater war ein Kun­st­maler gewe­sen und hat­te ihn in der Malerei gehörig unter­richtet, so dass er Alles malen kon­nte, was er nur sah. Als es kaum zwölf Uhr in der Nacht geschla­gen hat­te, da krachte es wieder, dass ihm fast Hören und Sehen verg­ing. Zugle­ich sprang die Tür auf und ein­er von den Män­nern kam here­in und trug einen unge­heuren Kessel auf den Schul­tern, der andre rollte ein Fass Öl here­in und der dritte trug eine schwere Last Holz. Sie hin­gen den Kessel in der Mitte des Zim­mers auf, gossen das Öl hinein und macht­en Feuer darunter an. Während dessen sprachen sie zu einan­der, heute wür­den sie Ernst machen und den Wacht­meis­ter lebendig in dem Öl sieden; bis jet­zt hät­ten sie ihn nur schreck­en wollen, und sie schürten das Feuer immer ärg­er, so dass es ihm in seinem Bette heiß wurde und er meinte, das ganze Schloss müsse in Flam­men aufge­hen. Er dachte aber bei sich: Bangemachen gilt nicht und lag ruhig da und schwieg, wie der Fuchs, wenn er den Geist aufgegeben hat. Als das Öl nun recht kochte, da streiften die drei Ker­le die Hemd­särmel in die Höhe, rieben die Hände und riefen: Jet­zt muss er hinein!“ Also liefen sie auf ihn zu, aber da schlug es ein Uhr und es tat einen Don­ner­schlag, dass die Fen­ster und Türen aus den Angeln fuhren. Die drei Ker­le, das Feuer und der Ölkessel ver­schwan­den in einem Augen­blick, dage­gen entzün­de­ten sich tausend Lichter wie von selb­st in dem Saal, und war da eine Pracht, dass es nicht zu sagen ist. Draußen erscholl eine fröh­liche Musik, die Tür flog auf und eine ganze Rei­he von hohen Her­ren und Damen kam here­in, zulet­zt die Prinzessin und alle waren schneeschloßen­weiß und in Gold und Sil­ber gek­lei­det. Sie aber flog auf den Wacht­meis­ter zu, küsste ihn und schloss ihn in ihre Arme und rief: Sei willkom­men, mein her­zlieb­ster Erlös­er und Gemahl!“ Und als sie das gesagt hat­te, steck­te sie ihm ihren gold­nen Ring an den Fin­ger und hing ihm ihre goldne Kette um den Hals; da neigten sich die hohen Her­ren und Damen dreimal vor ihm und Alles war Jubel und Freude.

Sprach die Prinzessin: Jet­zt bleibt uns nur noch eins übrig, wir müssen aus dem Schloss und in meines Vaters Kön­i­gre­ich. Wir dür­fen aber nicht zusam­men her­aus­ge­hen, auch musst du es in dein­er alten Klei­dung ver­lassen. Reite voraus, ich folge dir mit meinem Hof­gesinde nach, aber lass dich durch nichts aufhal­ten und lass Nie­mand dich mit Hän­den berühren, es würde uns Bei­den großen Kum­mer brin­gen.“ Hab ich bis jet­zt Alles fer­tig gebracht, dann kann ich es auch fern­er“, sprach der Wacht­meis­ter, schwang sich auf sein Ross und ritt weg. Als er über die Brücke kam, sah er am Wal­lende ein kleines Haus und unter der Tür saß ein altes Weibchen, welch­es spann. Es bot ihm die Zeit und sprach: Ei ihr seid mir ein fein­er Herr, dass ihr also euren Zopf hän­gen las­set und nicht auf­steckt, wie es einem ordentlichen Sol­dat­en ziemt.“ Damals tru­gen näm­lich die Sol­dat­en noch Zöpfe. Als der Wacht­meis­ter an den seinen griff, da hing der in der Tat herab und er gab sich vergebens alle Mühe, ihn wieder aufzusteck­en. Indem rollte es an der Brücke, als wenn viele Wagen kämen und das Weibchen sprach: So eilt euch doch, da kommt die Prinzessin ange­fahren, was wird die von euch denken.“ Er kon­nte aber mit dem Zopfe nicht fer­tig wer­den, sprang vom Rosse und bat das Weibchen, es möge ihm den Zopf auf­steck­en. Von Herzen gern“ sprach es, ließ sein Spin­nräd­chen ste­hen und schlich zu ihm. Kaum aber hat­te es den Zopf berührt, da sank er zu Boden und lag in einem fes­ten Zauber­schlaf. Gle­ich nach­her kam die Prinzessin mit ihrem Hof­s­taat ange­fahren. Ach wie war sie so untröstlich über ihr trau­riges Schick­sal, aber was war da zu machen? Sie schrieb auf ein Papier:

Wenn du mich willst wieder­se­hen,
Musst du ins Kön­i­gre­ich Tiefen­tal gehen“

und gab es ihm in die Hand, steck­te eine Wun­schbörse, welche nie leer wurde in seinen Sack und fuhr weit­er, denn hier war ihres Bleibens nicht mehr; weit­er kon­nte sie nichts für ihn tun.

