Die Prinzessin auf der Erbse

von Johann Wilhelm Wolf

~5 Min

Es war ein­mal ein Prinz, der wollte eine Prinzessin heirat­en; aber es sollte eine richtige Prinzessin sein. Da reiste er in der ganzen Welt umher, um eine zu find­en, aber über­all stimmt etwas nicht. Prinzessin­nen gab es genug, aber ob es richtige Prinzessin­nen waren, kon­nte er nicht recht fest­stellen. Immer war etwas an ihnen, das nicht so ganz richtig war. So kam er denn wieder heim und war sehr betrübt, denn er wollte so gern eine wirk­liche Prinzessin haben.

Eines Abends gab es ein fürchter­lich­es Unwet­ter; es blitzte und don­nerte, der Regen strömte herab, es war ganz entset­zlich! Da klopfte es an das Stadt­tor, und der alte König ging hin, um aufzumachen.

Draußen stand eine Prinzessin. Aber, mein Gott, wie sah sie aus von dem Regen und dem schlim­men Wet­ter! Das Wass­er lief ihr nur so von den Haaren und den Klei­dern herunter, und es lief in die Spitzen ihrer Schuhe hinein und an den Absätzen wieder her­aus, und dabei sagte sie, dass sie eine wirk­liche Prinzessin sei. Das wer­den wir schon her­aus­find­en, dachte die alte Köni­gin. Aber sie sagte nichts, ging in das Schlafgemach, nahm das ganze Bettzeug ab und legte eine Erb­se auf den Boden des Bettes. Jet­zt nahm sie zwanzig Matratzen, legte sie auf die Erb­se, und dann noch zwanzig Eider­daunen­bet­ter oben auf die Matratzen. Dort sollte nun die Prinzessin in der Nacht liegen. Am Mor­gen fragte man sie, wie sie geschlafen habe. 

Oh, entset­zlich schlecht! sagte die Prinzessin. Ich habe fast die ganze Nacht kein Auge zuge­tan! Gott wie´, was wohl im Bett gewe­sen ist! Ich habe auf etwas Hartem gele­gen, so dass ich völ­lig braun und blau am ganzen Kör­p­er bin! Es ist ganz entset­zlich! Nun kon­nten sie sehen, dass es eine richtige Prinzessin war, weil sie durch die zwanzig Matratzen und die zwanzig Eider­daunen­bet­ten hin­durch die Erb­se gespürt hat­te. So empfind­lich kon­nte nie­mand sein außer ein­er wirk­lichen Prinzessin.

Deshalb nahm sie der Prinz zur Frau, denn jet­zt wusste er, dass er eine richtige Prinzessin hat­te, und die Erb­se kam in die Kun­stkam­mer, wo sie noch heute zu sehen ist, falls sie nie­mand weggenom­men hat.

Sie, das war eine richtige Geschichte!