Also lag der Wacht­meis­ter Jahr und Tag in tiefem Schlafe bis die Zeit herum war; da erwachte er, fand das Papi­er in sein­er Hand und erkan­nte nun wohl, wie er von dem alten Weibchen bet­ro­gen wor­den war. Er zog als­bald seinen Säbel, lief ins Häuschen und griff die böse Hexe bei den Haaren, während er schrie: Willst du mir jet­zt den Weg nach dem Kön­i­gre­ich Tiefen­tal zeigen, oder soll ich dich in Fet­zen hauen?“ Da jam­merte die Alte und ver­sprach ihm alles Mögliche, wenn er sie nur gehen ließe, heim­lich aber sann sie wiederum auf schlim­men Ver­rat. Nach­dem er sie los­ge­lassen hat­te, wies sie ihm einen Weg, den solle er gehen, und er würde unfehlbar nach Tiefen­tal gelan­gen. Der Wacht­meis­ter machte ihr noch ein paar Mal mit der flachen Klinge auf dem Rück­en das Maß, dann schwang er sich zu Pferde und fort ging’s wie der Sturmwind.

Nach drei Tagen kam er in einen Wald; als er hin­durch war, sah er Abends von fern ein Licht. Er ritt darauf zu und kam an ein Haus, das sah just wie ein Ein­siedler­häuschen aus. Als er ein­trat, saß da eine alte Frau, die bat er um Nachther­berge. Ach guter Fre­und“, sprach sie, wer euch zu mir gewiesen hat, der hat euch nicht wohl gewollt, denn meine Söhne sind Men­schen­fress­er und sie ver­scho­nen Nie­man­den. Euch aber sollen sie nichts zu Lei­de tun, denn ihr habt schon genug aus­ge­s­tanden, ich weiß Alles. Ver­steckt euch nur vor der Hand, damit sie nicht so auf euch los­fall­en kön­nen.“ Das tat der Wacht­meis­ter und es war auch die höch­ste Zeit. Denn kaum war er in Sicher­heit gebracht, da brauste es in der Luft, wie vom größten Sturm; dann fuhr die Tür auf und der älteste von den Söh­nen polterte herein.

Einen Men­schen riech ich,
Einen Men­schen genieß ich!“

schrie er und tobte in der Kam­mer umher, aber die alte Frau pack­te ihn bei den Schul­tern und warf ihn auf eine Bank nieder, dass es krachte. Da setz dich hin und rühre dich nicht, du bekommst schon satt“ sprach sie. Indem rauschte es aber­mals draußen, als wenn der Vogel Greif herange­flo­gen käme, die Tür fuhr auf und der zweite von den Söh­nen stürzte here­in, schnüf­felte in der Kam­mer herum und schrie:

Einen Men­schen riech ich,
Einen Men­schen genieß ich!“

Da pack­te die alte Frau ihn und set­zte ihn unsan­ft neben den ersten auf die Bank nieder. Da bleibt ihr jet­zt sitzen, ihr lan­gen Schlin­gel“, sprach sie, und hört was ich euch sage.“ Anfangs brummten sie wohl noch, aber da hob die Alte ihren Fin­ger und sie wur­den mäuschen­still. Dann holte sie den Wacht­meis­ter aus seinem Ver­steck her­vor. Als der Älteste von den Söh­nen ihn sah, rief er: Mut­ter, was ist das für ein fremdes Tier?“ Das ist ein Wacht­meis­ter, mein Sohn“, sprach die Frau und ihr sollt ihn in das Kön­i­gre­ich Tiefen­tal tra­gen.“ Da brummten sie wieder, sprachen, das wäre gar zu weit und er wäre ihnen zu schw­er, aber die Alte gab ihnen gute Worte, erzählte ihnen seine Geschichte und plaud­erte ihnen so viel vor, dass sie endlich ver­sprachen, ihn mit seinem Pferde nach Tiefen­tal zu tra­gen; der Jüng­ste wollte ihn nehmen und der Älteste, welch­er auch der stärk­ste war, das Pferd. Der Wacht­meis­ter dank­te ihnen und der Frau hun­dert­tausend­mal. Nach­dem sie nun alle gegessen und getrunk­en hat­ten kam es wie ein tiefer Schlaf über ihn und als er wieder erwachte, lag er neben seinem Pferd im hohen Gras und vor ihm glänzte und leuchtete eine stolze Stadt mit hun­dert Tür­men. Er stieg zu Ross, ritt auf die Stadt zu und fragte die Leute, wie die Stadt heiße? Das sei die Haupt­stadt vom Kön­i­gre­ich Tiefen­tal, sagten sie. Fröh­lichen Mutes tra­bte er hinein und nahm noch am sel­ben Tage Dienst unter den Sol­dat­en als Rekrut. Als es am fol­gen­den Mor­gen ans Exerzieren ging, hei da ver­stand er das viel bess­er als die Cor­po­rale und Feld­webel, so dass der König ihn sogle­ich zum Haupt­mann machte. Die Mannschaft, welche er kom­mandierte, sah aber schlecht aus, sie hat­te Mon­turen aller Art und dazu noch zer­ris­sene. Das kon­nte er nicht sehen und ließ sie sofort neu ausklei­den und die alten Klei­der den Armen geben. Was der König für Augen machte, als bei der Revue der neue Haupt­mann her­an­marschiert kam! Er kan­nte seine eignen Sol­dat­en nicht mehr wieder und kurzum, er war so entzückt darüber, dass er den Haupt­mann mit an sein­er Tafel speisen ließ und drei Tage drauf ihn zum Gen­er­al der ganzen Kaval­lerie ernan­nte. Jet­zt wurde die Wun­schbörse noch ärg­er angezapft; alle Pferde vom ganzen Reg­i­ment wur­den verkauft und neue stat­tliche Tiere dafür angeschafft. Hun­dert Schnei­der mussten her­bei und Tag und Nacht nähen, bis das ganze Reg­i­ment neu aus­gek­lei­det war. Dadurch kam der Gen­er­al so in Gnade bei dem König, dass dieser ihm ein Stück Land ger­ade neben dem Schloss schenk­te und ihm erlaubte, sich daselb­st ein Schloss zu bauen.

Nun set­zt sich mein Gen­er­al hin und macht selb­st den Plan von dem Schloss, und macht ihn genau so, wie das Schloss gewe­sen war, worin er die Prinzessin erlöst hat­te. Dann ließ er, als Alles fer­tig das­tand, ein Dutzend Maler kom­men, die mussten das Schloss grade so malen, wie er es ihnen sagte und zeigte, denn er hat­te die Abze­ich­nun­gen der Zim­mer aus dem ver­wün­scht­en Schloss mit­ge­bracht. Endlich wur­den Diener angeschafft und so gek­lei­det, wie die Diener der Prinzessin am Tage ihrer Erlö­sung gek­lei­det gewe­sen waren. Ach da war viel nicht genug und das Geld flog nur so weg. Eben war sein Schloss fer­tig, da kam eine Stafette an den König, die meldete, in Zeit von zwei Tagen würde die Prinzessin anlan­gen und gab einen Brief ab, worin stand, sie sei von einem Wacht­meis­ter erlöst wor­den, aber ihr Erlös­er liege im Zauber­schlaf vor dem ver­wün­scht­en Schloss. Sogle­ich ließ der König den Gen­er­al kom­men und erzählte ihm Alles, befahl ihm auch, an der Spitze des Heeres der Prinzessin ent­ge­gen zu ziehen und sie feier­lich zu emp­fan­gen. Der Gen­er­al sagte bloß: Ewer Majestät befehlen“ und ließ sich gar nichts merken.

An dem bes­timmten Tage holte er die Prinzessin an der Gren­ze ab und führte sie unter großem Jubel des Volkes in die Haupt­stadt. Sie erkan­nte ihn nicht; wie hätte sie auch drauf kom­men sollen, dass der von Gold und Orden­sze­ichen strotzende Gen­er­al ihr Erlös­er sei, von dem sie nicht anders wusste, als dass er noch am Wall des Schloss­es im Zauber­schlaf liege. Als sie aber an ihres Vaters Schloss kam und das des Gen­er­als daneben neu erbaut sah, da erstaunte sie nicht wenig und ihre erste Frage bei Tis­che war an ihren Vater, wem doch das prächtige, stolze Schloss gehöre? Das gehört unserm Gen­er­al“ sagte der König und kon­nte ihr nicht genug von ihm erzählen. Ei das Schloss muss ich sehen“ sprach sie und nach Tis­che führte der König sie dahin. Als ihr die Diener ent­ge­gen kamen, sprach sie: Vater das wun­dert mich.“ Was, mein Kind?“ Ei die Bedi­en­ten, die hat der Gen­er­al nicht nach seinem Kopf also gek­lei­det.“ Als sie in das erste Zim­mer trat, rief sie: Vater das erstaunt mich!“ Was, mein Kind?“ Ei das Zim­mer, das hat der Gen­er­al nicht nach seinem Kopf also gemalt.“ Als sie in das zweite Zim­mer kam, sprach sie gar nichts mehr, in dem drit­ten wurde sie toten­blaß und im vierten wäre sie in Ohn­macht gefall­en, wenn der Gen­er­al nicht in sein­er Wacht­meis­ters-Uni­form her­beige­sprun­gen wäre und sie gehal­ten hätte. Was ist das, mein Kind?“ rief der König erstaunt. Sie aber sprach: Das ist mein Erlös­er und euer Gen­er­al“ und da musste er ihren Ring und ihre Kette zeigen. Jet­zt war des Jubels kein Ende und eine solche Hochzeit wie die war, ist im ganzen Oden­wald noch nie gehal­ten worden.

(Nach: Wolf: Deutsche Haus­märchen 1851)